Angriff auf Computer: US-Militär plante Cyberwar gegen Libyen

Mit Viren und Trojanern wollte die US-Armee die Armee des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi angreifen - letztlich waren die Bedenken zu groß: Die Militärs fürchteten eine zu lange Vorbereitungszeit und sorgten sich um die Verfassung.

Kämpfer der libyschen Übergangsregierung: Cyber-Angriff abgesagt Zur Großansicht
REUTERS

Kämpfer der libyschen Übergangsregierung: Cyber-Angriff abgesagt

Berlin - Die US-Heeresführung erwog offenbar einen Cyber-Einsatz gegen Libyens Militärcomputer, um Kommunikations- und Radarsysteme der libyschen Truppen zu stören. Die Entscheidung gegen den Einsatz fiel aber letztlich aus Angst davor, damit einen Präzedenzfall für andere Staaten zu schaffen, heißt es in der "New York Times". Außerdem sei nicht klar gewesen, ob US-Präsident Obama ohne die Zustimmung des Kongresses so einen Einsatz hätte befehlen dürfen und ob für einen entsprechenden Einsatz (also dem Entwickeln und Einschleusen eines entsprechenden Schadcodes) genug Zeit gewesen wäre.

Aus den gleichen Gründen verzichtete das US-Militär ein paar Wochen später auf einen Cyber-Einsatz gegen pakistanische Radarstationen, um die kill mission gegen Osama bin Laden zu unterstützen, heißt es in der "New York Times": Tarn-Helikopter statt Schadprogramme tricksten endlich die pakistanische Radar-Aufklärung aus. Die Angriffe "wurden ernsthaft erwogen," erklärt ein US-Beamter dem Blatt, "weil sie die libysche Luftabwehr lahmlegen und das Risiko für Piloten verringern hätten können".

"Diese Cyber-Fähigkeiten sind wie Ferraris," erklärte der Beamter weiter, "die man nur fürs ganz große Rennen aus der Garage holt, wenn dich nichts anderes mehr zum Ziel bringt." Oder einfacher: Cyber-Angriffe sind eine ganz schön dicke Kanone. Ihnen gehen aufwendige, zielgerichtet Entwicklungsarbeiten voran; die Gefahr, mit ihnen mehr als den gewünschten Schaden anzurichten, ist hoch - zudem hätten die USA mit einem offensiven Cyber-Angriff einen Präzedenzfall geschaffen.

Zwar erklärte der Beamte der "New York Times", dass ein potentieller Schadcode nur die gewünschten (feindlichen) Systeme angreifen könne. Das Beispiel Stuxnet aber zeigt, dass selbst ein hochspezialisierter Angriff epidemisch werden kann - Stuxnet infizierte mehr als 100.000 Computer weltweit.

Dabei wäre für einen Angriff gegen feindliche Radarstationen in manchen Fällen nicht einmal ein Virus nötig - das US-Militär erprobt derzeit den Next Generation Jammer (NGJ) mit dessen Hilfe Kampfjet-Piloten Schadcode aus der Luft in feindliche Luftabwehr-Systeme implantieren können sollen; dieser Ansatz ist unter dem Begriff "Suter" bekannt.

kno

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1. Wer technisch die Nase vorn hat, hat das Weltsteuerrad in der Hand
sukowsky 18.10.2011
Wer technisch die Nase vorn hat, hat das Weltsteuerrad in der Hand.
2. .
takeo_ischi 18.10.2011
Zitat von sysopMit Viren und Trojanern wollte die US-Armee die Armee des libyschen Diktators*Muammar al-Gaddafi angreifen - letztlich waren die Bedenken zu groß: Die Militärs fürchteten eine zu lange Vorbereitungszeit und sorgten sich um die Verfassung. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,792380,00.html
Um ihre geistige?
3. Stuxnet
Schopy 18.10.2011
"...zudem hätten die USA mit einem offensiven Cyber-Angriff einen Präzedenzfall geschaffen." Stuxnet schon wieder vergessen? Außerdem sollte man sich immer dann, wenn es um Amerika, Internet und "Sicherheit" geht, an diesen Gesprächsausschnitt erinnern: http://www.youtube.com/watch?v=on4DPpN7GwQ Prof. Lawrence Lessig über ein Gespräch mit Richard Clarke. Die entscheidende Stelle ab etwa 1:40 im Transkript: I had dinner once with Richard Clarke at the table and I said "is there an equivalent to the Patriot Act - an iPatriot Act - just sitting waiting for some substantial event for them to come have an excuse for radically changing the way the Internet works?" And he said, "Of course there is" - and I swear this is what he said, and quote - "and Vint Cerf is not going to like it very much." Vor dem Hintergrund der "Strategie der Spannung", die so aktuell ist wie immer, spielt jede Art von "Cyber-Gefahr" dem Imperium in die Hände - als Ausrede für eine intensive (auch inhaltliche!) Kontrolle des Internet. KiPo, Musikdownloadterroristen und so weiter sind dabei die Propaganda-Tools und trojanische Pferde für's Bewusstsein der Öffentlichkeit, um Akzeptanz für die Maßnahmen zu schaffen, die ganz andere Internetinhalte zum Ziel haben. Das Unterbinden von Organisations- und Aufklärungsmöglichkeiten für's Volk ist das eigentliche Motiv. Diesen Aspekt sollte man auch bei den im Artikel behandelten Überlegungen zu US-Cyber-Attacken (hier gegen Libyen und Pakistan) im Hinterkopf behalten, um nicht gar so sehr "überrascht" zu sein, wenn dann mal die westliche Welt Opfer einer größeren Cyber-Attacke wird.
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