Aufstand in Syrien Regimegegner nutzen Facebook zur Spitzeljagd

Im zähen Ringen um die Macht in Syrien scheint Facebook eine neue Rolle für die Regimegegner zu spielen. Es werden nicht nur Proteste über das soziale Netzwerk organisiert - sondern auch Denunzianten denunziert. Für diese kann das üble Folgen haben.

Protest bei Freitagsgebet in Syrien: Aktivisten schlagen mit Facebook zurück
DPA

Protest bei Freitagsgebet in Syrien: Aktivisten schlagen mit Facebook zurück


London/Damaskus - Gern wird mit Blick auf den Arabischen Frühling und die Proteste der Bevölkerung gegen alternde Potentaten von einer " Facebook-Revolution" gesprochen. Schließlich hätte sich der Widerstand nicht selten über das soziale Netzwerk organisiert und gemeinsame Aktionen abgesprochen. Doch im Fall Syriens und seines autokratischen Herrschers Baschar al-Assad scheinen die Dinge einen langsameren Verlauf zu nehmen.

Nach wie vor durchsetzen zahllose Spitzel das 22-Millionen-Volk und melden den Behörden sofort jede verdächtige Regung. Doch inzwischen schlagen die Aktivisten zurück. Wie der britische "Guardian" unter Berufung auf Meldungen im "Observer" berichtet, organisieren sich die Dissidenten zunehmend über Social Networks. Auf Dutzenden von Facebook-Seiten werden Informationen gesammelt, Einzelheiten über enttarnte mutmaßliche Spitzel und Zuträger des Assad-Regimes samt Namen und Adressen genannt.

Die Enttarnung hat für die Betroffenen nicht selten üble Folgen. Ein Ladenbesitzer hatte eine Aktivistengruppe an die Behörden verraten. Als die Polizei anrückte, floh die Gruppe, einer kam dabei ums Leben. Kurze Zeit später tauchte der Name des Denunzianten auf einer Facebook-Seite auf. Der Laden wurde daraufhin von wütenden Angehörigen der Widerstandsbewegung zerstört, sein Besitzer zusammengeschlagen.

Wohl auch zur Beruhigung und Selbstversicherung beharren die Organisatoren solcher Outing-Aktionen, es gehe alles mit rechten Dingen zu. Bei der Enttarnung von Spitzeln würden keine Fehler gemacht, so laut "Guardian" der Betreiber einer Anti-Spitzelseite im syrischen Homs.

Dennoch ist die Grenze zu reiner Lynchjustiz wohl doch nicht immer klar zu ziehen. So wurde eines Tages in einem Vorort von Damaskus der Leichnam eines Regimegegners mit Strangulationsverletzungen aufgefunden, berichtet der "Guardian". Seine Freunde dachten zunächst, auch er sei Opfer der Staatssicherheit geworden. Doch dann habe sich eine Gruppierung gemeldet, die den Toten als "regimetreuen Halunken" bezeichnet habe.

meu

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insgesamt 4 Beiträge
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Joe67, 10.10.2011
1. Auch der Geheimdienst nutzt Facebook
Nicht nur die Beobachtung der Regimegegner erledigt der Geheimdienst via Facebook. Die USA haben es da sehr einfach, sie müssen nur mal nachfragen. Andere Staaten benötigen dazu gestohlene SSL-Zertifikate - kommen aber auch zum Ziel. Bei der Denunziation und Denunzianten hat der Geheimdienst auch ein leichtes Spiel. Unliebsamen Oppositionellen wird ein Spitzeltum für die Regierung nachgesagt. Dann erledigen die Regimegegner sich gegenseitig. Sicher: Facebook erleichtert die Kommunikation - altbekannte Desinformationsmethoden wie das Erstellen gefälschter Nachrichten oder das Anschwärzen von Kritikern als Spitzel sind aber hier noch leichter möglich als in der analogen Welt. Facebook, Twitter & Co waren für Regimekritiker besonders dann besonders beliebt, als die Gegenseite diese noch nicht infiltriert hatte.
guteronkel 10.10.2011
2. Geheimdienste spitzeln Regimegegener aus
Zitat von Joe67Nicht nur die Beobachtung der Regimegegner erledigt der Geheimdienst via Facebook. Die USA haben es da sehr einfach, sie müssen nur mal nachfragen. Andere Staaten benötigen dazu gestohlene SSL-Zertifikate - kommen aber auch zum Ziel. Bei der Denunziation und Denunzianten hat der Geheimdienst auch ein leichtes Spiel. Unliebsamen Oppositionellen wird ein Spitzeltum für die Regierung nachgesagt. Dann erledigen die Regimegegner sich gegenseitig. Sicher: Facebook erleichtert die Kommunikation - altbekannte Desinformationsmethoden wie das Erstellen gefälschter Nachrichten oder das Anschwärzen von Kritikern als Spitzel sind aber hier noch leichter möglich als in der analogen Welt. Facebook, Twitter & Co waren für Regimekritiker besonders dann besonders beliebt, als die Gegenseite diese noch nicht infiltriert hatte.
Und wenn dann noch die passende Software aus Bayern geliefert wird, hilft das den Geheimdiensten immens. Man sollte alle Beschäftigten dieser Firmen einsperren, bis diese ihre Unschuld nachweisen können.
Chamchum 10.10.2011
3. Irreführende Bildunterschrift
Die irreführende Bildunterschrift ist symptomatisch für die Syrien/Libyen-Berichterstattung. Das Bild dieses Artikels stammt aus dem syrischen Fernsehen und zeigt eine Pro-Assad/Pro-Syrien-Demonstration. Generell finden in Syrien wesentlich mehr PRO-Assad-Demos statt als andersherum.
hankthefrank 10.10.2011
4. irreführende Bildunterschrift?
Zitat von ChamchumDie irreführende Bildunterschrift ist symptomatisch für die Syrien/Libyen-Berichterstattung. Das Bild dieses Artikels stammt aus dem syrischen Fernsehen und zeigt eine Pro-Assad/Pro-Syrien-Demonstration. Generell finden in Syrien wesentlich mehr PRO-Assad-Demos statt als andersherum.
Sicher? Auf dem Bild sieht man deutlich das Logo von ShamNewsNetwork, die nicht regimefreundlich sind. Außerdem werden bei Pro Assad Demonstrationen zumeist sehr viele Assad Fotos hochgehalten. Ich sehe da gar keins. Von daher zeigt das Foto meiner Meinung nach eher eine Anti-Assad Demo.
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