Abgeschalteter Sender: Al-Dschasira bittet Blogger um Hilfe

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Büros geschlossen, Mitarbeiter zeitweise festgenommen - al-Dschasira darf nicht mehr aus Ägypten berichten. Doch der TV-Sender weiß sich zu helfen: Statt eigener Beiträge sendet er jetzt Berichte von Web-Aktivisten und Filme aus den Handy-Kameras der Demonstranten.

Fehlermeldung eines Sat-TV-Betreibers in Ägypten: al-Dschasira ist offline Zur Großansicht
AFP/ NILESAT

Fehlermeldung eines Sat-TV-Betreibers in Ägypten: al-Dschasira ist offline

Hamburg - Kein Fernsehsender berichtete so detailliert und ausführlich über den Aufstand in Ägypten wie al-Dschasira. Überall in der arabischen Welt verfolgten die Menschen die Revolte gegen Diktator Husni Mubarak live am Bildschirm - bis zum Wochenende. Da war plötzlich Schluss: Das bedrängte ägyptische Regime entzog dem TV-Sender die Lizenz und dessen Journalisten die Arbeitserlaubnis.

Am Montag folgte der nächste Schlag: Die ägyptische Armee nahm in Kairo zeitweise mehrere al-Dschasira-Mitarbeiter fest. Außerdem seien Geräte der Mitarbeiter beschlagnahmt worden, berichtete der Sender.

Doch al-Dschasira weiß sich zu helfen: An diesem Montag rief der Sender die ägyptischen Blogger dazu auf, Bilder und Informationen direkt an den Sender zu schicken - denn wegen der zeitweisen Kappung der Internet-Zugänge fehlt ihnen ja ohnehin die Veröffentlichungsplattform.

Die spontane Kooperation zwischen TV-Station und privaten Web-Aktivisten funktioniert: Der Sender bietet nun nicht nur mit Live-Blogs, die von Korrespondenten, Anrufern aus Ägypten und per Handy hochgeladenen YouTube-Videos gefüttert werden, einen direkten Draht zur ägyptischen Straße. Inzwischen haben die Kameraleute einfach umgesattelt und versorgen ihre Zielgruppe als Quasi-Radioreporter mit Augenzeugenberichten, die per Handy abgesetzt auf eigens eingerichteten Audio-Seiten in verschiedenen Sprachen angeboten werden.

Schlüsselrolle im arabischen Raum

Al-Dschasira nimmt damit eine Schlüsselrolle in der Berichterstattung über die aktuellen Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten ein. Innerhalb Ägyptens gelingt es der Regierung zwar anscheinend zunehmend, den aktuellen Informationsfluss einzudämmen. Das reicht aber offensichtlich nicht mehr, um ein geschöntes Bild zu produzieren: Die Proteste laufen weiter, die Bewegung hat "Werbung" nicht mehr nötig. Die Verbindung zur Weltöffentlichkeit wird trotz Sende- und Berichtverbot von al-Dschasira gehalten.

Einmal mehr beweist sich al-Dschasira damit als das entscheidende Medium in der Region.

Der Sender spielte schon beim Aufstand in Tunesien die Rolle, die CNN im Golfkrieg 1991 eingenommen hatte: Al-Dschasira lieferte die meisten, aktuellsten und besten Bilder - und das oft exklusiv.

Im arabischen Raum wird diese Schlüsselstellung durchaus kontrovers diskutiert. Manche halten al-Dschasira für einen der Hauptfaktoren dafür, dass die Unruhen und Proteste überhaupt von Tunesien auf andere Länder der Region übergriffen - mehr noch als das Internet. Der Vorwurf gegen al-Dschasira, populistisch vor allem im Sinne der Zielgruppe zu berichten und dabei mitunter parteiisch Stellung zu beziehen, ist nicht neu. In den USA brachte dies dem Sender einst den Ruf ein, "anti-amerikanisch" zu agieren. Zeitweilige Büro-Schließungen und Sendeverbote erlebte al-Dschasira unter anderem im Irak (2006), in Marokko und in Kuwait (beide 2010).

Protest gegen Arbeitsverbot für Reporter

Erst in der vergangenen Woche beschwerte sich die Palästinensische Autonomiebehörde, al-Dschasira schließe sich einer "Schmierenkampagne" an, die die islamistische Hamas begünstige und Unruhe in den palästinensischen Gebieten schüren solle. Es kam zu einer Attacke auf al-Dschasiras Büro in Ramallah, das von den Angreifern verwüstet wurde.

Auch im Libanon wurde Kritik laut: Anhänger des abgesetzten Premiers Saad al-Hariri beschuldigten den Sender, Stimmung für die Hisbollah gemacht zu haben. Klar ist jedenfalls, dass sich der Sender aus dem Emirat Katar nicht scheut, meinungsfreudig zu berichten - und dabei gern auf das hört, was er für die Stimme der Straße hält.

Ägyptens Regierung teilt diese Einschätzung offenbar, wie sie mit dem jüngsten Sendeverbot dokumentierte. Derweil läuft in den USA eine nahezu gegenläufige Diskussion. Dort war der arabische Sender in den meisten Kabelnetzen abgeschaltet worden, als die USA gegen Afghanistan und Irak zu Felde zogen. Jetzt mehren sich Kundenforderungen, aber auch Stimmen aus der Politik, den Sender wieder ins Programm zu nehmen. Die Organisation Reporter ohne Grenzen protestierte inzwischen öffentlich gegen das Arbeitsverbot in Ägypten.

Al-Dschasira selbst sieht die eigene Rolle journalistisch und nicht subversiv: Natürlich gebe es in der gesamten muslimischen Welt ein lebendiges Interesse an den Vorgängen in Ägypten, verteidigt sich die Senderleitung gegen den Vorwurf der Parteilichkeit.

In den vergangenen Tagen war es auch in anderen Ländern des arabisch-muslimischen Kulturraums zu Protesten gegen die dortigen Regierungen gekommen. Im Jemen schien sich zeitweilig eine breite Protestwelle anzukündigen, die jedoch über das Wochenende zunächst abebbte. Einzelne Proteste in Jordanien und Algerien erreichten keine vergleichbare Dynamik wie in Tunesien oder Ägypten. In Marokko kam es im Verlauf der vergangenen Woche zu mindestens vier Versuchen einer öffentlichen Selbstverbrennung. Anders als in Tunesien verursachten diese Vorfälle dort keine größeren Unruhen: Was vielleicht als Versuch gemeint war, wie in Tunesien Menschen zu mobilisieren, wurde von den dortigen Regierungen erfolgreich als Selbstmordversuch aus persönlichen Gründen gedeutet.

Regierungen halten mit Web- und Medienzensur dagegen

Im Sudan löste die Polizei am Sonntag mit Gewalt eine Demonstration auf, zu der nach tunesisch-ägyptischem Vorbild eine Facebook-Gruppe aufgerufen hatte. Der Zugang zu der Facebook-Gruppe wird im Sudan inzwischen blockiert, die Regierung verbot am Montag zudem die Verteilung zweier Tageszeitungen, um den Informationsfluss über die aufkeimenden Unruhen einzudämmen.

Die Frage, ob die Beispiele Tunesien und Ägypten reichen werden, um per Internet und Medien ähnliche revolutionäre Prozesse in weiteren Ländern einzuleiten, bleibt offen. Die sozialen und gesellschaftlichen Zustände in den arabischen Ländern sind zum Teil sehr unterschiedlich.

  • In Marokko etwa herrscht weitgehende Wahlfreiheit zwischen konkurrierenden Parteien - auch, wenn bei den wichtigsten Entscheidungen am Ende der König das letzte Wort hat. Kleine Zugeständnisse sollen die Bevölkerung ruhigstellen, die Regierung gilt als stabil.
  • Auf das beschwichtigende Potential solcher Zugeständnisse hofft nun anscheinend auch Syriens autoritär regierender Staatschef Baschar al-Assad. Offenbar präventiv preschte der in einem Interview mit dem "Wall Street Journal" vor und stellte politische Reformen in Aussicht. Die Proteste in Ägypten, Tunesien und im Jemen leiteten "eine neue Ära" im Nahen Osten ein, sagte er der Zeitung, und dass arabische Regierende den wachsenden politischen und ökonomischen Ansprüchen ihrer Bürger entgegenkommen müssten. Einsicht, soll das wohl signalisieren, ist schon vorhanden, Syrien damit auf dem Weg zur Besserung.

    Assad rechnet offenbar mit einem Übergreifen von Protestwellen vor allem auf die kurdischen Gebiete in Syrien. Bereits am Samstag soll die syrische Armee Einheiten in die Nähe der Millionenstadt Aleppo verlegt haben, in der viele Kurden leben. Eine kurdische Oppositionspartei hatte zu Protesten nach Vorbild der Bewegungen in Ägypten und Tunesien in Syriens zweitgrößter Metropole aufgerufen.

Den Menschen auf der Straße näher als den Herrschenden

Al-Dschasira hat all das im Blick und setzt oft auf einen originellen richtigen journalistischen Spin. Ein Blick auf die Schlagzeilen dieses Montagvormittags zeigt schon, warum gerade den autoritären Regierungen der Region die forsche Berichterstattung des Senders kaum gefallen kann:

  • "Mega-Protest in Ägypten geplant" (zum Aufruf zur Millionen-Demonstration in Kairo am Dienstag),
  • "Die Syrer schauen zu" (Unterzeile: "In den Teeräumen und Internetcafés von Damaskus fragen sich die Syrer, was die Ereignisse in Ägypten für sie bedeuten könnten"),
  • "Israel bereitet sich auf den 'neuen Nahen Osten' vor" - was impliziert, dass dieser "neue Nahe Osten" nun wirklich entsteht.

Die Nervosität über diese Entwicklung scheint sehr real: Nach einem Bericht der israelischen Zeitung "Haaretz" soll die israelische Regierung sogar den Westen um Unterstützung für Mubarak gebeten haben, um den Status quo in der Region nicht zu gefährden.

Keine Frage, der Eindruck, dass al-Dschasira den Herrschenden näher steht als den Menschen auf der Straße, kommt da erst gar nicht auf.

Am Sonntag heizte al-Dschasira die Spekulationen darüber an, Husni Mubaraks Sohn Gamal, der lange als designierter Nachfolger seines Vaters gehandelt wurde, könne sich bereits Mitte vergangener Woche nach London abgesetzt haben. Beweise dafür gibt es nicht, doch schon das Gerücht wirkt wie ein Abgesang auf Mubaraks Regime. Al-Dschasiras boulevardesk-kecke Schlagzeile über dem Bericht: " Chasing Gamal Mubarak". Deren Übersetzung ins Deutsche fällt mehrdeutig aus: "chasing" heißt so viel wie "verfolgen, hinterherlaufen". Aber auch "jagen, treiben, hetzen".

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insgesamt 26 Beiträge
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1. ...
Shayman 31.01.2011
Schade,Schade das die Ägypter derzeit solche schwierigkeiten haben diesen Sender noch zu empfangen. Denn ich als Westler muss sagen, mich hat die Berichterstattung von Al-Dschasira sehr postiv überascht. Natürlich etwas arabisch gefärbt, aber wenn man das weiss, dann bot Al-Dschasira aufregende Bilder, eine top Berichterstattung direkt vor Ort und die richtigen Fragen an die richtigen Personen. Deutsches Fernsehen sah da mal so richtig alt gegen aus!
2. ...
Schinkenfisch 31.01.2011
Zitat von ShaymanDeutsches Fernsehen sah da mal so richtig alt gegen aus!
Es wäre ja schon schön, wenn man N24, ntv und die Ö.R. überhaupt mit Al Jazeera vergleichen könnte. Aber hier schert sich ja grundsätzlich keiner um aktuelle Berichterstattung (die bewegenden Ereignisse im australischen Dschungel mal ausgenommen). Wofür zahlen wir noch mal Rundfunkgebühren?
3. Monopol
Ishibashi 31.01.2011
Zitat von sysopBüros geschlossen, Mitarbeiter zeitweise festgenommen - al-Dschasira darf nicht mehr aus Ägypten berichten. Doch der TV-Sender weiß sich zu helfen:*Statt eigener Beiträge sendet er jetzt Berichte von Web-Aktivisten und Filme aus den Handy-Kameras der Demonstranten. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,742574,00.html
Das ist langfristig die beste Werbungfür Al-Dschasira. Bedenklich finde ich dabei nur, dass durch solch eine Monopolstellung die Macht eines einzelnen Senders extrem groß wird.
4. Tendenziös?
wdhkbdvnam 31.01.2011
In der Berichterstattung von Al-Dschasira am Freitag letzter Woche wurde (eingebettet in ein Interview) berichtet, Außenminister Westerwelle habe auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos erklärt, es bestehe das "Risiko", dass sich die Proteste auch auf andere Staaten ausbreiten. Die Diskussion mit dem Interviewpartner entspann sich dann explizit um die Wortwahl "Risiko". Es wurde dann ausgeführt, dass die westlichen Staaten vor allem um ihre Geheimdienstbasen im nahen Osten bangen, sollte es dort tatsächlich zu demokratischen Umstürzen kommen. Ich habe versucht eine entsprechende Rede/Interview von Westerwelle zu finden, jedoch vergeblich. Ist ihm hier etwas untergeschoben worden?
5. Ich zahle nicht
wilde Socke 31.01.2011
Zitat von SchinkenfischWofür zahlen wir noch mal Rundfunkgebühren?
IHR zahlt, ich zahle nicht, da ich dem System mein Geld entziehen will. Selber schuld, wenn du für eine schlechte Dienstleistung bezahlst. Verweigere das Gespräch mit dem GEZettie, wirf die Briefe in den Mülleimer - funktioniert!
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Chaos in Kairo: Ausschreitungen, Schüsse, Plünderungen

Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Adli Mansur (interimistisch)

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Ägypten-Reiseseite

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dpa
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Hilfe für Ägypten-Urlauber
Deutsche Vertretungen
Krisenstab des Auswärtigen Amts: 030-50003000

Deutsche Botschaft in Kairo
Telefon: (0020 2) 27 28 20 00
Bereitschaftsdienst in dringenden Notfällen: 012 213-6538
Honorarkonsulat in Alexandria: (002-03) 486-7503
Honorarkonsulat in Hurghada: (002-065) 344-3605, (002-065) 344-5734
Hotlines der Reiseveranstalter
TUI: 0511-567 8000 (9 bis 20 Uhr)
Neckermann Reisen und Thomas Cook: 06171-65 65 190
Bucher Reisen: 06171-65 65 400
Air Marin: 01805-36 66 36
Öger Tours: 01805-24 25 58
Condor: 01805-767757
Rewe (ITS, Jahn Reisen, Tjaereborg, Condor): 02203-42 800
FTI: 0800-2525444 (9 bis 22 Uhr)
5vorFlug: 0800-2525113 (9 bis 20 Uhr)
L'tur: 0800-21 21 21 00 (8 bis 24 Uhr)

Fluggesellschaften
Lufthansa: Sonder-Telefonnummer, unter der Flüge ausschließlich ab Kairo gebucht werden können +49-30-50570341

Ab sofort können freie Plätze auf Flügen von Air Berlin und Condor von Scharm el-Scheich, Hurghada und Marsa Alam nach Deutschland gebucht werden.
Air Berlin: www.airberlin.com oder per Telefon unter +49-1805-737 800
Condor: www.condor.com oder per Telefon unter +49-180-5767757

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