Aktionismus der Drogenbeauftragten: Wir tun was gegen Onlinesucht! Wogegen?

Ein Kommentar von

Vages Krankheitsbild, markige Sprüche: Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung will einer halben Million angeblich Onlinesüchtiger helfen. Was Internetsucht eigentlich ist, ob nicht eher andere Grunderkrankungen das Problem sind - alles ungeklärt. Die Regierung tut trotzdem schon mal was.

User (Symbolbild): Wäre der Rechner online, könnte der Mann onlinesüchtig sein Zur Großansicht
Corbis

User (Symbolbild): Wäre der Rechner online, könnte der Mann onlinesüchtig sein

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Mechthild Dyckmans weiß: Etwa 560.000 "onlineabhängige" Menschen zwischen 14 und 64 Jahren gibt es in Deutschland derzeit, in der Altersgruppe bis 24 Jahre sind nach Ansicht der FDP-Politikerin rund "250.000 Abhängige". Gegen diese Onlinesucht soll die neue "Nationale Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik" der Bundesregierung" helfen - mit Aufklärung und Prävention.

Mechthild Dyckmans erweckt immer wieder den Eindruck, als sei abschließend geklärt, was Onlinesucht ist. Die Drogenbeauftragte beschreibt beispielweise, wie eine Online-Suchtkarriere aussieht: "immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene" tappen "in die Falle der Internet- und Computerspielsucht", sagte sie Anfang Februar. Die Folgen sähen so aus: Die Betroffenen "gehen nicht mehr zur Arbeit oder zur Schule, vernachlässigen soziale Kontakte und sich selbst".

Ist Spielsucht online etwas anderes als offline?

So eindeutig Dyckmans ihre Behauptungen formuliert, so vage ist die faktische Basis der Befunde. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen der Internet- und der Computerspielsucht? Ist jemand, der stundenlang Onlinespiele nutzt, nun süchtig nach dem Internet oder nach Computerspielen? Und wenn nun Onlinesucht ein eigenständiges Phänomen ist, wann beginnt sie? Ist jemand onlinesüchtig, wenn er zu lange mit seinen Freunden bei Facebook kommuniziert? Oder fällt unter Onlinesucht nur exzessives Onlineshoppen und Onlinepokern? Aber ist Spielsucht nicht immer Spielsucht - online wie offline? Und gibt es, analog zum übermäßigen YouTube-Konsum, vielleicht auch eine Offline-Fernsehsucht?

All diese Fragen sind ungeklärt. Niemand weiß heute, was Onlinesucht ist, was Onlinesüchtige eigentlich tun, ob sie ihre Onlinedosis steigern, ob sie an anderen Erkrankungen leiden, die sie vielleicht mit Medien- und Substanzkonsum selbst therapieren.

Onlinesucht ist noch nicht erforscht

All das müssen Forscher noch in klinischen Studien untersuchen. Ungeachtet dieses Nichtwissens diagnostiziert die Drogenbeauftragte einfach so bei einer halben Million Menschen eine Suchterkrankung, die nun bekämpft werden soll. Die Zahl der Onlinesüchtigen, die Dyckmans immer wieder referiert, basiert auf einer 2011 in ihrem Auftrag durchgeführten Studie. In der steht aber nicht, was Onlinesucht tatsächlich ist, sondern lediglich, dass einige der Befragten bestimmte Antworten gegeben haben.

Natürlich liegt bei einigen Menschen eine problematische Onlinenutzung vor. Aber solange man nicht weiß, welche Probleme diese Menschen eigentlich haben, ist Forschung sinnvoller als Aktionismus. Als Maßnahme empfiehlt der Bericht trotzdem, die wie auch immer geartete Onlinesucht in die nächste Auflage des internationalen Standardwerks für Krankheitsdiagnosen, ICD-11, aufzunehmen.

Auf dem heutigen Wissensstand eine Volkserkrankung zu diagnostizieren, ist unredlich. Die Drogenbeauftragte handelt nur nach dem Motto: Wir wissen nicht, worüber wir reden, aber wir tun etwas dagegen.

Der Autor auf Facebook

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 33 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Diagnose:
herr_kowalski 15.02.2012
Zitat von sysopCorbisVages Krankheitsbild, markige Sprüche: Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung will einer halben Million angeblich Onlinesüchtiger helfen. Was Internetsucht eigentlich ist, ob nicht eher andere Grunderkrankung das Problem sind - alles ungeklärt. Die Regierung tut trotzdem schon mal was. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,815463,00.html
die Tante hat nen Schuss.........
2. Die Drogenbeauftragte der BRD
ash26e 15.02.2012
Zitat von sysopCorbisVages Krankheitsbild, markige Sprüche: Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung will einer halben Million angeblich Onlinesüchtiger helfen. Was Internetsucht eigentlich ist, ob nicht eher andere Grunderkrankung das Problem sind - alles ungeklärt. Die Regierung tut trotzdem schon mal was. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,815463,00.html
wurde mal gefragt, was sie denn so konkret mache. Darauf kam die ehrliche Antwort:" Mich wichtig."
3. Regelungswut
GerhardFeder 15.02.2012
Zitat von sysopCorbisVages Krankheitsbild, markige Sprüche: Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung will einer halben Million angeblich Onlinesüchtiger helfen. Was Internetsucht eigentlich ist, ob nicht eher andere Grunderkrankung das Problem sind - alles ungeklärt. Die Regierung tut trotzdem schon mal was. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,815463,00.html
Wichtig wäre, dass alle - vermutlich weit über 100 - Drogenbeauftragten mal eine Therapie gegen Regelungswut bezuschussen. Vorschlag: Von allen Abgeordnetendiäten 90% einbehalten und jeweils 5% mehr auszahlen für jene NICHT verabschiedete Regelung. Oder gleich alle Abgeordneten, die Regierung und alle ihre Beauftragten und "Weisen" unter Rgelungswut-Drogenverdacht stationär behandeln.
4.
inci2 15.02.2012
Zitat von ash26ewurde mal gefragt, was sie denn so konkret mache. Darauf kam die ehrliche Antwort:" Mich wichtig."
war das etwa frau bätzing?
5. Natürlich muss eine Diagnose am Anfang stehen
Europa! 15.02.2012
Zitat von sysopCorbisVages Krankheitsbild, markige Sprüche: Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung will einer halben Million angeblich Onlinesüchtiger helfen. Was Internetsucht eigentlich ist, ob nicht eher andere Grunderkrankung das Problem sind - alles ungeklärt. Die Regierung tut trotzdem schon mal was. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,815463,00.html
Dass es so etwas wie Spielsucht gibt, ist klar. Dass es von einem bestimmten Punkt an gesundheitsschädlich ist, dauernd am Bildschirm zu hängen auch. Die Drogenbeauftragte hat völlig recht, dass sie der Sache nachgehen will.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Netzpolitik
RSS
alles zum Thema Internetnutzung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 33 Kommentare
Fotostrecke
China: Mit Elektroschocks gegen Internetsucht


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.