S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Und jetzt die Danachrichten

Erinnern Sie sich noch an die Panama Papers? Haben Sie das mit Wolfgang Schäuble und der Bundesbank mitbekommen? Nein? Das hat damit zu tun, dass Nachrichten heute noch schneller altern als früher.

Eine Kolumne von


Achtung, Vorsicht, dies ist kein Text über Böhmermann und Erdogan. Er sieht ärgerlicherweise aber am Anfang so aus, weil ich einer Beobachtung nachforschen möchte, die sich auf Nachrichten, Medien, Öffentlichkeit bezieht. Nachforschen bedeutet hier: Ich bin mir der Feststellung und meiner Interpretation nicht ganz sicher, deshalb werfe ich die Beobachtung in den öffentlichen Raum und schaue mir an, was damit geschieht.

Der Hintergrund ist ein scheinbares Paradox: Je größer der Nachrichtenraum wird, desto kleiner, kürzer, aber heftiger scheinen die Phasen der öffentlichen Aufmerksamkeit für einzelne Themen. Das ist keine blitzneue Erkenntnis, es gibt viele angrenzende und ähnliche Beobachtungen und Thesen. Aber in der Sache Böhmermann vs. Erdogan lässt sich hochverdichtet ein aktueller Stand erkennen. Auch deshalb, weil noch kurz zuvor die Panama Papers die Nachrichten bestimmten. Mir scheint, dass der Überstrahlungseffekt - der eine Themenkomplex überblendet den anderen - stärker wirkt als je zuvor.

Im April 2016 scheint fast kein Thema groß genug, als dass es nicht nach wenigen Tagen aus dem Fokus geraten und durch ein neues ersetzt werden könnte. Als wäre die maximale Zahl der gleichzeitig führbaren öffentlichen Debatten nahe eins. Das ist nicht besonders viel.

Letzte Woche, es ist gefühlt Monate her - erinnern Sie sich noch an die Panama Papers? - schrieb ich: "Ich bin aber überzeugt, dass die Daten aus dem Leak in den nächsten Wochen und Monaten weltpolitisch Explosives hervorbringen können." Das haben sie inzwischen auch. Der schlimme britische Premier David Cameron tänzelte nah am Rücktritt entlang. Weil er Miteigentümer der Offshorefirma seines Vaters war, solche Steuerspar- und Steuerhinterziehungskonstruktionen öffentlich verdammte, aber trotzdem darauf hinwirkte, sie doch noch nicht illegal werden zu lassen.

Zugleich gerät Wolfgang Schäuble in den Sog der Panama Papers. Unter seiner Mitwirkung verhinderte die Bundesregierung offenbar ein Transparenzregister von Offshoreunternehmungen. Während die ihm unterstellte Bundesdruckerei - ein hundertprozentiges Staatsunternehmen - mit Offshorefirmen und mutmaßlich verschobenen Millionenbeträgen geradezu jonglierte. Ein Aufklärungsversuch im Jahr 2015 wurde per Anwaltsdrohung niedergerungen, und Schäuble schweigt. Der Mann also, der 100.000 Mark Barspenden für die CDU in einem Hotelzimmer von einem steuerhinterziehenden Waffenhändler entgegennahm und dann leider vergaß. Der Mann, der trotz dieses Umstands nicht müde wird, aller Welt Lektionen in Finanzmoral zu erteilen - dieser Mann hat Offshorefirmen seines eigenen Hauses nicht im Griff und schweigt dazu. Ein Superskandal, beinahe begraben.

Die Sensationalismusspirale

Diese sehr essenziellen Entwicklungen sind weitgehend aus dem sogenannten News Cycle in Deutschland verschwunden, was für sich genommen keine neue Entwicklung ist. Natürlich kann, soll, darf über Böhmermann diskutiert werden und über Erdogan noch viel mehr. Mir geht es hier explizit nicht darum, über Wichtigkeit oder Unwichtigkeit von Themen zu urteilen. Sondern um den Eindruck, dass das immer tiefere Zusammenwirken von sozialen und redaktionellen Medien eine Sensationalismusspirale in Gang gesetzt haben.

Selbst große Themen müssen im Minutentakt weiterführende Neuigkeiten produzieren, sonst geraten sie aus dem Blickfeld. Daher kommt auch der Eindruck der auf lange Zeit angelegten Inszenierung bei den Snowden-Enthüllungen wie auch bei den Panama Papers - anders lässt sich medial kaum mehr eine anhaltende Wirkung erzielen. Es geht nicht mehr um die eine explosive Nachrichtendetonation, sondern um eine möglichst lange Kette von Explosionen.

In einer Demokratie, wo anhaltender öffentlicher Druck ein wichtiger Teil des Systems ist, kann das problematisch sein. Helmut Kohl perfektionierte vor 30 Jahren das Aussitzen, indem er über Monate zu unliebsamen Themen nicht kommunizierte. Heute können bei entsprechender Nachrichtenlage ein paar Stunden des Schweigens zum Aussitzen reichen, Blitzaussitzen. Es geht dabei weniger um die Beschleunigung, die selbstredend gute wie schlechte Wirkungen hat. Es geht eher um eine neue Qualität der digitalen Öffentlichkeit.

Im amerikanischen Wahlkampf 1968 wurde die Agenda-Setting-Theorie ausformuliert: Es lassen sich per Öffentlichkeitsarbeit Themen setzen, bei denen sich Politik und Medien zum öffentlichen Kommentar geradezu gezwungen fühlen. Eine Erweiterung dieser Theorie ist das Agenda Cutting, also die aktive Verdrängung bestimmter Themen.

Meinungen sind im Moment ihrer Veröffentlichung veraltet

Eine eher passive Verdrängung kommt in der heutigen Medienlandschaft dazu, ich möchte sie Agenda Ageing nennen: Selbst große Nachrichten altern immer schneller. Nichts ist so alt wie der vorletzte Newsticker-Eintrag. Ein Sog an Nach-Nachrichten ergibt sich, hergestellt von redaktionellen Medien, bedient von den sozialen Medien, abgebildet wieder von redaktionellen Medien und dann von vorn: Meinungen, Meinungen über Meinungen, ironische Brechungen ersten, zweiten und dritten Grades, Tritt- und Drittbrettfahrer, Aufmerksamkeit als selbstverstärkendes System, aber mit eingebautem Verfallsdatum: sofort.

Meinungen sind im Moment ihrer Veröffentlichung veraltet, relevant werden dann die Reaktionen auf die Meinung und so fort. Über das Wochenende vom 11. und 12. April war ich im Urlaub und mir schien, als hätte ich in Sachen Böhmermann in kaum drei Tagen Offlinezeit ungefähr zwei Dutzend für das Verständnis der Angelegenheit essenziell scheinende Geschehnisse, Wendungen, Reaktionen, Deutungen, Volten verpasst. Weltgeschichte passiert, ist dann da und zieht aber schon wieder vorüber, weil man im Nebenzimmer erst noch den Kaffeesatzbehälter ausleeren musste und sein Smartphone auf dem Schreibtisch vergessen hat.

Die Böhmermann-Situation hat auch deshalb so überstrahlend gewirkt, weil sie das Feuer der medialen Selbstreferenzialität angefacht hat. Soziale Medien bewirken, dass sich jeder äußern kann, also jeder Teil des Mediensystems ist, sich deshalb von Medienthemen mitbetroffen fühlt und daher den Drang verspürt, sich zu äußern. Das ist zwar eine sehr positive Veränderung gegenüber der engen Medienlandschaft des 20. Jahrhunderts - aber die Anfälligkeit für Manipulationen scheint enorm, auch weil die meisten Reaktionen so berechenbar erscheinen.

Ich möchte diese Beobachtungen nicht kulturpessimistisch verstehen, sondern positiv wenden als konstruktive, zukunftszugewandte Formulierung einer Herausforderung. Weil ich glaube, dass das noch einigermaßen neue, sich täglich weiterentwickelnde Zusammenspiel von redaktionellen und sozialen Medien derzeit die ungünstigen Seiten beider herauskehrt. Verstärkt durch die Refinanzierungsschwäche der meisten privaten, klassischen Medien im Netz.

Wie lässt sich das beschriebene Problem beheben, ohne über die ach so schlimme Beschleunigung oder - dämlicher noch - die aufmerksamkeitsgestörte Jugend zu schimpfen? Was fehlt an neuen Technologien, neuen Vernetzungen, neuen Ideen, um dem öffentlichen Diskurs eine Substanz über den Moment hinaus zu verleihen? Wo ist das fehlende, digitale Scharnier zwischen Nachrichtenstrom und Archiv? Oder passiert das längst und ich bekomme es bloß nicht mit?

tl;dr
Agenda Ageing: Nachrichten altern durch die Wechselwirkung aus sozialen und redaktionellen Medien schneller.

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insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
Afrojüdischer_Sozi-Sinti 13.04.2016
1. Danke für diesen Beitrag
Mein Tip (ohne das ganze zu skandalisieren): Mehr Selbstreflexion würde den Medien, ob nun öffentlich oder privat, gut tun. D.h. es sollte öfter berichtet und auch hinterfragt werden welche Prioritäten aktuellen Ereignissen zugesprochen werden. Auch sollte mehr Transparenz bzw. ein offenerer Umgang mit den Einflüssen aus Politik und Wirtschaft auf die Berichterstattung stattfinden. Auch sollte öfter thematisiert werden welche (Chef-)redakteure mit wem vernetzt sind, in welchen Think-Tanks sitzen und wie eine neutrale/objektive Berichterstattung trotz Werbefinanzierung gewährleistet wird, etc. Artikel wie dieser hier sind doch schon mal ein guter Anfang.
Leser161 13.04.2016
2. Nicht die Nachricht, das Thema zählt
Ja eine interessante Beobachtung. Wobei das eigentlich schon immer so war, dass nichts so alt war wie die Nachrichten von gestern. Allerdings denke ich das das Thema zählt. Nicht die einzelne Nachricht. Weder Snowden noch Assange sind zur Zeit in den Medien. Aber wenn es wieder eine Nachricht zu diesem Themenkomplex gibt wird man sich an die beiden wieder erinnern. Und die Leute werden sich online dazu austauschen. Und wenn das Thema an sich interessant genug ist werden sich sehr viele Leute dazu austauschen. Was die Werbetreibenden interessiert. Was die Nachrichtenmacher interessiert. Weshalb es zu interessanten Themen mehr Beiträge geben wird. Fazit: Kurzfristig gesehen überstrahlen aktuellere Nachrichten nicht so aktuelle. Langfristig gesehen jedoch werden sich Themen die die Menschen interessieren durch den neuen Rückkopplungseffekt des Internets länger und langfristiger in der Diskussion halten können.
Tim van Beek 13.04.2016
3. Soziale Medien ignorieren
Wie sieht denn Ihre Mediennutzung aus, Herr Lobo? Wenn man sich auf einige Wochenzeitungen wie Spiegel, Zeit etc. beschränkt, dann ist die Berichterstattung durchaus nicht so schnelllebig, wie Sie das schildern. Wenn Sie sich auf 20 virtuelle Marktplätze stellen und den Leuten beim Snaken zuhören, ist es nicht verwunderlich, dass Ihnen anschließend der Kopf brummt :-) Und ich erkenne keine negative Verstärkung zwischen sozialen und redaktionellen Medien, ich erkenne in den sozialen Medien alles wieder, was am menschlichen Diskussions- und Meinungsbildungsprozess kritikwürdig ist: unreflektiert verhärtete Vorurteile, Lust an der Skandalisierung, keine Lust am Zuhören und Dazulernen etc. Alles nicht neu, alles nicht schlimmer als früher, jetzt nur über neue Kommunikationskanäle erfahrbar. Früher mussten Sie sich an einen Stammtisch setzen, heute können Sie denselben Mist tausendfach auf Facebook lesen. Müssen Sie aber nicht.
loshannos 13.04.2016
4. Sehr harmonisch
Empörung über tägliche Nachrichten schwingt in kürzester Zeit Richtung Abstumpfung, bis die neue Empörung folgt. Auf der Zeitachse entsteht so ein Sinus der Emotionen. Eigentlich sehr harmonisch.
Ruhri1972 13.04.2016
5.
Insoweit lässt man ja gerne auch die Causa Böhmermann weiter kochen, um von den handfesten Verfehlungen des Bundesfinanzminister ablenken zu koennen. So macht man das im Medienzeitalter. Die wirklich wichtigen Dinge werden versteckt oder muss sie mühsam selber Recherchieren. Im Hintergrund wird sicherlich ein Preis mit der Tuerkei ausgehandelt - Erhöhung beim zusätzlichen vereinbarten Umsiedlungs-Programm statt 250.000 eine Erhöhung um 50.000 oder 100.000. Dann wird von der Bundesregierung der Aktendeckel zur Causa Böhmermann geschlossen.
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