Affäre Guttenberg: Netz besiegt Minister

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Karl-Theodor zu Guttenbergs Rücktritt ist ein Sieg des Internets. Ohne die akribische Dokumentation der Plagiate im GuttenPlag Wiki wäre die Debatte versandet. So aber brachte der Minister Deutschlands Wissenschaftselite gegen sich auf - nicht einmal die "Bild"-Zeitung konnte seinen Job retten.

Plagiats-Seiten, markiert im "Interaktiven Guttenberg-Report": Digitale Transparenz Zur Großansicht

Plagiats-Seiten, markiert im "Interaktiven Guttenberg-Report": Digitale Transparenz

Karl-Theodor zu Guttenberg hat die Konsequenzen gezogen. Nicht notwendigerweise die Konsequenzen aus der Tatsache, dass er nachvollziehbar und in gewaltigem Umfang Textpassagen zusammenkopiert hat für seine Doktorarbeit. Sondern die Konsequenzen aus der Tatsache, dass die deutsche Öffentlichkeit augenscheinlich nicht bereit war, in der Plagiatsaffäre von ihm abzulassen. Die alten Versende- und Aussitzmechanismen der Bundesrepublik, die schon so vielen Politikern mit Flecken auf der Weste Amt und Würde retteten, funktionieren nicht mehr. Schuld daran ist das Internet.

Besonders deutlich wird die Wirkung dieses neuen Machtfaktors im Spiel um Posten, Politik, Wahrheit und Betrug angesichts der Tatsache, dass zu Guttenberg einen Verbündeten an seiner Seite hatte, der im politischen Berlin manchem als übermächtig gilt: die "Bild"-Zeitung. Monatelang hatte das Blatt mit einer Pro-Guttenberg-Geschichte nach der anderen für den Minister Werbung gemacht, hatte sich bis zuletzt im Streit um die Plagiatsaffäre hinter ihn gestellt. Vergeblich.

Guerilla-Journalismus gegen Kampagnenjournalismus

Am heutigen Dienstag ist endgültig klar geworden: Gerhard Schröders altes Bonmot, zum Regieren brauche er nur "Bild, Bams und Glotze" stimmt nicht mehr. Zumindest dann nicht, wenn sich jemand tatsächlich etwas hat zuschulden kommen lassen. Es gibt eine neue Öffentlichkeit da draußen, und die macht sich ihre eigenen Erregungszyklen. Hier geht es auch nicht um die immer wieder bemühte ominöse "Netzgemeinde". Deutschlands geistige Elite lebt mit dem Netz. Von dem Bild von den paar Irren da draußen im Reich des Digitalen, die man getrost ignorieren kann, muss sich die deutsche Politik schleunigst verabschieden.

Die Debatte um Guttenberg wäre anders verlaufen, hätte diese neue Macht nicht das getan, was sie am besten kann: Transparenz herstellen, Informationen verfügbar machen, Kommunikation optimieren. Der wohl entscheidende Faktor im Ringen um Guttenbergs Amt war die Offensichtlichkeit seiner Verfehlungen: Hätten all die fleißigen Helfer im GuttenPlag Wiki nicht klar und gewissermaßen wissenschaftlichen Standards folgend dokumentiert, was der Doktorand Guttenberg wo kopiert hat - die Diskussion wäre anders verlaufen. Die in solchen Fällen spätestens seit Helmut Kohl übliche Verschleppungsstrategie (hier: die Universität Bayreuth soll erst mal prüfen), hätte womöglich verfangen. Nun aber mischten sich Guttenbergs Kritiker mit einer Methode ein, die man als Guerilla-Journalismus bezeichnen könnte: Sie wiesen akribisch nach, welche Zeilen der Dissertation woher stammten, samt korrekter Quellenangabe. Sie ließen die Fakten für sich sprechen.

Quelle auch für den Doktorvater selbst?

Auch die wissenschaftlichen Ziehväter des Ex-Ministers bedienten sich wohl dieser so komfortabel aufbereiteten Datenbank der Peinlichkeiten. Hätte Guttenbergs inzwischen emeritierter Doktorvater, der international höchst renommierte Staatsrechtler Peter Häberle, nicht dieses umfassende Kompendium geklauter Stellen zur Verfügung gehabt - hätte er auch dann so schnell und deutlich seinem einstigen Schützling den Rücken gekehrt, Guttenberg "unvorstellbare Mängel" und Rufschädigung vorgeworfen? Hätte Häberles Nachfolger an der Universität Bayreuth Oliver Lepsius Guttenberg offen und so schnell als "Betrüger" bezeichnet, dessen "Dreistigkeit" man aufgesessen sei? Hätte sich schließlich, mit ein paar Tagen Verzögerung, eine echte Massenbewegung innerhalb der deutschen Forschungsselite gebildet, die Guttenbergs Rücktritt forderte? Wohl kaum.

Die Prüfung der Dissertation werde Monate in Anspruch nehmen, hieß es zu Anfang der Affäre aus Bayreuth - dank der Internet-Plattform GuttenPlag Wiki und ihren fleißigen, freiwilligen Mitarbeitern nahm die Prüfung dann nur wenige Tage in Anspruch. Das Ergebnis war so eindeutig, die Dokumentation so lückenlos, dass jedem Interessierten ein paar wenige, stichprobenartige Klicks beispielsweise im grafisch hübsch aufbereiteten " Interaktiven Guttenberg Report" genügten, um sich selbst ein Bild vom Ausmaß des geistigen Diebstahls zu machen. Vor dem Hintergrund dieser Dokumente klangen Guttenbergs Beteuerungen, das alles sei doch nur ein Versehen gewesen, für niemanden mehr glaubwürdig. Wer wirklich wissen wollte, wie die Dinge liegen, musste nur selbst nachsehen.

Der Minister litt besonders unter der Wut der Wissenschaftler

All das hat auch viel damit zu tun, dass das Internet an deutschen Universitäten schon viel länger zu Hause ist als im Rest des Landes. Studenten und wissenschaftliche Mitarbeiter waren schon Mitte der Neunziger die ersten, die eigene E-Mail-Adressen hatten. Recherche in digitalen Archiven, digital organisierte Konferenzorganisation und Publikation gehören seit etwa 15 Jahren zum Standard an deutschen Hochschulen. Nun sah sich Deutschlands Wissenselite in ihrem Selbstverständnis angegriffen - und nutzte selbstverständlich das Netz, um sich und den eigenen Widerstand gegen den Affront zu organisieren. Die wütende Reaktion Zehntausender Doktoranden und Professoren musste den Bürgerlichen im Bundestag Sorge bereiten. Dem Minister bereitete sie schließlich solche Qualen, dass er aufgab. Hochrangige Mitarbeiter Guttenbergs glauben, dass die massive Kritik aus den Reihen der Wissenschaftler ihn nun zum Rücktritt bewog.

Totale Transparenz, die bequeme Verfügbarkeit aller zentralen Informationen, hat die Debatte um Guttenberg bestimmt, im Konzert mit der blitzschnellen und hocheffizienten Vernetzung jener, die sich all das nicht länger bieten lassen wollten. Weder die bis zum Schluss guten Umfrageergebnisse des Ministers, noch die unerschütterliche Unterstützung durch das Springer-Schlachtschiff konnten Guttenberg am Ende retten. Die alte Regel, dass man in Deutschland als Politiker kaum stürzen kann, wenn man "Bild" auf seiner Seite hat: Sie gilt nicht mehr. Netz schlägt "Bild" - jedenfalls dann, wenn es wirklich etwas nachzuweisen gibt.

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Forum - Guttenberg - Rücktritt zur rechten Zeit?
insgesamt 4619 Beiträge
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1.
yubi 01.03.2011
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg will von seinem Amt als Verteidigungsministers zurücktreten. Wegen der Plagiate in seiner Doktorarbeit war der CSU-Mann auch in der Union erheblich unter Druck geraten. Ein Rücktritt, noch zur rechten Zeit?
nein, viel zu spät. Nach diesem längeren Klammern ans Ministeramt, dem Abwiegeln, dem Winden ist irreparabler Schaden entstanden. Das wird ihn möglicherweise nicht abhalten, dem Beispiel F.J.Strauss zu folgen und nach einer "Anstandsfrist" auf die Vergesslichkeit der Bevölkerung zu hoffen und ein ComeBack zu versuchen.
2. Er hat großen Schaden angerichtet!
Habenichts 01.03.2011
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg will von seinem Amt als Verteidigungsministers zurücktreten. Wegen der Plagiate in seiner Doktorarbeit war der CSU-Mann auch in der Union erheblich unter Druck geraten. Ein Rücktritt, noch zur rechten Zeit?
Eindeutig nein! Dieser Schritt war längst fällig! Das Verhalten des Herrn zu Guttenberg schadet dem bürgerlichen Wertesystem unserer Gesellschaft! Auch die Kanzlerin ist beschädigt! Ihm gelang es viele menschen zu blenden!
3. spät
Kurt G 01.03.2011
Zitat von yubi.... auf die Vergesslichkeit der Bevölkerung zu hoffen und ein ComeBack zu versuchen.
Bei einem früheren Rücktritt wäre dies einfacher gewesen.
4.
panda 01.03.2011
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg will von seinem Amt als Verteidigungsministers zurücktreten. Wegen der Plagiate in seiner Doktorarbeit war der CSU-Mann auch in der Union erheblich unter Druck geraten. Ein Rücktritt, noch zur rechten Zeit?
Ob er jemals noch eine Chance in der Politik erhält, kommt wohl auf seine Begründung an. Wenn er wieder Ausflüchte sucht, seine Angelegenheit verniedlicht und die Schuld bei anderen sucht, dann wird Guttenberg politisch wohl erledigt sein. Wichtig ist, dass Guttenberg selbst zurücktritt - eine Entlassung durch Fr. Merkel hätte ihn in bestimmten Kreisen auch noch zum Märtyrer gemacht. Ein Positives hat das Ganze, Guttenberg sei Dank. Es wird endlich wieder über Werte in unserer Gesellschaft diskutiert. Der ganze Vorfall könnte der Beginn eines fortlaufenden urdemokratischen Selbstreinigungsprozesses sein. Die Bürger haben Mittel und Wege gefunden Blender und Betrüger aufzudecken. Zu beackernde Felder gäbe es, nicht nur in der Politik, mehr als genug - man denke nur an die Bankenbonilandschaft oder an die maßlosen Selbstbedienungen von Vorständen in Aktiengesellschaften. Mit dem gerne verwendeten Begriff Leistung hat die horrende Bezahlung oft gar nichts mehr zu tun. Man kann nur hoffen, dass die Bürger auch hier endlich geeignete Mittel und Wege finden. Mein Fazit: Der Fall Guttenberg hat mitten ins Schwarze getroffen. Die Gesellschaft kann davon nur profitieren.
5. Endlich!!!
ogg00 01.03.2011
Zitat von yubiDas wird ihn möglicherweise nicht abhalten, dem Beispiel F.J.Strauss zu folgen und nach einer "Anstandsfrist" auf die Vergesslichkeit der Bevölkerung zu hoffen und ein ComeBack zu versuchen.
Das finde ich aber legitim. Dann kann der Wähler ja entscheiden, ob er lieber auf Gel als auf Ehrlichkeit setzen möchte. Ansonsten kann ich das Glück ja kaum fassen, aber warten wir ab.
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