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Auslieferung des Ufo-Hackers: Keine Gnade für McKinnon

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Zum wiederholten Mal melden die britischen Medien, die Auslieferung des als Ufo-Hacker bekannten Gary McKinnon stehe bevor. Am Donnerstag gab der britische Innenminister Alan Johnson grünes Licht für die Fortführung des Verfahrens. McKinnon ist am Ende seines Weges durch die Instanzen.

Hacker Gary McKinnon: Auslieferungsverfahren an die USA eingeleitet Zur Großansicht
AFP

Hacker Gary McKinnon: Auslieferungsverfahren an die USA eingeleitet

In den Vereinigten Staaten hält man ihn für einen Terroristen, seine Mutter dagegen beklagt, ihr Sohn sei krank und werde behandelt "wie ein Tier". Seit die USA im Jahr 2005 die Auslieferung des britischen Hackers Gary McKinnon beantragten, geht der seinen Weg durch die juristischen Instanzen: Ihm drohen in den USA bis zu 70 Jahre Haft für Einbrüche in Rechner des Pentagon und der Nasa. Jetzt hat er seine letzten Mittel ausgeschöpft, der britische Innenministerium Alan Johnson verweigerte McKinnon am Donnerstag einen Prozess in Großbritannien.

Denn das war McKinnons Strategie: Der gebürtige Schotte ist seit 2002 geständig, seine Anwälte verlangten jedoch, dass er für seine Taten, die er auf britischem Boden begangen hat, in Großbritannien zur Rechenschaft gezogen wird. Seit 2005 klagte sich McKinnon erfolglos durch alle Instanzen der britischen Gerichtsbarkeit, auch ein Appell vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte scheiterte. Als McKinnon Anfang Oktober auch vor dem Obersten Gerichtshof Großbritanniens erfolglos blieb, war er am Ende der regulären Rechtsmittel angelangt - britische Medien und auch SPIEGEL ONLINE meldeten zum dritten Mal in diesem Jahr die anstehende Auslieferung, so wie schon mehrfach in den Vorjahren seit 2006.

Jetzt scheint zumindest klar, dass es wirklich nichts mehr gibt, was die Auslieferung formell verhindern könnte: Johnsons Verdikt, es gäbe keine medizinischen Gründe, McKinnons Auslieferung zu verweigern, das Auslieferungsverfahren müsse nun fortgeführt werden, setzt ein überaus deutliches Zeichen, das man nur noch als Schlussstrich begreifen kann. Denn Johnson selbst hatte sich im Oktober in die Debatte eingebracht und das Auslieferungsverfahren für einige Wochen auf Eis gelegt, um McKinnons Anwälten mehr Zeit zu geben, ein mögliches Berufungsverfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vorzubereiten. Ob es dazu nun noch kommt, ist höchst fraglich.

Dem Appell an den Innenminister wollen McKinnons Anwälte noch einen Widerspruch, mithin einen Protest folgen lassen. Doch das sind längst keine Schritte mehr, die irgendetwas mit dem regulären Verfahrensweg zu tun hätten, sondern es ist Teil der öffentlich geführten Debatte. Ab jetzt ist der Fall McKinnon in Großbritannien keine juristische Frage mehr, sondern nur noch ein Politikum.

Und kein kleines: An der Causa McKinnon, der seit Jahren eine weltweit bekannte Web-Persönlichkeit ist und als bekanntester Hacker der Welt gilt, erregen sich die Gemüter nicht nur an den Stammtischen, der Streit geht quer durch die politischen Parteien. Was viele Briten auf die Palme bringt, sind zwei Dinge: Zum einen die Frage, wie McKinnons Taten zu bewerten und zu bestrafen sind, zum anderen der Umgang des britischen Staates mit seinen eigenen Bürgern bei Fragen der Auslieferung an die USA.

McKinnons Geschichte

Für seine Unterstützer ist Gary McKinnon ein irregeleiteter, als Asperger-Autist diagnostizierter Ufo-Spinner, der sich ab 1997 vermehrt in die unzureichend abgesicherten Computernetze des Pentagon und der Nasa einschlich, um dort Beweise dafür zu finden, dass die Amerikaner die Existenz kleiner grüner Männchen verheimlichen. 2002 flog er auf, machte weltweit erste Schlagzeilen: Auch SPIEGEL ONLINE berichtete damals erstmals über den vermeintlich größten Cyber-Angriff auf US-Regierungsnetze. Kurz darauf wurde McKinnon verhaftet - und die Welt bekam statt eines sinistren Cyberkriegers einen leicht beziehungsgestörten Nerd zu sehen, der absurden Verschwörungstheorien nachging.

Im Verlauf seiner illegalen Recherchen, die McKinnon selbst gar nicht als schwierige Hacks erlebte, sondern als virtuelles Blättern in unzureichend gesicherten Netzen (McKinnon in einer Vernehmung: "Es war alles so leicht!"), verursachte der Brite angeblich einen Schaden von über 700.000 Dollar - vornehmlich wegen der zeitweiligen Notabschaltung von Systemen, als sein Eindringen auffiel und wegen des so offenbar gewordenen Absicherungsaufwandes. Das aber ist ein typisches Henne-Ei-Problem bei vielen Hacker-Prozessen: Verursacht der Hacker den Schaden, weil er Schwachstellen aufdeckt, oder der Netzbetreiber, weil er durch unzureichende Netzabsicherung den Hack zulässt?

Die amerikanische Sicht

Auch darüber wird in einem US-Prozess, der nun folgen mag, sicherlich debattiert werden. Die US-Justiz reagierte auf den Fall McKinnon, als ginge es um einen Angriff auf den Staat: Für sie ist McKinnon der bisher gefährlichste erwischte Cyber-Terrorist.

Diese Darstellung ist wahrscheinlich ebenso schräg wie McKinnons: Nichts in den zum Fall "Solo", wie McKinnon sich in Hackerkreisen nannte, bekannten Fakten deutet darauf hin, dass er sich in irgendeiner Weise von all den anderen marodierenden Cyber-Vandalen unterschied, für die der Hack vor allem ein Sport, ein mit Ehrgeiz verbundener Spaß ist. McKinnon war eitel genug, auf den gehackten Rechnern seinen Absender und protzende Botschaften zu hinterlassen. So arbeiten keine Cyber-Terroristen, sondern die sich als Nerd-Elite fühlenden rauen Jungs aus den finsteren Hinterhöfen von Cyberia. Vielleicht war er also nicht mehr als ein kompetenter Spinner, aus US-Sicht aber spielt das noch nicht einmal eine Rolle: Eine Gefahr war er tatsächlich.

Die Klage von 2003, der die Amerikaner 2005 ein Auslieferungsersuchen folgen ließen, ist in ihrer Schärfe aber nur vor dem Hintergrund der Terroranschläge von 2001 und den folgenden Gesetzesverschärfungen zu verstehen. Erwischen ließ sich der vermeintliche Ufo-Hacker ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Hysterie, die der beispiellose Angriff auf die USA verursacht hatte. Entsprechend drakonisch das von den Amerikanern geforderte Strafmaß: Bis zu 70 Jahre Haft drohen dem 43-jährigen Gary McKinnon, sollte er die Höchststrafe in allen Anklagepunkten kassieren.

Was aber nicht wahrscheinlich ist. Seit Jahren laufen Verhandlungen auf diplomatischer Ebene - nicht zuletzt, weil sich die Labourregierung in London gar nicht leisten kann, einen als krank diagnostizierten Bürger in die USA auszuliefern, der dort irgendwann in einem Gefängnis sterben könnte. Innenminister Johnston zufolge gibt es bereits informelle Vereinbarungen darüber, dass McKinnon eine eventuell verhängte Haftstrafe in Großbritannien absitzen soll und nicht in den USA. Dort, versichert der britische Innenminister, werde McKinnon während eines möglichen Prozesses adäquat medizinisch betreut werden.

Die Botschaft: An der Auslieferung komme man nicht vorbei, aber McKinnons Aufenthalt in den USA werde nicht lange dauern - auf den Schuldspruch werde eine Rückführung folgen. Die Briten aber würden McKinnon wohl kaum hinter Gitter lassen, bis er dort seinen 102. Geburtstag feiert. Wahrscheinlich würde McKinnon wohl eher in einer medizinischen Einrichtung landen, statt unter Schwerstverbrechern zu brummen. Alles andere wäre ein politischer PR-Gau.

Eigentlich will niemand die Auslieferung

Denn zuletzt hatte es sogar innerhalb der Regierung geknallt, prominente Parteimitglieder erklärten ihre Solidarität mit McKinnon. Die Oppositionsparteien kündigen derweil an, die Auslieferungsregelungen des Extradition Treaty mit den USA, 2003 unter dem Eindruck der Terroranschläge von 2001 eingeführt und angeblich stark einseitig zugunsten der USA ausgeprägt, nach einem Regierungswechsel unter die Lupe zu nehmen. David Cameron, Chef der Tories und möglicherweise Englands nächster Premier, sagte schon im August, dieser Vertrag müsse "dringend bearbeitet" werden.

Wer sich gegen McKinnons Auslieferung und den umstrittenen Vertrag mit den USA stellt, hat auf dem Forum der öffentlichen Meinung schon gewonnen: Die steht in Großbritannien fest auf McKinnons Seite. Dessen Mutter Janis Sharp ist seit Monaten Dauergast in den britischen Medien, sammelt prominente Unterstützer in ihrem Netzwerk der Auslieferungsgegner. Gestern wurden ihre Aussagen schriller: "Wie ein Tier" werde ihr Sohn behandelt. Der sei ein Asperger-Patient, depressiv und akut selbstmordgefährdet. Sharp: "Diese Regierung hat Angst davor, den Amerikanern zu widersprechen, und jetzt lässt sie es zu, dass ein verletzlicher Mensch wegen eines nicht gewalttätigen Verbrechens verfolgt wird, während sie sich darum kümmern sollten, Terroristen zu verfolgen."

Genau das ist das Problem: Aus amerikanischer Sicht geschieht gerade genau das.

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