Von Matthias Kremp
Es trauen sich nicht viele, ihre Freude öffentlich auszudrücken. Einige aber doch. Vor dem Firmensitz von Google in Peking legen an diesem Mittwoch Internetnutzer Blumen ab - offensichtlich, um dem Konzern dafür zu danken, dass er seine Zusammenarbeit mit den chinesischen Zensurbehörden beenden will.
Im Netz wird die Aktion des Suchkonzerns bejubelt. Harry McCracken, Journalist und Betreiber des Hightech-Blogs Technologizer, kann seine Begeisterung kaum zügeln. "Genau richtig, Google, genau richtig", schreibt er über den Plan, in China ab sofort nur noch ungefilterte Suchergebnisse anzuzeigen - und sich den Zensurbehörden nicht mehr zu beugen.
Die Distanzierung vom Regime sei überfällig gewesen, schreibt McCracken. Bisher seien US-Internetfirmen zu nachgiebig gewesen, um ihre Dienste im Zukunftsmarkt China anbieten zu können - mit dem Argument, es sei besser, den Chinesen wenigstens einige Informationen zu liefern, statt sie ganz im Dunkeln zu lassen. Damit sei es jetzt endlich vorbei. Googles Aktion werde Signalwirkung haben.
Zigtausende äußern sich auf Twitter und in privaten Blogs ähnlich enthusiastisch. Web-Legende Dave Winer, Miterfinder von Weblogs, Podcasts und RSS-Feeds, lobt via Kurznachricht knapp: "Google tut etwas, das unseres Stolzes als Amerikaner wert ist." Die Electronic Frontier Foundation (EFF), die für Freiheitsrechte in der digitalen Welt kämpft, applaudiert mit einem schlichten: "Bravo, Google." 2006 sei man mit dem Konzern noch hart ins Gericht gegangen, weil er sich den chinesischen Behörden beugte und Suchergebnisse gemäß Regierungsvorgaben filterte. Nun sei es umso angemessener, die Lossagung von der staatlichen Kontrolle zu loben. Man hoffe, dass andere Firmen dem Beispiel folgen.
"Was es für China bedeutet? Nicht viel"
Manche Kommentatoren reagieren auf Googles Entscheidung allerdings mit Skepsis. Adam Ostrow von mashable.com findet den Beifall verfrüht. Zwar sei Google jetzt mal wieder als Unternehmen wahrzunehmen, für das es mehr gibt als Profite und Marktanteile. Trotzdem solle man abwarten, ob es sich nicht doch noch mit den chinesischen Behörden einigt.
Allerdings - auch Parr glaubt, dass Googles Ausstieg letztlich die richtige Entscheidung war und die Folgen "in technologischen, sozialen und politischen Kreisen noch Jahre zu spüren sind". Zumal der Rückzug die Netznutzer in China keineswegs komplett von der Suchmaschine abklemmen dürfte: Die Menschenrechtsaktivisten von EFF erwarten, dass "Google nicht aus dem chinesischen Internet verschwinden wird - egal wie die chinesischen Behörden reagieren". Schließlich gebe es erprobte Mittel, die Zensur zu umgehen.
Gemeint sind damit in erster Linie Internetdienste, über die man Anfragen aus China auf ausländische Server umleiten kann, um Netzfilter zu umgehen. EFF hofft deshalb, dass Google weiter eine chinesischsprachige Version seiner Seiten anbieten wird - wenn nötig von Servern außerhalb Chinas aus.
PR-Coup oder politisches Engagement?
Und was bedeutet die Entscheidung für Google selbst? Letztlich werde der Konzern von der Weigerung profitieren, Suchergebnisse zensieren zu lassen, glaubt Ron Deibert vom Citizen Lab an der University of Toronto in Kanada. "Don't be evil", "Tu nichts böses" - dieser alte Wahlspruch des Konzerns werde aufpoliert, nachdem er zuletzt reichlich gelitten hatte.
Das einflussreiche Technik-Blog Techcrunch ist sich sicher, dass Googles Entscheidung vor allem auch geschäftliche Gründe hatte. Der Konzern mache das Beste aus einer "schlechten Situation". Sein Engagement in China sei stets umstritten gewesen und das Unternehmen in dem Land alles andere als erfolgreich. Es müsse sich lokalen Mitbewerbern geschlagen geben und habe vermutlich längst die Brücken zu chinesischen Behörden abgebrochen, bevor es jetzt den aufsehenerregenden Blog-Eintrag veröffentlichte.
Investor Bill Bishop rechnete schon vor vier Jahren vor, dass sich das China-Geschäft für Google angeblich nicht lohnt und das riesige Land zum Gesamtumsatz der Suchmaschine nur einen winzigen Beitrag leistet. Yahoo habe sich dort viel besser aufgestellt: Der Google-Konkurrent sei mit gut einem Drittel an der chinesischen Alibaba Group (mehr auf Wikipedia...) beteiligt, einem Unternehmen, das sich bestens in seinem Heimatmarkt auskennt. Bishop verweist jetzt nur auf seinen Aufsatz von damals - gekrönt von dem Resümee: "Es kommt nicht oft vor, dass Yahoo schlauer aussieht als Google."
Allerdings sieht Yahoo jetzt auch schlechter aus. Die Entscheidung, keine Kompromisse mehr mit Regierungen einzugehen, erhöhe den Druck auf die gesamte Industrie, schreibt Ron Deibert. Branchenriesen wie Microsoft und Yahoo müssten jetzt darüber nachdenken, "was sie tun können, um das Internet frei und offen zu halten".
Auf anderen Social Networks posten:
muss man sicher Alles wörtlich nehmen mehr...
"mehrere Seite gesperrt" hört sich bei Ihnen mal wieder so verharmlosend an. Das sind keine Kinderporno- oder Nazi-Seiten so wie bei uns gelegentlich, sondern u.a die Seite von Amnesty International. Warum wohl? [...] mehr...
Nun, mit "witzig" ist eher etwas anderes gemeint. Der Bericht auf der Seite von "Amnesty International" ist recht neutral gehalten und deshalb auch informativ und er ist schön zu lesen. Gut, dieser [...] mehr...
Darauf muss man natürlich erst kommen, dass wenn Sie das meinten, dass Sie dann so etwas wie hier unten schreiben. ---Zitat--- So überspitzt gesehen haben Sie natürlich recht. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass [...] mehr...
Wie Sie hier jetzt auf Chodorkowski kommen, weiß ich zwar nicht, aber ich meinte US-Denkfabriken im Zusammenhang mit Wirtschaftsnachrichten, die das Börsengeschehen und Investionsentscheidungen beeinflussen. So überspitzt [...] mehr...
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