CCC-Treffen in Hamburg Hacker auf Klassenfahrt

Europas größtes Hacker-Treffen erlaubt Einblicke in eine mächtige Subkultur. Wird hier tatsächlich vier Tage über Bürgerrechte und Freiheit gestritten? Nein, am Ende geht es um etwas ganz anderes.

Besucher auf dem CCC-Kongress: Wohlfühlkonferenz mit Sofas, Sitzkissen und megaschnellem Netz
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Besucher auf dem CCC-Kongress: Wohlfühlkonferenz mit Sofas, Sitzkissen und megaschnellem Netz

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Ihre Welt, das muss man den Hackern lassen, sieht einfach gut aus: Es blinkt, leuchtet und fiept in jeder Ecke. Da ruckelt Rohrpost an der Decke entlang, und eine Frau im Kapuzenpulli lässt per Fernsteuerung einen aufgeblasenen Hai-Luftballon durch die Flure fliegen. Die Leute sind verspielt und auch noch nett zueinander.

Das ist nicht selbstverständlich, denn der alljährliche Kongress des Chaos Computer Club (CCC) ist zum größten Treffen von Internetaktivsten und Hackern in Europa angewachsen. 12.000 schlurfen in diesem Jahr über den Teppich vom Hamburger Congress Centrum. Der Kongress, so sagt es Mitorganisator Linus Neumann, ist mittlerweile "eine der politischen Großveranstaltungen in Deutschland".

In diesem Jahr, zur 32. Auflage des Chaos Communication Congress, geht es um "gated communities", geschlossene Gemeinschaften im Netz und auch sonst. Vier Tage werde, so die Außenwahrnehmung, über Bürgerrechte und Freiheit im Netz diskutiert.

Gäbe ja auch viel zu bereden: In der Politik lief zuletzt vieles gegen die Interessen der Aktivisten. Außerdem greifen die Tech-Giganten nach immer mehr Macht, vernetzt das Internet der Dinge den Alltag, und eine Flüchtlingskrise, Stichwort "gated communities", gibt es ja auch noch.

Schlurft man eine Weile mit über den Teppich im Hamburger CCH, merkt man allerdings: Um Politik geht es hier irgendwie gar nicht. Nur: worum dann?

Polit-Quatsch, Cyberclown, Klassenfahrt

Im "Jahresrückblick" der Sprecher des CCC ein Einblick: Manche der Sprecher beteiligen sich ja sehr wohl an den politischen Debatten, schreiben Meinungsartikel, sitzen auf Podien, beteiligen sich an Klagen. Wir kümmern uns schon um das Schwarzbrot, lautet ihre Botschaft in ihrem zweistündigen Vortrag.

Ihrer Community präsentieren sie hier vergangene Veranstaltungen und Pressemitteilungen, bevor Sprecherin Constanze Kurz sagt: "Von dem Polit-Quatsch haben wir uns dann Urlaub genommen", sie fährt einen Film ab.

Der fünfminütige Clip ist vom schönen Sommerlager des Clubs, das im platten Brandenburg gefeiert wurde. Tosender Applaus. Wie auch bei der Begrüßung um halb 12: "Schön, dass ihr so früh da seid!" Man feiert sich selbst, johlt aber auch bei den Seitenhieben auf den Innenminister (dessen Frage, ob er die Krisennummer des CCC bekommt, in ein lustiges Elektrolied gemischt wird), oder den designierten BSI-Chef ("Cyberclown"). Das war es dann aber auch mit dem Polit-Quatsch.

Von Sonntag bis Mittwoch wird im Congress Center Hamburg gebastelt, gelernt, diskutiert und gefeiert. 12.000 Besucher hat der Chaos Computer Club zur diesjährigen Jahreskonferenz (32C3) erwartet.

Lichtkunst: Besucher vor einer Kunstinstallation aus erleuchteten Plastikboxen.

Feierzone: Am Vorabend des 32C3 sind die meisten Bars noch geschlossen. In den folgenden Tagen kann der ein oder andere IT-Spezialist nach diesem Jahr aber wohl einen starken Drink gebrauchen.

Kabelbaum: Die Treffen der Hacker sind bekannt für ihre ausgefallenen Kunstwerke und Beleuchtungskonzepte. Diesmal ist es ziemlich grün im Hamburger Congress-Centrum: Bäume und Pflanzen machen das große Tagungsgebäude zum Garten - oder zum Dschungel?

Vorträge, Vorträge, Vorträge: Zeitgleich erklären in mehreren Sälen parallel die Experten, woran sie das Jahr über gearbeitet haben. Hier zu sehen ist der Sicherheitsforscher Sergey Gordeychik, der sprich über mögliche Angriffe im Schienenverkehr.

Viele Diskokugeln: Es blinkt und funkelt im Congress Centrum. Mit jedem Tag kommen mehr Lichter und Kunstprojekte hinzu.

Hier wird nachts gefeiert. Diesmal haben die Veranstalter einen futuristischen Campingplatz aufgebaut, mit Wohnwagen und Wohnmobilen. Das erinnert nicht nur an den Film "Spaceballs", sondern manchen Partygast vielleicht auch an das Hacker-Camp, das ebenfalls in diesem Jahr stattgefunden hat.

Ab geht die Post: Wie in den Vorjahren gibt es auf dem Gelände ein Rohrpostsystem, das unter dem Namen Seidenstraße bekannt ist.

Hacker-Halle: In diesem Jahr ist das Congress Center besonders gut besucht und restlos ausverkauft. Nicht jeder, der ein Ticket wollte, hat auch eins bekommen.

Zu sehen gibt es auch Pixelkunst - in diesem Fall passen sich die Pixel dem Geschehen vor dem Bildschirm an. "Zeig mir deine Farben und Lichter. Ich mache Farben und Lichter draus", steht auf dem Zettel hinter der Apparatur, die aus einer Kamera, Papierröhren und einem Fernseher besteht.

Willkommen im Internetkurort: Als neuer Besucher kann man sich im Congress Center leicht verirren, das Gebäude ist recht weitläufig.

Raumschiff-Optik: Ein Verbindungsgang im Erdgeschoss.

Holzhütte mit Projektion: Vom lärmenden elektronischen Weihnachtsmann bis zum Wildschweinkopf ist beim 32C3 fast jedes Accessoire erlaubt.

Etwas zum Anfassen und Anschauen: Die Kinder der Hacker können auf dem Gelände mit Sand spielen, der mit mehreren Farben angestrahlt wird. Ebenso gibt es ein Bällebad.

Jahresrückblick des Chaos Computer Clubs: Frank Rieger, Constanze Kurz, Erdgeist, Nexus und Linus Neumann (v.l.) blicken auf die vergangenen zwölf Monate zurück.

Aus CCH wird CCC: Jedes Jahr machen die Hacker schon am Gebäudenamen deutlich, wer dort gerade zu Gast ist.

Und Sonntagabend wird sogar das benachbarte Radisson-Hotel genutzt, um auf den 32C3 aufmerksam zu machen. Dass auf unseren Bilder keine Menschen zu sehen, ist übrigens kein Zufall: Die Hacker haben relativ strikte Regeln, wenn es ums Fotografieren im Congress Centrum geht.

Hacker-Spielzeug: Die Besucher haben alles mögliche mitgebracht, das sie vor Ort den anderen vorstellen und an dem sie gemeinsam herumbasteln können.

Schattenspiele: Hier spielen Besucher mit ihrem digitalem Spiegelbild, das die von einer Kamera aufgenommenen Umrisse der Spieler in Steuerbefehlen für Computer darstellt.

Saal 1: Der größte Vortragsraum wird regelmäßig rappelvoll, nicht nur zur Eröffnungsveranstaltung wie hier.

Tüfteln: Der Congress ist aufgeteilt in verschiedene Bereiche und Nischen, in denen die Gruppen sich zum Teil mit ganz bestimmten Themen auseinandersetzen. Es wird an Hardware gelötet oder Code geschrieben, über Netzpolitik diskutiert oder Bier getrunken.

Spaß am Gerät: Congress-Besucher beim Flippern.

Held der Hacker: Teilnehmer haben mit einem 3D-Drucker eine Büste des Whistleblowers Edward Snowden ausgedruckt.

Kreatives Chaos: Auf einem Tisch im CCH liegen Lötkolben, Netzstecker, Computerkabel und Leuchtkabel herum.

Es ist Klassenfahrt, das Gemeinschaftsgefühl wird gestärkt, im Zweifel gegen die Ignoranten da draußen. Wenn es da draußen schon so mies läuft, halten wir zusammen. Keine Debatte nach dem Jahresrückblick, keine Debatte nach dem Vortrag zum VW-Abgasskandal, zumindest nicht im Saal.

"Endlich mal normale Leute", so antworten wortgleich mehrere Besucher, wenn man sie fragt, was sie auf dem Kongress suchen. Unter den Gleichgesinnten gilt: Überwachung ist schlecht, Freiheit ist gut, die Partys nachts sind es auch. Worüber also noch diskutieren? "Wir bauen uns für fünf Tage unser eigenes Utopia", sagt dann auch CCC-Sprecher Neumann, ein freundlicher Berliner mit St.-Pauli-Kappe.

Der Kongress ist eine Wohlfühlkonferenz mit Sofas, Sitzkissen und megaschnellem Netz. Daniel Domscheit-Berg, der mal mit WikiLeaks die US-Regierung blamierte, sah man auf dem Kongress beim Löten mit Kindern. Es wirkt wie ein Rückzug ins Wellness-Bällebad. Es gibt, auf dem Pappteller, auch ayurvedische Gemüsepfanne für acht Euro.

"Die Leute wollen eine politische Kraft sein, wissen aber nicht wie"

Die Selbstzufriedenheit steht in einer gewissen Spannung zu den Entwicklungen in Politik und Wirtschaft. Die Vorratsdatenspeicherung, das absolute No-Go für die hier Versammelten, ist seit zwei Wochen in Kraft, in der Wirtschaft grassiert der Datenrausch. "Wir tun schon unser Bestes", sagt Neumann. "Schreib aber auch: Wir sind weit davon entfernt aufzugeben."

Natürlich gibt es auch Vorträge zum NSA-Ausschuss, aber vor allem geht es, wie eh und je, viel um Technik. Da zerlegten zwei Leute das nordkoreanische Betriebssystem, ein anderer referiert, wie er im Code eines VW-Motorsteuergeräts nachwies, wie die Abgasmanipulation programmiert wurde, und über die Probleme von 125-Kilohertz-Transpondern der Marke Hitag S erfährt man auch etwas (sofern man denn möchte). Der Mann hinter dem VW-Hack, Felix Domke, sagt, er komme "wegen der Technik" hierher.

Es sind fast ausnahmslos Referate, ohne Zwischenfragen, ohne Debatte, dafür mit viel Applaus. Es genügt, hier zu sein - oder zu zeigen, dass man schon vor Jahren dabei gewesen ist. Shirts früherer Kongresse sind der Style der Saison.

Die ungewöhnliche Keynote-Rede

Einer der wenigen, die Sakko tragen, sagt: "Die Leute hier wollen schon eine politische Kraft sein, sie wissen aber nicht wie." Martin Delius saß mal auf einer Brücke zwischen Hacker-Community und Politik - er war einer der Köpfe der Piratenpartei. Die Piraten sind aber am Ende. Delius, einer der wenigen Politikprofis in ihren Reihen, kehrte der Partei kürzlich den Rücken. "Die CCC-Community hat keine Partei, die sie vertritt", sagt er.

Und auch ein politischer Auftritt wie die diesjährige Keynote entfaltet so keine große Wirkung.

Auf der Bühne stand bei ebenjener Eröffnungsrede Fatuma Musa Afrah, gerade nach Deutschland geflüchtet, eine schwarze Frau aus Somalia, mit Kopftuch und langem Rock, die auch, wie sie mehrfach betonte, keinerlei Ahnung von Technik oder Internet habe. Das allein war schon ein gutes Bild, weil man ansonsten wenige Schwarze, geschweige denn Kopftücher, auf dem CCC-Kongress sieht.

Die Rednerin bekam auch viel Applaus, wenn sie Sätze sagte wie: Wir müssen uns gegenseitig unterstützen. Oder: Wir müssen uns respektieren. Wer würde da widersprechen?

Neumann, auf dessen Initiative Afrah eingeladen wurde, sagt: "Man kann nicht anders, als beim Thema gated communities die Frage der Geflüchteten zu stellen." Aber in der Frage fällt den Hackern auch nicht viel mehr ein als zu sagen: Internetzugang ist ein Menschenrecht (was Freifunk-Aktivisten ja versuchen durchzusetzen, mit unterschiedlichem Erfolg). Neumann sagt: Wir sind zu groß, um eine klarere Position zur aktuellen Politik formulieren zu können als 'So nicht!'"

Der 32-Jährige sagt, man vermittle beim CCC Werte, damit sorge man dafür, dass die Hacker nicht auf die dunkle Seite wechseln. "Wir haben hier die Programmierer von Facebook sitzen, wir haben hier die Leute, die Sicherheitssysteme bauen und kaputtmachen."

Keine Frage, beim Hackerkongress treffen sich Menschen, die Einfluss haben auf unsere vernetzte Welt. Aber was wollen sie anfangen mit ihrer Macht?

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Klugsaurier 29.12.2015
1. Nächstes Jahr
Nächstes Jahr ist der CCC in Berlin.
hwy2001 29.12.2015
2. Datum?
Wann genau?
infoseek 29.12.2015
3. Soso, Klassentreffen.
Wenn sich der Autor des Artikels samt SPON-Redaktion da mal nicht täuscht. Der Kongress wächst Jahr für Jahr, und was da präsentiert wird, ist seit vielen Jahren von höchster gesellschaftlicher Relevanz. Die Teilnehmer sind längst eine der wichtigsten Zielgruppen der Geheimdienste. Und aus der Perspektive der Eliten erwachsen aus ihren Reihen potentielle Gefährder. Ach nee, ist ja bloß ein Klassentreffen ...
wauz 29.12.2015
4. Die Diskussionen finden statt
Es gehen ja nicht nur leute zum Kongress. Ein mehrfaches an Interessenten belagert die Server des CC, um Filmmitschnitte und Scripte zu laden. Da, im Netz, findet auch die Diskussion statt. Diejenigen, die den Vorträgen zuhören, können sich zeit lassen mit ihren Diskussionsbeiträgen. Der Congress IST ein politisches Ereignis, das einen langen Nachhall haben wird. Auch wenn SPON-Journalisten das nicht sehen, weil sie nicht in die richtigen Ecken schauen.
schumbitrus 29.12.2015
5.
Ich bin es auf Kongressen abseits von Podiumsdiskussionen nicht gewohnt, dass während der Vorträge diskutiert wird. Es gibt im Anschluss stets eine Q&A-Runde. Was genau ist daran ungewöhnlich? Es ga zu Berliner Zeiten (als das Rauchen noch erlaubt war ..) sicherlich diskursivere aber auch deutlich chaotische und vor allem schlechtere Sessions. Der vom Autor zitierte Vortrag zum Diesel-Gate war ein Highlight, weil darin 1. die Prozesse der Kfz-Industrie und 2. dann der systematische Betrug sichtbar gemacht wurde - und dass der Betrug eben Bestandteil der Produkt-Philosophie war! Als Konsequenz kann sich der geneigte Zuschauer nach dem Vortrag übrigens überlegen, wie sinnvoll es ist, dass die Software der Kfz-Steuerung nicht offen gelegt und vn unabhängiger dritter Seite geprüft wird. Denn natürlich muss man die Frage stellen, wieso Kfz, die einen x-fach über dem Grenzwert liegenden NOx-Ausstoß erzeugen, überhaupt noch frei rum fahren dürfen! Mit jeder Fahrt werden Fußgänger und Radfahrer am Körper verletzt - in der Lunge verätzt! Bei einer Transparenz, z.B. mit quelloffener Steuerungssoftware zur Motorensteuerung hätte sich kein Hersteller diesen Betrug gewagt! Extrem gut war übrigens auch der Vortrag "Safe Harbor" von Max Schrems. Er hat den Hintergrund, das Vorgehen und einige Details des gekippten Abkommens mit den USA dargestellt, dann aber auch darauf hingewiesen, dass sich aktuell aber jeder US-Datendienstleister auf sehr dünnem Eis befindet und alle Einwilligungen zum Datentransfer illegal sind - weil man eben nicht explizit einwilligt, dass z.B. die Unternehmensdaten und Adressbücher an FBI und CIA weiter gegeben werden. Es ist schon sehr arrogant, diese Veranstaltung mit 12.000 z.T. sehr hochkarätigen Computer-Spezialisten als Klassentreffen marginalisieren zu wollen!
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