Die syrische Bloggerin Amina Abdallah Arraf, die am Montag angeblich von syrischen Geheimdienstlern auf offener Straße attackiert und entführt wurde, ist nicht, wer sie vorgibt zu sein. Offen ist allerdings weiterhin, ob hinter der Figur Amina Arraf eine echte syrische Oppositionelle steht, die tatsächlich verschleppt wurde, oder ob ihre Geschichte schlicht erfunden ist.
Gesichert ist inzwischen, dass die fünf Fotos von ihr, die von Unterstützern an Medien verteilt wurden und im Internet kursieren, nicht sie zeigen, sondern eine in London lebende Kroatin namens Jelina Lecic. Jeder Zweifel daran wurde durch einen Auftritt Lecics im Rahmen der BBC Newsnight am Mittwochabend zerstreut.
Klar wurde dabei allerdings auch, dass keineswegs gesichert ist, dass Arraf selbst, wer auch immer hinter dem Blog steht, die Fotos in Umlauf gebracht hat. "A Gay Girl in Damascus", so der Titel des seit einigen Monaten höchst populären Blogs, war bis zum Montag ohne Porträtfotos von ihr ausgekommen. In Umlauf kamen die angeblichen Arraf-Fotos erst im Rahmen der Unterstützer-Kampagne, die seit Montag von ihrer angeblichen Freundin Sandra Bagaria aus Montreal initiiert worden war.
Die zeigt sich inzwischen reichlich desillusioniert: In einem Interview mit dem amerikanischen Radionetzwerk NPR (vormals "National Public Radio") wehrt sie sich gegen den Verdacht, die Person hinter Arraf zu sein und erzählt, dass sie seit Monaten eine auf E-Mails basierende Beziehung zu Arraf aufgebaut habe. Über 500 Mails habe diese Person ihr geschickt und sich dabei auch ihr gegenüber als jemand ausgegeben, der aussah wie Jelina Lecic. Trotzdem glaubt sie weiter daran, dass sich hinter Arraf eine echte Person verstecken könne - auch wenn die offensichtlich nicht so aussehe wie bisher gedacht.
Lecic wurde auf den Missbrauch ihrer Konterfeis aufmerksam gemacht, nachdem die Nachricht von der behaupteten Entführung Arrafs nicht nur eine spontane Protestwelle im Netz verursacht hatte, sondern auch eine weltweite Berichterstattung nach sich zog. Lecic ließ darauf einen Rechtsbeistand erwirken, dass unter anderem der "Guardian" ihre Porträts zurückzog. Die "Huffington Post" in den USA hatte dies bereits vorher getan.
Als erstes Medium hatte am Mittwoch die "New York Times", angestoßen durch eine Kritik des Radiojournalisten Andy Carvin, Zweifel an der Geschichte vom "Gay Girl" geäußert, folgende Recherchen zeigten schnell weitere Schwachpunkte in der Geschichte auf. Carvin gräbt seitdem unermüdlich weiter, auf seinem Twitter-Account laufen zahlreiche Informationen zusammen - auch aus Syrien selbst. Inzwischen äußerten sich auch mehrere syrische Oppositionelle, die bisher die Echtheit der Person Arrafs bestätigt hatten, relativierend: Niemand scheint Arraf jemals in Persona getroffen zu haben, alle Kontakte liefen nur per E-Mail.
Die Entführung: Einzige Quelle war das Blog
Arrafs letzte dokumentierte, per E-Mail geäußerte Geschichte, sie mache sich auf den Weg zu einem Treffen mit Oppositionellen, scheint bestätigt worden zu sein: Es soll eine solche Verabredung gegeben haben, Arraf sei aber nicht erschienen. Nach Informationen ihres Blogs, die dort von ihrer angeblichen Cousine Rania veröffentlicht wurden, soll sie auf dem Weg dorthin entführt worden sein. Diese Information war auch von Vertretern der syrischen Oppositionsbewegung bestätigt und verbreitet worden. Inzwischen sagte ein auf Anonymität bestehender Sprecher der Bewegung gegenüber der Nachrichtenagentur AP, dass auch das allein auf Basis des Blog-Eintrags geschehen sei, es gebe keinerlei unabhängige Bestätigung für die Entführungsgeschichte.
Inzwischen reagiert auch die in den USA beheimatete angebliche Cousine, die die letzten Blogeinträge geschrieben haben soll und der US-Presse bisher als Ansprechpartnerin für stets per E-Mail durchgereichte Anfragen diente, nicht mehr auf Kontaktierungsversuche. Die "Washington Post" berichtete am Donnerstag, dass der Fall inzwischen auch die amerikanischen Behörden beschäftigt. Bisher sei es nicht gelungen, die Identität irgendeiner der involvierten Personen zu bestätigen. Jetzt soll das US-Innenministerium versuchen, auf Basis der detaillierten biografischen Hintergründe, die Arraf in ihrem Blog schilderte, die Familie zu identifizieren - wenn sie denn existiert.
Es gibt nach wie vor Vertreter der syrischen Opposition, die Arraf für authentisch halten - egal, ob hinter der Persona eine Frau, ein Mann oder eine Gruppe stehe: Es sei plausibel, dass man sich in einem Polizeistaat wie Syrien durch ein Alter Ego schütze.
Gegenüber der "Washington Post" äußerte ein Sprecher der Bewegung inzwischen aber ernste Zweifel und zeigte sich offen verärgert: Wenn die ganze Arraf-Geschichte ein "Hoax", einer der Web-typischen Lügenkonstrukte sein sollte, sei dies höchst "selbstsüchtig", weil es künftige Äußerungen aus syrischen Oppositionskreisen diskreditieren könnte. Tatsächlich mündet die Debatte um den Fall Arraf derzeit in eine Diskussion der grundsätzlichen Glaubwürdigkeit von via Web kommunizierenden anonymen Quellen.
Jelina Lecic empfindet den Vorgang zudem als ernste Verletzung ihrer Privatsphäre und Gefährdung ihrer Person. Arraf habe sich als homosexuelle Muslime mit oppositionellem Hintergrund dargestellt, jetzt habe sie Angst, verwechselt und von einem Radikalen angegriffen werden zu können. Auch Facebook sei daran nicht unschuldig, sagt sie, denn ihre Fotos wurden offenbar aus ihrem Facebook-Profil entwendet. Deren Datenschutzeinstellungen, sagte sie der BBC, habe sie so eingestellt, dass eben nicht jeder ihre Fotos abrufen könne, "aber das funktioniert offenbar nicht".
pat/AP
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