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20. September 2013, 14:17 Uhr

Spähangriff auf Belgacom

Belgien empört über britische Spionage

Von , Brüssel

Der Hacker-Angriff des britischen Geheimdienstes GCHQ auf den Telekom-Anbieter Belgacom sorgt in Belgien für Aufregung. Premierminister Elio di Rupo erwägt diplomatische Vergeltungsmaßnahmen. Er verweist auf die Rolle des Landes als Gastgeber der EU und der Nato.

Der Bericht über einen Angriff des britischen Geheimdienstes GCHQ auf den halbstaatlichen belgischen Telekommunikationsanbieter Belgacom hat eine Welle der Empörung in Belgien ausgelöst. Der belgische Premierminister Elio di Rupo sagte: "Wir werden die Informationen, die an diesem Morgen vom SPIEGEL enthüllt wurden, genauestens prüfen. Unsere Regierung verurteilt solche Eingriffe in das Kommunikationsnetz der Belgacom aufs Allerschärfste. Sollte sich die These bestätigten, dass ein anderes Land für diese Eingriffe verantwortlich ist, werden wir entsprechende Gegenmaßnahmen prüfen."

Di Rupo fügte hinzu, Belgien sei leider ein beliebtes Ziel für Angriffe, schließlich seien dort die Europäische Union, die Nato, Universitäten und wichtige Firmen beheimatet. Er kündigte an, seine Regierung werde die Mittel für Cyber-Sicherheit deutlich erhöhen und eine neue Cyber-Strategie entschlossen umsetzen.

"Der Virus ist ausgeschaltet worden"

Aus einer als "streng geheim" eingestuften GCHQ-Präsentation aus dem Archiv des Whistleblowers Edward Snowden geht hervor, dass es bei dem Projekt mit dem Tarnnamen "Sozialist" ("Operation Socialist") darum ging, eine "bessere Ausspähung von Belgacom" zu ermöglichen und die Infrastruktur des Anbieters besser zu verstehen. Die Präsentation ist undatiert, aus einem weiteren Dokument geht jedoch hervor, dass der Zugang seit mindestens 2010 besteht.

Belgacom, bei der auch Institutionen wie die EU-Kommission, der Rat der Mitgliedstaaten und das Europaparlament Großkunden sind, erklärte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, man habe am 21. Juni erstmals intern Anzeichen für einen Virus entdeckt. Vier Tage später habe man für dessen Überprüfung eine externe Beratungsfirma - die niederländische Fox IT - eingeschaltet. Am 16. Juli sei die Unternehmensleitung in vollem Umfang informiert worden, inzwischen habe man Anzeige gegen unbekannt erstattet. "Der Virus ist ausgeschaltet worden", betonte ein Sprecher von Belgacom, nun liege die Untersuchung in den Händen staatlicher Stellen.

"Merkel hat Europa massiv beschädigt"

Belgacom war zuletzt erheblich in die Kritik geraten, weil belgische Politiker dem Unternehmen vorwarfen, nicht alle Fakten über das Ausmaß und Hintergründe der Spähattacke korrekt genannt zu haben. Die belgische Tageszeitung "Le Soir" schrieb: "Spionage bei Belgacom: Das ist noch lange nicht vorbei."

In Belgien fiel der erste Verdacht auf die NSA. Der Präsentation zufolge ist dieser Verdacht nicht zu bestätigen, jedoch setzen die Briten dafür laut den Unterlagen eine Spähtechnik ein, die von der NSA entwickelt wurde. Den GCHQ-Folien zufolge lief der Angriff über mehrere Belgacom-Angestellte, denen die Briten über eine Angriffstechnologie namens Quantum Insert (QI) ihre Spähsoftware unterjubelte.

Jan Philipp Albrecht, Grünen-Abgeordneter im Europaparlament, äußerte sich auf SPIEGEL ONLINE ebenfalls äußerst kritisch - und zielte in der Endphase des Bundestagswahlkampfs auf Kanzlerin Angela Merkel. Albrechte sagte: "Mit ihrem Schweigen gegenüber den massiven Überwachungsmaßnahmen des britischen Geheimdienstes GCHQ hat Angela Merkel als wichtigste EU-Regierungschefin das gemeinsame Europa massiv beschädigt."

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