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Cebit-Besuch der Kanzlerin: Mannomann, was kostet das denn?

Von , Hannover

Cebit: Angela Merkel holding things Fotos
REUTERS

Die Cebit ist eine Technikmesse von Weltrang, zumindest in Hannover. Kanzlerin Merkel will dort beim Wohlfühlrundgang beweisen, dass sie die Digitalisierung ernst nimmt. Doch einer stört.

Die Flüchtlingskrise verfolgt Kanzlerin Angela Merkel in diesen Tagen sogar bis auf die Cebit. Ein kleiner blonder Junge wird unter der Absperrung Richtung Gang durchgeschoben, vorbei an Merkels Sicherheitsleuten. In der Hand hält er ein Bündel weißer Luftballons, bedruckt mit dem Logo einer App für Flüchtlinge.

Er streckt es ihr entgegen, als sie vorbeiläuft. Gutes Timing für den Vater des Jungen, schlechtes für Merkel. Sie stockt nur kurz, läuft weiter. Jaja, danke, aber dafür ist jetzt keine Zeit. Es geht weiter, zum nächsten Stand. Die Digitalisierung wartet auf niemanden.

Der Spaziergang auf der Cebit hat Tradition für Merkel, anders als in den vergangenen Jahren war sie aber dieses Mal nicht zur Eröffnungsfeier nach Hannover gereist, sondern lediglich für den Messerundgang. Die Cebit hat im Jahr 2016 keinen leichten Stand mehr beim Publikum, da geht es der Messe wie Merkel.

Dass auch die Bundesregierung hinterherhinkt, sagt sie nicht

In vergangenen Jahren, als die Cebit noch Publikumsmesse war, kamen immer weniger Besucher. 1995 lockten ein Auftritt des damaligen Microsoft-Chefs Bill Gates und die Vorstellung von Windows 95 noch mehr als 750.000 Besucher aufs Messegelände. 2015 waren es nur noch 200.000.

Auch von Firmenseite gibt es Liebesentzug: Große Neuheiten stellen viele mittlerweile lieber auf anderen Messen vor, in Las Vegas oder Barcelona. Die Cebit richtete sich neu aus, seit zwei Jahren ist sie eine Fachmesse und soll als solche ein Stelldichein der Branche sein - mit wachsender politischer Komponente, wie Messe-Chef Oliver Frese vorab erklärt hatte.

Der Merkel-Besuch passt da gut, und zwar beiden Seiten. Los geht es beim Stand des diesjährigen Cebit-Partnerlands, der Schweiz. "Die Zeit drängt", sagt Merkel dort. Es geht um die Digitalisierung, deutsche Firmen hinken hinterher. Dass auch die Bundesregierung hinterherhinkt, sagt sie nicht.

Drei Schweizer Start-ups präsentieren Merkel ihre Ideen. "Stellen Sie sich vor, Frau Bundeskanzlerin, Sie wechseln einmal ihren Beruf und arbeiten in einem Hotel", sagt ein Gründer zum Einstieg. Merkel spitzt die Lippen und nickt.

"Das möchte ich nicht"

Den angebotenen Schweiz-Anstecker für den merkelschen Hosenanzug lehnt sie ab, das erste verschmähte Geschenk des Tages, noch vor den Flüchtlingsluftballons. "Das möchte ich nicht, aber nur, weil ich das nicht mag", sagt sie.

Merkel bekommt Drohnen gezeigt, Modelle für eine vernetzte Stadt, Objekte aus 3D-Druckern, Head-Mounted Displays, Miniroboter. Mannomann. Was kostet das denn? Und wie viele Mitarbeiter haben Sie?

Die Kanzlerin besieht sich auf der Cebit Ideen für eine digitalisierte Wirtschaft, für die ihre Regierung noch viel mehr tun könnte. Seit Jahren schon doktert die Bundesregierung unter Merkel an Strategien herum, passiert ist wenig. Erst gestern war Vizekanzler und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) auf der Cebit und präsentierte wieder ein neues Strategiepapier, seine "Digitale Agenda 2025".

Einer der wichtigsten - und leidigsten - Punkte darin: der Breitbandausbau. 2008 wollte Merkel das Problem des fehlenden schnellen Internets binnen eines Jahres gelöst haben. Dann versprach sie: Bis 2014 sollten alle Haushalte mit einer Geschwindigkeit von 50 Mbit pro Sekunde surfen können. Beim Cebit-Besuch der Kanzlerin 2014 war davon dann nicht mehr die Rede.

Das Gigabit-Ziel, in weiter Ferne

In einer Broschüre der Bundesregierung aus dem Sommer 2015 heißt es, mittlerweile erreichten 64 Prozent aller Haushalte diese Geschwindigkeit. Es ist also, vorsichtig ausgedrückt, noch Luft nach oben. Während andere Länder schon längst in der Einheit Gigabit denken, soll es in Deutschland 2018 so weit sein mit der Downloadgeschwindigkeit von 50 Mbit pro Sekunde. Gabriels "Digitale Agenda 2025" setzt dann auch das Gigabit-Ziel, in weiter Ferne.

Merkel ist gut vorbereitet auf den Cebit-Pressetermin. Schon mit einem am Samstag vor dem Messebesuch veröffentlichten Podcast hat sie sich zu einem der Hauptthemen der Messe, Big Data, ins Spiel gebracht. Daten seien "der Rohstoff des 21. Jahrhunderts", der, so Merkel enigmatisch, "den Zugang zum Kunden" sichere. Deutsche Firmen dürften den Anschluss nicht verlieren, nicht an Big Data, nicht an die Digitalisierung.

Dass genau das passieren könnte, hat Merkel vor wenigen Wochen erst von einem eigens angeheuerten Beratergremium Schwarz auf Weiß bekommen. "Die derzeitige Situation ist alarmierend: Deutsche Unternehmen sind in der Gesamtschau der Digitalisierungsaktivitäten nach 40 Jahren allenfalls internationales Mittelmaß", sagte der Kommissionsvorsitzende Dietmar Harhoff im Februar, als er das Gutachten seines Gremiums der Kanzlerin überreichte.

Davon will man auf der Cebit mit dem Motto "d!conomy", einer Zusammensetzung aus "digital" und "economy", nichts hören. Und auch Merkel hat definitiv Besseres zu tun, als sich den Wohlfühlrundgang durch Kritik zu verderben.

Im Video: Eindrücke von Merkels Cebit-Rundgang

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insgesamt 79 Beiträge
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1. Merkel und das breite Internet
joes.world 15.03.2016
"es ist wichtig, breites Internet zu haben", sprach Merkel einmal. Wohl ihrem Redeschreiber nach. Der leider vergessen hatte sie darüber aufzuklären, was Breitbandinternet ist und wieso das eine gute Sache für Deutschland sei. So ist Merkels Umtriebigkeit auf einer Messe, deren Inhalte ihr fern sind, wie ein Sinnbild. Für all ihre politischen Baustellen. Dieser Tage. Geisterte Merkel gestern doch durch die Aufbereitung ihrer Vorgestrigen Wahlschlappe so, wie durch eine Technikmesse: physisch anwesend, aber geistig nicht dabei. Überhaupt sollte Merkels Motto besser lauten: "wir sind überall dabei. Das schaffen wir." Würde es doch ehrlicher ihren augenblicklichen politischen Zustand beschreiben, als ihr gescheiterte Spruch, den ich gerade zu verdrängen versuche.
2. Fr M. ...
dasistnurmeinemeinung 15.03.2016
... sorgen Sie doch zu allererst mal für die Sicherheit unserer Daten. Aber Achtung, für ein paar ernste Worte an Schlapphut, Trencoat und Co. braucht es Rückgrat. Den Rest schafft die Industrie (besser) ohne Sie.
3. Kein Land in Sicht ...
coyote38 15.03.2016
Tolles Foto. Die "Neuland"-Beauftragte guckt "wie ein Schwein ins Uhrwerk" ... zum Totlachen.
4. Internationales Mittelmaß? HAHA
Shoxus 15.03.2016
Schön wäre es. Es ist eine Schande. Aber hey vor ein paar Jahren war das ja noch alles "Neuland". Einfach so lächerlich. Und wenn der Staat nicht bald Geld in die Hand nimmt und mal ordentlich was reinpumpt in die Infrastruktur sind wir in ein paar Jahren am Ende. Da nützt es auch nichts das wir dann ein Billiglohnland sind. An solchen Themen sieht man einfach sehr gut, wie unfähig 99% unserer Politiker sind. Ich frag mich ja wofür die ganzen Berater bezahlt werden.
5. Oh weh!
awoth 15.03.2016
Mit Riesenschritten in die Zukunft....
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Fotostrecke
Merkel auf Messe-Rundgang: Kanzlerin looking at Cebit-things



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