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Absage an China: Google schmiedet Anti-Zensur-Allianz mit US-Regierung

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China ist der weltgrößte Internetmarkt, deshalb spielten US-Konzerne bisher bei der Web-Zensur mit. Google macht damit jetzt Schluss. Die Aktion hat den Rückhalt der US-Regierung, die eine globale Kampagne für Netzfreiheit plant.

REUTERS

Rund 350 Millionen Chinesen surfen im Netz, knapp ein Viertel der Bevölkerung ist schon online - ein riesiger Wachstumsmarkt für Internet-Firmen. Doch der Einstieg ins chinesische Online-Geschäft ist für ausländische Firmen schwierig. Auch für Google.

Bei der Internetsuche, mit der sich über Anzeigen Geld verdienen lässt, liegt seit Jahren eine chinesische Firma unangefochten an der Spitze: Die chinesischen Internetnutzer vertrauen vor allem auf die heimische Suchmaschine Baidu. Bis zu zwei Drittel aller Suchanfragen gehen dort ein. Baidu ist weltweit die erfolgreichste Website, die nicht aus den USA kommt. Kein Konkurrent hat ähnlich viele chinesischsprachige Seiten in seinem Index. Baidu-Chef Li Yanhong ist einer der reichsten Chinesen, sein Unternehmen soll mehr als zwölf Milliarden Dollar wert sein.

Dass sich die Konkurrenz aus dem Ausland in China so schwer tut, liegt vor allem auch an den staatlichen Regelungen im Land. Das Netz steht unter strikter Kontrolle der Behörden. Der staatliche Web-Filter, genannt "Goldener Schild", überwacht den Datenstrom und filtert Zugriffe auf unliebsame Inhalte. Wer auf die Seite einer Menschenrechtsorganisation klickt, bekommt einfach keine Verbindung. Durch die Filter funktioniert das Internet in China merklich langsamer als in anderen Teilen der Welt.

Plötzlich wieder Massaker-Fotos in der Bildsuche auf google.cn

Will eine Firma in China eine Website betreiben, muss sie bei der offiziell nicht existierenden Zensur mithelfen. So dürfen Suchmaschinen zu bestimmten Anfragen wie zur unterdrückten Demokratiebewegung keine Ergebnisse liefern. Was passiert, wenn man sich nicht an die Regeln hält, hat Google im Juni des vergangenen Jahres erfahren. Damals blockierten die chinesischen Behörden zeitweise den Zugriff auf verschiedene Angebote des Konzerns, darunter YouTube. Sie warfen Google vor, brutale und anzügliche Inhalte zu verbreiten, und forderten strengere Filtermechanismen.

Erst seit 2006 ist Google mit einer eigenen Lizenz und einer eigenen Seite in China aktiv. Seitdem ist das chinesische Google zum stärksten Konkurrenten von Baidu aufgestiegen und verbucht rund 30 Prozent der Suchanfragen. Im vergangenen Jahr soll der chinesische Ableger für einen Umsatz von rund 600 Millionen Dollar gesorgt haben, schätzen Analysten der Bank JP Morgan. Genaue Zahlen wollte Google auf Anfrage nicht mitteilen. Geld verdient der Konzern in China nach eigenen Angaben vor allem mit einheimischen Firmen, die auf den internationalen Angeboten Werbung für ihre Produkte schalten.

Bildersuche auf google.cn nach "tiananmen massacre": Plötzlich wieder Ergebnisse
google.cn

Bildersuche auf google.cn nach "tiananmen massacre": Plötzlich wieder Ergebnisse

Mit seiner Ankündigung, die Zensur nicht länger zu unterstützen, geht Google das Risiko ein, sein Geschäft in China aufgeben zu müssen.

Begeistert wurde am Mittwochabend auf Twitter die Meldung verbreitet, dass in den Suchergebnissen auf google.cn bei vielen Suchworten wie "tiananmen massacre", "tiananmen protest" oder "tank man" gleich auf der ersten Trefferseite Bilder des Tiananmen-Massakers zu sehen sind. Der Link auf die Ergebnisse der Bildersuche (siehe Screenshot links) wurde weltweit vielfach weiterverbreitet. Es gibt unterschiedliche Angaben darüber, ob die Seiten so auch in China zu sehen sind. Google jedenfalls besteht darauf, dass der Filter noch nicht ausgeschaltet ist - man werde in den kommenden Wochen mit dem Regime verhandeln, ob man innerhalb der rechtlichen Möglichkeiten eine ungefilterte Suchmaschine betreiben könne, wenn überhaupt.

Die Frage ist nun auch: Wie verhalten sich andere Unternehmen? Microsoft will im lukrativen Suchgeschäft endlich mitmischen. Das Unternehmen hat angekündigt, seine neue Suchmaschine Bing in China etablieren zu wollen - und dafür auch anfängliche Verluste in Kauf zu nehmen. China sei der wichtigste strategische Markt für Microsoft, teilte das Unternehmen Ende Dezember mit. Durch Googles Schritt steht jetzt für alle offensichtlich die Frage im Raum, ob auch die Zensur zu dem gehört, was Microsoft in Kauf nehmen will.

Wegen der Kooperation mit den Behörden stehen vor allem Microsoft, Google, Yahoo und der Netzwerk-Ausrüster Cisco seit vielen Jahren in der Kritik. Im Rahmen der Kongressanhörungen 2006 wurden sie als "Viererbande" gebrandmarkt.

Yahoo unterstützt Google

Yahoo zum Beispiel soll den chinesischen Behörden bei Ermittlungen gegen Dissidenten geholfen haben - die daraufhin menschenrechtswidrig im Gefängnis verschwanden. Unter anderem soll der Journalist Shi Tao deswegen 2004 verhaftet worden sein. Als die Unternehmen zwei Jahre später zu den Vorwürfen Stellung nehmen sollten, bestritt Yahoo jedoch jede Verantwortung - denn die Mehrheit am China-Geschäft hatte Yahoo inzwischen an die chinesische Firma Alibaba verkauft.

Mit dieser Praxis entgehen Yahoo und andere Unternehmen dem moralischen Problem, sich mit einem autoritären Staat einzulassen, und können trotzdem von dem boomenden Markt profitieren - sehr zum Ärger von US-Politikern. Den Unternehmen wird in ihrer Heimat vorgeworfen, Profite vor Menschenrechte zu stellen. Der US-Politik geht es auch um die nationale Sicherheit, weil aus China immer wieder Rechnernetzwerke in den Vereinigten Staaten angegriffen werden.

Yahoo gab vor der Kongressanhörung der sogenannten Viererbande 2006 die Kooperation mit den chinesischen Behörden zu. Microsoft und Google teilten damals mit, sensible Kundendaten nicht auf Servern innerhalb Chinas zu speichern und damit außerhalb des Zugriffs chinesischer Behörden. In einer gemeinsamen Erklärung priesen sie das Internet als machtvolles Instrument für Reformen in China und zur Öffnung des Landes. Weil Zensur ein Handelshemmnis sei, wurde die US-Regierung aufgefordert, sich für ein freies Internet in China einzusetzen.

An diesem Mittwoch war die Tonlage dann etwas anders - Yahoo unterstützte Google zumindest verbal. Die Angriffe auf den Konzern seien zutiefst beunruhigend, teilte das Unternehmen am Abend mit. Übergriffe auf die Privatsphäre der Internetnutzer seien etwas, dem man sich widersetzen müsse.

Politische Rückendeckung für Google

Die jüngsten Hackerangriffe waren offenbar nur Googles Auslöser für die Entscheidung, sich nicht weiter der Zensur zu unterwerfen und das China-Geschäft notfalls aufzugeben. Im Gegensatz zu Yahoo seinerzeit hat der Konzern aber jetzt den Schulterschluss mit der Politik gesucht und sich vor seinem Affront gegen die chinesische Regierung mit der US-Regierung abgestimmt. "Wir warten auf eine Erklärung der chinesischen Regierung", sagt Außenministerin Hillary Clinton angesichts der Hacker-Angriffe und der staatlichen Zensur. Die Vorwürfe Googles riefen "sehr ernste Besorgnis und Fragen" hervor.

Rückendeckung für Google kommt von höchster Stelle. Ein Sprecher des Weißen Hauses sagte am Mittwoch, Präsident Barack Obama unterstütze den freien Zugang zum Internet. Man warte nun auf eine Stellungnahme der chinesischen Regierung. Der Präsident und die gesamte Regierung würden sich für Netz-Freiheit einsetzen - so habe sich Obama bei seinem jüngsten China-Besuch im November deutlich gegen Zensur im Internet ausgesprochen.

Im Sommer 2009 haben ausländische Regierungen und Unternehmen die Einführung einer weiteren chinesischen Zensurtechnik im letzten Moment verhindert oder zumindest vorerst aufgeschoben. Computerhersteller sollten verpflichtet werden, eine Filtersoftware namens "Grüner Damm" auf allen Rechnern zu installieren. Das bringe die Hersteller in eine "unhaltbare Position", argumentierten die USA damals. Sie wiesen die Forderung zurück und drohten mit einem Verfahren vor der Welthandelsorganisation.

Nun spitzt sich der Streit um Chinas Internetzensur zu. Am 21. Januar will Clinton nach Angaben eines Sprechers eine außenpolitische Initiative für ein freies Internet ohne staatliche Zensur starten. Die Politik richte sich gegen Länder, die den Zugang zu Informationen systematisch beschränken.

Als Beispiele nannte der Sprecher Iran, Kuba, den Kaukasus - und China.

mit Material von Reuters

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Forum - Google - bloß ein PR-Coup oder echtes Engagement?
insgesamt 385 Beiträge
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1. Konzern mit Prinzipien?
Meckermann 13.01.2010
Wenn Google hier wirklich mal konsequent wäre: respekt! Dann würde der Datenkraken auch in meiner Gunst wieder steigen - was noch nicht heißt, dass ich ihm noch mehr von mir preisgebe, als ich ohnehin schon tue...
2. Super Idee
jupol, 13.01.2010
Vielleicht kann ja AOL Deutschland in die Bresche springen!
3. Google versus China
quibus48 13.01.2010
Na, da steht ja dann Big Brother gegen Big Brother. Siehe Titelgeschichte des SPIEGEL: "Google - Der Konzern, der mehr über Sie weiß als Sie Selbst"
4.
stormking, 13.01.2010
Zitat von sysopGoogle droht China mit Rückzug, beugt sich den chinesischen Zensurvorschriften nicht mehr. Welche Folgen wird die Aktion haben? Sollen andere Firmen Googles Beispiel folgen?
Wenn sie das wirklich durchziehen, dann Respekt! Der Deal mit China war bisher der einzige wirkliche Fleck auf Googles doch ziemlich weißer Weste. Man hat ja seinerzeit schon versprochen, die Geschäftsbedingungen regelmäßig zu überdenken, das habe ich aber - wie viele andere wahrscheinlich auch - als bloßen Beschwichtigungsversuch angesehen. Man kann sich nur wünschen - wie gesagt, vorausgesetzt die ziehen das durch - daß auch andere Firmen sowie unsere Regierung eine derartige Konsequenz beweisen würden.
5.
rrbbkim 13.01.2010
Ich hoffe, dass das mal extrem eskaliert. Die Welt darf sich von China nicht mehr so an der Nase herumführen lassen. Danke, Google!
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Web-Konzern: Alles, was Sie über Google wissen müssen

Googles Geschichte
1995 - When Larry met Sergey
Angeblich konnten Larry Page und Sergey Brin einander erst einmal nicht besonders gut leiden, als sie sich im Jahr 1995 zum ersten Mal trafen. Der 24-jährige Brin war übers Wochenende in Stanford zu Besuch, der 23-jährige Page gehörte angeblich zu einer Gruppe von Studenten, die Besucher herumführen mussten. Der Legende nach stritten Brin und Page ununterbrochen miteinander.
1996 - Es begann mit einer Rückenmassage
Die erste Suchmaschine, die Page und Brin gemeinsam entwickelten, hatte den Arbeitstitel "BackRub" (Rückenmassage), weil sie im Gegensatz zu anderen zu dieser Zeit eingesetzten Suchtechniken auch "Backlinks" berücksichtigte, also Links, die auf die entsprechende Web-Seite verwiesen.
1998 - Finanzierung
Nachdem die Versuche gescheitert waren, die eigene Entwicklung an ein Unternehmen wie Yahoo zu verkaufen, entschlossen sich Brin und Page entgegen ihren ursprünglichen Plänen, selbst ein Unternehmen zu gründen. Der Legende nach bekamen sie von Andy Bechtolsheim, einem der Gründer von Sun Microsystems, einen Scheck über 100.000 Dollar - ausgestellt auf Google Inc., obwohl ein Unternehmen dieses Namens zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existierte. Insgesamt brachten die beiden eine Anfangsfinanzierung von knapp einer Million Dollar zusammen - was reichte, um in der Garage eines Freundes in Menlo Park, Kalifornien, ein Büro einzurichten und einen Angestellten zu engagieren. Im September wurde das mit einer Waschmaschine und einem Trockner ausgestattete Büro eröffnet - was heute als offizielle Geburtsstunde von Google betrachtet wird.
1999 - Mehr Geld und ein neues Heim
Schon im Februar 1999 zog das rasant wachsende Unternehmen in ein richtiges Bürogebäude um. Inzwischen hatte es acht Mitarbeiter. Erste Firmenkunden bezahlten Geld für Googles Dienste. Am 7. Juni wurde eine zweite Finanzierungsrunde verkündet: Die Wagniskapitalgeber Sequoia Capital und Kleiner Perkins Caufield & Byers schossen insgesamt 25 Millionen Dollar zu. Noch im gleichen Jahr bezog das Unternehmen den "Googleplex", den Kern des heutigen Hauptquartiers in Mountain View, Kalifornien.
2000 - AdWords
Das Jahr 2000 muss als jenes gelten, in dem Google tatsächlich zu dem gemacht wurde, was es heute ist: dem mächtigsten Werbe-Vermarkter im Internet. Der Start eines "Schlüsselwort-gesteuerten Werbe-Programms" schuf die Basis für den gewaltigen kommerziellen Erfolg von Google. Man benutze "ein proprietäres Anzeigen-Verteilungssystem, um eine der Suchanfrage eines Nutzers sorgfältig angepasste Werbeanzeige beizugeben", erklärt die Pressemitteilung von damals das Prinzip. Die Anzeigen konnten online auf sehr einfache Weise eingekauft werden - AdWords war geboren und brachte sofort Geld ein. Noch heute ist die Vermarktung der Textanzeigen auf der Suchseite die zentrale Säule des Google-Imperiums, die den Löwenanteil aller Umsätze ausmacht. Parallel wurden im Jahr 2000 neue Kunden gewonnen, die Google-Suche in ihre Angebote integrierten, darunter Web-Seiten aus China und Japan. Im gleichen Jahr wurde auch die Google Toolbar veröffentlicht, die es erlaubte, mit Google das Netz zu durchsuchen, ohne auf die Google-Web-Seite zu gehen.
2001 - Profit und ein neuer Eric Schmidt
Schon im Jahr 2001 machte Google Profit - was man von den meisten anderen Start-ups, die zu dieser Zeit noch die Phantasien der Börsenmakler beflügelten, nicht behaupten konnte. Um den Anforderungen eines rasant wachsenden Unternehmens gerecht zu werden, wurde Eric Schmidt, der zuvor schon führende Positionen in Firmen wie Novell und Sun Microsystems innegehabt hatte, im August 2001 zum Chief Executive Officer Googles ernannt.
2002 - Corporate Search, Google News, Froogle
Seit 2002 verkauft Google auch Hardware - Such-Lösungen für die Intranets von Unternehmen. Im September des Jahres wurde die Beta-Version von Google News livegeschaltet, dem Nachrichten-Aggregator, der bis heute für zuweilen böses Blut zwischen Zeitungen, Nachrichtenagenturen und den Suchmaschinisten sorgt. Ein Algorithmus sammelt Schlagzeilen und Bilder und komponiert daraus nach bestimmten Kriterien eine Übersichtsseite. Im Dezember startete zudem Froogle, eine mäßig erfolgreiche Produkt-Suchmaschine. Heute heißt Froogle schlicht Google Product Search.
2003 - AdSense und Blogger
AdSense ist die zweite wichtige Säule im Google-Anzeigenimperium. Im Jahr 2003 wurde der Dienst vorgestellt, der den Text auf Web-Seiten analysiert und daneben passende Werbeanzeigen platzieren soll. Das System bietet auch Betreibern kleiner Web-Seiten die Möglichkeit, ihre Angebote zu monetarisieren - die Einkünfte werden zwischen Seiteninhaber und Google aufgeteilt. Im gleichen Jahr kaufte Google Blogger, einen großen Blog-Hoster.
2004 - Picasa, Googlemail, Bücher und ein Börsengang
Der Start des E-Mail-Dienstes Googlemail (in den USA Gmail) wurde am 1. April verkündet, mitsamt der Nachricht, dass die Nutzer ein Gigabyte Speicherplatz zur Verfügung haben würden. Es wurde schnell klar, dass es sich nicht um einen Scherz handelte - und dass Google daran selbstverständlich verdienen will. AdSense wurde von Anfang an eingesetzt, um E-Mails nach Schlüsselwörtern zu durchsuchen und mehr oder minder passende Reklame daneben einzublenden. Im Juli kaufte Google Picasa, ein Unternehmen, das sich auf die digitale Fotoverwaltung spezialisiert hatte. Heute ist Picasa ein On- und Offline-Angebot - Googles Antwort auf Flickr.

Am 19. April konnte man Google-Aktien an der Technologiebörse Nasdaq erstmals kaufen. Eine Aktie kostete 85 Dollar. Heute ist sie knapp fünfmal so viel wert. Mit dem vielen neuen Geld stieß Google noch im gleichen Jahr verschiedene Projekte an - unter anderem Google Print: Mit den Universitäten Harvard, Stanford, University of Michigan, University of Oxford und der New York Public Library kam man überein, Bücher zu scannen, zu digitalisieren und online durchsuchbar zu machen. Im darauffolgenden Jahr wurde Google Print in "Book Search" umbenannt. Inzwischen sind zahlreiche andere Bibliotheken mit im Boot - auch deutsche.
2005 - Google Maps und Google Earth
Im Jahr 2005 kam die Google-Maschinerie richtig in Schwung. In rasantem Tempo veröffentlichte das Unternehmen, das bis zum dritten Quartal auf fast 5000 Mitarbeiter angewachsen war, eine Anwendung nach der anderen. Die im Rückblick wohl wichtigste: Google Maps, der Kartendienst, der die Welt geografisch durchsuchbar machen sollte, und sogleich mit der bis dahin nur mäßig erfolgreichen lokalen Suche Google Local verschmolz. Die im Jahr zuvor angekaufte Satellitenkapazität kam nun zum Einsatz: Sie bot die heute beinahe selbstverständliche Möglichkeit, Satellitenfotos statt abstrakter Karten anzusehen. Später im Jahr kam auch noch die Desktop-Software Google Earth, Googles Digitalglobus. Außerdem starteten: die "personalisierte Homepage", die heute iGoogle heißt, Googles Video- und Fotosuche, die Voice-over-IP und Instant-Messaging-Lösung Google Talk, der bis heute ziemlich glücklose Kleinanzeigendienst Google Base, ein eigener RSS-Reader. Und: Google kaufte das Unternehem Urchin und verwandelte dessen Webtraffic-Analysemethoden in sein Angebot Google Analytics. Damit bot das Unternehmen nun erstmals die vollständige Dienst-Palette einer Netz-Mediaagentur, eines Online-Werbevermarkters.

Die Geschäfte liefen auch 2005 hervorragend für Google - so gut, dass man eine Partnerschaft mit dem strauchelnden Online-Dinosaurier AOL verkünden und eine Millarde Dollar in das Unternehmen investieren konnte.
2006 - Google Video, Web-Applikationen , YouTube - und Kritik
Anfang des Jahres stellte Larry Page bei einem Vortrag bei der Consumer Electronics Show in Las Vegas Google Video vor - und Google Pack, einen ersten, offenkundigen Angriff auf Microsoft, denn das Software-Paket enthielt diverse Anwendungen, die als Konkurrenzprodukte zu Microsofts Angebot gelten können. Gegründet wurde die Wohltätigkeitsorganisation Google.org, an den Start gingen außerdem der Finanzinformationsdienst Google Finance und die Paypal-Konkurrenz Google Checkout. Vor allem aber ist 2006 das Jahr, in dem man bei Google ernsthaft damit begann, Office-Anwendungen ins Web zu verlegen. Neben dem Google-Kalender wurde am Jahresende auch Google Docs & Spreadsheets livegeschaltet. Zuvor hatte Google Upstartle gekauft, ein Unternehmen, das bis dahin das Online-Textverarbeitungsprogramm Writely hergestellt hatte - nur eine von mehreren Akquisitionen. Auch SketchUp (3-D-Gebilde für Google Earth) und die Wiki-Plattform JotSpot wurden 2006 ins Google-Reich integriert.

Der prominenteste Ankauf des Jahres war jedoch YouTube: Google zahlte 1,65 Milliarden Dollar für die Videoplattform und holte sich so Konkurrenz zum eigenen, eben erst gestarteten Videoangebot ins Haus. Zudem wurde eine Werbe- und Suchpartnerschaft mit dem eben von Rupert Murdoch aufgekauften MySpace verkündet: Google stieg endlich ernsthaft ins Geschäft mit dem Web 2.0 ein.

Parallel verlor Google in den Augen vieler Nutzer seine Unschuld: mit dem Start einer eigenen Suchmaschine für China, die sich den Zensurwünschen der dortigen Regierung beugt. Eine Tibet-Unterstützergruppe rief eine Initiative namens "No love 4 Google" ins Leben - und fasste damit einen globalen Meinungsumschwung zusammen. Der Engelsglanz des vermeintlich anderen, besseren Unternehmens, den Google lange hatte aufrechterhalten können, schwand nach und nach.

Ende 2006 hat Google mehr als 10.600 Angestellte.
2007 - Googlemail für alle, DoubleClick, Streetview und Android
Im Februar wird Googles E-Mail-Dienst für alle geöffnet - bis dahin brauchte man eine Einladung, um seine E-Mails von AdSense nach Schlüsselwörtern durchsuchen zu lassen.

Vor allem aber ging Google 2007 auf Einkaufstour - in seinem Kerngeschäftsbereich, der Online-Werbung. Zunächst wurde Adscape, ein Spezialist für Werbung in Computerspielen, aufgekauft, dann DoubleClick. Über drei Milliarden Dollar ließ man sich den Online-Anzeigenvermarkter kosten - und eine Menge Ärger. Erst im März 2008 segnete die EU-Kommission den Kauf ab. Datenschützer sehen Google seit der DoubleClick-Akquisition noch kritischer, denn das Unternehmen ist nicht zuletzt darauf spezialisiert, möglichst gründlich Nutzerdaten zu sammeln, um personalisierte Werbung servieren zu können.

Außerdem schickte Google 2007 seine Foto-Autos los: Für die Maps-Erweiterung Streetview fuhren die Kamera-Mobile zunächst durch US-Großstädte - im Jahr 2008 sind sie auch in Deutschland unterwegs.

Außerdem beginnt Google verstärkt, Fühler in Richtung der alten Medienwelt auszustrecken - es gibt Testläufe für Werbevermarktung im Radio, in Print-Publikationen und im traditionellen Fernsehen.

Schon seit Jahren hatte Google verschiedene seiner Dienste in speziellen Handy-kompatiblen Versionen angeboten - Ende 2007 kam dann der ganz große Schritt in die mobile Welt: Das Handy-Betriebssystem Android wurde angekündigt, ein Open-Source-Projekt in Zusammenarbeit mit vielen Telekommunikationsanbietern und Handy-Herstellern.

Ein weiteres Open-Source-Projekt soll Google den Zugriff auf das Vermarktungspotential der Social Networks erleichtern: Die Plattform OpenSocial soll Netzwerkapplikationen transportabel machen, so dass sie bei MySpace genauso laufen können wie bei Xing. Die meisten der großen Communitys sind OpenSocial beigetreten - bis auf Facebook.
2008 - Knol, Chrome und kein Ende
Im laut offizieller Zeitrechnung zehnten Jahr seiner Existenz lässt die Suchmaschine im Tempo nicht nach. 2008 wurden eine kollaborative Wissensplattform (Knol), eine 3-D-Chatanwendung (Lively), Straßenansichten für noch mehr Großstädte - und ein eigener Google-Browser gestartet.

Gleichzeitig wächst die Kritik am Suchmaschinengiganten. Die immer neuen Projekte scheinen vielen Nutzern und Datenschützern inzwischen Ausdruck eines gewaltigen Datenhungers - sowohl auf persönliche Informationen über die Nutzer als auch auf nahezu jede beliebige Art von Information, die dem gewaltigen Weltarchiv Google einverleibt werden könnte. Der Google Leitspruch "Don't be evil" hat für manche inzwischen einen hohlen Klang, und die Missionserklärung, man wolle "alle Information der Welt organisieren", klingt zuweilen eher wie eine Drohung.
Fotostrecke
Suchfunktionen: So verleibt sich Google die Welt ein


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