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Aktivist freigelassen: Anonymous zieht Drohung gegen Drogenkartell zurück

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Anonymous wird nun doch keine Kollaborateure des Zeta-Drogenkartells outen. Das Hackerkollektiv hatte dies angekündigt, um die Freilassung eines der Ihren zu erzwingen. Der Gekidnappte ist offenbar wieder frei - und das Kartell droht mit Massenmord.

Anonymous-Drohung gegen Los Zetas: Eine schöne Geschichte Zur Großansicht
dapd

Anonymous-Drohung gegen Los Zetas: Eine schöne Geschichte

Hamburg - Der von dem Drogenkartell verschleppte Anonymous-Aktivist soll sich in einem Internet-Chat-Channel selbst gemeldet haben, nachdem er freigelassen wurde. Ein Mann, der eigenen Angaben zufolge einer der Gründer des lateinamerikanischen Anonymous-Arms ist, sagte SPIEGEL ONLINE, der Mann habe sich im Chat als der Freigelassene zu erkennen gegeben und seine Identität mit Wissen über Namen und Ereignisse untermauert. Dann habe er eine Warnung weitergegeben: Wenn nun dennoch Namen oder andere Informationen über Zuträger oder Angehörige des Zeta-Kartells veröffentlicht würden, würden zehn Mitglieder seiner Familie getötet. Das hätten seine Kidnapper ihm angedroht. Im Blog "Anonymous Iberoamerica" wurde sogar berichtet, die Zetas hätten gedroht, für jeden einzelnen veröffentlichten Namen zehn Menschen zu töten.

Anonymous hatte ursprünglich angekündigt, Namen und andere Informationen über Kollaborateure des Zeta-Drogenkartells zu veröffentlichen, falls der Mann nicht freigelassen werden sollte. Am 5. November werde man damit beginnen, die Identitäten von Kartellmitgliedern und ihren Helfern zu veröffentlichen, darunter Taxifahrer, Journalisten und Polizisten. Die anonyme Drohung verbreitete sich schlagartig im Netz und fand ein breites Medienecho.

"Die Narcos waren nicht das Ziel"

Die Freilassung betrachte man als Sieg, die angedrohte Veröffentlichung von inkriminierenden Informationen unterbleibe, so der Anonymous-Insider. Die Informationen entstammen offenbar einem größeren Datenschatz: Man habe schon vor Monaten eine Datenbank mit E-Mails von Regierungsbeamten gehackt, erklärte der Mann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Diese Zehntausende Mails umfassende Datenbank werde derzeit nach Hinweisen auf Korruption in Mexikos Verwaltung und Regierung untersucht.

Darin fänden sich auch Hinweise über Kontakte von Beamten zum Zeta-Kartell. Nun werde man sich wieder auf das eigentliche Ziel konzentrieren, die Bloßstellung korrupter Regierungsmitglieder und Beamter. "Die Narcos waren nicht das Ziel", so der anonyme Insider. Die E-Mails enthielten beispielsweise Hinweise, dass mexikanische Senatoren Geld angenommen hätten, um die Zahlenden vor Strafverfolgung zu schützen. Ende Dezember würden die Ergebnisse voraussichtlich veröffentlicht.

Vier freigelassen, einer tot?

Über die angekündigte Veröffentlichung der Zeta-Informationen hatte es auch innerhalb von Anonymous heftige Diskussionen gegeben. Die Veröffentlichung von Namen würde Menschenleben gefährden, mahnten die Kritiker. Tagelang war unklar, ob man die Drohung wahrmachen würde oder nicht. Die Entscheidung bleibt den lateinamerikanischen Anonymi nun erspart.

Der jetzt Freigelassene war offenbar in der Küstenregion Veracruz bei einer Flugblattaktion gegen ein geplantes Sportstadion gekidnappt worden - angeblich gemeinsam mit vier anderen Personen. Der anonyme Insider berichtete SPIEGEL ONLINE, vier der fünf seien freigekommen, einer sei offenbar tot.

Die mexikanischen Behörden äußerten sich nicht zu dem Fall und hatten bereits zuvor erklärt, keine Bestätigung für die Entführung des Hackers zu haben. Die US-Sicherheitsberatungsfirma Stratfor hatte Anfang Oktober ein Video veröffentlicht, in dem ein maskiertes mutmaßliches Anonymous-Mitglied mit der Veröffentlichung der Machenschaften der Zetas droht, wenn sein Kollege nicht freigelassen werde.

Die Zetas gehören zu den mächtigsten und brutalsten Drogenkartellen in Mexiko. Seit die Regierung den Drogenbanden im Jahr 2006 den Kampf angesagt hatte, kamen im mexikanischen Drogenkrieg schätzungsweise mehr als 45.000 Menschen ums Leben.

Drei Menschen wurden im August und September offenbar von Kartellmitgliedern ermordet, weil sie die Drogenmafia öffentlich kritisiert hatten. "Das wird allen widerfahren, die merkwürdige Dinge im Netz veröffentlichen", stand auf einem Pappschild, das auf einer Brücke in der Grenzstadt Nuevo Laredo am Rio Bravo gefunden wurde. Von der Brücke baumelten zwei Leichen. Ben West von Stratfor berichtet von einem weiteren Fall, ebenfalls in Nuevo Laredo. Dort sei eine geköpfte Frau gefunden worden, die in Blogs gegen Kartelle angeschrieben hatte.

Mitarbeit: Ole Reißmann

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1.
ThomasPr, 04.11.2011
...sagt einer, der sich wahrscheinlich schon die Hose vollmacht, wenn er in den Lauf einer Wasserpistole blickt.
2. Wie soll man die Kartelle bekämpfen, wenn nicht so?
waldgeist, 04.11.2011
Die Regierungen sind mit dieser Aufgabe ja offenbar hoffnungslos überfordert respektive stecken selbst mit drin.
3.
Netcube 04.11.2011
Wenn die Daten existieren, werden sie sicherlich ihren Weg in die Öffentlichkeit finden. Das A. erst mal einen Rückzieher machen kann ich aber verstehen. In dem Fall können Mausklicks tatsächlich schnell zu Toten führen.
4. Jetzt werden sie in ihrer virtuellen Welt
Stauss 04.11.2011
mal realem Leben konfrontiert. Und geben sofort klein bei.
5. da haben einige Computer
panzerknipsel79 04.11.2011
Krieger den Mund wohl arg voll genommen. Anonymus kann wohl was anrichten aber gerade die Ex Polizisten und Ex-Millitärs der Zetas sind auch nicht auf den Kopf gefallen und wenn dir jemand die Tür einrennt hilft auch kein Aimbot. Auf Hilfe der US Behörden darf Anonymus kaum hoffen mit der ganzen Aktion haben sich wohl ein paar wenige wichtig machen wollen. Gegen eine Organisation wie die Zetas sehen die aber alt aus, diese Brüder juckt es nicht für was sie jemanden umbringen.
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Mexikos Drogenkrieg: Jeder gegen jeden

Die Web-Guerilla Anonymous
Die Namenlosen
Anonymous ist eine lose Gruppierung, die ihren Ursprung einst im anarchischen Bilderforum 4Chan hatte. Zunächst konzentrierten sich Aktivisten auf Aktionen gegen Scientology. Inzwischen werden DDoS-Attacken, bei denen Websites durch massenhafte Anfragen überlastet werden, gegen eine Vielzahl von Zielen durchgeführt. Die Gruppe erklärte sich solidarisch mit den Aufständischen in Ägypten, Libyen, Syrien und anderswo, sie verteidigt WikiLeaks und bekämpft die Branchenverbände der Musik- und Filmbranche. Freie Information und das Recht auf Anonymität gehören zu den wenigen geteilten Zielen der zahlreichen Netznutzer weltweit, die sich zu Anonymous zählen.
Masken und Anzüge
AFP
Die Maske kommt aus Alan Moores Kultcomic "V wie Vendetta" und steht dort als Symbol für den Kampf gegen Unterdrückung, Überwachung und Zensur: Man erkennt die Gruppenzugehörigkeit, nicht aber den anynomen Träger. Angelehnt ist die Maske an Guy Fawkers, einen englischen Offizier, der 1605 den König und das Parlament in die Luft sprengen wollte, um die Verfolgung der Katholiken anzuprangern. Der Mann im Anzug ohne Kopf, das Logo der Bewegung, steht für eine Organisation ohne Anführer: Jeder kann Anonymous sein. Eine Vielzahl von Websites und Foren, Social-Network-Profilen und YouTube-Angeboten propagiert die Grundideen und -ziele der Bewegung.
Dauerfeuer aus Ionenkanonen
Anonymous setzt häufig auf Distributed-Denial-of-Service- oder kurz DDoS-Attacken. Darunter versteht man Angriffe über das Internet, bei der eine Vielzahl von Rechnern für so massenhafte Seitenaufrufe sorgt, dass die angegriffenen Server mit der Überlast nicht mehr fertig werden und kollabieren. Meist sind sie Stunden später aber wieder am Netz. Die "Niederorbit-Ionenkanone" ist ein Tool, das DDoS-Attacken für jedermann ermöglicht - und den freiwilligen Anschluss an ein Botnetz. Klingt cool, ist bei Einsatz aber kriminell. Anonymous hat mehrere zehntausend dieser DDoS-Tools für sogenannte Raids in Umlauf gebracht.
Anonymous gegen Scientology
REUTERS
Anlass zur Gründung der Bewegung waren 2008 Versuche von Scientologen, das Internet zensieren zu lassen: Ein ganz besonders wirres Video, in dem der Schauspieler Tom Cruise über Scientology redet, sollte aus dem Web entfernt werden. In den Foren einiger Imageboards (vor allem 4Chan, wo alle Teilnehmer Anonymous heißen) wurde daraufhin eine DDoS-Attacke verabredet. Seitdem protestiert ein "Arm" von Anonymous regelmäßig, auch ganz in echt auf der Straße, gegen Scientology.
Unterstützung für WikiLeaks
Bekannt wurde Anonymous durch Blockade-Angriffe auf Mastercard und Visa, die "Operation Payback". Die Finanzdienstleister hatte der Enthüllungsplattform WikiLeaks die Unterstütung entzogen. Später startete Anonymous "Operation Leakspin", eine Crowdsourcing-Initiative, um die von WikiLeaks veröffentlichten Dokumente nach interessanten Geschichten zu durchsuchen. Sympathisanten sollen ihre Energie darin investieren, Enthüllungen in "bürgerjounalistischer" Aufmachung auf allen denkbaren Kanälen so weit wie möglich zu verbreiten.
Anonymous und Sony
REUTERS
Sony möchte nicht, dass die Nutzer der Playstation auf der Spielkonsole eigene Software laufen lassen. Der Hacker GeoHot veröffentlichte eine Anleitung, wie es trotzdem geht - und bekam deshalb juristischen Ärger. Anonymous blies als Reaktion Mitte April zum DDoS-Angriff, zur "Operation Sony". Unbekannte stahlen parallel mehr als hundert Millionen Nutzerdaten des Playstation-Networks, weitere Hacker-Angriffe folgten - und Sony verdächtigt Anonymous, beschuldigt die Gruppe der Mittäterschaft.
Im Visier der Ermittler
Die Website-Blockaden provozieren staatliche Gegenwehr: Das FBI ermittelt, Anfang des Jahres wurden Wohnungen durchsucht und Verdächtige festgenommen. In Deutschland durchsuchten Ermittler im Mai, mitten im Wahlkampf, Server der Piratenpartei: Auf einer offenen Plattform soll, ohne Wissen der Partei, ein DDoS-Angriff geplant worden sein. Im Juni nahm die Polizei in Spanien drei mutmaßliche Anonymous-Mitglieder fest, mehr als zwei Millionen Chat-Protokolle sollen ausgewertet worden sein. Auch das Militärbündnis Nato, das sich für den Cyber-War rüstet, hat Anonymous im Visier.


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