Abmahnung gegen Sport-Blogger Wie das Netz Öffentlichkeitsarbeit verändert

5100 Euro Strafe für einen bissigen Kommentar? Ein Blogger kritisiert eine Firma, der missfällt der Blog-Eintrag - prompt kommt die Abmahnung. Das wird öffentlich, ein PR-Gau droht. In einem aktuellen Fall spielt neben dem Sportausrüster Jako und dem Blogger "Trainer Baade" auch eine obskure tschechische Website eine Rolle.

Jako: Das Logo sieht aus wie ein Autobahnschild, der Firma missfällt Design-Kritik im Netz

Jako: Das Logo sieht aus wie ein Autobahnschild, der Firma missfällt Design-Kritik im Netz

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Ein Goliath ist der Sportartikelhersteller Jako eigentlich nicht. Das Unternehmen aus dem württembergischen Hollenbach, irgendwo zwischen Würzburg und Heilbronn, stellt Fußballtrikots her, Trainingskleidung und Schuhe - alles in etwas kleinerem Rahmen als die Branchenriesen. Verglichen mit Adidas oder Puma ist Jako eher ein David. Verglichen mit dem Sport-Blogger Frank Baade aber ein Goliath - und sei es nur, weil das Unternehmen es sich leisten kann, eine Anwaltskanzlei zu beschäftigen. Deshalb solidarisieren sich viele deutsche Blogger derzeit mit Baade - ein Mechanismus, den man inzwischen gut kennt in Deutschland: Unternehmen oder Organisation hetzt Anwalt auf Blogger, Blogosphäre schäumt, Unternehmen muss einlenken, um den PR-Schaden nicht noch weiter ausufern zu lassen. So etwas passiert auch den ganz großen: Dem DFB zum Beispiel, der Bahn AG oder der Media-Markt-Gruppe.

Was diesmal konkret geschah: Sport-Blogger Frank Baade schrieb als "Trainer Baade" Unfreundliches über Jako. Jako setzte eine Anwältin in Marsch, es gab eine Abmahnung, Baade entfernte den beanstandeten Text, in dem er insbesondere über Jakos neues Logo herzog, aus dem Netz und unterschrieb eine Unterlassungserklärung. Baade ist finanziell nicht eben üppig ausgestattet, auf ein Verfahren zur Klärung der Frage, ob unflätiges Lästern über ein Logo und Vergleiche mit Aldi und Lidl tatsächlich als "Schmähkritik" einzustufen sind, wollte er sich nicht einlassen. Wäre es dabei geblieben, das Ganze wäre für Baade wohl eine unangenehme Episode geblieben und man hätte die Sache schnell wieder vergessen.

Das obskure Wirken der Web-Aggregatoren

Dann aber entdeckte die von Jako beauftragte Kanzlei den beanstandeten Text ein zweites Mal - im Angebot des weitgehend unbekannten Nachrichtenaggregators "Newstin". Das in Prag ansässige Unternehmen zählt zu jenen, über die Verleger und andere sich derzeit so viele Sorgen machen: Es sammelt automatisiert RSS-Feeds von unterschiedlichsten Medien ein, präsentiert, ähnlich wie Google News, Anreißertexte und Überschriften auf seinen Seiten. Klickt man auf eine Meldung, landet man im Ursprungsangebot, sei es die Web-Seite einer großen Tageszeitung, oder eben ein Weblog, das auch von Newstin abgegrast wird. Die so verlinkten Web-Angebote wissen vom Tun der Aggregatoren in der Regel nicht einmal.

Dort also standen die ersten Zeilen des Jako-Textes von Frank Baade auch weiterhin, nachdem er seine eigene Version längst aus dem Blog gelöscht hatte. Für die Kanzlei war das Grund genug, Baade, beziehungsweise dessen Anwalt, erneut ein Schreiben zukommen zu lassen, in dem sich auch der Satz findet, Baade werde aufgefordert "eine Vertragsstrafe in Höhe von 5100 Euro" zu bezahlen. Das, erklärt Baade im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, könne er sich nicht leisten. Er schlafe schlecht, seit die Sache ins Rollen gekommen sei.

Die Höhe der Vertragsstrafe ergebe sich "aus der Schwere des Verstoßes und der weiten Verbreitung durch das Internet", so das Anwaltsschreiben. Seit das populäre Sportblog "Alles außer Sport" den Fall am Dienstag publik machte, rauscht es wieder einmal in Deutschlands Blogosphäre - über 80 andere Blogeinträge verweisen nun auf den Text bei "Alles außer Sport", bei Twitter finden sich Kommentare wie "JAKO: was Du dem geringsten unserer Blogger getan hast, das hast Du mir getan!".

"Was Du dem geringsten unserer Blogger getan hast ..."

Der Fall zeigt einmal mehr, wie das Netz Öffentlichkeitsarbeit zwangsläufig und wohl auf Dauer verändert: Wie auch schon in diversen anderen Fällen gelingt es Digitalpublizisten, Twitter-Nutzern und interessierten Lesern immer wieder einmal, ein Thema über eine Schwelle zu heben, die auch Aufmerksamkeit von traditionelleren Medien garantiert - und "David gegen Goliath" funktioniert da praktisch immer. Schon gestern zitierte das Branchenblatt "Horizont" aus dem Beitrag bei "Alles außer Sport", heute zog der Branchendienst "Meedia" nach. Das Schicksal von "Trainer Baade", den vorgestern nur ein paar hundert Leser kannten, ist jetzt ein Medienthema.

Ganz besonders ein Satz aus dem Schreiben erregt die Gemüter: Selbst, wenn Baade seinen Artikel "nicht selbst bei 'Newstin' eingestellt hat, so hat er es doch unterlassen, das Internet darauf zu prüfen, dass seine Aussagen nicht anderswo veröffentlicht werden". Das ist aus Sicht nicht nur eines Bloggers, sondern eines jeden Mediums starker Tobak: Nach dieser Logik würde künftig jeder dafür verantwortlich gemacht, einmal zurückgenommene Aussagen an all den Stellen im Netz zu tilgen, an denen ohne sein Zutun Kopien davon aufgetaucht sind. Oder kürzer: Jeder Abgemahnte müsste künftig auch alle Zitate aus seinem Text aufspüren und zum Verschwinden bringen.

Ob diese Rechtsauffassung vor Gericht Bestand hätte, darf als wenigstens fraglich gelten. Auch bei Jako scheint man nun nicht mehr der Meinung zu sein, dass Baade für die Aktivitäten eines tschechischen Nachrichtenaggregators haftbar gemacht werden muss - das Unternehmen bereitet derzeit eine Erklärung zu dem Fall vor. Vorstandsassistentin Andrea Hay teilte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit, man bemühe sich um Kontakt zu dem Blogger: "Wir nehmen uns der Sache an."

Gerade für den Branchen-David Jako, der sich als Ausrüster von Klein- und Kleinstvereinen eine basisnahe Reputation erworben hat, wäre es fatal, nun als böser Goliath dazustehen, der einen kleinen Sport-Blogger in den Ruin treibt.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Kjell, 02.09.2009
1. Zeitgeist der Unternehmen
Das ist ja schon seit längerem eine Unsitte. Erstmal klagen und möglichst noch Kohle abgreifen. Und wenn es nur gegen jemanden ist, der seine Meinung vertritt.
silver11 02.09.2009
2. Unverständlich
Zitat von sysop5100 Euro Strafe für einen bissigen Kommentar? Ein Blogger kritisiert eine Firma, der missfällt der Blogeintrag - prompt kommt die Abmahnung. Das wird öffentlich, ein PR-Gau droht. In einem aktuellen Fall spielt neben dem Sportausrüster Jako und dem Blogger "Trainer Baade" auch eine obskure tschechische Website eine Rolle. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,646524,00.html
Tja was soll man zu solcher Schwachmaten Medienarbeit noch sagen? Was sich mir nicht erschließt warum der Artikel Bezug auf eine tschechische Website nimmt und diese als obskure bezeichnet? Längst haben kritische Blogger Deutschland verlassen und bloggen nun im "Ausland" bei Hostern wo sie nicht abgemahnt werden können.
deroptimist, 02.09.2009
3. Eigene Meinung muss man sich leisten können
Es ist leider mittlerweile hierzulande so, dass man sich eine eigene Meinung (finanziell) leisten können muss. Amateurblogger haben es da eher schwer und müssen stets damit rechnen, von nervösen und/oder unterbeschäftigten Rechtsverdrehern belangt zu werden. Und irgendeinen Richter, der antragsgemäß entscheidet, findet sich beim fliegenden Gerichtsstand immer. Gerne genommen: LG oder OG Hamburg... Zwar lässt sich über das Internet heute eine Meinung leichter verbreiten, aber die Freiheit ist dabei schon längst den Bach runtergegangen. Außer bei Lehrern. Über die darf man jeden Unfug öffentlich behaupten und bekommt dazu noch Beifall vom BGH. Armes Deutschland.
lupo_nd 02.09.2009
4. Solidarität mit dem Blogger
Wenn eine Firma keine Kritik verträgt, ist das eine Sache. Wenn diese Firma dann einen Rechtsanwalt einschaltet und versucht einen Blogger mundtot zu machen, bzw. seine Existenz zu zerstören, dann bekommt dies eine andere Qualität. Darum sollte man sich mit dem armen Blogger solidarisch erklären und diese Firma auf eine schwarze Liste setzen. Ich werde dies tun und Produkte diese Firma meiden. Diese Firma kann gerne ihre Produkte in China verkaufen, dann ist die Geschäftsleitung unter Gleichgesinnten und kann aktiv Meinungen und Kritiken zensieren und unterdrücken.
telefondesinfizierer 02.09.2009
5. Das Netz muss frei bleiben...
...damit es sich in solchen Fällen wehren kann. Es geht doch nicht an, dass eine Firma oder ein Konzern mit all Ihrer Macht eine Privatperson angreift. Der Artikel bringt es auf den Punkt: Wer das Internet nicht begreift, kann sich und seine Firma dadurch quasi selbst vernichten. Sehr es ein, Ihr großen, Ihr habt die Deutungshoheit verloren und eure Macht bröckelt, und das ist auch gut so!
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