Von Frank Patalong
Für Anonymous, die auch in Deutschland mehrere Demonstrationen im Monat durchführen, wäre beides nicht ohne Risiko - denn Anonymous kann eben jeder sein, der sich so nennt: Die Anti-Scientology-Demonstranten in Düsseldorf, Berlin oder Hamburg sind nicht verantwortlich für die Attacken auf Australiens Regierung. Von denen gibt es angeblich eine ganze Flut, die nun öffentlich Anonymous zugerechnet werden.
Das ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch: Abgesehen von der Attacke auf die Rudd-Web-Seite gehen wohl alle Angriffe auf das Konto von Defacern - Cyber-Vandalen, die aus der Übernahme und Veränderung vor allem von Regierungsseiten einen Sport gemacht haben. Das klingt politischer, als es ist.
Ein Blick ins Defacement-Archiv von Zone-H dokumentiert die Attacken. Die richten sich aber weder spezifisch gegen australische Regierungsseiten, noch gehen sie von Gruppen aus, die es besonders auf Australien abgesehen hätten. Von den 100 (Stand 13.9.2009, 13 Uhr) dokumentierten und erfolgreichen Attacken seit Freitag, dem 10. September, richteten sich 91 Prozent gegen Regierungsseiten in aller Welt.
Web-Vandalismus produziert immer wieder Schlagzeilen über "Cyberwars"
Mit Vorliebe attackiert werden Polizeiseiten sowie Selbstdarstellungsseiten von Regierungen und Ministerien. Immer wieder gelingen auch Hacks gegen australische Regierungs- oder Amtsseiten, meist erwischt es eher kleine. Am Samstag etwa fegte die "linuXploit_crew" die Web-Seite des Gesundheitsamtes von Cobaw im Bundesstaat Victoria aus dem Netz, sie ist noch immer unerreichbar.
Mit der Anonymous-Bewegung, der auch solche Attacken nun zugerechnet werden, hat all das nichts zu tun - aber es birgt Gefahren für die Bewegung, die sich mit dem Rudd-Hack und den angekündigten Netzwerk-Einbrüchen angeblich in ähnliches Fahrwasser begeben hat. Es gibt genügend Chaoten, die das Potential dazu hätten, zum Cyber-Äquivalent des schwarzen Blocks zu werden, der am Rand legitimer Demonstrationen Randale sucht. Was Anonymous bisher davor schützte, von jedem Hack und Crack für jedes Ziel gekapert zu werden, war das klar definierte Ziel der Bewegung.
Wie Anonymous zu alldem steht, ist schwer herauszufinden: Wo eine formelle Struktur fehlt, ist ein Ansprechpartner schwer auszumachen. Wir haben mehrere Gruppierungen angeschrieben. Wir wollten wissen, ob sich die ja aus einer Anti-Zensur-Aktion entstandene Bewegung mit den Aktionen in Australien solidarisiert? Ob man sie als Aktionen von Anonymous sehen kann? Ob sich der Fokus der Bewegung verschiebt, hin zu Protestaktionen, die über das Ziel Scientology hinausgehen? Bisher blieb eine Antwort aus.
Anzeichen dafür gibt es aber.
Zusammen mit der Pirate Bay protestierte Anonymous im Sommer 2009 gegen angebliche Manipulationen bei der iranischen Präsidentschaftswahl. Seit diesem Wochenende listet Wikipedia den Rudd-Hack als "Operation Didgeridie" Anonymous zu - Widerspruch dagegen gibt es bisher nicht. Sollte der dort und in den Anonymous-Foren ausbleiben, wären Tatsachen geschaffen. Egal, wer den Rudd-Hack tatsächlich durchgeführt hat, ob so etwas als Anonymous-Aktion akzeptiert wird, entscheidet sich in einem gruppendynamischen Prozess - durch Zustimmung, Ablehnung, am Ende aber vor allem durch Mitmachen.
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