Autobrände in Berlin: Polizei überprüft vier Millionen Handydaten - ohne Ergebnis

Rund 4,2 Millionen Handydaten hat die Berliner Polizei geprüft, um Autobrände und politisch motivierte Straftaten aufzuklären - vergeblich. Die Opposition kritisiert die Rasterfahndung, die jetzt Thema im Innenausschuss war. Die regierenden Parteien verteidigen die Maßnahme.

DPA

Berlin - Bei der Jagd nach Autobrandstiftern hat die Berliner Polizei in mindestens 375 Fällen Handydaten überprüft. In den vergangenen vier Jahren seien im Zusammenhang mit Autobränden und politisch motivierten Straftaten rund 4,2 Millionen Verbindungsdatensätze ausgewertet worden, sagte die stellvertretende Polizeipräsidentin Margarete Koppers am Montag im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses. In keinem einzigen Fall seien Betroffene informiert worden. Gut 1,7 Millionen Datensätze seien noch nicht wieder gelöscht.

Allein im Zeitraum von 2007 bis März 2010 - bis zur Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Vorratsdatenspeicherung - wurden laut Koppers die Inhaber von 950 Rufnummern ermittelt. Inhalte von Gesprächen seien aber nicht erfasst worden, betonte sie. Die Einsatzorte seien über die gesamte Stadt verstreut.

Zur Ermittlung von tatsächlich Verdächtigen habe die Handyüberwachung nicht geführt. Ausgewertet wurde laut Koppers zunächst nur der Bereich des polizeilichen Staatsschutzes, der beispielsweise bei Autobrandstiftungen ermittelt. Es sei nicht sicher, ob die Zahlen bereits vollständig seien - es fehlen noch Informationen aus weiteren Abteilungen der Berliner Polizei. In Berlin hatten in den vergangenen vier Jahren mehr als 1500 Autos gebrannt.

Innensenator Frank Henkel (CDU) verteidigte die umstrittene Abfrage der Handydaten. "Es ist alles streng nach Recht und Gesetz abgelaufen", sagte er. Die Polizei habe nicht willkürlich gehandelt. Autobrandstiftung sei eine schwere Straftat, die nicht bagatellisiert werden dürfe.

Der Vorsitzende der Linke-Fraktion, Udo Wolf, zeigte sich "schockiert, dass diese Handyüberwachung anscheinend zu einem Regelinstrument geworden ist". Die Dimension übersteige seine Vorstellungen. Der Grünen-Abgeordnete Benedikt Lux nahm die Ermittlungsbehörden in Schutz: Sie hätten bei den Ermittlungen zu Autobränden massiv unter Druck gestanden.

Der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix monierte vor allem, dass in keinem einzigen Fall Betroffene benachrichtigt worden seien, obwohl das Gesetz dies stillschweigend voraussetze. Die massenhaft erhobenen Daten müssten sofort nach der Auswertung gelöscht werden, forderte er.

Der Internet-Akivist Andre Meister fasste die Sitzung des Innenausschusses auf netzpolitik.org so zusammen: "In der Berliner Landespolitik wird die Affäre um die Funkzellen-Auswertung wohl keine Konsequenzen haben. Die Regierungsfraktionen CDU und SPD finden alles in Ordnung." Allenfalls der junge SPD-Abgeordnete Sven Kohlmeier meldete Kritik an. Er hatte gesagt, es dürfe keinen Freibrief bei einer Datensammlung geben.

Doch schon die Affäre um den sogenannten Staatstrojaner, der zum Teil verfassungswidrig eingesetzt wurde, hatte zu keinen nennenswerten personellen Konsequenzen geführt.

ore/dpa

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insgesamt 34 Beiträge
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1.
Moewi 23.01.2012
---Zitat--- Der Grünen-Abgeordnete Benedikt Lux nahm die Ermittlungsbehörden in Schutz: Sie hätten bei den Ermittlungen zu Autobränden massiv unter Druck gestanden. ---Zitatende--- Ach na DANN ist es ja halb so schlimm... Hoffen wir mal, dass die Behörden nicht in anderen Richtungen plötzlich "unter Druck" geraten - wer weiss was DANN plötzlich halb so schlimm sein könnte. Übrigens steht in den Regelungen zum Richtervorbehalt, dass ausnahmslos jeder Überprüfte im Anschluss zu informieren ist. Unglücklicherweise sind unsere Richter und Ermittlungsbehörden nicht in der Lage, geltendes Recht durchzusetzen und anzuwenden. Nuja, ist ja in anderen Bananenrepubliken auch nicht anders. Worüber aufregen?
2. Zolipei
duschinabuschi 23.01.2012
Für wie blöd hält die Polizei eigentlich die Brandstifter? Wer ein Auto anzünden will, der lässt sein Handy einfach zuhause. Es ist wie bei Otto Waalkes: Man verhaftet einfach alle, die nichts gemacht haben, und die, die dann noch frei rumlaufen sind es gewesen.
3. .
shark65 23.01.2012
Zitat von MoewiAch na DANN ist es ja halb so schlimm... Hoffen wir mal, dass die Behörden nicht in anderen Richtungen plötzlich "unter Druck" geraten - wer weiss was DANN plötzlich halb so schlimm sein könnte. Übrigens steht in den Regelungen zum Richtervorbehalt, dass ausnahmslos jeder Überprüfte im Anschluss zu informieren ist. Unglücklicherweise sind unsere Richter und Ermittlungsbehörden nicht in der Lage, geltendes Recht durchzusetzen und anzuwenden. Nuja, ist ja in anderen Bananenrepubliken auch nicht anders. Worüber aufregen?
Typisch SPON-Forum. Erst wird gemeckert das nichts getan wird und für was wir überhaupt ne unfähige Polizei haben. Jetzt wird etwas getan und schon wird es kritisiert. Man hat das Gefühl das hier nur oberschlaue Meckerköpfe schreiben, die von nichts ne Ahnung haben aber zu jedem Scheiß ihren Senf abgeben müssen. Keine Lösungsvorschläge aber trotzdem Besserwissenheit auf höchster Ebene. Diesen Wichtigtuern kann man nur wünschen das ihr Auto schnellstmöglich abgefackelt wird.
4.
Robert_Rostock 23.01.2012
Zitat von MoewiAch na DANN ist es ja halb so schlimm... Hoffen wir mal, dass die Behörden nicht in anderen Richtungen plötzlich "unter Druck" geraten - wer weiss was DANN plötzlich halb so schlimm sein könnte. Übrigens steht in den Regelungen zum Richtervorbehalt, dass ausnahmslos jeder Überprüfte im Anschluss zu informieren ist. Unglücklicherweise sind unsere Richter und Ermittlungsbehörden nicht in der Lage, geltendes Recht durchzusetzen und anzuwenden. Nuja, ist ja in anderen Bananenrepubliken auch nicht anders. Worüber aufregen?
Mich würde ja wirklich mal interessieren, mit welchen Mitteln die Polizei Ihrer Meinung nach diese und andere Verbrechen aufklären darf. Solange aus dem Bürofenster starren, bis genau davor jemand ein Auto anzündet?
5. Nur Taten zählen
lupido-62 23.01.2012
Zitat von shark65Typisch SPON-Forum. Erst wird gemeckert das nichts getan wird und für was wir überhaupt ne unfähige Polizei haben. Jetzt wird etwas getan und schon wird es kritisiert. Man hat das Gefühl das hier nur oberschlaue Meckerköpfe schreiben, die von nichts ne Ahnung haben aber zu jedem Scheiß ihren Senf abgeben müssen. Keine Lösungsvorschläge aber trotzdem Besserwissenheit auf höchster Ebene. Diesen Wichtigtuern kann man nur wünschen das ihr Auto schnellstmöglich abgefackelt wird.
Zweifellos hat die Polizei ewtas getan. Zwar ohne Ergebnis, aber immerhin es wurde was getan.
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