Sie haben doch sicher gehamstert? Dann sind Sie in bester Gesellschaft: Seit klar ist, dass die 100-Watt-Glühbirne schon bald Vergangenheit sein wird, hat sie sich zu einem wahren Renner entwickelt. Millionen von Verbrauchern haben sich mit Massen von Leuchtkörpern eingedeckt, die sie sonst nie gekauft hätten - denn die 100-Watt-Glühbirne ist nicht gerade das, was man normalerweise in der Schreibtischlampe stecken hat.
Deshalb ist ihr Vertriebsverbot, das ab Dienstag gilt, eigentlich gar keine Nachricht, weil wenig relevant. Aus Design-Gründen relevanter ist da, dass zugleich alle matten Glühbirnen aus dem Verkehr gezogen werden. Wie gut, dass sich Glühbirnenhändler allerorten eingedeckt haben, als würden morgen alle Glühbirnenfabriken gesprengt: Natürlich darf das, was noch in den Regalen und Lagern liegt, auch noch verkauft werden. Wer in diesen Tagen darauf spekuliert, mit dem Ankauf von 50.000 Glühbirnen und der Eröffnung eines entsprechenden Ebay-Shops zum Millionär zu werden, sollte sich also noch einmal beraten lassen.
Denn bis 2012 gibt es ja weiter genügend traditionelle Glühmittel. Erst danach wird man damit sein Geschäftchen machen können - außer, der Industrie gelingt es, Nachfolgetechniken anzubieten, die dann wirklich konkurrenzfähig sind. Denn bisher können die Alternativen Energiesparlampen, LEDs und Halogenbirnen nicht in jeder Hinsicht mithalten.
Pro und Contra: Was für und gegen die Glühbirnennachfolger spricht
Preis/Leistung: In der Anschaffung sind Energiesparlampen teurer als Glühbirnen, dafür senken sie aber die Stromkosten. Nach Berechnung der Stiftung Warentest gleicht dies die hohen Anschaffungskosten bereits nach einem Jahr aus. Das gilt allerdings nur für qualitativ hochwertigere Modelle: Wühltisch- und No-Name-Baumarktware macht oft sogar merklich schneller schlapp als die Birne.
Umweltbilanz: Nach Berechnungen der EU-Kommission lassen sich durch den verordneten Glühbirnentod langfristig rund 15 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr einsparen. Ein Großteil des von Glühbirnen verbrauchten Stroms verpufft in Form von Wärme, nur fünf Prozent werden in Licht umgesetzt - bei Energiesparlampen sind es bis zu 25 Prozent. Nach Angaben der EU-Kommission verbrauchen sie deshalb 65 bis 80 Prozent weniger Strom als herkömmliche Glühbirnen. Eine irreführende Zahl, weil hier die Energiekosten der Herstellung noch nicht eingeflossen sind: Unter dem Strich sieht die Bilanz nicht ganz so günstig aus, aber immerhin noch positiv für die Sparlampen.
Lichtmenge und -qualität: Es gibt Menschen, die leiden regelrecht unter dem fahlen Funkeln der herkömmlichen Energiesparlampen. Selbst die Hersteller räumen laut einer Studie des Magazins "Ökotest" vom Oktober ein, dass das Licht von Energiesparlampen wegen ihrer Röhrenstruktur nicht so gleichmäßig streut wie das von Glühbirnen. Die Stiftung Warentest beklagte außerdem "Watt-Schummelei": Nicht alle Energiesparlampen leisteten, was sie versprächen. Im Zweifel sei es daher besser, eine Energiesparlampe mit etwas höherer Wattzahl zu kaufen. Die Kennzeichnungsvorschriften werden jetzt aber verschärft. Das ist gut, ändert aber nichts daran, dass auch "warmweiße" Sparleuchten vergleichsweise kaltes Licht emittieren. Das liegt daran, aus welchen Farbbereichen sich das Licht zusammensetzt: Sparlampen mischen ihr Licht aus wenigen Peak-Farben, wo Glühbirnen ihr Licht linear aus allen Farbbereichen des Spektrums beziehen, mit einem Schwerpunkt im "warmen" rot-gelben Bereich. Das ist wie Kerzenflamme (Glühbirne) gegen Gasflamme (Sparleuchte). Doch die Industrie arbeitet daran, hier mehr Wärme zu schaffen.
Die Sache mit dem Dimmer: Echte Probleme machen Sparlösungen überall da, wo es in den Bereich des Designs geht. Das fängt beim Kronleuchter an, geht über schlanke Lampen, für die es Sonderformen von Birnen gibt, bis hin zum Dimmer. Es gibt mittlerweile Energiesparlampen, die sich dimmen lassen, sie sind allerdings vergleichsweise teuer. Bei den Formen gibt es inzwischen dagegen eine große Auswahl, die unschöne Röhrenstruktur wird oft in einer Birne verborgen. Solche Energiesparlampen verbrauchen allerdings etwas mehr Strom.
Blaulicht macht wach: Kritiker behaupten, das Sparlicht könne sogar Depressionen verursachen oder vertiefen. Das erscheint plausibel, wenn man an die kalten Röhren der ersten Generation denkt: Mit ähnlichen Vorwürfen sahen sich vor Jahrzehnten auch schon die Hersteller von Neonröhren konfrontiert. Nicht von ungefähr sind die bis heute überall da, wo es gemütlich sein soll, selten geblieben. Doch es gibt mittlerweile sowohl Energiesparlampen mit "warmem" Licht als auch mit sogenanntem Tageslicht, das kalt-weiß leuchtet. Letztere werden (analog zu Neonröhren) für Arbeitsplätze empfohlen, nicht aber für das Schlafzimmer - denn kaltes Licht kann tatsächlich wach machen.
Die Sache mit der Strahlung: Ins Gerede sind Energiesparleuchten auch gekommen, weil sie angeblich in zweifacher Hinsicht mit Strahlungsrisiken verbunden sind. Zum einen sind das elektromagnetische Felder wie bei Monitoren. Sie sind messbar, über ihre Schädlichkeit wird gestritten. In direkter körperlicher Nähe (wie bei einer Schreibtischlampe) sollte man die Röhrenlampen nicht betreiben, sondern auf Halogenlampen oder die (noch sehr teuren und reichlich funzeligen) LEDs ausweichen. Gesundheitsschäden wegen Energiesparlampen sind bislang nicht wissenschaftlich belegt - auch nicht durch die ebenfalls messbare UV-Abstrahlung der Lampen. Die EU-Kommission räumt allerdings ein, Menschen mit Krankheiten, die mit einer besonderen Lichtempfindlichkeit einhergehen, könne die ultraviolette Strahlung von Energiesparlampen Probleme bereiten. Unter anderem deshalb sollen die im Vergleich weniger effizienten (aber Glühbirnen-ähnlicheren) Halogenleuchten erlaubt bleiben, so lange sie mindestens die Auflagen der Energieeffizienz C erfüllen, ab 2016 die der Klasse B. Das schaffen aktuelle Modelle noch nicht.
Die Sache mit dem Gift: In dieser Hinsicht stehen Energiesparlampen im Vergleich zu Glühbirnen reichlich mies da. Sie sind giftiger Sondermüll, enthalten Quecksilber - Billigware oft mehr, als die Höchstgrenzen eigentlich zulassen. Sollte eine Energiesparlampe zerbrechen, so muss der Raum - wegen des dann entweichenden Quecksilbers - gelüftet werden. Der Gesamtenergieverbrauch ist trotz des Aufwands bei Herstellung und Entsorgung geringer als bei einer herkömmlichen Glühbirne, wie auch "Ökotest" in seiner ansonsten sehr kritischen Studie schreibt. Auf die Idee, beim Polterabend ein Brautpaar mit Energiesparlampenwürfen zu feiern, sollte man allerdings wirklich nicht verfallen. Das könnte als versuchte schwere Körperverletzung geahndet werden.
Apropos wegwerfen: Müssen wir jetzt alle unsere Glühbirnen wegwerfen? Nein, der Abschaffungsbeschluss bezieht sich auf den Verkauf: Ab Dienstag dürfen 100- bis 200-Watt-Birnen und matte Glühbirnen in der EU nicht mehr hergestellt und auch nicht in die Gemeinschaft importiert werden. Ein Jahr später greift das Verbot auch für Glühbirnen mit einer Leistung von 75 bis 100 Watt. Am 1. September 2011 folgen 60-Watt-Birnen, im September 2012 schließlich werden auch die letzten Glühlampen aus dem Handel verschwinden. Die Verbraucher müssen dann auf Energiespar-, Halogenlampen oder Leuchtdioden (LED) zurückgreifen.
Oder in den Urlaub fliegen.
Denn auf absehbare Zeit wird es noch genug Länder außerhalb der EU geben, aus denen man sich nicht nur Parfum und Tabakwaren, sondern künftig eben auch Glühbirnen wird mitbringen können. Ausdrücklich verboten ist es nur, Glühbirnen in der EU auf den Markt zu bringen. Die Einfuhr von Glühbirnen in geringer Stückzahl für den persönlichen Gebrauch ist deshalb kein Problem. Aber Vorsicht: Glühbirnen etwa aus den USA funktionieren in Europa nicht.
AP/pat
Auf anderen Social Networks posten:
ich habe von anfang an vom baden gesprochen. und selbst beim duschen dürfte der energie-ersparnis effekt kaum vorhanden sein. dazu ein beispiel: nicht in jedem haushalt steht das heiße wasser in 1 sekunde bereit. in unserem [...] mehr...
Dann haben sie das grundlegend missverstanden. Es ist klar, dass der Energieverbrauch bei einem Bad nicht sinkt. Wenn Sie sich jedoch duschen oder auch nur die Händewaschen, ist das aber der Fall, da Sie weniger Wasser [...] mehr...
Hallo Inci, so ist es. In meinen Augen sind dies Naturgesetze und keine Glaubensfragen. Und noch eine Bemerkung zum Wassersparen: In der Berliner Presse war vor Kurzem wieder zu lesen, dass aufgrund des immer geringeren [...] mehr...
das der duschkopf zum duschen dient - ich weiß das, und sie wissen das offensichtlich auch. auch, das dort das warme wasser rauskommt, wissen wir beide. in der EU scheint es aber experten zu geben, die glauben, das warme [...] mehr...
Nach 1 sek. hat man Warmwasser in der gewünschten Temperatur. Egal wo der Warmwasserbereiter steht, seit über 20 Jahren, naja wenigstens bei den Anlagen die gut geplant/ausgeführt wurden. Zirkulationsleitung. mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Netzpolitik | RSS |
| alles zum Thema Europäische Union | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH