Hackerkongress 33C3 Prügel im Parlament und ein Fahrstuhl zum Mond

Hamburg ist wieder Hacker-Hauptstadt: Im Kongresszentrum CCH treffen sich bis Freitag Tech-Interessierte aus aller Welt. Auf dem 33C3 geht es um Cyberangriffe und Weltraum-Technik, aber auch um Rechtspopulismus.

Das Kongresszentrum CCH beim Chaos-Congress 2015
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Das Kongresszentrum CCH beim Chaos-Congress 2015


Viele Menschen fahren zu Weihnachten nach Hause, manche fühlen sich aber erst ab dem 27. Dezember wirklich daheim: auf der Jahreskonferenz des Chaos Computer Clubs (CCC). Vier Tage lang wird in Hamburg das Kongresszentrum CCH friedlich von Hackern übernommen - mit zahlreichen Vorträgen und eigener Telefoninfrastruktur, aber auch mit einer Partyzone. Dafür, dass alles rund und nach Zeitplan läuft, sorgen viele ehrenamtliche Helfer, die sogenannten Engel.

Die Hackerszene hat in diesem Jahr eine Menge aktueller Themen, die den 33. Chaos Communication Congress (33C3) begleiten. Von Angriffen auf Telekom-Router, Datenlecks bei Unternehmen bis zur Sorge vor Manipulationen bei der Bundestagswahl 2017 gibt es Ende Dezember genügend Diskussionsstoff.

Die Veranstaltung ist seit Wochen ausverkauft. Mehr als 12.000 Teilnehmer haben sich zum 33C3 angekündigt, der zum vorerst letzten Mal im Hamburger Kongresszentrum CCH stattfindet. Der Veranstaltungsort wird bis 2019 saniert, eine neue Location ist noch nicht bekannt.

"Der große Zulauf zeigt, dass viele Menschen von Technik begeistert sind und dies mit einem Bedürfnis nach positiven menschlichen Utopien verbinden", sagt Linus Neumann vom Chaos Computer Club (CCC). "Sie sind mit vielen Entwicklungen in Politik und Geheimdiensten nicht glücklich und finden mit dem Kongress den passenden Ort, um sich darüber auszutauschen. Wir werden ein großes Fest des Wissens und der Community feiern."

Manipulationen aufgedeckt

Tatsächlich haben besonders die Vorträge des CCC-Events einen hervorragenden Ruf: Ihre Videoaufzeichnungen werden zum Teil auch Monate oder Jahre später angesehen und weitergeschickt. In diesem Jahr reicht die Themenbandbreite von der Sicherheit bei einem Finanz-Start-up bis zur Geschichte der Parlamentsschlägerei. Es geht um Großthemen des Jahres 2016, wie Verschlüsselung versus Ermittlungsarbeit, aber auch um die Technik-Zukunft, etwa, was Virtual-Reality-Brillen betrifft. In einem Vortrag wird gezeigt, was sich alles aus bei SPIEGEL ONLINE erfassten Daten herauslesen lässt.

Wie Hacker-Techniken auch von staatlichen Geheimdiensten eingesetzt werden, erfuhr in diesem Jahr etwa der Menschenrechtsaktivist Ahmed Mansoor in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Es wurde versucht, desseniPhone mit der Schadsoftware "Pegasus" zu infizieren. Das Gerät hätte daraufhin sensible Daten wie E-Mails und Aufenthaltsorte an den unbekannten Angreifer gesendet. Mansoor, der schon früher Ziel solcher Attacken war, klickte allerdings nicht auf die Links, sondern alarmierte das kanadische Forschungsinstituts Citizenlab.

DasCitizenlab und die IT-Sicherheitsfirma Lookout analysierten, wie Pegasus die inzwischen geschlossene Sicherheitslücke im iPhone-Betriebssystem iOS ausgenutzt hat. Einer der beteiligten Experten stellt in Hamburg die "Pegasus"-Interna vor. "Das ist staatliches Hacking gegen Dissidenten", sagt CCC-Sprecher Neumann.

An dieser Schnittstelle von Technik und gesellschaftlicher Relevanz werde deutlich, was den Chaos Communication Congress auszeichne. Neben Schadsoftware werden auf dem 33C3 aber zum Beispiel auch Spielkonsolen wie die Wii U und die Playstation 4 auseinandergenommen.

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"Works for Me"

Mit dem diesjährigen Motto "Works for Me" - auf Deutsch: "Funktioniert für mich" - stellt der CCC eine typische Haltung von Software-Entwicklern infrage, die auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen verbreitet ist: Wenn für sie selbst etwas funktioniert, kümmern sie sich nicht weiter um ein Problem. Das Jahr 2016 habe gezeigt, dass diese selbstbezogene Sichtweise eben nicht mehr funktioniere, schreiben die Veranstalter. Diese Haltung möchten sie ändern.

Ethik, Gesellschaft und Politik sind neben Software und Kommunikationstechnik zentrale Themen des Kongresses. Vor allem der zweite Tag werde ganz im Zeichen der Kritik am Rechtspopulismus stehen, kündigt Neumann an. So soll in einem Vortrag gezeigt werden, mit welchen rhetorischen Tricks Rechtspopulisten agieren "und wie Populisten demaskiert werden können". Später folgt eine Aufführung zum Thema NSU. Am Montag geht es zum Beispiel um rechte Falschmeldungen in sozialen Netzwerken.

Die Hacker-Ethik ist dem CCC auch in den eigenen Reihen wichtig. Nach Vorwürfen sexueller Übergriffe ist der einstige Szenestar Jacob Appelbaum auf dem Kongress für "nicht erwünscht" erklärt worden. Der Mitentwickler des Tor-Projekts für anonyme Web-Nutzung, der in der Vergangenheit auch für den SPIEGEL tätig war, hat die Vorwürfe zurückgewiesen.

Der kritische Blick auf die Politik richtet sich auch auf den beginnenden Bundestagswahlkampf und die Möglichkeit von Wählermanipulationen. "Diese Strategien gehen zunehmend in die Richtung, jeden einzelnen Wähler dort abzuholen, wo er ist", vermutet Neumann. Die dabei verwendeten Techniken und Taktiken seien auf jeden Fall kritisch zu beobachten.

Die Hacker heben in diesem Jahr auch in den Weltraum ab: Peter Buschkamp vom Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik etwa will darlegen, warum das Überleben der Menschheit langfristig davon abhängt, dass wir "eine interplanetare Spezies" werden. Und Markus Landgraf von der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) spricht über einen "Fahrstuhl zum Mond (und zurück)".

SPIEGEL ONLINE wird aktuell über den Kongress berichten. Das Programm findet sich im sogenannten Fahrplan, Livestreams können hier abgerufen werden.

brt/mbö/Peter Zschunke, Jenny Tobien, dpa



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syndicat 27.12.2016
1. Kadermühle für künftige Regimelinge
Stand der CCC noch vor 20 Jahren für die Rechte des Bürgers vor dem Staat und anderen übergriffigen Entitäten, steht der Verein heute umso mehr im Dienst des Regimes und je weniger hochkarätige computersicherheitstechnische Themen die Arbeit des CCC bewegt, desto parteipolitischer gibt sich der Verein gegenüber der Öffentlichkeit und man wird den Eindruck nicht los, das der CCC von immer mehr Zeitgenossen als Plattform zum Sprung in eine staatliche Beraterposition oder in die Regierung gesehen und genutzt wird, wobei die damit verbundene "Expertise" längst mehr Schein als Sein ist und vor allem von der Geschichte des CCC zehrt, in dem schon früher nur wenige echte "Hacker" waren. Während der CCC noch früher vehement auf die Gefahren durch den Ausbau staatlicher Überwachung und Ausspionage des Bürgers wie den Rückbau informationeller Selbstbestimmungsrechte durch den Staat aufmerksam machte und damit verbundene Risiken durch Hacks aufzeigte, blieb er über Jahre außerordentlich stumm bei der explodierten Aushöhlung dieser Rechte in den letzten Jahren und stattdessen faseln CCCler in den Medien etwas von "den Geheimdiensten" (wobei freilich der pöse NSA primär gemeint sei), empfiehlt sogar Gesetze zur sozialistischen "Regulierung" des Internets, und dies jenseits sachlich-fachlicher Kompetenz und nun will der CCC dem Staat auch noch beim "Aufspüren von FakeNews" behilflich sein. Seine heutige "Reinterpretation" der "Hacker Ethics" spricht eigentlich schon für sich. Der CCC ist heute einem Parteifunktionärsclub weitaus näher als der informationstechnologischen Bürgerrechtsbewegung und vor allem IT Club, die er mal sein wollte. Die wenigen höher hängenden Hacks stammen auch dieses Jahr nicht aus CCC-Kreisen, sondern dem Ausland oder anderen Hackern/Sicherheitsexperten, was freilich bei kaum einem Normalbürger, der den CCC für den kompetenten Urheber hält, ankommt. Das der CCC freilich längst sich von staatlichen Subventionen lebt, sei da nur am Rande erwähnt...
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