iPhone-Hintertür Warum sich Apple zu Recht weigert

Apple will und kann dem FBI keinen Zugriff auf gesperrte iPhones geben - auch wenn sie toten Terroristen gehören. Das Unternehmen handelt richtig.

CIA-Chef Brennan: Allmachtsanspruch?
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CIA-Chef Brennan: Allmachtsanspruch?

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Das Selbstverständnis der US-Sicherheitsbehörden zeigt eine Frage, die der damalige NSA-Chef Keith Alexander 2008 intern an die eigenen Leute richtete: "Warum können wir eigentlich nicht alle Signale immer abfangen?". So sehen Geheimdienste die Welt und ihre Rolle darin. Informationelle Allmacht, das ist der Anspruch.

Starke Verschlüsselung ist die Antithese zu diesem Anspruch, sorgt sie doch dafür, dass sich Inhalte nur derjenige ansehen kann, der den Schlüssel hat. Android- und iOS-Handys kann man, einmal gesperrt, nur mit dem richtigen Pin-Code oder Fingerabdruck entschlüsseln. Das versetzt die Chefs von FBI, CIA, NSA und so weiter schon seit Längerem in Rage.

Geheimdienst-Lobbyisten planen deshalb, das ist sogar schriftlich belegt, das zu ändern, indem sie "im Fall eines Terroranschlags oder eines Verbrechens", die Stimmung in der Öffentlichkeit für sich nutzen.

Genau das passiert gerade, gewissermaßen mit Ansage. Vor drei Tagen gab CIA-Chef John Brennan der US-Sendung "60 Minutes" ein Interview, in dem er behauptete, man habe Tage vor den Anschlägen von Paris gewusst, dass der IS etwas plane, aber verschlüsselte Kommunikation habe die Strafverfolger daran gehindert, Details herauszufinden. Wie üblich ohne Belege. Kurz darauf fordert das FBI von Apple, das Handy eines der Attentäter von San Bernardino zu entsperren.

Ungenierter Geheimdienst-Lobbyismus über die Medien

Es ist bemerkenswert, wie ungeniert und konzertiert die US-Sicherheitsbehörden mittlerweile über die Medien Polit-Lobbyismus in eigener Sache betreiben, aber das ist nur ein Randaspekt.

Im Kern geht es um eine alte Frage: Darf es Orte, darf es Gespräche geben, die allen ungebetenen Gästen, auch der Staatsgewalt, in jedem Fall verschlossen bleiben? Schließlich darf die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss ja zur Not auch Türen aufbrechen. Darf man, um im Bild zu bleiben, digitale Häuser mit Türen bauen, die nur der Besitzer öffnen kann?

Die Position der Dienste mit dem Allmachtsanspruch ist stets: Wir machen das ja nur im Rahmen des Rechts. Dieses Argument ist im Zeitalter globaler Kommunikation und Technologie schnell entkräftet: Die Snowden-Enthüllungen haben deutlich gemacht, dass die Rechte anderer den US-Behörden im Zweifel gleichgültig sind, im Fall der CIA gilt das auch für die Menschenrechte. Die CIA - unter Brennan! - zapfte sogar die Rechner von US-Abgeordneten an, die an einem Bericht über CIA-Folterungen arbeiteten. Nicht-US-Bürger brauchen sich ohnehin keine Hoffnung auf rechtsstaatliche Behandlung durch NSA & Co. zu machen.

Es gibt aber noch wichtigere Argumente gegen den Allmachtsanspruch:

  • Verschlüsselungsexperten sind sich einig: Wenn ein Gerät, ein Dienst eine Hintertür hat, zu der eigentlich nur die Polizei den Schlüssel besitzt - dann könnten auch andere diese Tür öffnen. Kriminelle beispielsweise, oder Geheimdienste anderer Nationen.
  • Wenn US-Firmen verboten wird, Produkte ohne Hintertüren herzustellen, dann wird das jemand anderes tun. Das ist der eigentliche Grund für die harte Haltung von Apple und Google - es geht ums Geschäft.
  • Verschlüsselungstechnologie ist keine Geheimwissenschaft. Es gibt Open-Source-Lösungen, an denen sich, dem derzeitigem Kenntnisstand zufolge jedenfalls, selbst die NSA die Zähne ausbeißt. Jeder kann sie nutzen. Auch der IS.

Wer wirklich will, der wird auch dann, wenn iPhones FBI-Hintertüren haben, ein unknackbares Telefon nutzen, verschlüsselte Mails verschicken, verschlüsselt chatten können. US-Smartphones aber werden dann unsicher sein.

Der Erfinder des Verschlüsselungsprotokolls PGP, Phil Zimmerman, hat es schon in den Neunzigerjahren für die Ewigkeit formuliert: "Wenn Privatsphäre ungesetzlich wird, haben nur noch die Gesetzlosen Privatsphäre."

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Christian Stöcker leitet das Netzwelt-Ressort von SPIEGEL ONLINE. Er schreibt über Netzpolitik und den NSA-Skandal ebenso wie über neue Computerspiele - und er ist promovierter Psychologe.

E-Mail: Christian_Stoecker@spiegel.de

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    In den USA begann der Kampf gegen Volksverschlüsselung schon in den Neunzigerjahren. Er wurde mit einem Gesetzesvorschlag im US-Senat eröffnet. Anbieter elektronischer Kommunikationsdienste sollten verpflichtet werden, Behörden die Möglichkeit zum Zugriff auf jede Art elektronischer Kommunikation zu verschaffen. Das Gesetz scheiterte schließlich am Widerstand von Bürgerrechtlern und Industrie. Aber es motivierte einen Softwareentwickler namens Phil Zimmermann dazu, sich über Verschlüsselung für jedermann Gedanken zu machen. Zimmermann entwickelte den Standard PGP (das steht für pretty good privacy, ziemlich guter Datenschutz), mit dem bis heute E-Mails und anderes sicher verschlüsselt wird. Sogar NSA-Enthüller Edward Snowden empfiehlt PGP.
1991 stellte Zimmerman seine Software kostenlos zur Verfügung. Dann wurde ein Verfahren gegen ihn eröffnet, das sich drei Jahre hinzog. Der Vorwurf: Er exportiere Verschlüsselungstechnologie, die wie Waffentechnologie einzustufen sei. Der Fall wurde fallengelassen, und heute gilt weder der Export noch die Benutzung von Kryptografie-Technik in den USA als Verbrechen. Doch das wurde nur auf Druck von Bürgerrechtlern erreicht. Etwa um die gleiche Zeit machte die NSA einen eigenen Vorschlag, um ihr Verschlüsselungsproblem zu lösen: Hersteller von Telefonanlagen sollten einen von der NSA entwickelten Chip zur Verschlüsselung einsetzen. Der Trick: Für diesen sogenannten Clipper Chip gab es einen Nachschlüssel, auf den der Geheimdienst oder Strafverfolger bei Bedarf hätten zugreifen können. Das Projekt wurde heftig kritisiert und verschwand gegen 1996 sang- und klanglos von der Bildfläche. Mittlerweile verschafft sich die NSA Hintertüren auf anderem Weg.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 192 Beiträge
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Seite 1
felisconcolor 17.02.2016
1. Danke
für diesen klaren Kommentar. Besser kann man es wohl nicht ausdrücken.
flesh 17.02.2016
2. Interessant, daß der Autor...
... die Möglichkeit gar nicht erst andenkt, Apple könnte den Diensten sehr wohl den Zugang zu besagtem Gerät ermöglichen, dies - in beiderseitigem Einvernehmen - jedoch ganz anders kommunizieren. Die Dienste bekommen, was sie wollen, Apple wahrt den schönen Schein - klassische Win-Win-Situation.
gyraulus 17.02.2016
3. Dank dem Autor,
der einzig vernünftige Standpunkt. Und Phil Zimmerman gibt die Esenz dazu: "Wenn Privatsphäre ungesetzlich wird, haben nur noch die Gesetzlosen Privatsphäre."
gyraulus 17.02.2016
4. Dank dem Autor,
der einzig vernünftige Standpunkt. Und Phil Zimmerman gibt die Esenz dazu: "Wenn Privatsphäre ungesetzlich wird, haben nur noch die Gesetzlosen Privatsphäre."
galbraith-leser 17.02.2016
5. Zu undifferenzierte Sichtweise
Absolute Zustimmung in Bezug auf einen Zugriff von FBI und Co., wenn es rein auf Verdacht oder schlimmer noch frei nach Schnauze erfolgt. Da geht der Schutz der Privatsphäre vor Sicherheitsinteressen. Anders sehe ich es im vorliegenden Fall, wenn das Handy ein Beweismittel in einem Verbrechen ist. Schwerverbrecher haben das Vorrecht auf Schutz ihrer Privatsphäre verwirkt - in diesem speziellen Einzelfall sollte Apple ohne Preisgabe der Technik die Daten liefern. Sie müssen dem FBI ja nicht zeigen, wie sie daran kommen.
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