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26.07.2010
 

WikiLeaks-Gründer

"Mut ist ansteckend"

Von Carsten Volkery, London

Assange (mit "Guardian"-Titel vor Vietnam-Foto): "Missstände abstellen"Zur Großansicht
REUTERS

Assange (mit "Guardian"-Titel vor Vietnam-Foto): "Missstände abstellen"

Für die US-Regierung ist der Mann ein Sicherheitsrisiko - er selbst sieht sich als Vorkämpfer gegen Kriegsverbrechen. WikiLeaks-Gründer Julian Assange will nach den Afghanistan-Enthüllungen zur neuen Macht aus dem Netz aufsteigen: Er hofft auf den endgültigen Durchbruch, finanziell und bei potentiellen Informanten.

Julian Assange kommt schwer bepackt. Er holt seinen silbernen Laptop aus einer grünen Umhängetasche und bringt ihn auf dem Rednerpult in Stellung. Einen ausgebeulten grauen Rucksack stellt er hinter sich auf den Boden. Der Legende zufolge befinden sich darin seine Klamotten.

Der 39-jährige Australier hat keinen festen Wohnsitz. Er ist ein moderner Nomade, taucht mal hier auf, mal dort. Bevorzugt ist er in Schweden und Island, wo der Staat Internetaktivisten wie ihn in Ruhe lässt. Aber an diesem Montagmittag ist er in London, im Frontline Club, einer Bastion des unabhängigen Journalismus - und 15 Kameras folgen ihm durch den Raum, Dutzende Reporter bestürmen ihn mit Fragen. Denn an diesem Montagmorgen hat Assange der US-Regierung bewiesen, dass sie sich nie sicher sein kann, dass ihre Geheimnisse geheim bleiben.

Auf der Webseite WikiLeaks hat Assange rund 76.000 geheime Dokumente der US-Armee und der Marines über den Afghanistan-Krieg veröffentlichen lassen. Weitere 15.000 sollen in den kommenden Wochen folgen. Die Aktion sei vergleichbar mit dem Öffnen der Stasi-Archive, sagt Assange zu den Reportern. Der Ex-Hacker mit dem schlohweißen Haar ist ziemlich zufrieden mit sich selbst.

Es ist sein bisher größter Coup - nach drei Jahren vielleicht der endgültige Durchbruch für seine notorisch klamme Non-Profit-Organisation. Drei Traditionsmedien hat er vorab Einblick in die Daten gegeben, dem Londoner "Guardian", der "New York Times" und dem SPIEGEL, die in der Nacht die Nachricht von den Enthüllungen (Überblick siehe Fotostrecke) in aller Welt verbreitet haben - aber Assange spricht stolz von "vier Medienorganisationen", die an der Sache gearbeitet hätten. Die "drei besten Investigativredaktionen der Welt" und sein eigenes Team.


Er redet langsam. Die sonore Bariton-Stimme klingt teilnahmslos, fast ein bisschen gelangweilt, aber davon soll man sich nicht täuschen lassen. Hier spricht ein Mann aus Überzeugung. Seine Eltern haben sich einst auf einer Demo gegen den Vietnamkrieg kennengelernt. Der Sohn protestiert nun auf seine Weise. "Wir haben keine Meinung darüber, ob der Krieg in Afghanistan beendet werden sollte", sagt Assange. "Aber wir wollen, dass die Missstände abgestellt werden." An der Backsteinwand hinter ihm hängt ein Pressefoto aus dem Vietnamkrieg. Ein müder US-Soldat blickt unter dem Stahlhelm hervor.

Die US-Regierung hat inzwischen spürbar verärgert auf Assanges Aktion reagiert. Präsidentensprecher Robert Gibbs verurteilte die Veröffentlichung der Dokumente als "alarmierend" und kündigte eine Untersuchung an. In den Dokumenten würden Namen, Einsätze und logistische Unternehmungen genannt: "Das stellt eine sehr reale und potentielle Bedrohung für jene dar, die jeden Tag sehr hart für unsere Sicherheit arbeiten", sagte Gibbs. Er sprach von einer "Verletzung von Bundesgesetzen": Der Schritt habe "das Potential, sehr schädlich zu sein - für Militärangehörige, für jene, die mit unserem Militär zusammenarbeiten, und für jene, die für unsere Sicherheit sorgen". Die Dokumente enthielten allerdings großteils "keine neuen Enthüllungen".

"Das ist die Geschichte des Krieges seit 2004"

So ähnlich formuliert es auch Assange. In den exakt 91.731 Dokumenten gebe es nicht "die eine große Enthüllung", die am meisten Aufsehen erregte, sagt er. Es gehe vielmehr um die unzähligen kleinen Zwischenfälle, die aneinandergereiht einen Krieg ausmachen.

Viele einzelne Akten, keine für sich genommen spektakulär, könnten in der Summe eine große Wirkung erzielen. "Wenn Sie nach dem Wort Amputation suchen, dann finden sie Dutzende und Dutzende Treffer. Das ist die Geschichte des Krieges seit 2004." Assange spricht auch von Hinweisen auf Kriegsverbrechen, nennt als Beispiel einen Angriff der Spezialeinheit Task Force 373, bei dem mehrere Kinder gestorben sind (mehr dazu...). Allerdings müssten Gerichte darüber entscheiden, ob etwas ein Verbrechen ist, sagt er.


Er lobt, wie in Deutschland die Kunduz-Affäre aufgeklärt wurde. Das sei der am besten untersuchte tödliche Vorfall in der Geschichte des ganzen Krieges (mehr dazu...), sagt er. Ähnliches will er mit der Veröffentlichung jetzt anstoßen, das hat er schon im SPIEGEL-Interview klargemacht: Die Dokumente sollen "die öffentliche Meinung verändern und auch die von Menschen mit politischem und diplomatischem Einfluss".

Dass die Nato nun ihre Afghanistan-Strategie ändern wird, ist nicht abzusehen. Mit einiger Sicherheit aber wird der Tag für WikiLeaks weitreichende Folgen haben. Der Spendenstrom dürfte erneut anschwellen, wie im April, als interne Videoaufnahmen eines US-Kampfhubschraubers im Irakkrieg veröffentlicht wurden - und das zynische Vorgehen der Soldaten an Bord bloßgestellt wurde (mehr dazu...). Eine Million Dollar sind seither hereingekommen.

"Wir arbeiten, so hart wir können"

Assange hofft außerdem, dass künftig mehr Leute Geheimdokumente der Webseite anvertrauen. "Mut ist ansteckend", sagt er.

Dabei wird das Mitteilungsbedürfnis potentieller Informanten für die kleine Organisation WikiLeaks schon jetzt zum Problem. Täglich werden rund 30 neue Dateien eingereicht. Das Kernteam besteht nur aus wenigen Mitarbeitern, dazu kommen 800 Freiwillige. Man komme mit dem Auswerten und Veröffentlichen kaum hinterher, sagt Assange. Die am Montag veröffentlichten Dokumente seien nur ein Teil des Materials, das sich bei ihnen anhäuft. Wann die nächste Veröffentlichung zu erwarten ist, will er nicht verraten: "Wir arbeiten, so hart wir können."


Mit zunehmender Prominenz wächst die Kritik. Der WikiLeaks-Gründer wird im Frontline Club nach Transparenz und professionellen Standards der Webseite gefragt. Er bügelt sie ab - ebenso wie die Kritik des Weißen Hauses. Es handele sich um alte Berichte von 2004 bis 2009, die nichts über die aktuelle Afghanistan-Strategie verrieten, sagt er.

Nichts kann ihm an diesem Tag die Laune verderben. Assange gefällt sich in seiner Rolle als Chefaufklärer. London habe er als Standort für die Pressekonferenz gewählt, weil WikiLeaks hier viele Unterstützer habe und er sicher sei, dass ihn die britische Regierung nicht festnehmen werde, sagt er. Und er erzählt die Geschichte, die australische Regierung habe ihn im Auftrag der US-Regierung überwacht. Außerdem habe das britische Verteidigungsministerium die WikiLeaks-Webseite für sämtliche Mitarbeiter blockiert - aus Angst davor, dass sie dort Dokumente einreichen.

Ob diese Geschichten wahr sind, lässt sich nicht überprüfen. Die Behörden äußern sich nicht dazu. Doch Assange erzählt sie gern. Für WikiLeaks sind sie die beste Werbung.


Die zentralen Erkenntnisse aus den WikiLeaks-Dokumenten - der Überblick:

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insgesamt 52 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
01.12.2010 von berndschlüter: Herr Assange ist gefährdet

Jedem Mann kann man mit angeblichen Vergewaltigungen etwas anhängen. Ich kann nur aus Erfahrung reden. Es gab da in Nepal eine Geschichte, da ging es um Lösegelderpressung. Ich hatte gegen die hohen Herren aus dem [...] mehr...

22.08.2010 von roswitha.lebbe: Das Volk mißtraut der Politik

Desinformationen und Lügen können einen Erneuerungsprozeß zwar verzögern, aber nicht aufhalten. Das Volk mißtraut mit recht seiner Regierung. Es ist gut, daß wir über weitere Informationsquellen wie wikiLeaks verfügen können. mehr...

11.08.2010 von Silverhair: Macht ist nicht grenzenlos

Ähm, erstens bringen die USA einfach um .. siehe die Todeslisten und Killerkommandos - die alle ausserhalb von Recht und Richtern agieren. Und die Macht der USA ist Pech, nun doch auf ihr Staatsgebiet, und auch auf ihr [...] mehr...

11.08.2010 von Silverhair: Gewaltenteilung

Was im "groben bekannt ist" das ist aber nicht ausreichend. Sowohl die Regierung als auch das Militär haben eine "Legitimierungspflicht" ihrem Volk gegenüber - zumindest in Demokratien - und dort müssen [...] mehr...

11.08.2010 von Silverhair: Lügen

Das "Volk" ist da überhaupt nicht "überfordert" - schlicht versucht die Regierung und das Militär nur Ihre Handlungen hinter scheinbarer "Komplexität" zu verstecken. Das Volk - das sind eben auch [...] mehr...

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