Chaos Communication Congress: "Die ganze Welt ist euer Fachgebiet"

Von

Zum Start des Hacker-Treffens 29C3 fordert der Internetaktivist Jacob Appelbaum von den Besuchern Taten: Die Hacker sollen sich gegen den Überwachungsstaat wehren und ihre Fähigkeiten in den Dienst der Freiheit stellen.

29C3 in Hamburg: Hacker-Treffen an der Elbe Fotos
DPA

Hamburg - Bevor die ersten Gäste in Saal eins Platz nehmen, drehen sich viele von ihnen erst einmal um, mit dem Rücken zur Bühne. "Boah, das ist ja echt gigantisch", sagt ein Mann zu seinem Nachbarn und zückt sein Smartphone, um ein Fotos von den vielen Sitzreihen zu machen. Mehrere tausend Menschen haben hier Platz.

Der Chaos Computer Club hält sein jährliches Treffen diesmal in Hamburg statt in Berlin ab, die Veranstaltung könnte doppelt so groß werden. Von den Rängen und Seitenschiffen, aus allen Richtungen ist Gemurmel zu hören - endlich geht der 29C3 los. Der Netzaktivist Jacob Appelbaum hält am Donnerstagmittag den ersten Vortrag.

Viele Teilnehmer haben es da noch nicht geschafft, in den Saal vorzudringen. Sie stehen in einer langen Schlange vor dem Eingang, die sich bis in den angrenzenden Park zieht und warten darauf, eingelassen zu werden, ein Bändchen fürs Handgelenk und ein Namensschild um den Hals zu bekommen. Allein bis zur Mittagszeit reisen rund 3500 Menschen an. Wer drinnen ist, begrüßt seine Freunde, klappt den Laptop auf, holt die Schraubenzieher heraus, bringt die Lötkolben in Position - oder hört zu, was Jacob Appelbaum zu sagen hat.

Appelbaum ruft zum Widerstand gegen staatliche Überwachung auf

"Der Chaos Computer Club ist für mich wie eine Familie", beginnt er, "und es ist eigentlich lächerlich, dass sie mich die Keynote halten lassen." Schließlich gehörten zu seinen Zuhörern ein paar der "klügsten Menschen auf dem Planeten".

Doch gerade ihnen, der Hacker- und Netzelite, möchte der Aktivist etwas mit auf den Weg geben. Er ruft sie auf zum Widerstand gegen den Überwachungsstaat und appelliert an die Verantwortung, die das Wissen seiner Zuhörer mit sich bringe. Er erinnert an die Möglichkeiten, die ihre herausragenden Computerkenntnisse ihnen bringen würden - wenn sie nur wollten.

Appelbaum zeichnet ein düsteres Bild von staatlicher Überwachung, in den USA und weltweit, spricht vom riesigen Datencenter, das der US-Geheimdienst gerade in Utah errichtet, von Drohnenangriffen, politischer Ungerechtigkeit, von Willkür und Unterdrückung auf der Welt. Die schlechteste Antwort auf all das sei der Rückzug auf die Formulierung "Not my Department", dafür bin ich nicht zuständig, das Motto der Veranstaltung. Das Zitat wird in einem Lied dem Raketenbauer Wernher von Braun zugeschrieben. Zwar ist er dafür zuständig, dass die Raketen starten, aber wo sie wieder herunterkommen - das sei nicht sein Fachgebiet.

"Wir entscheiden, was wir mit unserer Zeit anfangen"

"Die ganze Welt ist euer Fachgebiet", hält Appelbaum dagegen. Deshalb solle sich jeder einzelne überlegen, was er mit seiner Arbeit bewirkt, "wir alle können entschieden, was wir mit unserer Zeit anfangen". Anstatt das eigene Talent einzusetzen, um an Überwachungssystemen mitzuarbeiten, solle ein Hacker mit seinem Können doch den Menschen zu größerer Freiheit verhelfen. Indem er freie Software schreibt oder Menschen hilft, im Netz anonym zu bleiben.

Und auch wenn das in diesem Saal wohl die meisten sogar können - so seien es doch nicht alle, die den Mut und die Zeit aufbringen würden, wirklich aufzustehen und zu helfen. Er nennt konkrete Aktivisten, lobt und ermuntert, nennt das Anonymisierungsprojekt Tor, an dem er mitarbeitet, WikiLeaks, waghalsige Whistleblower und Programmierer in Burma, die trotz aller Strafen und Bedrohungen weiter an freier Software arbeiteten.

Appelbaum selbst gilt in der Szene als unerschrockenes Beispiel für diese Form von Aktivismus; seine Unterstützung für Projekte wie WikiLeaks hat dem 29-Jährigen schon in Konflikt mit staatlichen Stellen gebracht. "Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal in den USA eingeschlafen bin, ohne mich zu fragen, ob ich wieder aufwache und eine Pistole in den Mund gehalten bekomme", sagt er.

Bei seinem technikaffinen Publikum scheint seine Botschaft anzukommen. Schließlich fordert er die Hacker auf, Überwachung aufzuspüren, zu benennen und zu stören. "Das ist euer Fachgebiet", ruft Appelbaum. Die Zuhörer applaudieren.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Medienkenner 27.12.2012
Ich sach ja, CCC als Regierungspartei, alle anderen weg.
2.
spassinderuni 27.12.2012
Zitat von MedienkennerIch sach ja, CCC als Regierungspartei, alle anderen weg.
Die würden es im vergleich zu der Piratenpartei auch hinbekommen
3. es gibt auch life streams
net-zwerg123 27.12.2012
Zitat von sysopDPAZum Start des Hacker-Treffens 29C3 fordert der Internetaktivist Jacob Appelbaum von den Besuchern Taten: Die Hacker sollen sich gegen den Überwachungsstaat wehren und ihre Fähigkeiten in den Dienst der Freiheit stellen. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/29c3-in-hamburg-jacob-appelbaum-spricht-auf-dem-ccc-kongress-a-874838.html
z.B. hier: 29C3 Streaming (http://saal1.rtmp.29c3.fem-net.de/lq/) (20:30 White IT & Clean IT - sicher interessant)
4. ohne Euch wird`s duster
dianadyba 27.12.2012
Er hat den Punkt getroffen. Ich würde mir wünschen, dass es mehr Anlaufstellen gibt, in denen ein Anfänger Wissen erwerben kann, ohne ein Studium absolvieren zu müssen. Für die Zukunft kann das für jeden sehr wichtig werden.
5. Demokratische Kontrolle
jocheno.b. 27.12.2012
funktioniert nicht mehr auf die konventionelle Art. Die Politiker finden immer wieder Wege die Wähler auszutricksen. Deshalb wird in der Zukunft Hacker Kontrolle wichtig sein.Anderenfalls werden die Mächtigen und die Hucke voll lügen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Netzpolitik
RSS
alles zum Thema Chaos Computer Club
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 13 Kommentare


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.