Breitbandausbau Dobrindt verteilt seine Internet-Millionen

Die Provinz soll schneller ins Internet kommen. Dafür verteilt Bundesminister Dobrindt nun fast eine halbe Milliarde Euro - besonders reich beschenkt wird der Wahlkreis der Kanzlerin.

Minister Dobrindt
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Minister Dobrindt


Es ist nicht der angenehmste Tag für Alexander Dobrindt. Die Opposition hat einen Untersuchungsausschuss zur Abgasaffäre und der Rolle seines Ministeriums beantragt, die EU-Kommission stellt offiziell ein Ultimatum von zwei Monaten, binnen derer der CSU-Mann seine Pkw-Maut zu korrigieren habe.

Immerhin kann sich der Minister für Verkehr und digitale Infrastruktur am Donnerstagabend als Deutschlands Internetbeschleuniger feiern lassen. Im Innenhof des Ministeriums werden feierlich die ersten Förderungsbescheide für Dobrindts Projekt Breitbandausbau übergeben.

420 Millionen Euro verteilt er an diesem Donnerstag. Das Geld erhalten 55 Ausbauprojekte in 36 Landkreisen und Kommunen. Es ist das verbliebene Prestigeprojekt Dobrindts, nachdem er mit seiner Pkw-Maut auf so viel Widerstand stößt. Interessant ist dabei, an wen und wofür das Geld fürs schnelle Internet fließt.

Insgesamt umfasst das Förderprogramm - das der Bundesrechnungshof kritisiert hatte - 2,7 Milliarden Euro, die erste Runde ist nun gelaufen.

Die Zeit drängt

Bis 2018 soll jeder in Deutschland mit einer Mindestgeschwindigkeit von 50 Mbit/Sekunde ins Netz kommen - also unabhängig vom konkreten Anbietervertrag zumindest die technische Möglichkeit dafür haben. Das hat die Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag vor mehr als zwei Jahren beschlossen. Jetzt, endlich, der Start. Die Zeit drängt.

Momentan steht zwei von drei Haushalten diese Mindestgeschwindigkeit theoretisch zur Verfügung. Die Herausforderung liegt vor allem in den dünn besiedelten Regionen. Dort lohnt sich der Ausbau für Netzbetreiber wie die Telekom oft nicht. Hier soll Dobrindts Förderprogramm greifen. Eine Kommune kann pro Projekt für den Internetausbau bis zu 15 Millionen Euro Förderung einstreichen. Sie kann die Anschlüsse selbst verlegen oder Unternehmen bezuschussen. (Hier finden Sie die Übersicht des Ministeriums über die geförderten Projekte als PDF.)

Der Minister lässt am Donnerstag bei der Vorstellung des Programms die Zahlen prasseln: 500.000 Haushalte und Betriebe würden nun ans "superschnelle Breitband" angeschlossen, 26.000 Kilometer Glasfaser verlegt. Mit den 420 Millionen Euro Förderung werden Investitionen von 1,2 Milliarden Euro ausgelöst, sagt Dobrindt, als er an der Seite von drei Landräten, die in den Genuss solcher Millionenförderungen kommen, das Programm verkündet.

Dobrindt ist offenkundig stolz

Dobrindt genießt die Verkündung sichtlich. Er kann hiermit im Gerangel mit den anderen Bundesministern, die mit dem Thema Internet befasst sind, punkten. Zuletzt funkte ihm Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel mit eigenen Überlegungen zum Glasfaserausbau dazwischen. Dobrindt kritisierte im Gegenzug Gabriels WLAN-Gesetz, über das seit quälend langer Zeit gestritten wird.

Tatsächlich interessant: 38 von 55 Förderungen sehen den Ausbau von Glasfaserleitungen vor. Dobrindt ist von Opposition, SPD und Netzexperten stets dafür kritisiert worden, dass er auf Kupferleitungen und eine verhältnismäßig bescheidene Mindestgeschwindigkeit von 50 Mbit pro Sekunde setzt. Mit Glasfaser statt Kupfer sind deutlich schnellere Verbindungen möglich. Mit der Auswahl der geförderten Projekte will man der Kritik wohl entgegenwirken.

Auch die umstrittene Vectoring-Technik, mit der bestehende Kupferleitungen schneller gemacht werden können, kommt in den geförderten Landkreisen zum Tragen. In den Anträgen gibt es Projekte mit drei Firmen im Bereich Vectoring.

Sehr viel Geld für Meck-Pomm

Auffallend ist, welche Regionen besonders stark gefördert werden. 247 der 420 Millionen Euro fließen in ein einziges Bundesland - nach Mecklenburg-Vorpommern. Die Kreise dort hätten einfach am fleißigsten sofort Förderanträge gestellt, heißt es in Dobrindts Haus. Der dünn besiedelte Nordosten der Republik hat es auch am nötigsten - hier lohnt sich der Ausbau für die Netzbetreiber oft nicht.

Besonders viel Geld fließt in die Flächenlandkreise Vorpommern-Rügen und Vorpommern-Greifswald. Hier hat die Bundeskanzlerin Angela Merkel übrigens ihren Wahlkreis. Allein im Landkreis Vorpommern-Rügen werden neun Projekte mit insgesamt 83 Millionen Euro gefördert. Der geladene Landrat lobt auch prompt die Kanzlerin.

In der zweiten Runde, sagt der CSU-Minister, werde dann voraussichtlich Bayern ganz oben auf der Förderliste stehen.

Streit ums Vectoring
1. Was ist Vectoring?
Das sogenannte VDSL2-Vectoring ist eine Technologie, die es erlaubt, den Datendurchsatz von Kupferleitungen zu erhöhen. Man kann also ein höheres Datentempo erreichen, ohne die bestehenden Kabel beispielsweise durch Glasfaser zu ersetzen. In der Regel sollen durch Vectoring Geschwindigkeiten von mindestens 50 Megabit und bis zu 100 Megabit pro Sekunde möglich sein.
"Vectoring ermöglicht durch den Ausgleich von elektromagnetischen Störungen zwischen den Leitungen eine Verdoppelung der Bandbreite", erklärt die Telekom. Das Unternehmen ist der in Deutschland mächtigste Befürworter der Technologie.
2. Was spricht fürs Vectoring?
Fürs Vectoring spricht, dass man dabei im Grunde bestehende Infrastruktur upgradet: Mehr aus den bestehenden Kabeln herauszuholen, ist einfacher und weniger aufwendig, als neue Kabel zu verlegen. Langfristig will die Telekom per "Super Vectoring" auch höhere Vectoring-Geschwindigkeiten als bislang anbieten können.
Die Telekom rechtfertigt ihre Vectoring-Vorstöße unter anderem damit, dass ein flächendeckender FTTH-Ausbau, wie er oft gefordert wird, schwer zu finanzieren sei. FTTH steht für "Fibre to the Home", also für Glasfaserkabel, die bis direkt in die Wohnung des Kunden führen.
3. Was wird am Vectoring kritisiert?
Kritiker glauben, dass die Vectoring-Technologie nicht wirklich zukunftsträchtig sei und dass ihr Einsatz den Glasfaser-Ausbau verzögere. Mit Glasfaser-Anschlüssen wären langfristig gedacht sehr viel höhere Datendurchsatzraten möglich als beim Vectoring. Gleichzeitig gibt es aber auch viele Bereiche Deutschlands, in denen es bislang gar kein schnelles Internet gibt.
Ein großer Streitpunkt ist, dass Vectoring an den Hauptverteilern prinzipiell nur von einem Anbieter durchgeführt werden kann. Das heißt: Bietet beispielsweise die Telekom an bestimmten Verteilern Vectoring, können andere Betreiber dort keine eigene Technik installieren. Konkurrenten fürchten daher einen massiven Wettbewerbsvorteil für die Telekom.


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Seite 1
astsaft 28.04.2016
1. Ein Schelm, wer da an Zufall denkt
Manchmal fällt es halt auf. Wie lautet nochmal das 11. Gebot? Lass dich nicht erwischen?
*Infinity* 28.04.2016
2. Unsere Gemeinde wird wohl nicht beschenkt
Lebe zwar nicht in Meck-Pomm, aber im bevölkerungsreichsten Bundesland und ich würde davon ausgehen, dass unsere Gemeinde nicht beschenkt wird. Wir haben im Moment im Außenbereich eine Bandbreite von 384KBit/s, sind also damit rund 1000x langsamer unterwegs als aktuelle Kabelangebote. Förderung gibt es, laut unserer Gemeinde und der Wirtschaftsförderung, für unsere Gemeinde nicht. Insbesondere weil durch die Gemeinde kein Euro zum Ausbau im Außenbereich zugesteuert werden soll, was die meistens Förderungsprogramme voraussetzen. Aktuell denkt der gesamte Außenbereich darüber nach, ob es sich rechnen würde selber Glasfaser zu verlegen. Kannte das bisher nur aus Ländern der 3ten Welt, die selber ihre Infrastruktur bauen müssen, weil der Staat dort nicht existent ist oder versagt. Wenn ich bis 2018 mit 50MBit/s surfen kann, dann schicke ich Herrn Dobrindt gerne eine Flasche Sekt - ich würde aber mal nicht davon ausgehen, dass es dazu kommt...
wire-less 28.04.2016
3. Wer bekommt das Geld / Wem gehört die Infrastruktur?
die Förderprogramme die ich kenne (Bayern) sind alles andere als nachhaltig. Da bekommt der Anbieter (meist Telekom) das Geld und die Infrastruktur gehört dann der Telekom. Bei weiteren Ausbauten ist man dann wieder auf diesen Anbieter angewiesen ... Meiner Meinung nach hätte Dobrint Leerrohrinfrastruktur förden sollen die im Besitz der jeweiligen Kommune/des Bundes verbleibt. Diese Leerrohre hätte man dann billig oder kostenfrei an die Anbieter verpachten können. Dann hätte man für weitere Ausbauten/Technologiewechsel Zugriff auf die Infrastruktur und könnte erneut den günstigsten Anbieter wählen. So wie es läuft kann man sich auf immer wieder neue Förderung auf Kosten des Steuerzahlers einstellen. Herrn Dobrint und co. gibt das die Möglichkeit immer wieder neu als Wohltäter dazustehen.
cih 28.04.2016
4. nur
das ländliche Gebiet ist nicht ausgebaut? Kupfermässig komme ich hier in der City von Hannover gerade mal auf ne 7000er Bandbreite
karlmeier6565 28.04.2016
5. Wie kann man nur solche Phobien haben?
Die Gründe wurden eindeutig dargelegt, und Ihr schreibt trotzdem so nen Müll.
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