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Anonymous-Netzwerk: Türkische Polizei nimmt Online-Aktivisten ins Visier

Ministerpräsident Erdogan feiert seinen Wahlsieg - und verstärkt den Druck auf unliebsame Online-Aktivisten: Die Polizei hat mehr als 30 Mitglieder des regierungskritischen Anonymous-Netzwerks festgenommen. Sie sollen aus Protest gegen geplante Web-Filter mehrere Websites attackiert haben.

Anonymous-Aktivisten am Sonntag in Spanien: Schweinehunde, keine Terroristen? Zur Großansicht
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Anonymous-Aktivisten am Sonntag in Spanien: Schweinehunde, keine Terroristen?

Istanbul - Die Internetgruppe Anonymous gerät immer stärker ins Visier der Polizei. Einem Bericht der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anatolia zufolge ist die türkische Polizei in einer großangelegten Aktion gegen die Internetaktivisten vorgegangen. Insgesamt 32 mutmaßliche Mitglieder der Gruppe sollen festgenommen worden sein. Ihnen wird vorgeworfen, zahlreiche Angriffe auf mehrere Websites geplant und durchgeführt zu haben. Acht der Festgenommenen sollen Minderjährige sein.

Laut dem Bericht ist die Polizeiaktion eine Antwort auf die Beschwerde der türkischen Telekommunikationsaufsicht, deren Web-Seite in der vergangenen Woche lahmgelegt wurde. Auch die Websites des Ministerpräsidenten und des Parlaments sollen Ziele von Angriffen gewesen sein - als Protest gegen Pläne zur Einführung von Internetfiltern.

Die Türkei, deren regierende AKP-Partei am Sonntag erneut die Wahlen gewann, plant die Einführung eines neuen Internet-Filtersystems schon im August. Internetnutzer müssen sich dann für einen von vier Filtern anmelden. Sie können entscheiden zwischen "domestic", "family", "children" oder "standard". Laut Anonymous kann die Regierung dadurch aber auch Internetzugriffe protokollieren und steuern.

Die Web-Guerilla Anonymous
Die Namenlosen
Anonymous ist eine lose Gruppierung, die ihren Ursprung einst im anarchischen Bilderforum 4Chan hatte. Zunächst konzentrierten sich Aktivisten auf Aktionen gegen Scientology. Inzwischen werden DDoS-Attacken, bei denen Websites durch massenhafte Anfragen überlastet werden, gegen eine Vielzahl von Zielen durchgeführt. Die Gruppe erklärte sich solidarisch mit den Aufständischen in Ägypten, Libyen, Syrien und anderswo, sie verteidigt WikiLeaks und bekämpft die Branchenverbände der Musik- und Filmbranche. Freie Information und das Recht auf Anonymität gehören zu den wenigen geteilten Zielen der zahlreichen Netznutzer weltweit, die sich zu Anonymous zählen.
Masken und Anzüge
AFP
Die Maske kommt aus Alan Moores Kultcomic "V wie Vendetta" und steht dort als Symbol für den Kampf gegen Unterdrückung, Überwachung und Zensur: Man erkennt die Gruppenzugehörigkeit, nicht aber den anynomen Träger. Angelehnt ist die Maske an Guy Fawkers, einen englischen Offizier, der 1605 den König und das Parlament in die Luft sprengen wollte, um die Verfolgung der Katholiken anzuprangern. Der Mann im Anzug ohne Kopf, das Logo der Bewegung, steht für eine Organisation ohne Anführer: Jeder kann Anonymous sein. Eine Vielzahl von Websites und Foren, Social-Network-Profilen und YouTube-Angeboten propagiert die Grundideen und -ziele der Bewegung.
Dauerfeuer aus Ionenkanonen
Anonymous setzt häufig auf Distributed-Denial-of-Service- oder kurz DDoS-Attacken. Darunter versteht man Angriffe über das Internet, bei der eine Vielzahl von Rechnern für so massenhafte Seitenaufrufe sorgt, dass die angegriffenen Server mit der Überlast nicht mehr fertig werden und kollabieren. Meist sind sie Stunden später aber wieder am Netz. Die "Niederorbit-Ionenkanone" ist ein Tool, das DDoS-Attacken für jedermann ermöglicht - und den freiwilligen Anschluss an ein Botnetz. Klingt cool, ist bei Einsatz aber kriminell. Anonymous hat mehrere zehntausend dieser DDoS-Tools für sogenannte Raids in Umlauf gebracht.
Anonymous gegen Scientology
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Anlass zur Gründung der Bewegung waren 2008 Versuche von Scientologen, das Internet zensieren zu lassen: Ein ganz besonders wirres Video, in dem der Schauspieler Tom Cruise über Scientology redet, sollte aus dem Web entfernt werden. In den Foren einiger Imageboards (vor allem 4Chan, wo alle Teilnehmer Anonymous heißen) wurde daraufhin eine DDoS-Attacke verabredet. Seitdem protestiert ein "Arm" von Anonymous regelmäßig, auch ganz in echt auf der Straße, gegen Scientology.
Unterstützung für WikiLeaks
Bekannt wurde Anonymous durch Blockade-Angriffe auf Mastercard und Visa, die "Operation Payback". Die Finanzdienstleister hatte der Enthüllungsplattform WikiLeaks die Unterstütung entzogen. Später startete Anonymous "Operation Leakspin", eine Crowdsourcing-Initiative, um die von WikiLeaks veröffentlichten Dokumente nach interessanten Geschichten zu durchsuchen. Sympathisanten sollen ihre Energie darin investieren, Enthüllungen in "bürgerjounalistischer" Aufmachung auf allen denkbaren Kanälen so weit wie möglich zu verbreiten.
Anonymous und Sony
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Sony möchte nicht, dass die Nutzer der Playstation auf der Spielkonsole eigene Software laufen lassen. Der Hacker GeoHot veröffentlichte eine Anleitung, wie es trotzdem geht - und bekam deshalb juristischen Ärger. Anonymous blies als Reaktion Mitte April zum DDoS-Angriff, zur "Operation Sony". Unbekannte stahlen parallel mehr als hundert Millionen Nutzerdaten des Playstation-Networks, weitere Hacker-Angriffe folgten - und Sony verdächtigt Anonymous, beschuldigt die Gruppe der Mittäterschaft.
Im Visier der Ermittler
Die Website-Blockaden provozieren staatliche Gegenwehr: Das FBI ermittelt, Anfang des Jahres wurden Wohnungen durchsucht und Verdächtige festgenommen. In Deutschland durchsuchten Ermittler im Mai, mitten im Wahlkampf, Server der Piratenpartei: Auf einer offenen Plattform soll, ohne Wissen der Partei, ein DDoS-Angriff geplant worden sein. Im Juni nahm die Polizei in Spanien drei mutmaßliche Anonymous-Mitglieder fest, mehr als zwei Millionen Chat-Protokolle sollen ausgewertet worden sein. Auch das Militärbündnis Nato, das sich für den Cyber-War rüstet, hat Anonymous im Visier.
In der Türkei gibt es immer wieder Bestrebungen, den Datenverkehr im Internet zu filtern. In der Vergangenheit gab es wegen missliebiger Videos auf YouTube mehrmals Drohungen, die Seite zu sperren. Für zwei Jahre war die Videoplattform in dem Land wegen Videos mit angeblichen Beleidigungen des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk nicht zugänglich.

Zuvor waren bereits in Spanien drei Anonymous-Aktivisten festgenommen worden. Sie sollen angeblich bei geplanten Blockaden gegen Sony, Banken und Regierungen beteiligt gewesen sein. Anhänger der Web-Guerilla demonstrierten daraufhin in Spanien. Sie seien keine Terroristen, sondern "/b/astards", hieß es auf einem Plakat, in Anspielung auf das anarchische Webforum 4Chan, in dessen Channel "/b/" die Idee zu Anonymous entstanden ist. Als Reaktion verabredeten Aktivisten außerdem eine Blockade der Website der spanischen Polizei, die daraufhin mehr als eine Stunde lang nicht erreichbar war.

Bei den Angriffen von Anonymous handelt es sich meist um sogenannte DDoS-Attacken, bei denen die Server mit massenhaften Abfragen zur Überlastung gebracht werden sollen. Wenn die Wucht solcher Angriffe abebbt, sind die betroffenen Server in der Regel wieder erreichbar, physikalische Schäden entstehen nicht - in Deutschland sind solche Angriffe nach einem aktuellen Urteil Computersabotage und werden nach Paragraf 303b des Strafgesetzbuchs mit bis zu zehn Jahren Gefängnis geahndet.

Die Attacken werden als krimineller Akt gewertet und entsprechend verfolgt. Eine Anleitung, wie man eine DDoS-Attacke möglichst unerkannt durchführen kann, mutmaßlich zusammen mit konkreten Plänen für einen Angriff auf einen französischen Stromkonzern, führte in Deutschland offenbar zu einer Durchsuchung des Piratenpartei-Servers.

Die Organisation Anonymous erklärte nach den Polizeizugriffen auf ihrer Web-Seite sowie in einem Video auf YouTube, durch die Festnahmen werde die Führung der Organisation nicht getroffen, schließlich gebe es gar keine zentrale Führung.

ore/anr/Reuters/dpad

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insgesamt 23 Beiträge
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1. nun denn...
fritz_64 14.06.2011
in fast allen Ländern der Welt bringen sich die Regierungen in Position um gegen missliebige Bürger vorgehen zu können, in sofern ist dies keine überraschende Meldung...ähnliche Wünsche treiben sicher auch unseren Innenminster um..
2. Überall wo keine lupenreinen Demokraten am Werk sind..
heinz.mann 14.06.2011
versuchen Regierungen den Zugriff auf das www zu steuern und die freie Informationsbeschaffung zu kontrollieren.
3. Nein
Hypotheker, 14.06.2011
Also, wenn das so ist kann die Türkei natürlich nicht in die EU.
4. Um das Bild WIRKLICH zu verstehen...
PaddyO 14.06.2011
Um das Bild zu verstehen sollte man wissen was /b/ ist. Das ist naemlich das "Random" Unterforum von Chan-Seiten ala 4chan. Das "/b/astards" heisst also nicht einfach "Bastards" sondern "Random Bastards", irgendwelche Leute halt. Ohne Lobby.
5. Nato, FBI, und und und gegen Menschenrechtler?
P.J.F. 14.06.2011
Lassen sie sich bitte nicht von dem vom Springer Verlag, der RTL Group u. ä. propagiertem Bild über Anonymus täuschen. Das sind Menschenrechtler die gerade uns und unsere Kinder vor Problemen und (potentiellen) Entwicklungen schützen die uns schlichtweg noch nicht ganz klar sind.
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