YouTube-Handy-Experiment 11.959 Anrufe von Fremden

Der 27-jährige Luke Johnson hat auf YouTube die ganze Welt dazu aufgefordert, ihn auf seinem Handy anzurufen. Seitdem klingelt es permanent, und Johnson erklärt fröhlich auf CNN, dass er keine weiterführenden Ambitionen verfolgt.


Vor drei Monaten hat Luke Johnson ein Video auf YouTube gestellt, in dem der 27-Jährige aus dem Städtchen Gilbert im US-Bundesstaat Arizona gradlinig und schlicht sein "Telephone Experiment" erklärt: Johnson gibt seine Handy-Nummer bekannt und verkündet, dass er einfach einmal herausfinden wolle, wie viele Menschen ihn wohl anrufen werden.

Dabei geht es ihm explizit nicht um ein bestimmtes Thema, sondern nur darum die Anrufe wildfremder Menschen zu zählen. Man muss wohl hinzufügen, dass Luke Johnson eine offene, gewinnende Art hat, der man keine finsteren Hintergedanken zutraut. Zudem sieht Luke Johnson nach allgemein geltenden Maßstäben ziemlich gut aus. Jedenfalls traf der Twen aus der tiefsten US-Provinz mit seinem Aufruf einen Nerv, und sein Handy steht seit drei Monaten nicht mehr still.

Freundlich bleiben

Zwei Tage nachdem Johnson seine Handy-Nummer auf YouTube veröffentlicht hatte, konnte er schon von 320 Anrufern berichten, darunter auch die ersten internationalen Telefonate. Und als Johnson vor einigen Tagen bei CNN auftrat, hatte er schon 11.959 Telefongespräche mit ihm völlig Fremden geführt. Dabei lässt sich Johnson auf alle Themen ein, die den Anrufern am Herzen liegen, und versucht immer freundlich zu bleiben - schließlich hat er die Gespräche ja selbst angeregt.

Auf seiner YouTube-Seite tragen sich nach den Telefonaten mit Johnson viele der Anrufer ein, die inzwischen wirklich aus der ganzen Welt kommen, von Japan und China über Südamerika bis nach Europa. Anruferinnen zeigen sich dabei oft enttäuscht, dass Johnson bereits vergeben ist: Der 27-Jährige ist nämlich verheiratet. Seine Frau sieht sein Experiment übrigens mit gemischten Gefühlen, vor allem die permanenten nächtlichen Anrufe dürften sie schwer nerven.

Rätseln über die Motive

Wann das Experiment enden wird, scheint unterdessen genauso unklar, wie Johnsons Motivation, über die natürlich wüste Spekulationen ins Kraut schießen, obwohl der Vieltelefonierer selbst immer wieder beteuert, dass er keine Hintergedanken hegt. Demnach wäre das Experiment ein typisches Web 2.0-Phänomen, das zunächst auf reinem Spieltrieb basiert und eigentlich schon deshalb ein Erfolg ist, weil es eine beachtliche Aufmerksamkeitslawine ausgelöst hat.

Aber während die Handy-Site "cellfreak" zum Schluss kommt, dass das "Luke Johnson Phone Experiment" eigentlich nur deutlich macht, wie ungeheuerlich langweilig es in Gilbert, Arizona, ist, dürfte die Geschichte enden wie alle erfolgreichen Web 2.0-Ideen: Mit Werbung. Für Mobilfunkunternehmen sollte Johnson jedenfalls inzwischen ein attraktiver Partner sein.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler



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