De Maizière präsentiert Überwachungsprojekt Ich sehe was, was du nicht siehst

Die Polizei testet am Berliner Südkreuz den Einsatz von Gesichtserkennungssoftware. Bei den Bürgern trifft der Versuch auf Desinteresse, Zustimmung und heftigen Protest. Innenminister de Maizière spricht derweil schon von einem flächendeckenden Einsatz.

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Drei Laptops stehen aufgereiht in einem kleinen Arbeitsraum im ersten Stock des Bundespolizeireviers Südkreuz, über die Bildschirme laufen Livebilder der Überwachungskameras. So sieht der Versuchsaufbau für ein Pilotprojekt aus, das derzeit an dem Berliner Bahnhof durchgeführt wird und höchst umstritten ist: Auf jedem der drei Geräte läuft eine andere Software zur Gesichtserkennung.

Die Programme sollen aus dem Material von drei Kameras am Bahnhof registrierte Testpersonen herausfiltern. In einer Vorführung am Donnerstag klappt das bei einer jungen Frau innerhalb von Sekunden. Sie läuft die Treppe in Richtung der Bahnhofshalle hinunter, direkt auf Testkamera G02 zu. In einem kleinen Fenster rechts von dem Überwachungsvideo taucht ihr Gesicht auf, abgeglichen mit einem im System hinterlegten Foto von ihr.

Anlass der Vorführung ist der Besuch des Innenministers Thomas de Maizière. Sein Ministerium hat das Projekt zusammen mit der Bundespolizei und dem Bundeskriminalamt (BKA) vorbereitet, durchgeführt wird es von der Bundespolizei. Die möchte so im nächsten halben Jahr herausfinden, inwiefern es technisch möglich ist, Gesichter von Passanten aus einer Menge heraus automatisch zu erkennen - etwa um mögliche Straftäter auszumachen. Etwa 300 Testpersonen nehmen aktiv an dem Versuch teil, haben sich der Polizei zu erkennen gegeben und ein Foto zur Verfügung gestellt, damit nach ihren Gesichtern in der anonymen Menschenmenge gesucht werden kann. Damit man nachprüfen kann, ob die Person richtig zugeordnet wurde, tragen die Tester einen Transponder bei sich - für den Einsatz winkt ein Amazon-Gutschein.

Fotostrecke

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Überwachungsbilderstrecke: Testlauf zur Gesichtserkennung am Berliner Südkreuz

Der Minister wischt die Kritik beiseite

Nun informiert sich de Maizière vor Ort über das Pilotprojekt und will, begleitet von einem Tross von Journalisten, Bedenken von Datenschützern und Überwachungsgegnern zerstreuen.

"Videoüberwachung ist sehr wichtig", sagt er und schwärmt vor den Kameras, wie sehr der Polizei bei der öffentlichen Fahndung nach Terroristen, Straftätern, Gefährdern damit geholfen wäre. Und er macht klar, wie Deutschland sich die Sache mit der automatisierten Gesichtserkennung im öffentlichen Raum in Zukunft vorzustellen hat, wenn der Feldversuch erfolgreich sein sollte: "Wenn man die Technik einsetzt, muss man sie flächendeckend einsetzen", sagt der Minister.

Die kommenden Monate sollen zeigen, ob die Technik schon die Ergebnisse liefern kann, auf die der Minister hofft. Dann, so de Maizière, sei es "dringend geboten, eine solche Technik auch einzusetzen."

Im Video: Der Bundesinnenminister im Emotions-Scan

Reuters / Fraunhofer IIS

Überwachungsstation für die Hosentasche

Das sehen Datenschützer und Bürgerrechtler anders. Der Test hat viele Feinde. Zum Beispiel kritisiert der Bürgerrechtsverein Digitalcourage schon den Versuchsaufbau scharf. Ein Vorstandsmitglied, der Netzaktivist Padeluun, hat sich als Testperson gemeldet und bekam - anders als offenbar angekündigt - zu seiner Überraschung von der Polizei keinen RFID-Chip in Kreditkartengröße zugeschickt, sondern einen funkenden Transponder, einen sogenannten Beacon. Das Gerät kann aufgrund seiner Sensoren viel mehr Daten sammeln - und senden. So etwas trügen nun alle Testpersonen bei sich - ohne von der Polizei darüber ausreichend informiert worden zu sein, bemängeln die Bürgerrechtler.

Nachdem sie damit vor wenigen Tagen an die Öffentlichkeit gingen, forderte die Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff, den Versuch zumindest zu unterbrechen, bis von allen Testern eine entsprechende Einwilligung eingeholt worden sei.

De Maizière kommt bei seinem Besuch darauf zu sprechen und wischt Kritik von Voßhoff weg. Zu einer möglichen umfangreichen Datensendung durch den Transponder sagt der Minister nur: "Die Dinge, die zusätzliche Informationen senden könnten, sind abgeschaltet worden für den Test, die sind inaktiv." Die Bedenken der Datenschutzbeauftragten beruhten deshalb auf einer "unzutreffenden Information", so de Maizière. Trotz der Aussagen des Ministers: Die Beacons der Testpersonen sind zumindest für jeden sichtbar, der sich eine kostenlose App herunterlädt.

Testpersonen mit dem Handy ausfindig machen

Der geöffnete Transponder von Testperson Padeluun: Auf dem Gehäuse ist die Nummer gut erkennbar.
CC BY-SA 3.0 Digitalcourage

Der geöffnete Transponder von Testperson Padeluun: Auf dem Gehäuse ist die Nummer gut erkennbar.

Vor unserem Besuch am Südkreuz haben wir uns zwei kostenlose Apps heruntergeladen, die derartige Transponder in der Umgebung erkennen können. Eine davon ist von dem Hersteller, dessen Blukii-Beacons bei dem Test zum Einsatz kommen. Am Bahnhof werden uns sofort mehrere Geräte in der Umgebung angezeigt. Jede Testperson hat eine Nummer auf ihrem Transponder, im Fall von Datenschützer Padeluun lautet sie BXjLTA CC78AB5E8080. Genau so zeigt sie auch die App an, wenn der Transponder in der Gegend ist:

Screenshot Bluukii Radar: Transponder von Padeluun
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Screenshot Bluukii Radar: Transponder von Padeluun

Mit unserer App am Südkreuz haben wir etwa Mittwoch die Nummern BXjLTA CC78AB5E7F99 und BXjLTA AB5E80A1 entdeckt - und noch einige weitere, von denen eine oder zwei zu den fest installierten Geräten im Bahnhof gehören dürften. Wer also die Nummer eines Test-Transponders kennt, kann die Person in der Umgebung ausmachen. Und wer keine Nummern kennt, aber die App auf seinem Telefon hat, kann mit etwas Geduld am Südkreuz Leute ausfindig machen, die an dem Test teilnehmen.

Screenshot Bluukii Radar: Ergebnisse bei einem Besuch am Südkreuz
blukii

Screenshot Bluukii Radar: Ergebnisse bei einem Besuch am Südkreuz

Die anderen Kameras stehen für die Technik schon bereit

Umkreist von Journalisten läuft der Minister am Donnerstag in der Bahnhofshalle noch einmal zu Showzwecken in den Bahnhof ein, und zwar über die Schneise, die von den Kameras mit Gesichtserkennungssoftware erfasst wird. Auf dem Boden sind kleine Aufkleber angebracht, die Passanten und Pendler darauf hinweisen, dass ihre Gesichter in dieser Zone erfasst werden. De Maizière guckt demonstrativ nach unten, dann läuft er an Kamera G01 vorbei, die Teil des Versuchs ist. Kein Problem, alles läuft nach Plan hier, das darf man wohl als Botschaft dieses Besuchs interpretieren.

Am Bahnhof Südkreuz sind insgesamt 77 Überwachungskameras im Einsatz, an dem Pilotprojekt sind aber nur drei davon beteiligt: die Kameras G01, G02 und G03, zumindest sind sie so mit kleinen Aufklebern beschriftet. Sie filmen den Eingangsbereich und eine Treppenpassage. Für den Versuch mussten laut Bundespolizei keine neuen Kameras eingekauft und angeschraubt werden.

Die für den Test eingesetzten Kameras sind baugleich zum Rest - was auch heißt, dass die Gesichtserkennungssoftware später spielend leicht auch bei ihnen eingesetzt werden könnte, wenn das denn politisch gewollt ist. Übrigens sind derartige Kameras seit kurzer Zeit auch am Hamburger Hauptbahnhof zu sehen.

Axis-Überwachungskamera am Südkreuz: Jede trägt einen Sticker mit Nummer - doch nicht jede wird zur Gesichtserkennung eingesetzt.
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Axis-Überwachungskamera am Südkreuz: Jede trägt einen Sticker mit Nummer - doch nicht jede wird zur Gesichtserkennung eingesetzt.

Niemand trifft sichtbar eine Entscheidung, niemand ändert seinen Weg

Das Südkreuz einen Tag vorher, an einem normalen Mittwochvormittag, ohne Minister und ohne Fernsehteams: Im Alltagsbetrieb schenkt kaum einer der Passanten dem Gesichtserkennungssystem Aufmerksamkeit. Die Reisenden blicken weder hoch zu den Kameras noch runter zum Boden auf die Hinweisaufkleber, die sie darauf aufmerksam machen, dass bestimmte Bereiche vom Test ausgenommen sind, dass man zumindest jetzt noch die Wahl hat zwischen "Gesichtserkennung" und "Keine Gesichtserkennung".

Fast niemand bleibt stehen, liest die Schilder, trifft erkennbar eine Entscheidung. Nicht die Frau mit dem neongrünen Rucksack, nicht der Mann mit den blauen Kopfhörern, nicht der Mann mit den weißen Haaren, nicht die Mutter mit dem Baby im Tragetuch. Keiner von ihnen ändert plötzlich den Weg und wechselt zwischen blauer und weißer Zone.

"Wir haben alle Angst"

Pilotprojekt Gesichtserkennung: Aufkleber auf dem Boden markieren den Erkennungsbereich, die "blaue Zone".
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Pilotprojekt Gesichtserkennung: Aufkleber auf dem Boden markieren den Erkennungsbereich, die "blaue Zone".

Anders sieht das aus bei Manuela Augustin, 49, und ihrem Mann Andreas, 58. Sie haben aus den Nachrichten von dem Test erfahren und gehen bewusst und mit Freude durch die blaue Zone. "Ich finde das super", sagt Andreas Augustin, "das sollte es überall geben." Das Paar wohnt in Neukölln, in der Nähe der Station Hermannstraße, wo der sogenannte U-Bahn-Treter eine Frau brutal angegriffen hat. Das - und die vielen Terroranschläge, ob Barcelona oder Breitscheidtplatz - hat das Paar verunsichert.

"Wir haben alle Angst", sagt der Mann, seine Frau fügt hinzu, dass sie abends die Straßen von Neukölln meiden. Ihre Mutter sei schon einmal ausgeraubt worden. Die Video-Überwachung in London sei "Spitzenklasse", findet Herr Augustin, so müsste es hier auch sein. Dass es trotz allem auch in London Terroranschläge gegeben habe, sei für ihn allerdings "rätselhaft".

Hilflosigkeit und Verzweiflung angesichts grausamer Anschläge, die große Sehnsucht nach Sicherheit, all das zeigt sich hier in der Westhalle, zwischen den Kameras G02 und G03, im Gespräch mit den Augustins aus Neukölln. Der Versuch am Südkreuz macht ihnen Hoffnung.

"Jeder hat doch heute sowieso ein Smartphone in der Tasche"

Auch Reinhard Thieme kommt am Donnerstag auf den Vorfall an der Hermannstraße zu sprechen. Über Kriminalität macht er sich mehr Sorgen als darum, überwacht zu werden, sagt er. Thieme ist einer der Tester, der mit einem Beacon in der Tasche herumläuft. Er hatte Glück, aus seiner Sicht, und ist unter den laut de Maizière zahlreichen Bewerbern für den Pilotversuch als Tester ausgewählt worden.

Freiwilliger Tester Reinhard Thieme
SPIEGEL ONLINE

Freiwilliger Tester Reinhard Thieme

Thieme ist Mathelehrer an einer Berliner Schule und macht sich, so sagt er, durchaus viele Gedanken, wer in der digitalisierten Welt alles an seine Daten kommt. Die Kritik an dem Projekt sieht er aber als Doppelmoral. "Eigentlich ist es doch so was von egal, welche Sensoren von dem Transponder da was aufnehmen - jeder hat doch heute sowieso ein Smartphone in der Tasche", sagt er. "Jeder sollte mal bei sich selbst anfangen, bevor er dieses Projekt wegen Datenschutzbedenken kritisiert." Unsere App findet Thiemes nummerierten Transponder auf Anhieb.

"Ich habe gesagt, dass ich das nicht gut finde - gebracht hat das aber nichts"

Vanessa Gvozdic, 27, arbeitet in einer Espressobar in der Westhalle und hält wenig von dem Versuch. "Eine ganz schöne Überwachung" sei das, "außerdem kommt man von der Bahnhofshalle aus nun gar nicht mehr in unseren Laden, ohne durch die blaue Zone zu gehen". Die nämlich verläuft direkt vor der Tür. Auch beim benachbarten Imbiss führt der einzige Weg durch den Testbereich.

"Die Polizei war vor dem Test bei uns im Café", sagt Gvozdic. "Die haben Broschüren mitgebracht und gefragt, wie wir das finden. Ich habe gesagt, dass ich das nicht gut finde - gebracht hat das aber nichts." Auch viele Stammkunden seien skeptisch. Der Kennzeichnung auf dem Boden traue sie ohnehin nicht: "Der weiße und der blaue Weg kreuzen sich. Wie soll ich da sicher sein, dass mein Gesicht nicht aufgenommen wird?"

Mit Karnevalsmasken auf der Rolltreppe

So treffen am Südkreuz dieser Tage Welten aufeinander: Politiker, desinteressierte Passanten, um ihre Sicherheit besorgte Bürger und Überwachungskritiker. Beim Ministerbesuch halten Vertreter des Vereins Digitalcourage ein paar Plakate in die Luft. Friedemann Ebelt wiederholt die Kritik an dem ausgeteilten Transponder: "Der Test muss abgebrochen werden", sagt er und spricht von dem großen Bild, in das der Versuch passe: Erst dieses Jahr wurde Behörden die massenhafte automatisierte Abfrage von biometrischen Ausweisbildern der Deutschen erlaubt. Keine Gesichtserkennungssoftware funktioniert ohne entsprechendes Bildmaterial.

Auch der Chaos Computer Club (CCC) hat eine kleine Aktion mit etwa einem Dutzend Teilnehmern organisiert. Mit Karnevalsmasken auf dem Kopf oder einer demonstrativ vors Gesicht gehaltenen Zeitung fahren die Unterstützer ein paar Mal die Rolltreppe im Einzugsbereich einer der am Test beteiligten Kameras auf und ab. De Maizière kriegt davon aber nichts mit.

insgesamt 202 Beiträge
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Seite 1
sven2016 24.08.2017
1.
Klar, de Maiziere mag das. Er wird es trotzdem bis zur Wahl nicht schaffen, irgendein Ministerium in seiner Laufbahn erfolgreich geführt zu haben. Möglichst alles an Daten erheben, was möglich ist und dann bei den bundespolizeilichen Analysen versagen, wie gehabt. Zukünftig erhalten dann Verbrechensopfer nette Videos von der Tat.
shopper34 24.08.2017
2.
Wie lautet nochmal das Credo der Politiker nach jedem Anschlag : Wir lassen uns von den Terroristen nicht unsere freiheitliche und liberale Lebensart und Grundordnung vermiesen .... In Wirklichkeit tun Politiker wie de Maiziere das Gegenteil.
götzvonberlichingen_2 24.08.2017
3. Blendwerk
Was nutzt das alles, wenn zeitgleich die Polizei zu wenig Personal hat? Hier will man lediglich kostengünstig Sicherheit suggerieren.
Deutschland 24.08.2017
4. Woanders geht es auch
Die sollen mal nach Dubai fahren und sich informieren. Dort läuft die Gesichtserkennung schon seit Jahren effektiv im gesamten öffentlichen Bereich. Bei der Einreise wird ein Foto erstellt und das wars. Wem das nicht passt, der muss eben wieder umkehren. Antworten auf Fragen zu Aufbewahrungszeiten und wer alles Zugriff auf die Fotos und Daten hat...Fehlanzeige. Wem das nicht passt...
theo# 24.08.2017
5. Wettrüsten bringt es nicht
Entzieht dem IS den Boden. Ändert Aussen- und Entwicklungshilfepolitik. Dann ist dieser ganze Technikkram nicht notwendig.
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