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01. September 2014, 14:17 Uhr

Videospiel-Debatte

Wer Sexismus anprangert, wird mit Vergewaltigung bedroht

Von Katrin Gottschalk

Anita Sarkeesian prangert in ihrer Webserie "Tropes vs. Women" Rollenklischees und sexualisierte Gewalt in Videospielen an. Nun bekommt sie Morddrohungen und musste aus ihrer Wohnung flüchten.

Als Anita Sarkeesian vergangenen Montag eine neue Folge ihrer Webserie "Tropes vs. Women in Video Games" veröffentlicht, segelt die Nachricht schnell durch die sozialen Netzwerke - begleitet von großer Begeisterung. Seit 2009 nimmt Sarkeesian auf ihrem Blog "Feminist Frequency" Frauenstereotype in der Popkultur auseinander und erreicht damit Hunderttausende weltweit. Im März vergangenen Jahres startete sie schließlich die Serie "Tropes vs. Women" (zu Deutsch etwa: "Klischees vs. Frauen"), die sich sexistischen Darstellungen von weiblichen Figuren in Videospielen widmet. Teil 1: die damsel in distress, die "Jungfrau in Nöten".

In einer knappen halben Stunde zeigt die US-amerikanische Bloggerin auf extrem unterhaltsame Art, mit einer Mischung aus umfangreicher Recherche, ausgiebiger Analyse und bissigem Sarkasmus, wie Frauen in Videospielen beständig als "leere Hüllen" daherkommen. Weil sie etwa unspielbare Charaktere sind, die von anderen gerettet werden müssen, oder gar reine "Hintergrunddekoration" und als solche nebenbei womöglich noch vergewaltigt werden, wie Sarkeesian in Teil zwei ausführte.

Für ihre Videos bekommt sie einerseits viel positives Feedback: die Kickstarter-Kampagne, mit der sie die aktuelle Serie finanziert, erspielte schon nach 24 Stunden das nötige Geld. Andererseits ziehen gerade Auseinandersetzungen, die sich mit Sexismus beschäftigen, besonders diejenigen an, die sich dadurch angegriffen fühlen: Sexisten.

Die heftigste Welle misogyner Angriffe ereilte Sarkeesian mit dem Start von "Tropes vs. Women in Video Games". Ihre Kritiker versuchten, ihre Videos auf YouTube zu sperren, schickten ihr Bilder, auf denen sie verprügelt aussah, und entwickelten sogar ein "Spiel": "Beat Up Anita Sarkeesian".

Dann erreichten die Drohungen einen neuen, erschreckenden Höhepunkt. Vergangenen Mittwoch veröffentlichte Sarkeesian einen Auszug aus den Nachrichten, die sie in den vergangenen Tagen bekommen hatte: "Ich werde in deine Wohnung kommen und dich zu Tode vergewaltigen." Sie hat die Behörden informiert und ihr Haus verlassen. Jetzt sei sie "in Sicherheit". Die Drohungen und Belästigungen dauerten aber an, sagt sie, und sie beträfen nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Familie. Sarkeesian spricht von "Terrorismus".

Dass dieses Thema noch immer einen derartigen Hass auslösen kann - ist das nicht verwunderlich? Müssen wir im Jahr 2014 wirklich noch darüber diskutieren, ob es sexistisch ist, Frauen in Videospielen vorrangig halbnackt, übersexualisiert, passiv und als Opfer zu zeigen? Oder wie Sascha Kösch es in der de:bug formuliert: "Eigentlich nichts, wovon man - in Zeiten, in denen Beyoncé vor einem FEMINIST Background auf den MTV Videoawards tanzen kann - denken würde, dass es großen Aufruhr im endlosen Netz der Milliarden konträren Meinungen verursachen könnte."

Könnte man eben denken. Aber genau dieses Netz der Milliarden schafft einen großen Stammtisch, der von all denjenigen besetzt wird, die in der Nouvelle Cuisine der "Mainstreammedien" nichts für sich finden. Während an der einen Stelle das Glitzern des Feminismus gefeiert wird und alle heftig mit dem Kopf nicken, wenn auf Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen aufmerksam gemacht wird, gibt es auch diese andere Welt, der schon bei dem Wort "Gleichberechtigung" schlecht wird.

Immer wieder werden klassische Frauenklischees reproduziert

Verwurzelt scheint diese Welt bis heute in Teilen der Spieleindustrie, die - das zeigt Sarkeesian in ihren Videos sehr anschaulich - immer wieder klassische Frauenbilder reproduziert: Der starke Held mit dem schnellen Auto und die barbusige Frau dazu gehen immer. Während das Bedienen dieser Klischees etwa im Film mittlerweile von Wissenschaftlern, Journalisten und Bloggern verlässlich analysiert wird, steht Anita Sarkeesian mit ihrer Kritik am Sexismus in Videospielen noch ziemlich allein auf weiter Flur und wurde so zur Zielscheibe eines massiven Backlashs.

Dabei ist die Videospieler-Community längst nicht mehr männlich dominiert. Eine US-amerikanische Studie, die Anfang vergangener Woche veröffentlicht wurde, zeigt, dass Frauen über 18 Jahren 36 Prozent der Gamer ausmachen - erwachsene Männer nur 35 Prozent. Insgesamt liegen nur vier Prozentpunkte Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern bei der Nutzung von Computerspielen insgesamt. Im Zusammenhang mit dem Spiel "Assassin's Creed: Unity" gab es sogar Proteste - weil man darin keine weibliche Figur spielen kann.

Frauen holen also auf. Dass sie nicht die Hauptabnehmerinnen für die "Grand Theft Auto"-Reihe sind, liegt dann eben vielleicht daran, dass Frauen darin lediglich als Nebenfiguren gekidnappt oder - in einem Zufallsereignis abseits der eigentlichen Spielhandlung - sogar vergewaltigt werden. Gruselig, dass allein der Hinweis auf diese Darstellungen durch Sarkeesian selbst zu Vergewaltigungsdrohungen führt.

Einerseits möchte man unter diesen Umständen wirklich keiner Frau empfehlen, sich in die Spieleindustrie zu begeben und sich diesem Hass auszusetzen. Andererseits braucht es Menschen, die weiterhin auf diese Probleme hinweisen und sogar selbst als Entwicklerinnen aktiv werden. Sarkeesian beschrieb vor wenigen Monaten in einem Interview ganz treffend den Prozess, in dem wir uns gerade zu befinden scheinen: "Wir beobachten gerade einen schmerzhaften, langsamen kulturellen Wandel." Je mehr diesen aktiv mitgestalten, desto weniger schmerzhaft wird er hoffentlich.

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