Assange-Gegner: WikiLeaks-Aussteiger haben Datenschatz entführt

Es sind brisante Enthüllungen über die Enthüllungsplattform: Ehemalige WikiLeaks-Mitarbeiter um Daniel Domscheit-Berg haben große Teile des Datenmaterials "sichergestellt", auch die Software haben die Aussteiger mitgenommen. Das berichtet Domscheit-Berg in seinem Buch "Inside WikiLeaks".

Daniel Domscheit-Berg (Ende Januar in Davos): Daten "sichergestellt" Zur Großansicht
AP / Greenpeace / Markus Forte

Daniel Domscheit-Berg (Ende Januar in Davos): Daten "sichergestellt"

Hamburg - Es ist eine Abrechnung mit der bekanntesten Enthüllungsplattform der Welt. Der ehemalige WikiLeaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg hat ein Buch über seine Arbeit mit Julian Assange geschrieben - und verrät darin pikante Details aus dem Inneren der Organisation und über ihren umstrittenen Anführer.

Der Titel: "Inside WikiLeaks". Am Donnerstag wird das Werk vorgestellt, erste Details daraus wurden bereits vorab bekannt.

Ausgeschiedene Mitarbeiter hätten demnach einen großen Teil der an WikiLeaks übermittelten, bisher unveröffentlichten Dokumente "sichergestellt". Das sagte Domscheit-Berg in einem Interview mit dem "Stern". Der Deutsche hatte die Seite im August 2010 im Streit mit Assange über die künftige Ausrichtung verlassen.

Bei seinem Ausscheiden habe er auch die Software mitgenommen, die er für die Plattform entwickelt hatte. Wesentliche Funktionen seien seit September 2010 "nicht mehr aktiv", erklärte Domscheit-Berg.

Demnach haben Julian Assanges ehemalige Mitstreiter ihm nicht nur den Rücken gekehrt, sondern gleich noch die Plattform in Teilen stillgelegt und Bestandteile des Datenschatzes entführt. Ohne die von Domscheit-Berg entwickelte Technik könne WikiLeaks nicht für die Sicherheit der Daten garantieren, lautet die Begründung der Abtrünnigen. Man habe die Dokumente deswegen mitnehmen müssen, um Quellen zu schützen, wird Domscheit-Berg im "Stern" zitiert. Für sein eigenes Projekt "OpenLeaks" wolle er die Daten aber nicht verwenden, schreibt er in seinem Buch.

Die frühen Erfolge der Enthüllungsseite bezeichnete er als "großen Bluff". WikiLeaks-Gegner hätten deren Aufstieg stoppen können, wenn sie gewusst hätten, womit sie es zu tun hatten: Nämlich mit "zwei extrem großmäuligen jungen Männern mit einer einzigen Uralt-Maschine", wie Domscheit-Berg es ausdrückt.

Einzelne Passagen aus dem Buch "Inside WikiLeaks", das gleichzeitig auch auf Englisch erscheint, hat außerdem die Enthüllungsplattform Cryptome veröffentlicht. Dass es sich bei den Inhalten tatsächlich um das Buch handelt, hat Domscheit-Berg gegenüber netzpolitik.org bestätigt. Für eine Stellungnahme war er zunächst nicht zu erreichen. In den Auszügen heißt es:

  • Assange habe eine Vielzahl von Pseudonymen verwendet. Domscheit-Berg schreibt, er sei sich nicht sicher, welche WikiLeaks-Mitarbeiter in Wahrheit nicht nur weitere Pseudonyme von Assange seien. "Jay Lim", der für rechtliche Fragen zuständig sein soll, habe er beispielsweise nie getroffen.

  • Die Kosten für die Arbeit an dem Enthüllungsvideo "Collateral Murder" bezifferte Assange auf 50.000 Dollar. Der Film sorgte für Furore. Gezeigt wird ein Angriff von US-Hubschraubern im Irak, bei dem Zivilisten sterben, darunter auch Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters. Domscheit-Berg schreibt nun, dass die Angabe über die Geldsumme falsch sei. Die einzigen entstandenen Kosten seien die Miete für ein Ferienhaus in Island, von dem aus gearbeitet wurde, und Flugtickets für Assange gewesen. Zwei WikiLeaks-Mitarbeiter, die für Recherchen in den Irak geflogen waren, hätten von Assange dafür kein Geld bekommen - sondern seien von ihm mit dem Hinweis abgespeist worden, sie könnten ja selbst Geld sammeln.
  • "Kinder sollten nicht mit Waffen spielen", schreibt Domscheit-Berg als Begründung dafür, dass er Assange die Technik für den anonymen Briefkasten weggenommen habe.
  • Man werde das "sichergestellte" Datenmaterial erst an Assange zurückgegeben, wenn dieser beweisen könne, dass er das Material sicher aufbewahren könne und damit verantwortungsvoll und mit der nötigen Vorsicht umgehe.

Auch über den Charakter von Assange läst sich Domscheit-Berg aus: Er habe "noch nie so eine krasse Persönlichkeit erlebt", zitiert der "Stern" aus "Inside WikiLeaks". Der Autor beschreibt den Australier einerseits als sehr freigeistig, energisch, genial, andererseits als paranoid, machtversessen, größenwahnsinnig.

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insgesamt 154 Beiträge
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1. na Klasse!
theorie 09.02.2011
Zwei Superegomanen treffen aufeinander und behindern sich gegenseitig - echt Klasse! Sorry Dumschit-Bert, aber das war nix! Die beleidigte Leberwurstnummer bringt keinem was.
2. spannend, spannend, aber...
hmhmhmhm 09.02.2011
ziemlich spannend, soweit, mir fehlt aber der verweis auf das buch der gegenseite, mit dem DDB ja bald in den bestseller-listen rivalisieren kann. prockelndes detail während assange selbst immer wieder gerne daraub besteht, öffentlich als "journalist" bezeichnet zu werden, häufen sich hinweise darauf, dass das buch, für das er als "autor" zeichnet, von einem ghostwriter geschrieben wird. schon mal von einem journalisten gehört, der für seinen text/artikel u./o. buch einen ghostwriter braucht? (siehe zum sich festigenden gerücht u.a. http://tinyurl.com/62lp8td ) ansonten aktuell zum thema: gestern war ja die diskussion mit DDB in der heinrich-böll-stiftung. sehr früh waren erste reaktioenn von zuschauern im netz zu finden, wie z.b.: http://piratenkeks.de/2011/02/openleaks-wird-immer-unsympathischer/
3. wie schön
berpoc 09.02.2011
Wettbewerb belebt eben das Geschäft und dient dem Verbraucher.
4. Spannend?
skorpianne 09.02.2011
Zitat von hmhmhmhmziemlich spannend, soweit, mir fehlt aber der verweis auf das buch der gegenseite, mit dem DDB ja bald in den bestseller-listen rivalisieren kann. prockelndes detail während assange selbst immer wieder gerne daraub besteht, öffentlich als "journalist" bezeichnet zu werden, häufen sich hinweise darauf, dass das buch, für das er als "autor" zeichnet, von einem ghostwriter geschrieben wird. schon mal von einem journalisten gehört, der für seinen text/artikel u./o. buch einen ghostwriter braucht? (siehe zum sich festigenden gerücht u.a. http://tinyurl.com/62lp8td ) ansonten aktuell zum thema: gestern war ja die diskussion mit DDB in der heinrich-böll-stiftung. sehr früh waren erste reaktioenn von zuschauern im netz zu finden, wie z.b.: http://piratenkeks.de/2011/02/openleaks-wird-immer-unsympathischer/
Weh interessiert es, ob sich irgend ein Heini auf Assenge-"Berühmtheit" reitend, bereichern will? Ich hoffe, das Buch kauft niemand.
5. Artikel
ChriDDel 09.02.2011
In dem von dir verlinkten Artikel heißt es: "Denn wie sehr deutsche Zeitungen auf Rohmaterialien verlinken sehen wir ja tagtäglich z.B. beim Spiegel und den Depeschen" Auf Spiegel Online gibt es ein Flashtool, in dem mann die Depeschen alle lesen kann. Schön filterbar nach Ländern, Datum etc.
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Staatsfeind WikiLeaks
Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert.

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"Staatsfeind WikiLeaks": Zur Leseprobe

Der Fall Julian Assange
Mitte August 2011 - Die Vorfälle
dpa
Ein Aufenthalt von Julian Assange in Schweden hat gravierende Folgen. Der WikiLeaks-Gründer nimmt an mehreren Veranstaltungen teil. Dabei trifft er auf zwei Frauen: Pressesprecherin Anna A. und Künstlerin Sofia W. Mit beiden hat er nacheinander Sex.

Kurz darauf erfahren die Frauen von den parallelen Affären, tauschen ihre Erfahrungen aus und beschließen, gemeinsam zur Polizei zu gehen. Sie habe die jüngere Sofia eigentlich nur als Zeugin begleiten wollen, gibt Anna A. später zu Protokoll. Assange sei zwar nicht gewalttätig, habe aber eine verquere Einstellung gegenüber Frauen und könne kein Nein akzeptieren. Sie werfen ihm Vergewaltigung und sexuelle Nötigung vor.

20. August 2011 - Haftbefehl in Schweden
Gegen Assange ergeht nach den Aussagen der zwei Schwedinnen ein Haftbefehl. Der Australier weist gleich nach Bekanntwerden der Anschuldigungen alles zurück. Im offiziellen WikiLeaks-Blog stellen sich die Mitarbeiter hinter ihn. In einer Twitter-Mitteilung von WikiLeaks heißt es: "Wir sind vor schmutzigen Tricks gewarnt worden. Jetzt erleben wir den ersten."
21. August 2011 - Haftbefehl aufgehoben
AFP
Der Haftbefehl gegen Assange wird aufgehoben. Die Stockholmer Staatsanwältin Eva Finné sagt: "Es gibt für mich keinen Grund mehr für den Verdacht, dass er eine Vergewaltigung begangen hat." Die Staatsanwaltschaft ermittelt jedoch weiter gegen Assange - wegen des Verdachts auf sexuelle Belästigung.
1. September 2011 - Neue Ermittlungen
Die schwedischen Behörden machen eine Kehrtwende: Die Staatsanwaltschaft nimmt das Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Vergewaltigung wieder auf. Die neuen Ermittlungen seien das Ergebnis einer weiteren Überprüfung des Falls, sagt Generalstaatsanwältin Marianne Ny. Es geht nun um den Verdacht auf Vergewaltigung in einem Fall sowie auf sexuelle Belästigung und Nötigung in einem zweiten Fall.
5. November 2011 - Assange will in die Schweiz
REUTERS
Julian Assange erwägt, sich in der Schweiz niederzulassen. Er sehe es als "reale Möglichkeit", samt seiner Web-Seite in die Schweiz umzuziehen, sagt er einem Schweizer TV-Sender. Neben Island sei die Schweiz das einzige westliche Land, in dem sich WikiLeaks sicher fühle. Mitarbeiter und Menschen aus dem Umfeld der Plattform fühlten sich vom Pentagon bedroht, sagt Assange.
18. November 2011 - Neuer Haftbefehl
Die schwedische Staatsanwaltschaft beantragt einen neuen Haftbefehl gegen Assange und die internationale Fahndung durch Interpol. Die Ermittler wollen ihn zu den Vergewaltigungsvorwürfen befragen. Interpol veröffentlicht später eine Red Notice: Diese "roten Mitteilungen" bedeuten, dass alle Mitgliedstaaten Interpols Schweden bei der Suche nach Assange "mit Blick auf seine Festnahme und Auslieferung" unterstützen sollen.
24. November 2011 - Haftbefehl bestätigt
DPA
Ein schwedisches Gericht bestätigt den Haftbefehl und die internationale Fahndung. Die Richter mildern die Vorwürfe aber etwas ab: Zwar werde Assange immer noch Vergewaltigung vorgeworfen, allerdings in einem minder schwerem Fall, teilt das Gericht mit. Zudem sei einer der drei Vorwürfe der sexuellen Belästigung fallengelassen worden.
30. November 2011 - Beschwerde von Assange
Julian Assange will in Schweden die Aufhebung des Haftbefehls gegen ihn wegen Vergewaltigungsverdachts durchsetzen. Dies soll vor dem Obersten Gericht in Stockholm erfolgen.
1. Dezember 2011 - Europäischer Haftbefehl
AFP
Der europäische Haftbefehl wird den britischen Behörden übermittelt, damit Assange an Schweden ausgeliefert werden kann. Der WikiLeaks-Chef hält sich mittlerweile in London auf.
2. Dezember 2011 - Schwedischer Formfehler
Der oberste Gerichtshof Schwedens bestätigt den Haftbefehl und die internationale Fahndung letztinstanzlich. Laut britischen Zeitungen verhindern formale Fehler im europäischen Haftbefehl den Zugriff auf Assange. Der Australier hält sich den Berichten zufolge seit Oktober im Südosten Großbritanniens auf und habe bei seiner Ankunft im Land Scotland Yard seine Kontaktdaten mitgeteilt. Die britische Polizei habe Assanges Verhaftung nicht in die Wege leiten können, weil bei der Übermittlung des Haftbefehls etwas falsch ausgefüllt worden sei. Scotland Yard kommentiert das offiziell nicht.
3. Dezember 2011 - Neuer Haftbefehl an London
dapd
Die schwedische Justiz lässt nicht locker. Sie hat einen neuen europäischen Haftbefehl für den WikiLeaks-Chef an die Behörden in Großbritannien geschickt. Dieses Mal ohne Formfehler.

7. Dezember 2011 - Assange festgenommen
Assange wird um 9.30 Uhr in Großbritannien festgenommen. Er hatte sich zuvor selbst gestellt. Assanges Anwälte wollen erreichen, dass ihr Mandant vorerst nicht nach Schweden ausgeliefert wird.
16. Dezember 2011 - Freilassung auf Kaution
Gegen Kaution wird Assange in Großbritannien auf freien Fuß gesetzt. Er muss jedoch einige Auflagen erfüllen, sich zum Beispiel täglich bei der britischen Polizei melden.
11. Januar 2012 - Auslieferungsverfahren beginnt
Bis Anfang Februar soll ein Londoner Gericht über Assanges Auslieferung nach Schweden entscheiden, wo ihm ein Verfahren wegen Vergewaltigung und bis zu vier Jahren Haft drohen.
3. Februar 2012 - Ermittlungsakten tauchen im Web auf
Die Ermittlungsakten zu den Vergewaltigungsvorwürfen gegen Julian Assange tauchen laut dem US-Magazin "Wired" im Internet auf. Das Magazin beschreibt auf seiner Web-Seite Details aus der mehrere hundert Seiten umfassenden Akte.
7./8. Februar 2012 - Anhörung vor Gericht
Assange und seine Anwälte stemmen sich gegen die Auslieferung nach Schweden. Seine Verteidiger stellen zum Auftakt der Anhörung ein 35-seitiges Dokument mit ihrer Verteidigungsstrategie ins Internet gestellt, in dem die Eckpunkte ihrer Argumentation aufgeführt sind. Das Gericht hat bis zu zehn Tage Zeit, seine Entscheidung zu verkünden.
24. Februar 2012 - Erste Instanz: Auslieferung an Schweden rechtens
Ein britischer Richter entscheidet: Die Auslieferung Julian Assanges nach Schweden ist rechtens. Richter Howard Riddle gibt einem entsprechenden Antrag der schwedischen Justiz statt.
3. März 2012 - Assange legt Berufung ein
Die Anwälte von Julian Assange legen Berufung gegen seine Auslieferung an Schweden ein. Ein Gericht muss in zweiter Instanz in 40 Tagen entscheiden, ob es die Berufung annimmt.
30. Mai 2012 - Auslieferung rechtmäßg
Der Oberste Gerichtshof erkennt das Auslieferungsgesuch als rechtmäßig an. Mit einer Fünf-zu-Zwei-Entscheidung weisen die Richter Assanges Einspruch ab.
14. Juni 2012 - Oberster Gerichtshof will kein weiteres Verfahren
Eine Wiederaufahme des Auslieferungsverfahren lehnen die obersten Richter ab. Assange und seine Anwälte können nun nicht weiter gegen das Auslieferungsverfahren vorgehen.
14. Juni 2012 - Flucht in die Botschaft
Assange flieht in die Botschaft von Ecuador in London und beantragt politisches Asyl in dem südamerikanischen Land.
16. August 2012 - Assange wird politisches Asyl gewährt
Ecuador gewährt Assange politisches Asyl. Die britischen Behörden kündigen an, ihn dennoch zu verhaften, sobald er die Botschaft verlässt. Assange hat zu diesem Zeitpunkt die ecuadorianische Botschaft für fast zwei Monate nicht verlassen.

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