SPIEGEL ONLINE: Herr Schmitt, mit Ihrer Enthüllungs-Website WikiLeaks sorgen Sie immer wieder für Aufsehen, jüngst mit einem Video, das zeigt, wie US-Piloten in Bagdad Zivilisten erschießen. Anders als bei früheren Aufnahmen haben Sie dieses Video mit Kommentaren und einer starken Wertung versehen. Warum haben Sie die neutrale Position aufgegeben und sich damit selbst angreifbar gemacht?
Schmitt: Aus meiner persönlichen Sicht ist das tatsächlich ungünstig gelaufen. Wir versprechen unseren Quellen, dass wir den politischen Einfluss, den eine Veröffentlichung entfalten kann, maximieren. Unsere Erfahrung ist aber, dass eine Enthüllung oft untergeht, wenn wir nicht im Vorfeld mit Medien kooperieren oder zumindest nach der Veröffentlichung Medien darauf aufmerksam machen. Wir suchen noch den optimalen Weg, wie wir unser Material am besten unter die Leute bringen.
SPIEGEL ONLINE: Diesmal haben Sie sich offensichtlich für eine eindeutig wertende Präsentation entschieden.
Schmitt: WikiLeaks hat zusätzlich ja auch das Originalvideo in voller Länge publiziert. Aber die Grenze zwischen dem Rohmaterial einerseits und dem journalistischen Beitrag "Collateral Murder" andererseits wurde nicht klar genug gezogen.
SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie die Gefahr, dass WikiLeaks durch derart wertende Beiträge seinen Nimbus als neutrale Plattform verliert?
Schmitt: Dieses Problem besteht vielleicht. Wir müssen in Zukunft sicherstellen, dass wir diese Linie klarer ziehen.
SPIEGEL ONLINE: Gab es über diese Frage intern Streit?
Schmitt: Wir streiten uns nicht, sonst kämen wir mit den geringen Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, nicht voran. Aber wir lernen aus unseren Fehlern.
SPIEGEL ONLINE: War die öffentlichkeitswirksame Präsentation des Irak-Videos nicht einfach ein Versuch, die Spenden für die Plattform zu erhöhen?
Schmitt: Nein. Was Spenden angeht, sind wir in einer soliden Position für das kommende Jahr. Wir haben Besucher der Seite von Anfang an aufgefordert, sich mit Spenden zu beteiligen. Im vergangenen Dezember haben wir die Seite in eine Art Streikbetrieb genommen und unseren Nutzern damit klar kommuniziert: Wir brauchen mehr Geld. Seitdem haben wir etwa 350.000 Euro eingenommen, das ist viel für uns. Der Zeitpunkt der jetzigen Videoveröffentlichung hat damit also nichts zu tun.
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Spenden sind denn seit der Veröffentlichung des Videos dazugekommen?
Schmitt: In den ersten fünf Tagen haben wir etwa 100.000 Euro bekommen.
SPIEGEL ONLINE: Das ist beachtlich. Zahlt WikiLeaks Ihnen ein Gehalt?
Schmitt: Nein, wir arbeiten alle ehrenamtlich. Anfang 2009 habe ich meinen Beruf aufgegeben, seither lebe ich von meinen Ersparnissen. Wir hoffen, dass wir uns künftig finanzieren können, aber die vergangenen zweieinhalb Jahre habe ich nichts bekommen.
SPIEGEL ONLINE: Aber Sie hoffen, dass WikiLeaks Ihnen eines Tages ein Gehalt zahlt?
Schmitt: Ja. Keiner von uns hat den Anspruch, damit reich zu werden, aber ich muss ja meine Lebenshaltungskosten decken.
SPIEGEL ONLINE: Welche Enthüllung steht als nächste an?
Schmitt: Wir haben ein weiteres Video aus Afghanistan, das zeigt, wie Zivilisten Opfer einer Militäraktion werden. Es stammt aus militärischen Beständen, muss aber erst noch entschlüsselt werden - genau so wie das Video aus dem Irak.
SPIEGEL ONLINE: Um was für eine Militäraktion handelt es sich?
Schmitt: Es geht wieder um amerikanische Truppen. Mehr kann ich jetzt noch nicht sagen.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es Material, das Sie nicht veröffentlichen würden?
Schmitt: Wir veröffentlichen nur Dokumente, die nachprüfbar und gleichzeitig Teil einer dokumentierten Geschichte sind. Wir publizieren nichts, was die jeweilige Quelle, von der wir das Material bekommen, selbst verfasst hat, denn das birgt die Gefahr der Beeinflussung. Wenn Sie einen Brief schreiben, indem Sie Ihren Arbeitgeber beschimpfen, wird WikiLeaks ihn nicht publizieren. Wir würden auch kein Material veröffentlichen, das Leben oder Gesundheit eines Menschen gefährden könnte.
SPIEGEL ONLINE: Aber WikiLeaks hat die Namen und Adressen aller Mitglieder der rechtsextremen British National Party (BNP) veröffentlicht.
Schmitt: Ich persönlich hatte dabei Bauchweh, weil ich dachte: Wer weiß, was jetzt passiert? Vielleicht wird jemand angegriffen oder ein wütender Mob geht in England auf die Straße. Aber genau das Gegenteil ist eingetreten: Es ist alles friedlich verlaufen, und zum ersten Mal überhaupt gab es in England eine Debatte, warum diese Menschen eine rechtsextreme Einstellung haben, was sie so frustriert, dass sie sich der BNP anschließen.
SPIEGEL ONLINE: Aber eine Gefahr für Leib und Leben der BNP-Mitglieder konnten Sie nicht ausschließen.
Schmitt: Wir haben alle Mitglieder vorher angeschrieben und ihnen erklärt, dass wir diese Liste veröffentlichen werden. Die Reaktionen waren überwiegend sehr positiv, obwohl die Parteiführung verärgert war. Viele Parteimitglieder haben uns in E-Mails geschrieben, sie seien froh darüber, dass nun eine offene Debatte geführt werde.
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Merkwürdige Platzierung im SPON unter "Netzwelt". Warum wurde der Artikel nicht unter "Politik" oder "Home" untergebracht? mehr...
Es muß .org heißen, das sagte mir mein Computer. Und was ich dort fand, war nicht weltbewegend in dem Sinne, daß man so etwas noch nie gehört hatte. Was den Betreiber wohl bewegt, sich in dem ganzen Schmutz zu suhlen und so zu [...] mehr...
Sehr geehrter Forist, ich teile Ihre Einschätzung in keinster Weise. Ich halte das dort Vorgefallene für ein Kriegsverbrechen. Alleine die Kommentare machen deutlich, wie krank Krieg Soldaten macht, das ist an [...] mehr...
Sorry - ich habe beim Link einen Fehler gemacht, leider kann man hier nicht editieren. Cryptome verfolgt ein ähnliches Konzept wie Wikileaks, nur der Herausgeber John Young sateht als Person für seine Enthüllungen auch ein. [...] mehr...
Nun ja, einen Betreiber einer Seite unseriös zu nennen, als Referenz eine andere Seite zu präsentieren die dann aber nicht erreichbar ist..... wie soll man das nun nennen? Zumindest Technisch haben die Jungs von Wikileaks [...] mehr...
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