Attacken auf Plattform Internetaktivisten eröffnen Kampf für WikiLeaks

Eine US-Firma entzieht WikiLeaks seine bekannte Internetadresse, Amazon stellt Dienstleistungen ein, Washington und nun auch Paris machen Druck - der Kampf um die Enthüllungsplattform eskaliert. Netzaktivisten wehren sich, sie sehen die Informationsfreiheit in Gefahr.

WikiLeaks-Seite: Nicht mehr über die alte Adresse wikileaks.org zu erreichen
dpa

WikiLeaks-Seite: Nicht mehr über die alte Adresse wikileaks.org zu erreichen

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John-Perry Barlow, Ex-Hippie, Songtexter, Journalist, Bürgerrechtler und Internetberühmtheit, hat eine klare Position: "Der erste ernsthafte Informationskrieg hat begonnen. Das Schlachtfeld ist WikiLeaks. Ihr seid die Truppen."

Diese martialischen Sätze twitterte Barlow am Freitagmorgen deutscher Zeit. Der Mann ist einer der Gründer der Bürgerrechtsorganisation "Electronic Frontier Foundation" und einer von vielen, die in diesen Stunden Solidarität mit WikiLeaks bekunden. WikiLeaks ist für sie der Underdog, der Streiter für die Informationsfreiheit, der vor Angriffen mächtiger Gegner geschützt werden muss.

Seit am vergangenen Sonntag die Veröffentlichung der gigantischen Sammlung von US-Diplomatendepeschen begonnen hat, scheint WikiLeaks tatsächlich unter Beschuss:

  • Immer wieder verschwindet die Website der Organisation aus dem Netz, offenbar auf Grund von Hacker-Attacken.
  • Am Donnerstag verkündete der Internethändler Amazon, bei dem man auch Internet-Speicherplatz anmieten kann, man werde die WikiLeaks-Dokumentensammlung von den eigenen Servern verbannen. WikiLeaks habe gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen. Ein Kunde müsse Rechte an verbreiteten Inhalten haben, und diese dürften niemandem schaden. Zitat: "Es ist klar, dass WikiLeaks nicht über die Rechte an den vertraulichen Dokumenten verfügt." Und angesichts von mehr als 250.000 US-Diplomatendepeschen sei nicht gesichert, dass Unschuldige ausreichend geschützt seien.
  • Und seit Freitagmorgen ist die gewohnte Internetadresse wikileaks.org nicht mehr zu erreichen - veranlasst durch den US-Dienstleister EveryDNS. Derzeit ist WikiLeaks unter anderem über die Schweizer Adresse wikileaks.ch zu erreichen, eine offizielle Ausweichadresse, die auf die Piratenpartei des Landes registriert ist. Auch wikileaks.de funktioniert.
  • Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge sucht auch die französische Regierung derzeit nach Wegen, WikiLeaks aus dem eigenen Land zu vertreiben. Industrieminister Eric Besson habe an Ministerialbeamte einen Brief geschrieben, in dem unter anderem folgende Aufforderung zu lesen sei: "Ich bitte Sie, mir so bald wie möglich mitzuteilen, welche Handlungsmöglichkeiten wir haben, damit diese Internetseite nicht mehr in Frankreich gehostet wird." Die Situation sei nicht akzeptabel. Eine Seite, die "Geheimnisse diplomatischer Beziehungen verletzt und Menschen in Gefahr bringt", dürfe nicht auf einem Server in Frankreich beheimatet sein. Grund für die Intervention des Ministers: Eine Kopie von WikiLeaks liegt derzeit auch auf den Servern des französischen Unternehmens OVH - nach der Verbannung durch Amazon.

Wie groß der Druck auf Internetunternehmen in den USA inzwischen ist, zeigen Äußerungen des parteilosen, den Demokraten nahe stenden US-Senators Joe Lieberman. Der Vorsitzende des Senatsausschusses für Heimatschutz hatte offenbar bei Amazon interveniert. Lieberman kommentierte Amazons Entscheidung so: "Ich hätte mir gewünscht, dass Amazon diese Maßnahme früher ergreift angesichts der vorherigen Veröffentlichungen klassifizierter Informationen durch WikiLeaks." Der Beschluss solle nun anderen als Beispiel im Umgang mit dem Enthüllungsportal dienen. Keine verantwortungsbewusste Firma in den USA oder anderswo solle WikiLeaks helfen, gestohlene Informationen zu verbreiten, die "die nationale Sicherheit aufs Spiel setzen und weltweit Leben gefährden".

Assange selbst stellt sich nun auf den Standpunkt, man habe Amazon ohnehin nur testen wollen. In einer Online-Fragestunde des britischen "Guardian" schrieb er: "Seit 2007 haben wir manche unserer Server absichtlich in Hoheitsgebieten platziert, in denen wir ein Meinungsfreiheitsdefizit vermuteten, um Rhetorik von Realität zu unterscheiden. Amazon war einer dieser Fälle."

"Stabilität der Infrastruktur bedroht"

Nach dem Amazon-Beschluss liegen die Daten von WikiLeaks inzwischen weitgehend wieder auf den Servern des schwedischen Unternehmens Bahnhof, außerdem in Frankreich bei OVH und möglicherweise auch noch an anderen Orten verteilt. Inwieweit der Entzug der Adresse wikileaks.org durch EveryDNS mit politischem Druck zu tun hat, ist nicht ersichtlich. Der DNS-Provider ist eine Art Übersetzungsdienst: Er verknüpft Domainnamen wie spiegel.de mit der eigentlichen Internet-Adresse, der IP-Nummer (bei SPIEGEL ONLINE: 195.71.11.67). Wenn dieser Dienst nicht mehr funktioniert oder wie bei wikileaks.org abgeklemmt wird, finden viele Nutzer den Weg nicht mehr auf die Seite - weil sie die kryptische IP-Nummer der Seite nicht kennen (bei WikiLeaks: 213.251.145.96). EveryDNS begründet seinen Schritt mit den Hacker-Attacken, denen WikiLeaks seit Sonntag immer wieder ausgesetzt sei: "WikiLeaks.org ist Ziel mehrfacher distribuierter Denial-of-Service-Attacken. Diese Angriffe haben die Stabilität der Infrastruktur von EveryDNS.net bedroht, von der beinahe 500.000 andere Websites abhängen, und würden das auch weiter tun."

Bei DDoS-Attacken werden Server durch eine Vielzahl automatisch gesteuerter, gleichzeitiger Anfragen aus dem Netz ausgebremst und im schlimmsten Fall komplett lahmgelegt. Üblicherweise werden solche Angriffe mit Hilfe sogenannter Botnets ausgeführt - großen Netzwerken aus Rechnern, die durch eingeschleuste Schadsoftware ferngesteuert werden können. Die Besitzer dieser Rechner merken oft nicht einmal, dass ihre Computer Teil eines Großangriffs sind.

Von wem die Hackerattacken ausgehen, darüber kann man derzeit nur spekulieren. Zwar bekannte sich ein US-Hacker mit dem Künstlernamen The Jester schon am Sonntag dazu. Doch Prahlen und Angeben gehört für manche Hacker durchaus zum Handwerkszeug - und wer hinter The Jester tatsächlich steckt, ist unbekannt. Außerdem machte der Hacker in Blog-Einträgen und Kurznachrichten klar, dass er keine DDoS-Attacken und Botnetze verwendet, sondern ein anderes, von einem Rechner aus gesteuertes System. Vielerorts wird auch spekuliert, US-Geheimdienste könnten hinter den Attacken stecken - doch für keine der Theorien gibt es derzeit Belege.

Es gibt viele WikiLeaks

Die Unterstützer von WikiLeaks haben ohnehin vorgesorgt. Diverse Internetadressen wie wikileaks.ch sind eingerichtet, um Nutzer nach wie vor verlässlich zur Seite der Enthüllungsplattform zu bringen.

Auch wikileaks.de ist registriert - von Theodor Reppe, der in Freiburg als Systemadministrator arbeitet. Er habe die Adresse schon "kurz nach der Gründung des Projektes 2006" übernommen, sagt er. Er sei auf die Plattform aufmerksam geworden und wolle sie unterstützen. wikileaks.de zu unterhalten, koste ihn nur "wenige Euro im Jahr". Er habe die Adresse einfach sichern wollen, "weil es heute ja schnell geht, dass solche Domains weggefangen werden". Mit WikiLeaks habe er ansonsten nichts zu tun. Einmal habe er zwar Besuch von der Polizei bekommen, 2009, als die Plattform Sperrlisten eines australischen Internetfilters publizierte. Doch die damals von den Behörden angestrebte Schließung der de-Adresse habe sich nicht durchsetzen lassen.

Reppe will nun sicherstellen, dass der DNS-Eintrag für wikileaks.de direkt beim zentralen deutschen Domainregistrar Denic registriert wird. Dort sei man durch gewaltige Kapazitäten auch für DDoS-Attacken gerüstet, sagt Reppe: "Da geht das dann hoffentlich im Grundrauschen unter."

"Feigheit und Unterwürfigkeit"

Reppe ist einer von vielen mehr oder minder stillen Unterstüztern von WikiLeaks. In diversen Internetforen wird derzeit zum Boykott des Internethändlers Amazon aufgerufen, weil er sich durch die Aussprerrung von WikiLeaks auf die Seite der Mächtigen gestellt habe.

Der Ökonom Daniel Ellsberg, der mit den "Pentagon Papers" einst die Verfehlungen der US-Regierung im Vietnamkrieg öffentlich machte, schrieb einen offenen Brief an Amazon und dessen Gründer Jeff Bezos. Er sei "angewidert von Amazons Feigheit und Unterwürfigkeit", weil der Online-Händler "angesichts der Drohungen von Senator Joe Lieberman und anderen Rechtsaußen im Kongress" WikiLeaks die Tür gewiesen habe. Ellsberg kündigte an, Amazon ab sofort zu boykottieren, und rief andere auf, es ihm gleichzutun. Das Vorgehen der US-Politik und Amazons erinnere ihn an die Internetzensur in China.

Über Twitter wurden am Freitagvormittag deutscher Zeit im Minutentakt alternative IP-Adressen und Domains für WikiLeaks weitergereicht, es gab Spendenappelle und weitere Boykottaufrufe gegen Amazon. Eine Seite unter der Adresse wikileaks.info listet zehn Alternativadressen auf, die alle auf die Original-IP-Adresse von Wikileaks verweisen. Darunter stehen drei weitere, andere IP-Adressen, unter denen das gesamte Angebot der Plattform oder Teile davon gespiegelt werden - sogenannte Mirror Sites.

Dass WikiLeaks durch DDoS-Attacken und öffentlichen Druck zum Verschwinden gebracht werden kann, scheint derzeit nicht wahrscheinlich.

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insgesamt 426 Beiträge
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Seite 1
Klo, 03.12.2010
1. Eines steht fest.
Zitat von sysopEin US-Unternehmen entzieht WikiLeaks seine bekannte Internetadresse, Amazon stellt Dienstleistungen ein, Washingtons Politik setzt Web-Firmen Druck -*der Kampf um die Enthüllungsplattform eskaliert. Netzaktivisten setzen sich zu Wehr, sie sehen die Informationsfreiheit in Gefahr. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,732688,00.html
Amazons hündische Unterwerfung und Selbstzensur wird dem Unternehmen mehr schaden, als Wikileaks. Wer behauptet, die Veröffentlichung ohnehin öffentlicher Depeschen gefährde die nationale Sicherheit, der mißachtet ohnehin die Pressefreiheit. Die nationale Sicherheit wird in erster Linie durch die Kriegsverbrechen gefährdet, die nicht nur auf Wikileaks veröffentlicht wurden. Aber die Kriegsverbrecher laufen immer noch frei herum. Unfassbar. Die USA bewegt sich sehenden Auges in eine Diktatur.
Der Doc 03.12.2010
2. Es lebe die Meinungsfreiheit!
Ein Hoch auf das Internet 2.0, auf den gebildeten Bürger und auf der Meinungsfreiheit - der wahren 4. Gewalt! Man kann sich zwar darüber streiten, ob es korrekt war, all diese Informationen frei zu geben (wen interessiert es, wie die einzelnen Politiker über einander denken oder reden?!), aber es widert mich an, wie die Mächtigen nun versuchen, WikiLeaks mundtot zu machen. Und die gleichen heuchlerischen Politiker meckern ohne Unterbrechung über Iran, Nord Korea oder China. WikiLeaks hat der Meinungsfreiheit einen Bärendienst erwiesen. Ein Hoch auf Julian Assange!
elbröwer 03.12.2010
3. schon verloren
"Das Vorgehen der US-Politik und Amazons erinnere ihn an die Internetzensur in China." Nur viel schlimmer weil die USA in allen Gremien, die das Web betreffen die absolute Macht haben. Den Rechtsaußen, die derzeit vor allem durch die Tea Party repräsentiert werden, kommt es auf Meinungs- oder Pressefreiheit nicht an solange sie sagen und tun dürfen was sie wollen. Denen katzbuckeln im Moment alle weil sie die fürchten als die neuen Machthaber wenn Obama weg ist. Das auch unsere Politiker die Freiheit des Netzes bekämpfen liegt in der Natur dieser Leute. Vor 15 Jahren hätten die Nutzer viel stärker Freiheit duchsetzen müssen. Zu der Zeit wußten die meisten noch nicht was das ist. Kohl sagte zum Stichwort Datenautobahn, dafür sei sein Verkehrsminister Wissmann zuständig.
loky mcqueen 03.12.2010
4. Es geht Amazon in erster Linie um Geld
Natürlich mögen einige Persönlichkeiten aus der Politik ihren Einfluss geltend gemacht haben. In erster Linie geht es Amazon aber schlicht um Umsatz und Gewinn! Das Weihnachtsgeschäft ist in vollem gange und der Höchstumsatz ist nun mal im Dezember. Informationsfreiheit ist ein tolles Wort, interessiert bei dem ganzen Thema, in Verbindung mit Weihnachten, relativ wenig. An sich ist diese ganze Depeschenveröffentlichung ohnehin nur etwas, was viele wußten, die sich mit ihrer Zeit befassten und befassen. Nun haben sie halt eine Bestätigung, wie die Politik der letzten verbliebenen Weltmacht wirklich tickt und handelt. Aber abgesehen von dem ganzen gespielten Entsetzen, wen wundert dieser Sachverhalt wirklich?! Wenn Lobbyismus und pures Durchsetzen der eigenen Interessen mit allen Mitteln in sämtlichen Regierungen und Wirtschaft quasi Mode geworden ist und schöne hehre Worte wie Demokratie, Bürgerrechte und Solidarität schon indem Moment vergewaltigt durch die Medien geistern, in denen sie von macht- und gewinn Machiavellisten ausgesprochen wurden. Im Grunde brauch man gar nicht empört und entsetzt sein! Weder über die Zustände in Russland, noch über die Sichtweise auf die hiesige Politik. Denn leider kommt das Bild, das die Veröffentlichung dieser Depeschen zeichnet, bei allem Medienbombardement und den Interessengruppen, die da ihre Ziele verfolgen, dem Pudels Kern erschreckend nahe ...
flowpower22 03.12.2010
5. Ende offen ..
Zitat von sysopEin US-Unternehmen entzieht WikiLeaks seine bekannte Internetadresse, Amazon stellt Dienstleistungen ein, Washingtons Politik setzt Web-Firmen Druck -*der Kampf um die Enthüllungsplattform eskaliert. Netzaktivisten setzen sich zu Wehr, sie sehen die Informationsfreiheit in Gefahr. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,732688,00.html
Lutig, ihrgendwie kommen mir Erinnerungen an meinen Geschichtsunterricht hoch. Wie war das noch mal im 19. Jahrhundert, mit der Zensur und der Beschlagnahmung von Pressedruckstöcken? Und hat ncht einmal ein kluger Kopf orakelt, dass in der Geshcichte sich alles .. ja WIEDERHOLT!
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