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18.03.2010
 

Google, Twitter, Facebook

Die Netz-Hippies werden selbstgerecht

Von Christian Stöcker

Altamont-Festival: Hippie-Kultur, Wurzel der Web-IdeologenZur Großansicht
AP

Altamont-Festival: Hippie-Kultur, Wurzel der Web-Ideologen

"Don't be evil!" Im Silicon Valley glaubt man noch an das Gute - in sich selbst. Nicht nur Google, auch die Gründer von Facebook und Twitter preisen sich für ihre Wohltätigkeit. Das liegt an den Hippie-Wurzeln der New Economy, doch aus ehrenhafter Gesinnung wird schnell gefährliche Selbstgerechtigkeit.

Vermutlich ist Kevin Kelly an allem schuld. Hätte der erste "Wired"-Chefredakteur nicht 1994 ein Buch namens "Out of Control" geschrieben, in dem er eine neue Ära gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Organisation prophezeite, gäbe es heute vielleicht weniger Naivität und Heuchelei im Silicon Valley.

Kelly erfand eine Vorstellung von unternehmerischem Handeln, die bis heute in den Köpfen vieler Internet-Firmengründer herumspukt. Der "Harvard Business Review" paraphrasierte sie 1994 so: "Die Erfordernisse wirtschaftlichen Wettbewerbs mit einer Sehnsucht nach persönlicher Befriedigung und demokratischer Teilhabe zu vermählen." Kelly glaubte, dass Unternehmen, wenn man sie nur richtig, nämlich dezentral und vernetzt organisiert, im Wortsinne "gut" sein könnten.

Genau diese Vorstellung durchweht das Silicon Valley bis heute - was einerseits den naiven Charme so vieler Start-ups ausmacht, andererseits aber zu wachsender Heuchelei bei vielen führt, die das Netz derzeit unter sich aufzuteilen versuchen.

Kelly und viele seiner Mitstreiter, die in den achtziger und neunziger Jahren netzphilosophische Utopien formulierten, waren Ex-Hippies. Als John Perry Barlow - einst Songtexter für "The Grateful Dead" - 1996 seine berühmt gewordene "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace" formulierte, klang das noch ganz nach dem Geist der Gegenkultur. Er schleuderte den "Regierungen der industriellen Welt, den müden Giganten aus Fleisch und Stahl" Sätze voller Pathos entgegen: "Wir erschaffen eine Welt, die jeder betreten darf, ohne Privilegien oder Vorurteile aufgrund von Rasse, wirtschaftlicher Macht, militärischer Gewalt oder Stand. Wir schaffen eine Welt, in der jeder, an jedem Ort, seine oder ihre Überzeugungen ausdrücken darf, egal wie einzigartig sie sein mögen, ohne Furcht davor, zum Schweigen oder zur Anpassung gezwungen zu werden."

Heute sieht die Welt des Netzes etwas anders aus. Konzerne diktieren Anbietern von Software und Inhalten ihre Bedingungen, totalitäre Regimes zensieren, reglementieren und überwachen das Netz, so gut sie können.

"Eine Kraft, die Gutes bewirkt"

Die Hippie-Rhetorik der Web-Visionäre von damals ist aber nicht verklungen - ihr Echo findet sich in den Mission Statements und Bekenntnissen vieler Netzunternehmen von heute.

Googles (inoffizielles) Motto ist bekanntlich "Don't be evil" - auch wenn das manchem im Unternehmen schon nicht mehr so recht behagt.

Wenn man Facebook-Gründer Mark Zuckerberg fragt, was sein Ziel ist, spricht er am liebsten vom "Sharing", vom Teilen und Mitteilen, von gemeinsamem Nutzen. Geld stehe für ihn nicht so im Vordergrund.

Twitter-Mitgründer Evan Williams kassierte vor einigen Tagen Häme, weil er bei einer Podiumsdiskussion verkündete, ein Ziel seines Unternehmens sei es, eine "Kraft, die Gutes bewirkt", zu sein. Ein Schelm, wer dabei an Goethes Mephisto denkt.

Dass Unternehmen und ihre Protagonisten öffentlich bekennen, sie seien primär an Geld interessiert, an Moral aber weniger, erwartet niemand. Mit so viel Inbrunst und humanistischem Gestus wie im Silicon Valley aber wird nirgends von der eigenen Mission gesprochen. Gerade bei fremdfinanzierten Unternehmen, deren erstes Ziel es nun einmal per definitionem ist, ihre Anteilseigner zufrieden zu stellen, führt das zu Verrenkungen. Das Gerede von der eigenen Wohltätigkeit ist im besten Fall Naivität, im Zweifel routiniertes Marketing-Bla-bla und im schlimmsten Fall schlicht Heuchelei.

"Wir haben das Übel abgewogen"

Google-Spitzenfrau Marissa Mayer wäre es womöglich lieber, die Firmengründer hätten das Motto im Geiste Kellys und Barlows nicht in die Welt gesetzt. Sie reagierte ein bisschen genervt, als ein australischer Journalist sie 2008 mal wieder auf "Don't be evil" ansprach. Das sei ja eigentlich gar kein "ausgewähltes, bestimmtes Motto" gewesen, gab Mayer zurück. Und es sei immer "sehr einfach, mit dem Finger darauf zu zeigen, wenn Google etwas macht, was ihnen persönlich nicht gefällt".

Als jemand Google-Chef Eric Schmidt 2006 auf die freiwillige Selbstzensur seines Unternehmens im Dienste der chinesischen Regierung ansprach, sagte er, man habe "das Übel abgewogen und entschieden, dass es ein noch schlimmeres Übel gewesen wäre, den Nutzern dort gar nicht zu dienen". Heute sieht Google das aus irgendwelchen Gründen anders - die womöglich auch mit dem mangelnden wirtschaftlichen Erfolg in der Region zusammenhängen.

Auch Gut und Böse sind eben eine Frage des Standpunktes. Twitter-Gründer Evan Williams ist derzeit noch in einer komfortableren Situation als die Google-Führungsspitze, was das Gutsein angeht: Er kennt seine etwa 140 Mitarbeiter vermutlich noch persönlich. Und er ist keinen gesichtslosen Aktienbesitzern und institutionellen Anlegern verpflichtet, sondern nur einer Gruppe von Wagniskapitalgebern.

Die aber haben bisher immerhin 160 Millionen Dollar in sein nach wie vor nicht profitables Unternehmen gesteckt - und wollen zweifellos eines Tages ein Return on Investment sehen.

Es ist durchaus glaubhaft, dass Williams, Zuckerberg und andere von den menschheitsbeglückenden, weltverbessernden Eigenschaften ihrer Dienste überzeugt sind. Gleichzeitig ist es beunruhigend, wenn Unternehmer, die eben Unternehmen und keine Wohltätigkeitsorganisationen führen, so öffentlich über das Gute in sich selbst sinnieren.

Gewohnt zynisch, aber durchaus treffend formulierte es "TechCrunch"-Chefblogger Michael Arrington: Solche Sprüche könnten ein Anzeichen dafür sein, "dass sich hinter den Kulissen eine gehörige Portion Selbstgerechtigkeit zusammenbraut".

"Gefährliche Kultur der Selbstgerechtigkeit"

Genau das vermutet inzwischen mancher bei Google - zum Beispiel "Fortune"-Redakteur Jon Fortt. Google halte sich offenbar für einzigartig, schrieb er kürzlich und warf die Frage auf, ob das dem Unternehmen einen "dauerhaften moralischen Kompass verleihen" werde oder "nur eine gefährliche Kultur der Selbstgerechtigkeit".

Anlass für Fortts Überlegungen war eine Rede, die Google-Chef Schmidt bei einer Medienkonferenz in Abu Dhabi gehalten hatte. Dort sagte er unter anderem, Google sei nicht wie andere börsennotierte Unternehmen, weil er selbst und die Gründer immer noch die Mehrheit der stimmberechtigten Anteile hielten. Man sehe sich selbst "als Firma mit einer Mission in Sachen Information, nicht mit einer Mission in Sachen Umsatz oder Profite".

Google-Anteilseigner sehen das möglicherweise anders. Bisher haben sie bloß wenig Grund zur Klage. Wie viel aber wäre Googles Güte noch wert, wenn der Konzern Verluste machen würde oder weniger stark weiterwüchse?

Das stets besonders boshafte Blog Valleywag nahm Schmidts Rede zum Anlass, "sechs Wahnvorstellungen von Googles arroganter Führungsspitze" aufzulisten. Da wurde etwa darauf hingewiesen, dass es nicht eben nutzerfreundlich war, für die Einführung des Social-Networking-Dienstes Buzz die gesamte Google-Mail-Nutzerschaft zu unfreiwilligen Betatestern zu machen - und dabei auch noch gravierende Datenschutzverletzungen zu begehen.

Google steht mit solchen Aktionen keineswegs allein. Auch Facebook bezog nach der jüngsten unternehmensdienlichen Privatsphären-Rückbildung zu Recht ordentlich Prügel. Twitters jüngste Ankündigung, man werde künftig auch auf Partnerseiten Tweets absetzen können, dient auch in erster Linie den eigenen Interessen und denen der kommerziellen Partner - nicht denen der Nutzer. All diese Unternehmen handeln nicht zuletzt zum eigenen Nutzen.

Unternehmen handeln nach den Gesetzen des Marktes

Wer sich aber selbst für gerecht hält, nimmt Kritik oft persönlich. Das gilt für die Web-Konzerne im besonderen - deren Mitarbeiter identifizieren sich oft sehr stark mit ihrem Arbeitgeber.

Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie der kanadische Juraprofessor Joel Bakan. Er vertrat in seinem Buch "The Corporation" und im gleichnamigen Dokumentarfilm die These, moderne Aktiengesellschaften seien "so beschaffen, dass sie wie eine psychopathische Persönlichkeit funktionieren": ohne Rücksicht auf andere, ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedacht.

Fakt ist: Unternehmen treffen in der Regel Entscheidungen, die in erster Linie ihnen selbst nutzen. Tun sie das nicht, überleben sie nicht auf Dauer. Solange dieser Nutzen für das Unternehmen sich mit dem für die Gesellschaft, für Kunden oder Nutzer deckt, haben alle etwas davon (außer der Konkurrenz).

Doch im Laufe der Entwicklung vieler Branchen kommt irgendwann der Punkt, an dem manche Entscheidung womöglich doch mehr dem Unternehmen dient als dem Rest der Welt. Manager können sich bemühen, so etwas zu vermeiden. Manchmal aber sind die Anforderungen des Marktes oder der eigenen Geldgeber stärker als persönliches Moralempfinden.

Um Auswüchse zu vermeiden, braucht es staatliche Verfügungsgewalt - der Markt allein regelt eben nicht alles zum Besten. Demokratische Staaten haben zur Kontrolle der Macht Verfassungen und die Gewaltenteilung. Konzerne sind in der Regel autokratisch organisierte Gebilde, in denen am Ende anschafft, wer zahlt.

Wer wirklich wohltätig sein will, sollte seine Energie in Wohltätiges stecken. Dass das Netz auch dafür Möglichkeiten bietet, zeigt Wikipedia. Nebenaktivitäten wie Google.org oder die Gates-Stiftung sind löblich und begrüßenswert - sie ändern aber nichts daran, dass die Unternehmen, die sie finanzieren, nach den Gesetzen des Marktes handeln.

Wenn Firmenchefs das eigene Unternehmen als Wohltäter der Menschheit preisen, weckt das eher Miss- als Vertrauen. Insbesondere, wenn es sich um Web-Konzerne handelt, deren Geschäftsmodell ganz maßgeblich darauf basiert, Aufmerksamkeit, private Daten und digitale Lebensäußerungen ihrer Nutzer zu Geld zu machen.

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Facebook: Das Weltnetz

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Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach Angaben von Goldman Sachs hatte Facebook Anfang 2011 600 Millionen Mitglieder weltweit, nach eigenen Angaben loggt sich jeden Tag die Hälfte von ihnen auf der Seite ein (Stand: Januar 2011).

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Googles Geschichte

1995 - When Larry met Sergey

Angeblich konnten Larry Page und Sergey Brin einander erst einmal nicht besonders gut leiden, als sie sich im Jahr 1995 zum ersten Mal trafen. Der 24-jährige Brin war übers Wochenende in Stanford zu Besuch, der 23-jährige Page gehörte angeblich zu einer Gruppe von Studenten, die Besucher herumführen mussten. Der Legende nach stritten Brin und Page ununterbrochen miteinander.

1996 - Es begann mit einer Rückenmassage

1998 - Finanzierung

1999 - Mehr Geld und ein neues Heim

2000 - AdWords

2001 - Profit und ein neuer Eric Schmidt

2002 - Corporate Search, Google News, Froogle

2003 - AdSense und Blogger

2004 - Picasa, Googlemail, Bücher und ein Börsengang

2005 - Google Maps und Google Earth

2006 - Google Video, Web-Applikationen , YouTube - und Kritik

2007 - Googlemail für alle, DoubleClick, Streetview und Android

2008 - Knol, Chrome und kein Ende





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