Bewegungsprofile Apple-Chef Jobs verteidigt iPhone-Ortung

Standardmäßig protokollieren iPhones Positionsdaten - über Monate hinweg, selbst wenn Nutzer die Ortungsfunktion abstellen. Steve Jobs erklärt das nun mit Programmierfehlern, und Apple gibt zu: Die Firma nutzt iPhones als Umgebungsscanner für eine Verkehrsdatenbank.

REUTERS

Hamburg - Eine Woche lang hat Apple geschwiegen. Nun reagiert der Konzern auf die Veröffentlichung zweier Entwickler, die eine Ortungsdatenbank auf iPhones entdeckt hatten, in der zum Teil über Monate hinweg Positionsdaten unverschlüsselt gespeichert werden. Apples Antwort: Nein, das iPhone speichert nicht exakt seinen Standort, sondern nur die Standorte von W-Lan-Hotspots und Mobilfunkmasten in der Nähe des iPhones.

Auch Firmenchef Steve Jobs, der eigentlich zurzeit aus Krankheitsgründen eine Auszeit nimmt, meldet sich persönlich zu Wort. Er verteidigt die Ortsbestimmung als Bug, der erst vor einer Woche entdeckt worden sei. Die Daten seien nur erhoben worden, damit das iPhone schnell seine Position ausmachen könne, etwa für die Nutzung von Landkarten, sagte Jobs dem "Wall Street Journal". Der präzise Standort eines iPhones sei niemals an Apple selbst übertragen worden.

Wie genau die gespeicherten Standortdaten sind, hängt natürlich davon ab, wie weit entfernt die Masten und W-Lan-Hotspots jeweils vom iPhone waren. Drei Fehler räumt Apple ein:

  • Die Daten werden längere Zeit gespeichert, dies sei ein Programmierfehler. "Wir glauben, dass das iPhone die Daten nicht länger als sieben Tage speichern muss", heißt es in einer Apple-Erklärung. Man werde den Fehler mit einem "kostenlosen" Update in den kommenden Wochen beheben.
  • Nutzer können die Standort-Protokollierung nicht abschalten. Selbst wenn die Ortungsdienste des iPhones deaktiviert sind, speichert das Gerät die Positionsdaten in der internen Datenbank. Apple sagt dazu: "Die ist ein Programmierfehler, den wir bald beheben wollen."
  • Außerdem verspricht Apple, die unverschlüsselte Übertragung dieser Daten auf den Computer, mit dem das iPhone synchronisiert wird, zu stoppen. Auch das erscheint Apple wohl rückblickend als nicht ganz so gute Idee, obwohl das Unternehmen hier nicht von einem Programmierfehler spricht.

Apple nutzt iPhones als Umgebungsscanner für Verkehrsprognosen

Außerdem räumt Apple ein, dass das Unternehmen über iPhones "anonymisierte Verkehrsdaten" sammelt, um eine Datenbank mit Informationen zu Verkehrsflüssen aufzubauen. Dieses Detail ist überraschend - Apple hat dies bisher nicht zugegeben.

Im Juli 2010 führte Apples Justiziar Bruce Sewell in einem Schreiben an US-Abgeordnete die Verkehrsdaten-Auswertung lediglich als ein hypothetisches Beispiel an. Sewell erläuterte damals, Apple speichere nicht die Position der einzelnen Geräte, sondern ordne auf Basis der Koordinaten die Telefone einem Postleitzahlenbereich zu. Auf dieser Basis würden mobile Werbeeinblendungen gezielt platziert. Laut Sewell können die Informationen außerdem "zum Beispiel dafür genutzt werden, Verkehrsmuster und -dichte in verschiedenen Regionen zu analysieren" - also für bessere Verkehrsprognosen.

Dass Apple diese Datenbank längst aufbaut, sagte Sewell nicht. Auch Apples Datenschutzbestimmungen erwähnen diesen Zweck nicht.

Das Unternehmen hatte Mitte 2010 lediglich eingeräumt, dass iPhones Daten zur Position von Mobilfunk-Masten und W-Lan-Hotspots an eine Apple-Datenbank übermitteln.

Man muss in diesem Zusammenhang allerdings wissen, dass Mobilfunkprovider und Hersteller von Navigationssystemen ähnliche Datensammlungen schon seit geraumer Zeit betreiben. Navi-Hersteller etwa nutzen solche Daten für Stauprognosen und geschätzte Reisegeschwindigkeiten.

Ortungsprotokoll im Handy ist nicht allzu genau

Apples Angaben zur Präzision des Ortungsprotokolls decken sich mit den Ergebnissen eines Labortests des Fachmagazins "c't" . Demnach speichert das iPhone keine exakten Bewegungspfade seines Besitzers ab. Bei dem Test hatte sich gezeigt, dass die gespeicherten Zeitstempel kaum darauf schließen lassen, wann sich der iPhone-Besitzer an einem bestimmten Ort aufgehalten hat. Die Position von W-Lan-Hotspots und Mobilfunkmasten in der Umgebung tauchen jeweils nur einmal in den Datenbanken auf. Der jeweilige Zeitstempel, der einem Eintrag zugeordnet ist, erneuert sich jedoch in unbestimmten Abständen - wahrscheinlich, wenn man wieder einmal dort vorbeikommt.

Sobald sich solch ein Datenbankeintrag auf dem Telefon aktualisiert, wird der ältere Zeitstempel überschrieben. Spuren, die das iPhone zu einem früheren Zeitpunkt über den Besitzer gesammelt hat, werden dadurch verwischt. Der tägliche Weg zur Arbeit aktualisiert sich also ständig. Wann und wie oft der Handy-Besitzer den Weg gegangen ist, lässt sich im Nachhinein jedoch nicht mehr bestimmen.

Apple will "Location history" patentieren

Allerdings scheinen Apple-Ingenieure sich schon seit Langem mit der Auswertung von iPhone-Bewegungsprofilen zu beschäftigen. Das geht aus einem Patentantrag hervor, den das Unternehmen am 3. März 2011 eingereicht hat und den das US-Blog "Gawker" nun veröffentlichte.

Darin geht es um eine App namens "Location history", die Bewegungsdaten eines Nutzers in genau der Art und Weise sammelt und verwendet, wie sie von vielen Datenschützern befürchtet wurde. Der Patentantrag sieht zum Beispiel eine durchsuchbare Karte vor, auf der alle Bewegungen des Nutzers aufgezeichnet werden. Dabei werden die jeweiligen Standortdaten mit einer Reihe individueller Aktivitäten bis hin zu finanziellen Transaktionen verknüpft. Über das Internet sollen diese Daten dann an Server weitergeleitet werden. Das ganze wäre eine Art automatisiertes Reisetagebuch - aber auch ein Datenschützer-Albtraum.

Im Patentantrag heißt es mit aller wünschenswerten Offenheit, die gesammelten Daten könnten mit anderen persönlichen Informationen verknüpft werden. Darunter Bankgeschäfte, aber auch, wann welches Foto gemacht wurde; wann wo ein "Kommunikationsereignis", also ein Anruf, stattfand; oder auch, wann sich der Nutzer bei welchem sozialen Netzwerk angemeldet hat. Auch der weiteren Nutzung auf eigenen Rechnern widmet sich das Dokument. Auf denen könnten die erbrachten Daten dann für andere mobile Angebote genutzt werden, darunter "Navigationsdienste".

Die Ausrede, die Datensammlung sei nur auf einen Programmfehler zurückzuführen, sei damit vom Tisch, kommentiert "Gawker" denn auch maliziös.

jbr/ore/lis/rms/can

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insgesamt 188 Beiträge
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Seite 1
Andr.e 27.04.2011
1. .
Zitat von sysopStandardmäßig protokollieren iPhones Positionsdaten - über Monate hinweg, selbst wenn Nutzer die Ortungsfunktion abstellen.*Apple erklärt das nun*mit Programmierfehlern und gibt zu:*Die Firma nutzt iPhones als Umgebungsscanner für eine Verkehrsdatenbank. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,759302,00.html
Und? Sind die verantwortlichen Programmierer schon auf die Straße gesetzt wurden. Interessant find ich zwei Dinge: - zum einen ist es sicher komplizierter, eine Funktion zu aktivieren, als sie zu deaktivieren - zum anderen ist das Nutzen der Daten für eine Verkehrsdatenbank dann schon auffällig. Kundenverarsche auf hohem Niveau, aber :D Wer diesen Müll halt braucht...
Konstruktor 27.04.2011
2. .
---Zitat--- Im Patentantrag heißt es mit aller wünschenswerten Offenheit, die gesammelten Daten könnten mit anderen persönlichen Informationen verknüpft werden. Darunter Bankgeschäfte, aber auch, wann welches Foto gemacht wurde; wann wo ein "Kommunikationsereignis", also ein Anruf, stattfand; oder auch, wann sich der Nutzer bei welchem sozialen Netzwerk angemeldet hat. Auch der weiteren Nutzung auf eigenen Rechnern widmet sich das Dokument. Auf denen könnten die erbrachten Daten dann für andere mobile Angebote genutzt werden, darunter "Navigationsdienste". Die Ausrede, die Datensammlung sei nur auf einen Programmfehler zurückzuführen, sei damit vom Tisch, kommentiert "Gawker" denn auch maliziös. ---Zitatende--- Diese Schlußfolgerung ist Schwachsinn, weil das Patent sich mit einer völlig anderen Art von Positionsdaten beschäftigt, die einerseits von existierenden Apps schon lange auf explizite Veranlassung des Users gesammelt werden (Routen-Tracker etc.) und andererseits eben genau *nicht* zu den Daten in dem von Apple im Hintergrund geführten Cache passen. Dieser Abschnitt des Artikels ist damit grob irreführend. Direkt erkennbar schlecht recherchiert und einfach nur ohne nachzudenken von Gawker abgeschrieben, die eine äußerst dubiose Quelle sind, die kein seriöser Journalist unkritisch einfach verbatim abpinnen sollte.
kleines, 27.04.2011
3. titelfrei!
Ja, nee, is klar... wenn man erwischt wird sind es dann auf einmal Programmierfehler. :D
winbug, 27.04.2011
4. Programmierfehler?
Zitat von sysopStandardmäßig protokollieren iPhones Positionsdaten - über Monate hinweg, selbst wenn Nutzer die Ortungsfunktion abstellen.*Apple erklärt das nun*mit Programmierfehlern und gibt zu:*Die Firma nutzt iPhones als Umgebungsscanner für eine Verkehrsdatenbank. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,759302,00.html
Wers glaubt wird selig!
toledo, 27.04.2011
5. .
Es muss endlich Schluß sein, mit den vom Nutzer nicht authorisierten Übertragungen von Daten im Hintergrund! Allein die Heimlichkeit dieser Datenübertragungen macht sie zu einem Verbrechen am Datenschutz, wovor Anwender geschützt werden müssen! Das gilt für alle Datenverarbeitungsgeräte auf der Welt.
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