Apple gegen FBI Staatsanwalt blamiert sich mit seltsamer Cyber-Theorie

Droht dem Ort San Bernardino eine Cyberattacke, ausgelöst durch das iPhone eines getöteten Attentäters? Das behauptet zumindest ein Staatsanwalt im Entschlüsselungsstreit mit Apple.

iPhone vor Apple-Store in New York
AFP

iPhone vor Apple-Store in New York


Dem kalifornischen Ort San Bernardino könnte ein Cyberangriff drohen, den einer der getöteten Attentäter noch vor seinen Anschlägen geplant und angestoßen hat: Diese krude These vertritt ein Bezirksstaatsanwalt aus San Bernardino - und will damit vor Gericht bekräftigen, dass Apple unbedingt gezwungen werden müsse, die Verschlüsselung des iPhones zu knacken. Nur so könnten Beweise für die nahende Cyberkatastrophe gefunden werden, argumentiert Staatsanwalt Michael A. Ramos in seinem vor Gericht eingereichten Schreiben.

Das iPhone des Attentäters kann das FBI bisher nicht entsperren, weshalb die Ermittler sich an ein kalifornisches Gericht wandten. Das soll Apple nun zwingen zu helfen. Das Gerät war das Diensthandy des Attentäters. Eine Tatsache, die nun auch Staatsanwalt Ramos in seiner Argumentation aufgreift: Das iPhone habe sich vielleicht mit dem Computernetzwerk des Bezirks verbunden, um Schaden anzurichten.

"Das beschlagnahmte iPhone enthält vielleicht einzigartige Beweise dafür, dass es als Waffe benutzt wurde, um einen bisher noch schlafenden Cyber-Erreger einzuschleusen, der die Infrastruktur von San Bernardino gefährdet", schreibt Ramos. Im englischen Original ist von einem "cyber pathogen" die Rede.

Spott im Netz

Die Theorie von einem "Cyber-Krankheitserreger", der die Stadt gefährde, hat unter Sicherheitsexperten und Bürgerrechtlern viel Spott hervorgerufen. Auf Twitter machten sich Fachleute über die Argumentation von Ramos lustig und warfen ihm Panikmache vor. Der iPhone-Sicherheitsexperte Jonathan Zdziarski fühlte sich zum Beispiel an "Harry Potter" erinnert:

Ein weiterer renommierter Sicherheitsfachmann, Matt Blaze, höhnte via Twitter: "Cyber-Pathogene sind so unfassbar gefährlich, dass die Forschergemeinde in ihrer Weisheit noch keinen einzigen Artikel darüber publiziert hat."

Dem Bezirk ist Ramos' Schreiben ans Gericht offenbar ebenfalls nicht ganz geheuer. Das Tech-Portal "Ars Technica" zitiert einen Bezirkssprecher mit den Worten: "Der Bezirk hatte nichts mit diesem Schreiben zu tun. Es wurde vom Bezirksstaatsanwalt eingereicht." Gleichzeitig machte der Sprecher aber klar, dass man sehr wohl unbedingt an die Inhalte des iPhones kommen müsse. Bisher war allerdings unklar, was genau auf dem iPhone vermutet wird.

Tech-Firmen schickten Unterstützer-Briefe

Das Schreiben von Ramos ist nicht das einzige Schriftstück, das die zuständige Richterin Sheri Pym im Fall Apple vs. FBI erreichte: Zahlreiche Tech-Firmen haben sich zusammengetan und Unterstützer-Briefe für Apple eingereicht. Damit wollen die Firmen helfen, die Position von Apple in der Auseinandersetzung zu stärken.

Einer der Briefe kommt von Facebook, Google, Microsoft, Amazon, Cisco, WhatsApp, Snapchat, Yahoo und etlichen anderen Tech-Firmen. Ein weiteres, separates Schriftstück mit insgesamt 17 Unterstützern ist unter anderem von Twitter, LinkedIn und Square eingereicht worden.

In unterschiedlicher Wortwahl sprechen die Firmen sich in den Briefen für den hohen Stellenwert von Verschlüsselung aus und fordern, dass der US-Kongress - und kein Gericht - sich mit der Frage beschäftigen soll, wie weit die Unterstützung von Tech-Firmen für Ermittlungsbehörden reichen muss.

Die Firmen fürchten "gefährlichen Präzedenzfall"

Bei den Briefen, auch bei dem von Staatsanwalt Ramos mit der Idee der Cyberattacke, handelt es sich um sogenannte "Amicus Curiae"-Briefe. Solche Schriftstücke können Parteien einreichen, die nicht unmittelbar an einem Gerichtsverfahren beteiligt sind, aber trotzdem ihre Position einbringen möchten. Auch zahlreiche Bürgerrechtsgruppen haben entsprechende Briefe bei Gericht eingereicht.

Nicht auf der langen Liste der Apple-Unterstützer steht dagegen Samsung. Die Firma nannte die Privatsphäre seiner Nutzer "extrem wichtig" und sprach sich lediglich allgemein gegen Hintertüren in den Geräten aus.

Verwandte von Opfern der Attentäters und andere Gruppen wiederum reichten eigene "Amicus Curiae"-Briefe ein, in der sie die FBI-Position unterstützen.

Seit die Anweisung des Gerichts, dass Apple beim Entsperren des iPhones helfen soll, bekannt geworden ist, hatten sich zahlreiche Firmenchefs aus der Tech-Branche öffentlich auf Apples Seite gestellt. "Wir dürfen diesen gefährlichen Präzedenzfall nicht zulassen", schrieb etwa WhatsApp-Gründer Jan Koum auf Facebook.

Am Freitag warnte auch der UN-Hochkommissar für Menschenrechte mit ähnlichen Worten wie Koum davor, die "Büchse der Pandora" zu öffnen: Sollte das FBI recht bekommen, würde die Entscheidung die Privatsphäre von Nutzern auf der ganzen Welt gefährden.

Der Fall FBI vs. Apple
Das FBI fordert von Apple ein Werkzeug, mit dem die US-Polizeibehörde ein iPhone entsperren kann. Apple will dieses Werkzeug aber nicht herstellen. Der Streit dreht sich um ein Handy, das einer der Attentäter von San Bernardino benutzt hat. Er hatte in der kalifornischen Stadt zusammen mit seiner Ehefrau am 2. Dezember 2015 14 Menschen mit Schusswaffen getötet und 21 weitere verletzt. Beide Täter wurden von der Polizei erschossen, ihre Tat gilt als islamistischer Terroranschlag.

Das FBI kann das Handy des Attentäters bisher nicht knacken und hat deswegen einen Gerichtsbeschluss erwirkt. Darin heißt es, Apple müsse der Polizeibehörde „angemessene technische Unterstützung“ gewähren, um die Code-Sperre des Smartphones auszuhebeln. Apple-Chef Tim Cook erklärte in einem offenen Brief, das FBI wünsche sich eine spezielle Version des iPhone-Betriebssystems, die dort normalerweise integrierte Sicherheitsmechanismen aushebeln solle. Konkret geht es um die Möglichkeit, mehr als zehn Sperrcodes automatisiert ausprobieren zu können. Das FBI könnte dann mit Hilfe eines Computers eine sogenannte Brute-Force-Attacke auf den Sperrcode des Handys durchführen, also rasend schnell eine Vielzahl von Codes durchprobieren. Cook verweigert die Herstellung eines solchen Werkzeugs bislang mit der Begründung, es könne, einmal geschaffen, beliebig viele andere iPhones entsperren. Die Anfrage der Behörden schaffe einen gefährlichen Präzedenzfall.

Das FBI beteuert, man wolle nur dieses eine iPhone entschlüsseln. Mittlerweile wurde jedoch bekannt, dass sich das Justizministerium der USA bereits in 15 Fällen um eine Umgehung der Schutzmechanismen bemüht hat. FBI-Direktor James Comey fordert schon seit vielen Monaten immer wieder, Gerätehersteller müssten Hintertüren für die Sicherheitsbehörden in ihre Schutzsysteme einbauen.
Kommentar zum Fall Apple

gru

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insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
2cv 04.03.2016
1. Vorne hui, hinten pfui
Leute Leute, wer glaubt auf die PR-Kampagne zwischen FBI und Geräteherstellern unbedingt hereinfallen zu müssen, ist selber schuld. De facto läuft das Verfahren längst anders - und ist hinlänglich bekannt und x-fach dokumentiert: es werden Lücken in sowohl der Hardware- als auch Software-Implementation bewusst eingebaut, durch deren "Backdoors" dann eine Intrusion laufen kann. Die bekannt gewordenen Exploits werden dann aus PR-Gründen (oder sollte man sagen, Prestige-Gründen) gestopft, das nächste Software-Update wirds schon richten - aber nur soviele wie notwendig sind um das Image eines Saubermanns aufrecht zu erhalten. Der Rest ist Geschichte.
termin8r 04.03.2016
2.
Zitat von 2cvLeute Leute, wer glaubt auf die PR-Kampagne zwischen FBI und Geräteherstellern unbedingt hereinfallen zu müssen, ist selber schuld. De facto läuft das Verfahren längst anders - und ist hinlänglich bekannt und x-fach dokumentiert: es werden Lücken in sowohl der Hardware- als auch Software-Implementation bewusst eingebaut, durch deren "Backdoors" dann eine Intrusion laufen kann. Die bekannt gewordenen Exploits werden dann aus PR-Gründen (oder sollte man sagen, Prestige-Gründen) gestopft, das nächste Software-Update wirds schon richten - aber nur soviele wie notwendig sind um das Image eines Saubermanns aufrecht zu erhalten. Der Rest ist Geschichte.
Und warum will das FBI die Backdoor dann vor Gericht (mit massivem Aufwand) durchpressen? Wäre doch unnötig, wenn es diese BackdoOr schon gäbe? Oder ist die ganze Gerichtsverhandlung AUCH nur ein Schmierentheater? Dann sollten Sie den Aluhut schnell wieder auf- und sich selbst in den Keller zurücksetzen, dort wo Linux auf sie wartet?
oldtimer62 04.03.2016
3.
sorry vera.... hoch 10, glaubt doch kein Mensch mehr, so ein Unsinn!! wenn es wirklich so wäre, könnte man das Handy Apple geben die knacken den Code und stellen die Daten dem FBI zur Verfügung, aber einfach gibt's auf dieser Welt nicht, muss ne Posse daraus gemacht werden, alle mal wieder für dumm verkaufen obwohl jeder weiß das es keiner mehr glaubt!
Leser161 04.03.2016
4. *gähn*
Das die NSA an alles dran kommt wissen wir seit Snowden. Wieso läuft hier jetzt so eine Show wegen ein paar Handys? Und selbst der härteste Datenschützer hat nichts dagegen wenn im begründeten Einzelfall Daten zugänglich gemacht werden. Alles Show, die Behörden wollen sich als arme machtlose Lämmchen darstellen und die Unternehmen als Streiter für den Bürger. Nebenbei diskreditiert man noch den Datenschutz in dem man so tut als wenn der Datenschutz Kriminelle gegen die ein begründeter Verdacht besteht schützt. Ich denke mal irgendwann werden soche Manöver genauso geächtet wie Gewalt.
foomen 04.03.2016
5. Mann-Mann-Mann
Ich kann es nicht mehr hören, dieses substanzlose Hassergeschwafel!
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