Verschlüsselungsstreit Ermittler wollten auch von Google Hilfe

Der Streit zwischen dem FBI und Apple um die Entschlüsselung eines iPhones war kein Einzelfall. Eine Karte von US-Bürgerrechtlern zeigt: Auch Google sollte von Ermittlern dazu verdonnert werden.

US-Karte der Bürgerrechtler
ACLU

US-Karte der Bürgerrechtler


Am Schluss hat es das FBI doch noch geschafft, das iPhone des Attentäters von San Bernardino zu knacken. Damit wurde ein wochenlanger Gerichtsstreit mit Apple plötzlich obsolet. Dass der Streit um die Frage, wie stark Verschlüsselung sein darf und ob dem Staat Hintertüren gewährt werden müssen damit alles andere als beendet ist, zeigt nun eine interaktive Karte. Sie wurde von den Bürgerrechtlern der American Civil Liberties Union (ACLU) veröffentlicht.

Die Daten der Karte belegen: Nicht nur Apple, sondern auch Google wurde von der Regierung in die Pflicht genommen, beim Entschlüsseln von Geräten zu helfen, damit Ermittler an die Daten von Verdächtigen gelangen. Die Bürgerrechtler haben neun Fälle in den Bundesstaaten Kalifornien, New Mexico, Alabama, North und South Dakota sowie North Carolina gefunden, in denen Google betroffen war. Dabei dürfte es hauptsächlich um Smartphones gehen, die mit dem Google-Betriebssystem Android laufen.

Laut der Zählung der ACLU gibt es amerikaweit 63 Fälle, egal ob Google oder Apple, bei denen die US-Regierung auf Basis desselben Gesetzes wie im nun prominent gewordenen Fall versucht hat, Tech-Unternehmen zur Hilfe zu verdonnern - indem sie entsprechende Gerichtsbeschlüsse erwirken wollte. Unklar ist, wie die Fälle ausgegangen sind. Google nahm keine Stellung zur Erhebung der ACLU.

Bei dem Gesetz, das in den Fälle vorgebracht wurde, handelt es sich um den All Writs Act aus dem Jahr 1789. Er gibt Gerichten das Recht, Anordnungen erlassen zu können, damit Ermittlungen in anderen Fällen vorankommen.

Häufig geht es um Drogendelikte

"Wir haben herausgefunden, dass die Regierung das Gesetz in Dutzenden Fällen seit 2008 benutzt hat, um Tech-Firmen dazu zu zwingen, beim Entsperren von Geräten ihrer Kunden zu helfen", schreibt ACLU-Anwältin Eliza Sweren-Becker.

Die Daten zeigten, dass es häufig um Drogendelikte gehe. "Das FBI will uns glauben machen, dass der All Writs Act nur in außergewöhnlichen Fällen eingesetzt wird", schreibt Sweren-Becker. "Wie sich zeigt, ist diese Art von Anordnung aber mittlerweile ganz alltäglich."

Die Zählung der ACLU ist noch nicht vollständig, auf der Karte sind nur die insgesamt 63 Fälle verzeichnet, die die Bürgerrechtler bisher gefunden haben. In der Vergangenheit hieß es, dass allein Apple in mehr als 70 Fällen den Ermittlern beim Entschlüsseln seiner Geräte geholfen habe. Neu ist allerdings, dass auch Google betroffen ist. Die Daten der Bürgerrechtler zeigen außerdem, dass es in den meisten Fällen darum ging, dass der Konzern Passwörter auf Geräten zurücksetzt.

Die Bürgerrechtler wollen ihre Karte noch erweitern und erhoffen sich von Anfragen auf Basis des Informationsfreiheitsgesetzes (FOIA) neue Informationen.

gru

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insgesamt 3 Beiträge
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Gerdd 30.03.2016
1. Wie wollen die das beweisen?
... dass sie das iPhone geknackt haben? Ich halte das FBI fuer schlau, aber nicht fuer begabt in Kryptologie. Und wenn uns Apple nicht total vera***scht hat, was die Staerke ihrer Verschluesselung angeht, dann hatten die nie genug Zeit zum Entschluesseln gehabt. Aber es waere ein pfiffiger Schachzug, der Welt ein Maerchen aufzutischen, so dass man an Apple's Verschluesselung zweifelt. Und man braucht sich nicht dem Risiko auszusetzen, einen Prozess zu verlieren, der dann spaeter als Praezedenzfall gegen das FBI verwendet werden koennte. So ein Praezedenzfall koennte durchaus die Chancen auf gerichtliche Unterstuetzung auf sehr lange Zeit gegen Null streben lassen. Da lobbiert man lieber im Hintergrund beim Kongress fuer ein neues Gesetz. Dabei braeuchten die Amis eher einen Verfassungszusatz, der das Recht auf Privatsphaere garantiert - jedenfalls dringender als das Recht, Waffen zu tragen ... aber da liegt die Tragik dieses einstmals vielversprechenden Landes.
nivh 31.03.2016
2.
was die meisten Menschen nicht kapieren ist, dass dieses verfahren ein einziger Witz war. das iPhone konnten diese Behörden die ganze Zeit schon knacken, es ging nur darum eine offizielle, richterliche Genehmigung zu erhalten für die Öffentlichkeit. als dann der Gegenwind kam und kein einlenken ist Sicht war/ist, ist es dem FBI _plötzlich_ doch selbstständig möglich die Verschlüsselung zu umgehen. ach und auch hier noch mal, das FBI stellte auch anfragen an Apple um das Handy von kleinen Straßendealern zu knacken. von wegen "anti Terror Kampf" und es würde nur darum gehen.
reader01 31.03.2016
3. PR - Kampangne?
Der Vertrauensverlust, den führende IT- und Telekommunikationsunternehmen der USA nach dem Whistleblowing erlitten haben, ist erheblich. Man fragt sich allerdings nun, warum die öffentlich Auseinandersetzung im Vorfeld dessen ausblieb. Bereitwillige Zusammenarbeit auf ganzer Breite. Zum jetzigen Zeitpunkt wirkt das Ganze unglaubhaft. So als solle vermittelt werden: Eure Daten sind so oder so vor Datenschnüffelei unsicher. Nur Apple und Co. spielen in diesem Akt den Saubermann, drum kauft fleißig weiter . . .
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