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Aufstand in Syrien: Das Blog-Phantom von Damaskus

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Amina Abdallah Arraf ist eine der bekanntesten Bloggerinnen des arabischen Frühlings: Als "Gay Girl in Damascus" übte sie Kritik am Assad-Regime. Jetzt soll sie vom Geheimdienst verhaftet worden sein - doch Zweifel kommen auf: Existiert die Heldin des syrischen Widerstands überhaupt?

Ein Gesicht, das zum Symbol für die syrischen Dissidenten wird: Amina Arraf - oder nicht? Zur Großansicht

Ein Gesicht, das zum Symbol für die syrischen Dissidenten wird: Amina Arraf - oder nicht?

Amina Abdallah Arraf hat ein Gesicht: Fünf verschiedene, in Web und Medien kursierende Fotos zeigen eine Frau Mitte 30 mit Kurzhaarfrisur, mit dunklen, fein gezeichneten Augenbrauen. Über der linken scheint sie ein kleines Muttermal zu tragen.

Es ist ein schönes Gesicht - und für viele Mediennutzer weltweit ist es in den vergangenen vier Wochen so etwas wie das Gesicht des Widerstands gegen die Unterdrückung in Syrien geworden. Seit Wochen kommt es in dem Land zu Protesten gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad. Das Regime schlägt brutal zurück. Bislang kamen bei den Unruhen mehr als 1300 Menschen ums Leben, rechnen Menschenrechtsorganisationen vor.

Arraf hatte in ihrem Blog A Gay Girl in Damascus über die Repression berichtete. Sie hatte erzählt, wie ihr Vater heldenhaft Geheimdienstler abwimmelte, die gekommen waren, um sie zu verhaften. Kurz darauf sollen Vater und Tochter abgetaucht sein, ihr Blog aber führte sie weiter.

Bis Montag. Da, schrieb ihre Cousine in ihr Blog, sei sie auf offener Straße von drei Geheimdienstlern angegriffen und entführt worden. Sofort berichteten wieder die Medien: "Time", "Guardian", Huffington Post, CBS, CNN, ABC, al-Dschasira, die "Washington Post". Hunderte von Beiträgen und Texten erschienen, so wie zuletzt vor vier Wochen, als der Erlebnisbericht ihrer verhinderten Verhaftung die Augen der Welt auf ihr Blog lenkte.

"Ein lesbisches Mädchen in Damaskus", das nicht nur Romanauszüge und Gedichte veröffentlichte - denn so begann das Blog am 19. Februar 2011 -, sondern auch Regimekritik. Gutaussehend und weltoffen, binational dazu: halb Syrerin, halb Amerikanerin. Es ist kein Wunder, dass sich die Medien auf diese Heldin stürzten, die Haft und Leben riskierte mit ihrem doppelten Bekenntnis zu Homosexualität und Opposition. CNN führte ein Interview, "Time" schrieb über sie, die Huffington Post brachte den Blogbeitrag vom ersten Verhaftungsversuch in Zweitverwertung.

Revolutionen brauchen solche Identifikationsfiguren. Und eigentlich wäre es sogar egal, wenn es sie gar nicht wirklich gäbe. Denn natürlich ist es gut möglich, dass Arrafs Name ein Pseudonym ist, ihre Person vielleicht eher eine Persona. So nannte man im griechischen Theater die Masken, die bestimmte Rollen und Figuren typisierten.

Das wissen auch ihre Unterstützer, die sich in Facebook-Gruppen und Twitter-Kampagnen, mit Online-Petitionen und E-Mails an syrische Botschaften um ihre Freilassung bemühen. "Free Amina" schwillt gerade zu einer virtuellen Protestbewegung an, zu einem Kumulationspunkt für den Widerstand gegen das syrische Regime, das seine Opposition unterdrückt und zusammenschießen lässt, wenn sie auf die Straße geht.

Auch Amina, schrieb sie in ihrem Blog, war bei solchen Demonstrationen dabei. Die letzten Zeilen, die sie vor ihrer Verhaftung veröffentlichte, waren ein Gedicht über die kommende Freiheit. Dann habe sie sich Name und Kontaktadresse auf den Arm geschrieben, für den Fall, dass sie getötet würde, wie es hieß. Sie verabschiedete sich per E-Mail bei ihrer Freundin in Montreal, um jemanden "aus dem Widerstand" zu treffen. Auf dem Weg dorthin soll sie dann entführt worden sein.

Ist Amina eine wirkliche, reale Person?

Vielleicht war es so, nur wirklich wissen kann das derzeit niemand. Wenige Stunden nach Veröffentlichung eines letzten Artikels über Amina Arraf ruderte zuerst die "New York Times" ein Stück zurück und veröffentlichte in der Nacht zum Mittwoch ein Update, das die bisher scheinbar faktenorientierte Berichterstattung über Amina unter Vorbehalt stellt. Angestoßen durch die Kritik eines externen Journalisten taten die Redakteure der "New York Times" etwas, was man eigentlich bei allen Berichten voraussetzen würde. Sie fragten: Stimmt das alles eigentlich?

Ihre Recherche ergab: nichts Konkretes.

Das ist gerade bei Berichten aus Krisenregionen und restriktiven Regimen ein fast schon grundsätzliches Problem, und nicht nur wenn es um subversive Publikationen via Web geht. Ganz besonders bei Blogs ist aber kaum auszumachen, ob die vermeintlichen Zeugen wirklich vor Ort sind oder nicht: Man kann versuchen, die Plausibilität der Informationen zu hinterfragen, man kann den elektronischen Kontakt suchen - und das war es schon fast.

Wenn dann noch berechtigte Angst vor Verfolgung die Zeugen dazu bringt, unter Pseudonym zu arbeiten und über internationale Plattformen zu publizieren, ist noch nicht einmal die geografische Rückverfolgung mit technischen Mitteln möglich. Und wenn dann noch ein Staat, wie nun in Syrien, die Arbeit unabhängiger Journalisten und Recherchen vor Ort unmöglich macht, ist die Überprüfung von Quellen kaum noch möglich. Für seriöse Medien bleibt da in der Regel kaum mehr als die Flucht in den Konjunktiv, der deutliche Hinweis auf die Unsicherheit der Quellenlage. Amina haben die Medien weltweit gern geglaubt, dabei trifft alles Gesagte auch auf sie zu.

Denn selbst in den Kreisen ihres Twitter- und Facebook-Netzwerkes hat offenbar niemand jemals direkten Kontakt zu Amina Arraf gehabt. Alle Interviews mit ihr, die im vergangenen Monat in amerikanischen Medien erschienen, basierten auf E-Mails. Spuren ihrer so genau beschriebenen Familie gibt es nicht: Die biografischen Angaben zu ihrem Leben in Amerika, die sich längst auch bei Wikipedia finden, sind ihrem eigenen autobiografischen Schreiben entnommen. Freunde aus dieser Zeit, die die Existenz einer Person dieses (oder eines anderen) Namens bestätigen könnten, sind bisher nicht öffentlich aufgetreten.

Auch die in Montreal lebende Frau, die bisher als Amina Arrafs Partnerin bezeichnet wurde, hat inzwischen klargestellt, dass sie der Bloggerin niemals persönlich begegnet ist. Noch nicht einmal Skype-Videotelefonate hatte sie mit ihr: Arraf habe immer nur per E-Mail kommuniziert. Die kanadische Freundin arbeitete in den vergangenen Jahren unter anderem als Webdesignerin in der Medienbranche. Von ihr kommen die Fotos von Amina, die bekannt sind, sie hat auch die FreeAmina-Facebook-Gruppe aufgesetzt.

In der Nacht zum Mittwoch dann zog die Huffington Post eines dieser Fotos, das sie zur Illustration der Verhaftungs-Meldung benutzt hatte, "bis auf weiteres" zurück: Es habe einen Protest gegen das Bild gegeben, weil dieses angeblich nicht Amina Arraf zeige, sondern eine andere Person. Es ist eines der fünf Bilder, die von ihr kursieren: Pagenschnitt, dunkle, fein definierte Augenbrauen, Schönheitsfleck über der Linken.

Jede Menge Zweifel

Es sei aber "weiterhin möglich, dass die Autorin des Blogs verhaftet wurde und dass sie ein faktenorientiertes und kein fiktives Blog" verfasst habe, heißt es bei der "New York Times". Denn dass sich jemand selbst schützen will gegen die Verfolgung in einem repressiven Staat, wäre ja höchst verständlich.

Irritierend ist dabei nur eines: Teile des Blogs hatte Arraf unter dem Titel "Amina Arraf's Attempts At Art (and Alliteration)" ab September 2007 schon einmal im Web veröffentlicht. Damals als ein autobiografisch orientiertes, aber eher fiktional aufgehängtes erzählerisches Blog - der Versuch von Web-Literatur. Die findet sich auch in ihrem neuen Blog, dort aber eingestreut in angeblich auf Fakten basierender Berichterstattung.

Angeblich entstand dieses Gay-Girl-in-Damascus-Blog auf Anregung und unter Hilfestellung des US-Blogs LezGet Real - A Gay Girl's view on the World. Am Montag, kurz nachdem sich die Nachricht von Arrafs Verhaftung verbreitete, erklärte Linda S. Carbonell dort, wie es dazu kam: Eine junge lesbische Frau aus Damaskus habe auf Artikel über den arabischen Aufstand und Syrien reagiert und per E-Mail Kontakt gesucht, um konstruktiv Kritik zu üben. Sie, Carbonell, habe Arraf daraufhin eingeladen, doch Beiträge für ihr Blog zu schreiben. Arraf hätte stattdessen den Weg gewählt, ihr eigenes Gay-Blog zu führen - und sich völlig überraschend zu einer Ikone auch des politischen Widerstandes in Syrien entwickelt.

Ist das relevant?

Vielleicht war das so. Man kann diese Schilderung als Bestätigung für Arrafs Existenz und Authentizität lesen, oder man kann das um so verdächtiger finden. Die wichtigste Frage aber lautet: Wäre es überhaupt relevant, ob Arraf nun eine erfundene, eine getarnte andere oder wirklich eine echte Person ist?

Dass die Authentizität plötzlich auftretender Web-Prominenter immer schwer zu beurteilen ist, ist eine Binsenweisheit. Und: Selbst, wenn es gar keine Amina Arraf gäbe, die derzeit in einem syrischen Geheimdienstknast säße, würden Proteste und Petitionen nach Freilassung dort gefangener Oppositioneller und Blogger wohl kaum ins Leere laufen - dort sitzen wahrscheinlich genug Menschen in Gefängnissen, die keinen Namen, kein Gesicht, keine internationale Lobby haben. Amnesty International schätzt ihre aktuelle Zahl auf 10.000. "Reporter ohne Grenzen" hat soeben - aufgehängt am Fall Aminas - einen Aufruf zur Freilassung der zahlreichen Oppositionellen in Syrien veröffentlicht.

Man kann Arraf also als Symbol verstehen, als Persona des syrischen Widerstands im Sinne des Wortes - völlig unabhängig davon, ob es sie wirklich gibt, wer sie vorgibt zu sein oder ob sie jemand ganz anderes ist. Amina Arraf mag zurzeit in einem syrischen Gefängnis sitzen, wirklich wissen können wir das nicht. Was wir wissen: Bevor sie verhaftet wurde (oder auch nicht), gab es keine international beachteten Facebook- und Web-Petitionsseiten zur Freilassung syrischer Oppositioneller.

Jetzt gibt es die. Manchmal braucht es Symbolfiguren.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Persona
Anay2 08.06.2011
Ich zitiere vom Ende des Artikels: "Man kann Arraf also als Symbol verstehen, als Persona des syrischen Widerstands im Sinne des Wortes - völlig unabhängig davon, ob es sie wirklich gibt, wer sie vorgibt zu sein, oder ob sie jemand ganz anderes ist. Amina Arraf mag zurzeit in einem syrischen Gefängnis sitzen, wirklich wissen können wir das nicht. Was wir wissen: Bevor sie verhaftet wurde (oder auch nicht), gab es keine international beachteten Facebook- und Web-Petitionsseiten zur Freilassung syrischer Oppositioneller. Jetzt gibt es die. Manchmal braucht es Symbolfiguren." Naiver geht es kaum. Oder ist das bewusst so flachsinnig gehalten? Gerade in Syrien ist der Einfluss des Westens auf die Oppositionsbewegung enorm groß. Wenn schon das Fass aufgemacht wird, dass diese Blogger-Identität, wie viele andere "Augenzeugen" aus anderen arabischen Unruheherden, nur ein Symbol, eine Persona ist, dann sollte auch gleich mal nachgelegt werden, dass Arraf möglicherweise eine Persona ist, die von westlichen Interessenverbänden geschaffen wurde! Ihr wisst schon, jene die z.B. von George Soros & Co. Geld für syrisches Oppositionsfernsehen usw. bekommen. Leider wird dieser Aspekt westlicher Einflussnahme auf die "Revolutionen" in der arabischen Welt nicht untersucht, und der Artikel verkommt dadurch zu einer typischen Boulevard-Präsentation über Online-Figuren, Realität, Virtualität usw. Schlimm.
2. sehr guter artikel
paulibahn 08.06.2011
mit abstand bester artikel auf SPON seit langem! aber: "Für seriöse Medien bleibt da in der Regel kaum mehr als die Flucht in den Konjunktiv, der deutliche Hinweis auf die Unsicherheit der Quellenlage." wie hälts der spiegel den selbst mit diesem satz?
3. ja
systemfeind 08.06.2011
Zitat von sysopAmina Abdallah Arraf ist eine der bekanntesten Bloggerinnen des Arabischen Frühlings: Als "Gay Girl in Damascus" übte sie Kritik am Assad-Regime. Jetzt soll sie vom Geheimdienst verhaftet worden sein -*doch Zweifel kommen auf: Existiert die Heldin des syrischen Widerstands überhaupt? http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,767290,00.html
sie existiert - als bitmap in den nsa Rechnern .
4. Toll!
Alexis K. 08.06.2011
Zitat von Anay2Ich zitiere vom Ende des Artikels: "Man kann Arraf also als Symbol verstehen, als Persona des syrischen Widerstands im Sinne des Wortes - völlig unabhängig davon, ob es sie wirklich gibt, wer sie vorgibt zu sein, oder ob sie jemand ganz anderes ist. Amina Arraf mag zurzeit in einem syrischen Gefängnis sitzen, wirklich wissen können wir das nicht. Was wir wissen: Bevor sie verhaftet wurde (oder auch nicht), gab es keine international beachteten Facebook- und Web-Petitionsseiten zur Freilassung syrischer Oppositioneller. Jetzt gibt es die. Manchmal braucht es Symbolfiguren." Naiver geht es kaum. Oder ist das bewusst so flachsinnig gehalten? Gerade in Syrien ist der Einfluss des Westens auf die Oppositionsbewegung enorm groß. Wenn schon das Fass aufgemacht wird, dass diese Blogger-Identität, wie viele andere "Augenzeugen" aus anderen arabischen Unruheherden, nur ein Symbol, eine Persona ist, dann sollte auch gleich mal nachgelegt werden, dass Arraf möglicherweise eine Persona ist, die von westlichen Interessenverbänden geschaffen wurde! Ihr wisst schon, jene die z.B. von George Soros & Co. Geld für syrisches Oppositionsfernsehen usw. bekommen. Leider wird dieser Aspekt westlicher Einflussnahme auf die "Revolutionen" in der arabischen Welt nicht untersucht, und der Artikel verkommt dadurch zu einer typischen Boulevard-Präsentation über Online-Figuren, Realität, Virtualität usw. Schlimm.
Nett. Da stürzen die Menschen in mehreren Ländern ihre Regierungen, und Sofahelden meinen, das wären keine Revolutionen. Herrlich, diese Sofaexperten.
5. bei 1300 Toten...
oldasianhand 09.06.2011
...wuerde die virtuelle Person die als "Amina Abdallah Arraf" ihren Anti-Assad Webauftritt inszeniert, an ihren sicheren Tod arbeiten... wer weiss, "die Bloggerin" hat wahrscheinlich etliche Schreibplaetze in Hastings, die wirklichen Namen der Beteiligten stehen dort mindestens auf den Gehaltslisten!
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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

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