Anonymous-Protest in Hamburg Mit bunten Hüten gegen Scientology

Scientology wird 60 Jahre alt - und die Gegner feiern Geburstag: Seit sechs Jahren demonstrieren Anonymous-Anhänger nun schon in Hamburg gegen die selbsternannte Kirche. Die Protestroutine erfüllt mittlerweile noch einen anderen Zweck.

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SPIEGEL ONLINE

Sie tragen Grinsemasken und Partyhüte, tanzen zu Musik und verteilen Kekse: Eine Gruppe junger Leute hat sich am Samstagnachmittag vor der Scientology-Zentrale in Hamburg aufgebaut. "Herzlichen Glückwunsch" steht auf einer Girlande, "Scientology will nur Dein Geld" auf einem Plakat daneben. Sie protestieren gegen den Scientology-Konzern, der sich selbst als Kirche ausgibt und in diesen Tagen 60 Jahre alt wird.

"Der Aufstand der Gesichtslosen", "Vermummte im Dauerprotest", "Die Schatten der Scientologen", "Die Sekten-Jäger mit der Maske", so schrieben Zeitungen vor sechs Jahren, als die Proteste in München, Berlin und Hamburg losgingen. Seitdem treffen sich die Scientology-Gegner einmal im Monat, ziehen durch die Innenstadt und verteilen Flyer.

Damals hatte ein internes Scientology-Video seinen Weg ins Netz gefunden, in dem ein irrer Tom Cruise von Superkräften spricht. Die Organisation wollte den Clip verschwinden lassen - und brachte damit die Nutzer von 4chan, einem großen, anarchischen Webforum gegen sich auf. Die Forumsnutzer beschlossen, gegen Scientology zu protestieren, nicht nur im Internet. Das "Projekt Chanology" war geboren.

Protestbewegung aus dunklen Internetforen

Im Februar und den folgenden Monaten standen tatsächlich Tausende Demonstranten vor Scientology-Gebäuden. Sie nannten sich "Anonymous", so wie alle Nutzer des Forums automatisch heißen. Ihr Erkennungszeichen: eine schwarzweiße Maske aus dem Hollywood-Film "V wie Vendetta", die an den katholischen Terroristen Guy Fawkes erinnern soll. Anfangs gab es noch Streit mit den Scientologen, mittlerweile lassen die einfach die Rollladen runter, wenn Anonymous wieder vor der Tür steht.

Der einsame Polizist, der in seinem Wagen am Samstag die Demonstration der 21 Anonymous-Anhänger begleitet, lacht: "Die sind ganz friedlich." Seit Jahren passt er auf den kleinen Protestzug auf, dessen Teilnehmer sich mit Masken, Sonnenbrillen und grünem Stoff vermummen dürfen. Scientology sei dafür bekannt, Kritikern nachzustellen, betreibe einen eigenen Geheimdienst, sagt einer der gesichtslosen Demonstranten, der seinen Namen nicht nennen will.

Er ist seit Anfang an dabei, erzählt, wie Scientologen ihnen nachgestellt hätten. Nach einer Demonstration seien sie verfolgt und fotografiert worden. Tatsächlich steht Scientology unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Die "Hamburger Org" soll rund 550 Anhänger haben, bundesweit sind es demnach 4000 Mitglieder - Tendenz fallend. "Irrgarten der Illusionen" heißt ein Buch, mit dem die Stadt Hamburg vor Scientology warnt.

Nicht nur Scientology ärgert sich über die Internet-Freiheitskämpfer. Auch der britische Geheimdienst GCHQ hat das lose Anonymous-Kollektiv im Visier, allerdings aus anderen Gründen. Im Jahr 2010 startete die "Operation Payback", bei der die Seiten von Zahlungsdienstleistern zeitweise lahmgelegt wurden, die keine Spenden mehr an die Enthüllungsplattform WikiLeaks weiterleiten wollten.

Geheimdienst gegen Anonymous-Hacker

Der virtuelle Sitzstreik führte zu Polizeiermittlungen und drakonischen Strafen. Andere Anonymous-Anhänger betätigten sich als Hacker. Auf sie hatte es der GCHQ abgesehen, der offenbar Chaträume von Anonymous gezielt sabotierte. Eine umstrittene Maßnahme, weil sich hinter Anonymous wohl ein paar Dutzend Gesetzesbrecher verbergen, aber auch Tausende Aktivisten. Zumindest in den USA gibt es eine Überschneidung zwischen Anonymous und "Occupy Wall Street".

Die Hamburger Anonymous-Anhänger haben es nicht so mit "Occupy". "Da sind zu viele Spinner unterwegs, ich will Kapitalismus kritisieren, aber nicht gleich die Weltrevolution", sagt einer der Namenlosen. Stattdessen würden sie sich für Netzpolitik engagieren, zum Beispiel mit Erklärvideos und Flugblättern. Ein paar Hacker sollen allerdings auch unter den Masken verborgen sein.

Das monatliche Treffen soll nicht nur Scientology ärgern, es dient dem Zusammenhalt der verstreuten Truppe: "Ich treffe hier auf Leute, die das Gleiche wollen wie ich", sagt ein 23-Jähriger, der mit der Bahn nach Hamburg angereist ist. Seit drei Jahren ist er dabei. Ähnliche Treffen gibt es noch in Berlin und Düsseldorf, auch in London und einigen US-Städten. So zahlreich und so gut besucht wie noch vor fünf, sechs Jahren sind die Proteste aber nicht mehr. Damals waren die Demonstrationen gegen Scientology noch neu und aufregend.

Mittlerweile ist Chanology zur Routine geworden, auch in Hamburg. Hier lernen sich Anonymous-Aktivisten kennen, planen die nächsten Proteste und machen jede Menge Fotos. Einer, der schon lange dabei ist, sagt: "Das ist ganz wichtig, wir stellen die danach ins Netz, damit alle wissen: Es gibt uns noch."



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insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
neu_ab 16.02.2014
1. Scientology...
... ist ja sooo 80s..
sebastian.teichert 16.02.2014
2. ?
Wer wird bei dem Quatsch denn noch Mitglied??? Unnötig dagegen zu demonstrieren... Aber wieso auch gegen wichtiges demonstrieren^^
Dieter62 16.02.2014
3. Scientology
Zitat von sysopAnonymous HamburgScientology feiert Geburtstag - und die Gegner gleich mit: Seit sechs Jahren demonstrieren Anonymous-Anhänger in Hamburg gegen die selbsternannte Kirche. Die Protest-Routine erfüllt mittlerweile noch einen anderen Zweck. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/anonymous-protest-in-hamburg-bunte-huete-gegen-scientology-a-953779.html
heimliche böse Butzemann der Deutschen? Sich über Sekten aufzuregen ist wirklich total lächerlich. Wird keiner zum Eintreten gezwungen, und die die da rein wollen werden es halt tun, egal was die Alt 68 er dagegen motzen. Ist in etwa dasselbe wenn man Mitglied bei einer beliebigen NGO wird. Da ist das Geld auch futsch, ebenso wenn man klimakompensiert nach einem Urlaubsflug. Fühlt sich halt gut an; die Leute sind gerne Gutmenschen
lesemaus87 16.02.2014
4. Ach wie gut, dass niemand weiß...
... dass Scientology auch hinter Dingen steckt, bei denen man das nicht ohne Weiteres vermuten würde. Wenn es überall dick drauf stehen würde, bekämen sie sicher nur wenige neue Mitglieder. Bei Angeboten zur Nachhilfe oder zur (Wieder-) Eingliederung ist allerdings lange nicht klar, dass es sich um die Scientologen handelt. So lange, bis die Menschen schon tief in den Strukturen sind.
albimonte 16.02.2014
5. Welche Kirche ist nicht selbsternannt?
Aber eine der wenigen guten Aktionen von A.
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