Aktion Browser Choice: Wahltag im Windows-Land

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Das gab es noch nie in der Windows-Welt: Ab Montag werden Millionen PC-Nutzer in ganz Europa automatisch vor die Wahl gestellt, welchen Browser sie verwenden wollen - Anlass ist eine Vorgabe der EU-Kommission. SPIEGEL ONLINE zeigt, welche Alternativen zum Internet Explorer im Angebot sind.

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Browserchoice: Nimm mich, Nutzer!
Ab dem 1. März dürfte so mancher Windows-Nutzer in Europa eine Überraschung erleben: Nach einem automatischen Update des Betriebssystems wird sich ein Programm öffnen und zunächst eine Erklärung, dann ein Auswahlfenster präsentieren. "Wählen Sie Ihre(n) Webbrowser" wird darüber stehen (alle angebotenen Browser finden Sie in der Bilderstrecke oben).

"Aber ich hab' doch schon einen!", wäre eine naheliegende Reaktion.

Das ist in der Tat so - und auch der Grund, warum es nun überhaupt zu dieser Auswahlaktion kommt. Seit Mitte der neunziger Jahre ist Microsofts Internet Explorer integraler Bestandteil von Windows. Das war und ist zum einen sehr bequem, auf der anderen Seite fragwürdiger Dienst am Kunden - denn es gab immer Konkurrenzprodukte, die mehr zu bieten hatten, und Microsofts Browser war oft mit erheblichen Sicherheitsrisiken verbunden. Noch vor wenigen Wochen warnte das dem Innenministerium unterstellte Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik BSI vor der weiteren Benutzung des Programms, bis dessen aktuelle Sicherheitslecks geschlossen sind.

100 oder 200 Millionen PC in ganz Europa

Nun bekommen die Nutzer nach und nach die Wahl, bis zum 17. März muss das Verfahren eingeleitet sein. Das Auswahlfenster erscheint auf jedem mit dem Internet verbundenen Windows-Rechner - allerdings nicht auf allen zum gleichen Zeitpunkt. Schon ab dem 1. März wird das Verfahren getestet, reihum wird die Browser-Galerie dann auf Bildschirmen in ganz Europa erscheinen. Über die genaue Zahl der Rechner, die in den nächsten Tagen per Pop-up-Fenster vor die Browser-Wahl gestellt werden, gehen die Schätzungen weit auseinander. Riesig ist sie so oder so - es geht um 100 bis 200 Millionen PC in 30 europäischen Nationen.

Die Aktion ist der Abschluss eines europäischen Kartellverfahrens gegen Microsoft, in dem es wie im großen Kartellprozess in den USA vor allem um die Koppelung von Betriebssystem und Browser ging. Die wurde Microsoft als unfaire Geschäftsmethode vorgeworfen, die darauf abzielte, die gesamte Konkurrenz kleinzumachen und ein Monopol auf dem Browser-Markt zu erreichen.

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Kampf der Webbrowser: Die Marktanteile laut W3B-Umfrage (Dezember 2009)
Zeitweilig war das gelungen, der Internet Explorer hatte seinen damaligen Hauptkonkurrenten Netscape in die Knie gezwungen und weltweite Marktanteile von - je nach Schätzung - 85 bis über 95 Prozent am Browser-Markt erreicht. Seit dem steilen Aufstieg von Mozillas Firefox aber sieht das anders aus: Microsofts Monopol auf dem Browser-Markt ist insbesondere in Europa Vergangenheit (siehe Bildergalerie oben). Weltweit sollen die Microsoft-Browser noch - je nach Schätzung - 63 bis 79 Prozent halten, dies aber vor allem durch ihre Nutzung im Business-Bereich. Eigentlich könnte man das Thema Browser-Monopol also als Schnee von gestern verbuchen, Microsofts Marktanteile sind seit 2002 rückläufig.

In den USA wurde das Verfahren, das Microsoft an den Rand der Zerschlagung führte, auch schon 2001 ad acta gelegt. Anders in Europa: In mehreren, nicht alle an der Browser-Frage aufgehängten Verfahren verdonnerte die EU Microsoft zu Bußgeldern in Höhe von insgesamt fast 1,7 Milliarden Euro.

Sie zwang den Software-Konzern zu Zugeständnissen: Produkte wie den Media Player und den Internet Explorer musste Microsoft vom Betriebssystem entkoppeln. Im Dezember 2009 schließlich stimmte Microsoft auch einer der letzten Auflagen zu und verpflichtete sich, alle seine Kunden ab dem 17. März 2010 vor die Wahl zu stellen, welchen Browser sie künftig nutzen wollen. Das Unternehmen entschloss sich, sogar zwei Wochen früher damit zu beginnen - was alle Windows-Nutzer ab nächster Woche nach und nach vor die Browser-Wahl stellen wird.

Werden die Karten neu gemischt?

Die Zwangswahl sehen nun natürlich vor allem die kleinen und größeren Konkurrenten als Chance, den hart umkämpften und sich nur zäh bewegenden Browser-Markt so richtig aufzumischen. Das gilt nicht zuletzt für die Firefox-Community: Die Open-Source-Organisation hat sich in den letzten Jahren zunehmend professionalisiert, agiert auf dem Markt längst im Stil eines regulären Unternehmens.

Anfang dieser Woche wandte sich Mozilla über eine PR-Agentur gezielt an Redaktionen, um für Unterstützung der eigens aufgesetzten Aktion OpenToChoice zu werben: "Wir appellieren an Sie, Ihre Leser aufzuklären: Was gibt es für Wahlmöglichkeiten auf dem Browser-Markt? Wie beeinflussen diese Browser die Interneterfahrung? Wir hoffen, dass Ihre Leser verstehen, dass Werte wie Wahlfreiheit und Selbstbestimmung entscheidend in der digitalen Welt von heute sind. Diese internationale Initiative ist die bisher beste Gelegenheit, die wir kennen, um den Menschen in Europa ihre Alternativen im Technologiesektor näher zu bringen."

Die anderen Microsoft-Konkurrenten sind da deutlich zurückhaltender. Opera war die Sache zumindest eine Pressemitteilung wert, in der die Aktion Browserchoice als "Sieg für die Zukunft des Internets" begrüßt wurde. Opera war einer der Kläger in Brüssel.

Und der Opera-Browser ist nun neben Apples Safari und Googles Chrome eine der Hauptauswahlmöglichkeiten in dem via Microsoft verbreiteten Installationsangebot. Das ist Resultat einer langen Diskussion zwischen Unternehmen und EU-Kommission - bis hin zur Liste der angebotenen Browser, die von Zeit zu Zeit verändert werden soll. Von denen gibt es nämlich weit mehr als der normale Nutzer gemeinhin wahrnimmt. Ausgewählt wurden zunächst zwölf, angeblich auf Basis ihrer Beliebtheit in Europa.

Fünf große Namen, sieben Exoten

Dabei wird die Reihenfolge der Vorschlagsliste ständig variiert, allerdings in Maßen: Vorn und damit auf den ersten Blick sichtbar stehen stets Microsofts Internet Explorer (MSIE), Firefox, Safari, Opera und Chrome, sie wechseln nur ihre Plätze auf den ersten fünf Positionen.

Das Auswahlfenster: Zwölf Browser-Anbieter buhlen um Nutzer. Fünf sind immer sichtbar, für die anderen muss man scrollen Zur Großansicht

Das Auswahlfenster: Zwölf Browser-Anbieter buhlen um Nutzer. Fünf sind immer sichtbar, für die anderen muss man scrollen

Dahinter gibt es sieben weitere Kandidaten, von denen einige tatsächlich recht populär sind - wenn auch eher in China. Aber regionale Schwerpunkte sind auf dem Browser-Markt normal. In Deutschland ist Firefox führend, in der Ukraine Opera, während der Markt in Großbritannien wirkt, als gäbe es dort ein Importverbot für MSIE-Konkurrenten - Schätzungen zufolge liegt der MSIE-Marktanteil hier bei 75 Prozent, und damit rund 20 Prozentpunkte höher als im Rest Europas.

Aber das könnte sich ja ab 1. März ändern, wenn es nach der EU-Kommission geht. Dass Browserchoice aber die Karten im Spiel um den Markt wirklich neu mischt, darf man getrost bezweifeln. Noch immer muss man ein Programm herunterladen und installieren, wenn man den Wechsel will. Der war immer schon jederzeit möglich. Wer sich für das Thema interessiert, hat den Wechsel meist längst vollzogen, denn technisch hinkte Microsoft bis zur Programmversion MSIE 8 dem Rest der Branche meilenweit hinterher. Immerhin erfahren nun auch an solchen Fragen weniger Interessierte von der Existenz von Browser-Alternativen - mitunter wohl zum ersten Mal.

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Forum - Browserwahl - wer hat die Nase vorn?
insgesamt 184 Beiträge
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1. <->
silenced 26.02.2010
Als ob durch eine Auswahl sich irgendwas ändern wird. Wer seit Jahren mit dem MSIE surft der wird kaum wechseln, gleiche gilt für Firefox, Opera uswusw. Benutzer. Der Mensch = Gewohnheitstier. Mir persönlich gefällt der FF mit AdBlock+ und NoScript & einigen anderen nüzlichen Sachen bisher am Besten, dabei wird es auch bleiben. Hat zwar so seine Macken (PDFs führen ab und zu immernoch zum Browsercrash), aber wo gibt es die nicht. Man gewöhnt sich an alles.
2. Wer ...
Netz-Tradamus 26.02.2010
mit IE surft ist selber schuld! FF ist nicht schlecht, aber mich stört es, dass ich für die eMails noch zusätzlich Thunderbird brauche. Wäre an sich nicht so schlimm, aber jedes mal wenn eine neue Version heraus kommt, funktionieren ein paar AddOns nicht und oft genug waren es diejenigen, die anzeigen, dass neue eMails im Postfach sind. Seit ein paar Monatnh benutze ich Opera und das ist für mich der bisher beste Browser, weil die eMail-Konten innerhalb des Browsers verwaltet werden. Zudem kann ich mit Freunden direkt über den Browser mit Unite Filme, Software, Daten direkt tauschen - was bei mir perfekt funktioniert. Der Vorteil von FF sind ohne Zweifel die nahezu unendlichen Erweiterungsmöglichkeiten, bei Opera ist das wichtigste direkt mit drin und mehr habe ich bis jetzt auch nicht gebraucht.
3.
Johanna.1.15 26.02.2010
Zitat von silencedMir persönlich gefällt der FF mit AdBlock+ und NoScript & einigen anderen nüzlichen Sachen bisher am Besten, dabei wird es auch bleiben. Hat zwar so seine Macken (PDFs führen ab und zu immernoch zum Browsercrash), aber wo gibt es die nicht. Man gewöhnt sich an alles.
Muss nicht. Bei mir hat ein Update auf den aktuellsten Acrobat-Reader das Problem gelöst.
4. ++
saul7 26.02.2010
Zitat von sysopAlte Platzhirsche gegen agile Herausforderer: Ab März stellt Microsoft auf EU-Geheiß seine Nutzer vor die Browserwahl. Werden nun die Karten neu gemischt - und wer wird am Ende profitieren?
Der Open-Source-Browser "Firefox" ist für mich der angenehmste unter allen derzeit angebotenen Browsern.
5. Es liegt auch an den Seiten, die man besucht....
hausmeister hempel 26.02.2010
... welchen Browser man nehmen kann (muß). Das Problem ist doch, dass bestimmte Seiten sich nur mit IE vernünftig darstellen lassen. Bei meiner Bank konnte ich bis vor ca. 2 Jahren mit Netscape meine Bankgeschäfte erledigen. IE und FF funktionieren auch, nur mein jetzige Browser Safarie und mein Intenetbanking mögen sich nicht ... Bestimmte Datenbanken, die man nutzt, sind auch nur mit IE vernünftig nutzbar. Ergo: Nicht nur ein Problem des users sondern der Internetseiten ,die man nutzt. Und wer hat schon auf seinem Rechner 3 oder 4 verschiedene Browser? Also nutzt man nur den, mit dem man alle Seiten vernünftig aufrufen kann.
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