Hacker-Kongress Nerds im Schockzustand

Die schlimmsten Befürchtungen der Hacker sind wahr geworden. Die Snowden-Enthüllungen zeigen: Geheimdienste haben das Internet unterwandert. Auf dem Szenetreffen 30C3 in Hamburg geht es nun darum, Gegenstrategien zu entwickeln.

DPA

Hamburg - Die Hacker haben das Kongresszentrum eingenommen. Eine Rakete kündigte ihre Ankunft an, sie ist das Symbol des Chaos Communication Congress, des jährlichen Treffens der Hackergruppe Chaos Computer Club.

Tim Pritlove, in der Szene für seine Podcasts bekannt, eröffnete den 30C3 am Freitagvormittag: "Wir sind aus einem Alptraum aufgewacht in eine Realität, die noch schlimmer ist", sagte er. "Wir müssen das Internet neu erfinden, wir müssen das Internet neu denken." Der Lebensraum der Hacker werde durch die Überwachung wie durch ein Gift bedroht.

Pritlove rief dazu auf, sich gegen ausufernde Überwachung zu wehren. Die Geschwindigkeit, mit der sich die digitale Überwachung verbreite, müsse verlangsamt werden, sagte er. "Habt Spaß und rettet die Welt", rief er den Teilnehmern zu.

Überall in dem riesigen Kongressgebäude sitzen Menschen mit ihren Laptops auf dem Schoß. Bis zu 8000 Teilnehmer erwarten die Organisatoren. Plastikrohre mit roten Lämpchen winden sich durch das Gebäude, eine Mischung aus Rohrpost und Kunstprojekt.

Von Snowden-Enthüllungen schockiert

Darüber thront ein Radom, eines dieser weißen, kuppelartigen Gebilde, die normalerweise Spionagetechnik verhüllen sollen. Doch viele Hüllen sind gefallen in den vergangenen Monaten: Praktisch wöchentlich wurden neue Geheimnisse der Geheimdienste an die Öffentlichkeit gezerrt. Spionageprogramme bisher unvorstellbaren Ausmaßes wurden bekannt, sie betreffen die gesamte digitale Kommunikation.

Für die Hacker ist das auch eine Bestätigung ihrer Warnungen: "Durch die Snowden-Enthüllungen haben viele gesehen, dass wir nicht gesponnen haben die ganzen Jahre", sagt Frank Rieger vom Chaos Computer Club.

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Chaos Communication Congress: Hackertreffen feiert 30. Geburtstag
Dennoch sitzt der Schock in der Szene tief. Seine schlimmsten Alpträume seien noch übertroffen wurden, erklärte der Auftaktredner Pritlove. Daher gebe es auch kein Motto für den Kongress. "Dieses Jahr sind wir sprachlos", sagte er. "Es gab keine Botschaft, die stark genug war."

Verstoß gegen Bürgerrechte

In den vergangenen Jahren gab es oft augenzwinkernde oder auch leicht überhebliche Themen: "Wir kommen in Frieden" oder auch 2012 "not my department", was sich etwa mit "dafür bin ich nicht zuständig" übersetzen lässt. Das war damals ein kritischer Kommentar zu Politikern, die sich um die Auswirkungen ihrer Entscheidungen nicht kümmern. Dieses Jahr könnte es heißen: Wir sind alle zuständig. "Seid ein Teil der Lösung", lautet Pritloves Aufruf.

Wie eine solche Lösung aussehen soll, werden die Computer-Experten in den nächsten Tagen diskutieren - auf mehr als 100 Veranstaltungen, die live ins Internet übertragen werden. Aus ihrer Sicht muss viel repariert und erneuert werden. Dabei geht es nicht nur um die Szene selbst, in der viele in digitalem Selbstschutz versiert sind.

Einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der dpa zufolge glauben 84 Prozent der deutschen Internet-Nutzer, dass die Überwachung durch den US-Geheimdienst NSA und den britischen Partner GCHQ gegen die Bürgerrechte in Deutschland verstößt. Ihr Verhalten im Netz ändern dennoch nur wenige.

Was sich auf dem Kongress lohnt: Tipps von Hackern und aus der Netzwelt-Redaktion:

Fiona, eine der Chaospatinnen (das sind Begleiterinnen, die Neulinge an ihrem ersten Tag unterstützen): "Ich empfehle die Lightening Talks, gerade für Einsteiger. Das sind ganz viele kurze Vorträge hintereinander, jeder ist nur fünf Minuten lang. Wenn man ein Thema uninteressant findet oder nicht versteht, dauert es nicht lange. Fünf Minuten später geht es um etwas anderes."

(zum Beispiel Samstag, 12.45 Uhr, Saal G)

Jens von Wikimedia: "Ich empfehle den Vortrag 'Das Recht auf Remix' von Leonhard Dobusch. 2014 wird politisch gesehen ein hochinteressantes Jahr werden, was das Thema Copyright angeht. Ich bin der Überzeugung: Wenn uns etwas an der Weiterentwicklung der Kultur liegt, muss es ein Recht auf Remix geben."

(Sonntag, 17 Uhr, Saal 6)

Tabascoeye vom Hackerspace Raumzeitlabor: "Ich empfehle den Vortrag über das Tamagotchi-Hacken. Letztes Jahr gab es auch schon einen zu diesem Thema, und der war klasse - wenn auch am Ende schon etwas speziell."

(Sonntag, 17.15 h, Saal 1)

"Viele Leute dürfte auch interessieren, wie man Spielkonsolen hackt. Dazu gibt es auch in diesem Jahr wieder einen spannenden Vortrag."

(Freitag, 20.30 Uhr, Saal 2)

N-te, Software-Entwicklerin beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt: "Ich schaue mir auf jeden Fall 'Hillbilly Tracking of Low Earth Orbit' an. Das ist von jemandem, der mit einem umgebauten Fernseh-Übertragungswagen Satelliten verfolgt und herausfindet, was die eigentlich machen. Der Talk ist auch für Anfänger geeignet."

(Samstag, 14 Uhr, Saal 1)

Judith und Ole, Netzwelt-Redaktion SPIEGEL ONLINE: "Am Montag sollte man unbedingt früh aufstehen und um 11.30 Uhr 'To Protect And Infect' ansehen. In der Ankündigung heißt es bereits: 'Es wird Überraschungen geben.'"

(Montag, 11.30 Uhr, Saal 2)

ore/dpa



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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
berpoc 27.12.2013
1. Vorschlag:
Zitat von sysopDPADie schlimmsten Befürchtungen der Hacker sind wahr geworden. Die Snowden-Enthüllungen zeigen: Geheimdienste haben das Internet unterwandert. Auf dem Szenetreffen 30C3 in Hamburg geht es nun darum, Gegenstrategien zu entwickeln. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/30c3-hacker-diskutieren-nsa-affaere-in-hamburg-a-941018.html
Hackt die Rechner und Handies der Landtags- und Bundestagsabgeordneten und verbreitet die Inhalte im Internet. Nur diese Leute können die Gesetze ändern. Ihr Nichthandeln bedarf dringend eines Weckrufs zwecks Sensibilisierung.
thomas.b 27.12.2013
2. optional
Solange Infrastruktur wie Kabel und Knoten privatwirtschaftlich und / oder staatlich bleibt, wird es immer Missbrauch geben. Eine unabhängige Infrastruktur ist zwar noch Utopie, aber für mich der einzige Weg.
Jasmin Kraft 27.12.2013
3. naja ...
... ich würde mir wünschen dass man sich nicht nur gegen ausufernde Überwachung wehrt, sondern überhaupt gegen Überwachung. Und da gehen ja die angeblich nichts Böses tuenden Konzerne wie Google immer vorne weg. Also erstmal mit Google und Facebook klar kommen und dann mit der NSA aufräumen. Wenn aber weiterhin der exhibitionistische Umgang mit persönlichen Informationen, und seien es auch nur Standortdaten, als einziger glorreicher Weg der Informationsgesellschaft gepriesen wird, dann gute Nacht ...
schangrila 27.12.2013
4. Software ?!
Zitat von sysopDPADie schlimmsten Befürchtungen der Hacker sind wahr geworden. Die Snowden-Enthüllungen zeigen: Geheimdienste haben das Internet unterwandert. Auf dem Szenetreffen 30C3 in Hamburg geht es nun darum, Gegenstrategien zu entwickeln. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/30c3-hacker-diskutieren-nsa-affaere-in-hamburg-a-941018.html
Es braucht doch nur einer oder eine Gruppe dieser "Hacker" eine Software entwickeln, die nicht abgehört werden kann und die die Empfehlungen wie ein User sich verhalten soll automatisiert umsetzt. Eine Art Whatsapp mit sicherer Verschlüsselung wäre schon mal ein Anfang für ein Millardengeschäft. Ein anderer Ansatz: Firewall und Virenscanner werden erweitert um automatisches Daten-Routing bei allem was die Netzwerkkarte passiert und schleust über diese ominösem Rechnerwolken (Rückverfolgbarkeit erschweren), verschleiert die IP und zusätzlich um Krytografie der Daten zwischen Sender und Empfänger. Mit soetwas wären zumindest Mail- und Chatverkehre wieder sicher und bequem wäre es auch. Aus Bequemlichkeit und weil sich vieles viel zu schnell ändert machen das die meisten privat nicht, ihr Verhalten anpassen. Zumal das meiste ja angeblich das auspioniert werden nur erschwert, nicht wirklich verhindert. Also Jungs, schafft so eine Software, ggf. in Kombination mit Hardware und ihr seid das nächste FB/Google/blablabla Startup das Milliarden macht :-) Nur Mut, der Markt ist reif und vor allem vorbereitet ;-)
audumbla 27.12.2013
5. Gegenangriff
Ich schlage vor, dass der CCC ein Hack jedem Internet-User zur Verfügung stellt, das jeder verbreiten kann und so dieses Hacktool überall einschleusen kann, auch beim BND oder der NSA, dann ist allen alles bekannt und es gebe keine Geheimnisse mehr!
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