"Der entfesselte Skandal" Kontrollverlust im Eiltempo

Informationen lassen sich nicht mehr unterdrücken, Geschichten werden hoch- und niedergetwittert: Vom Kontrollverlust im Internet kündet "Der entfesselte Skandal", eine umfassende Sammlung aktueller Medien- und Netzphänomene.

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Was für ein Skandal! In der Zeit vor dem Internet brauchte es noch Stunden, bis aus einer Nachricht ein Eklat wurde. Zeitungen, Radio und Fernsehen waren dazu nötig, sie entschieden maßgeblich, was öffentlich diskutiert wurde. Dank Twitter reichen nun schon wenige Minuten, bis ein Skandal weltweit Beachtung findet. Losgetreten werden kann so eine Lawine praktisch von jedem. Mit Hilfe von Google bleibt die Aufregung praktisch für immer im kollektiven Gedächtnis.

Was für ein Kontrollverlust! Den erleben nicht nur Politiker und Journalisten, sondern alle irgendwie an der Geschichte beteiligten. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und die Journalistin und Forscherin Hanne Detel erzählen in ihrem Buch "Der entfesselte Skandal" von gerade noch aktuellen Fällen, darunter WikiLeaks, die Enttarnung Karl-Theodor zu Guttenbergs als Plagiator, die Folterfotos aus dem Militärgefängnis Abu Ghraib.

Informationen lassen sich nicht mehr unterdrücken, eine Geschichte, ist sie erstmal in der Welt, kaum noch kontrollieren. Wie digitale Pranger funktionieren, wie eine Twitter-Lawine losgetreten wird und was ein Shitstorm ist, erklärt dieses Buch anhand konkreter Fälle. Dazu gehört zum Beispiel ein privater Mail-Austausch zwischen Büroangestellten, die über ihr Sexleben plaudern - bis die Nachrichten versehentlich an einen großen Verteiler gehen und im Web landen, abrufbar bis heute und praktisch nicht wieder einzufangen.

Neue Opfer, neue Täter, neue Werkzeuge: Pörksen und Detel beschreiben eine kalte Welt, in der sich ein Einzelner nicht mehr schützen kann, weder der einflussreiche Konzernchef noch der zurückgezogene Privatmensch. Wenn dann Medien über diese Fälle berichten, wird die Grenzverletzung ein zweites Mal vollzogen.

"Der entfesselte Skandal" ist eine Bestandsaufnahme unserer modernen Kommunikationswelt, in der praktisch jeder Opfer eines Skandals werden kann, nicht nur ein Prominenter oder Machthaber wie früher einmal. Die gierige Öffentlichkeit verliert dabei schon Mal das Maß - Hauptsache, sie wird unterhalten. Jeden Tag platzieren Journalisten und andere Medienschaffende dutzende Vorschläge für Aufreger. Gleichzeitig sinkt die Halbwertszeit, an den Skandal von heute Vormittag können wir uns Abends schon fast nicht mehr erinnern. Google schon.

Warum lesen? Jenseits von hektischer Internet-Panikmache ist "Der entfesselte Skandal" eine ausführliche Analyse der sich verändernden Öffentlichkeit. Einfache Antworten sucht man glücklicherweise vergeblich.

Zweite Meinung: Es "bleibt unklar, wie gefährlich die Langzeitwirkung von Skandalen ist." ("Neue Zürcher Zeitung")

Neun Thesen zum Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter von Bernhard Pörksen und Hanne Detel lesen Sie hier auf SPIEGEL ONLINE.

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