• Drucken
  • Senden
  • Feedback
22.07.2010
 

Sexuelle Gewalt in der Ferienfreizeit

CSU-Ministerin macht Spiele und FDP für Missbrauch verantwortlich

Von Christian Stöcker

Bayerns Justizministerin Merk (CSU): "Laissez-faire-Politik der FDP bei Kinderpornos"Zur Großansicht
DDP

Bayerns Justizministerin Merk (CSU): "Laissez-faire-Politik der FDP bei Kinderpornos"

Bayerns Justizministerin Merk hat einen Verantwortlichen für die Fälle sexuellen Missbrauchs in einem Ferienlager auf Ameland ausgemacht: den eigenen Koalitionspartner. Weil die Liberalen Kinderpornografie im Internet lieber löschen als sperren wollen.

Extreme, schreckliche Ereignisse wie die, die sich offenbar in einem Feriencamp auf der Insel Ameland abgespielt haben, rufen in der Regel extreme Reaktionen hervor. Nicht alle sind sinnvoll, und manche schlicht ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Ein Beispiel für die letztere Kategorie hat gerade die bayerische Justizministerin geliefert. Beate Merk, CSU, hält den eigenen Koalitionspartner für mitverantwortlich für die mutmaßlichen sexuellen Gewalttaten im Schlafraum "Silbermöwe".

"Wenn man sich ansieht, welche Folgen der Konsum von schädlichen Videos haben kann, ist die Laissez-faire-Politik der FDP bei Kinderpornos im Netz grob fahrlässig", sagte die stellvertretende CSU-Vorsitzende laut dpa. Die Missbrauchstaten Jugendlicher zeigten Verrohungstendenzen, die "auch deshalb geschehen, weil man heutzutage im Netz problemlos alle erdenklichen Formen von Gewalt und Pornografie ansehen kann", sagte Merk.

Tatsache ist: Im Internet gibt es Pornografie, und viel davon ist geschmacklos bis unerträglich. Illegal ist sie aber nicht - in Deutschland existiert, wie in vielen anderen Ländern der westlichen Welt, kein Pornografieverbot. Auch Darstellungen von "Fisting" sind nicht verboten - einer besonders rabiaten Sexualpraxis, die auch im Zusammenhang mit den Übergriffen auf Ameland genannt wird.

"Fisting" ist nicht verboten

So beunruhigend das erscheinen mag: Dass Menschen übergroße Gegenstände in Körperöffnungen eingeführt werden, ist eine groteske, aber, solange dabei kein Zwang und keine Gewalt ausgeübt wird, eben auch nicht illegale Form pornografischer Darstellung. In Deutschland werden DVDs an Erwachsene frei verkauft, die auch mit dieser Art von Sexualpraxis offen werben. Um solche Darstellungen aus dem Netz und dem Land zu verbannen, müsste man ein Pornografieverbot aussprechen oder den derzeitigen Pornografiebegriff strenger fassen.

Das aber fordert Beate Merk nicht, wohl nicht einmal innerhalb der CSU würde man für eine solche Position eine Mehrheit finden. Die Ministerin hält ohnehin nicht einfach Pornografie, sondern Kinderpornografie und "Killerspiele" für verantwortlich für die Exzesse im Jugendcamp. Und zieht daraus den Schluss, dass alle Debatten über die Untauglichkeit des von-der-Leyenschen Sperrgesetzes offenbar doch Unsinn waren. Dabei steht im Koalitionsvertrag, man sei sich einig, "dass es notwendig ist, derartige kriminelle Angebote schnellstmöglich zu löschen statt diese zu sperren". Das hat die CSU so mitverabschiedet.

Diffuse Gefühle in der eigenen Wählerschaft vermutet

Nun aber geht Merks gedanklicher Kurzschluss so: Könnte man Seiten mit Kinderpornografie im Internet hinter einem Stoppschild verstecken, wären auf Ameland keine Kinder sexuell misshandelt worden. "Wenn ich feststellen muss, dass ich eine bestimmte Seite nicht löschen kann, darf ich nicht einfach mit den Schultern zucken und zur Tagesordnung übergehen. Dann muss ich diese Seite wenigstens sperren."

Und, weil das ja auch irgendwie mit Computern zu tun hat, wird auch gleich noch mal die alte Forderung wiederholt, "Killerspiele" zu verbieten. Obwohl es hierzulande keine "Killerspiele" zu kaufen gibt, in denen Menschen sexuelle Gewalt angetan wird.

Die Logik von Beate Merk ist die des Reflexes: Wenn etwas Entsetzliches passiert, muss man handeln, und zwar, indem man etwas anderes, was man selbst entsetzlich findet, möglichst schnell aus der Welt schafft, oder das wenigstens öffentlichkeitswirksam fordert. Fakt ist: Weder Spiel- noch Pornografieverbote haben in Deutschland derzeit Aussicht auf Erfolg.

Den Opfern sexueller Gewalt wird mit solchen Forderungen nicht geholfen, im Gegenteil: Sie werden auf plumpe Weise instrumentalisiert, um diffuse Gefühle zu bedienen, die man innerhalb der eigenen Wählerschaft vermutet.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 361 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
13.11.2010 von Jatho: 1+1=3

Hehe, wenn sie nicht in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen erst eine Behauptung aufgestellt hätten, um sie gleich im nächsten Satz wieder zu widerlegen, könnte man fast meinen sie glauben das was sie gerade geschrieben haben :-) mehr...

13.11.2010 von Zephira: Kommentar

Das ist nicht richtig. Sie haben Ihr ebenso sehr ins Amt geholfen wie jeder, der für sie gestimmt hat. Rechnen Sie es nach: Nichtwählen bedeutet jede Partei/Person wählen. Mit Ausnahme derer, der man am ehesten seine Stimme [...] mehr...

13.11.2010 von takeo_ischi: .

Wissen Sie überhaupt auf was für einen Bericht Sie geantwortet haben? Schienbar nicht. Denn in diesem Fall haben Ihre 'Gebrauchsgegenstände' andere 'Gebrauchsgegenstände' geschändet. Das liegt an fehlender Vermittlung von [...] mehr...

13.11.2010 von Pandora0611: Kinder sind Grbrauchsgegenstäne

*nichts mehr und nichts weniger*. Nach Gebrauch werden sie weggeworfen. *Ich bin Deutschland*! Tatsache ist: Im Internet gibt es Pornografie, und viel davon ist geschmacklos bis unerträglich. Illegal ist sie aber nicht - in [...] mehr...

12.11.2010 von Jatho: ...

Ich gehe nicht wählen und kann somit gut Verantwortung dafür übernehmen das sie nicht durch meine Stimme in ihr Amt gewählt wurde...gilt übrigens für die meissten Politiker, obwohl ich einige ja sogar ganz sympathisch finde. [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
alles aus der Rubrik Netzpolitik
alles zum Thema Sexueller Missbrauch von Kindern

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP



TOP