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Big-Brother-Awards: Netzaktivisten verleihen Negativpreis an Bundeskanzleramt

Bundeskanzleramt: Schandtrophäe für Verstrickung in der NSA-Affäre Zur Großansicht
Getty Images

Bundeskanzleramt: Schandtrophäe für Verstrickung in der NSA-Affäre

Der Datenschutzverein Digitalcourage hat unter anderem das Bundeskanzleramt und ein Fernbus-Unternehmen mit dem Big-Brother-Award ausgezeichnet. Auch Edward Snowden bekam einen Preis.

Hamburg/Bielefeld - Die Datenschützer des Vereins Digitalcourage vergeben ihren jährlichen Negativpreis für besonders eifriges Datensammeln, und - wie sollte es anders sein - der Überwachungsskandal steht diesmal im Mittelpunkt der Preisverleihung. In der Kategorie Politik geht die Schandtrophäe in diesem Jahr an das Bundeskanzleramt "für geheimdienstliche Verstrickungen in den NSA-Überwachungsskandal sowie unterlassene Abwehr- und Schutzmaßnahmen", wie es in der Begründung heißt.

Die öffentliche Rüge bezieht sich allerdings nicht nur auf Politiker im Amt: "Alte wie neue Bundesregierung haben mit Massenausforschung und Digitalspionage verbundene Straftaten und Bürgerrechtsverstöße nicht abgewehrt: Sie haben es sträflich unterlassen, die Bundesbürger und von Wirtschaftsspionage betroffene Betriebe vor weiteren feindlichen Attacken zu schützen", so die Datenschützer.

Dazu passend vergibt der Verein in diesem Jahr erstmals auch eine Positiv-Auszeichnung: an den geflohenen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden. Er habe Machtmissbrauch und den "frivolen Umgang" mit den Grundrechten der Bürger aufgedeckt, heißt es in der vorab verbreiteten Laudatio von Heribert Prantl von der "Süddeutschen Zeitung".

Ungeliebte Preise für IT- und Reiseunternehmen

Seit Jahren prangern die Big-Brother-Awards den Umgang von Unternehmen, Behörden und Einzelpersonen mit Daten an. In der Kategorie Wirtschaft ging der Preis diesmal an die Firma CSC (Computer Science Corporation). "Der Konzern arbeitet im Auftrag von zehn Bundesministerien an sicherheitsrelevanten Projekten wie dem elektronischen Personalausweis, der Kommunikation mit Behörden De-Mail und dem bundesweiten Waffenregister", heißt es in der Begründung, "gleichzeitig ist die Mutterfirma die externe EDV-Abteilung der US-amerikanischen Geheimdienste."

In der Kategorie Verkehr ging der Negativpreis 2014 an MeinFernbus. Grund für die Schmähung ist hier laut den Netzaktivisten "die Verpflichtung, zusammen mit einem Online-Ticket immer auch einen amtlichen Ausweis vorzeigen zu müssen. Dadurch wird das anonyme Reisen per Bus unmöglich".

Schelte für smarte Fernseher und "Spione im Auto"

Auch die Firma LG Electronics wurde mit einem Preis bedacht. Der Vorwurf: Die von der Firma verkauften Smart-Fernseher übermittelten Informationen darüber, wie sie von ihren Besitzern genutzt würden, an die Firmenzentrale nach Südkorea.

In der Kategorie Arbeitswelt ging ein Big-Brother-Award an die RWE Vertrieb AG. Diese lasse zur Leistungskontrolle von Call-Center-Mitarbeitern bei Subunternehmern eine Überwachungssoftware einsetzen. "Diese Software kann ohne das Wissen der Mitarbeiter im Einzelfall sowohl das Telefonat als auch Bildschirmaktionen lückenlos aufzeichnen", heißt es in der Begründung.

In der Kategorie Technik blieben die Mitglieder von Digitalcourage vage: Er ging ganz generell an die "Spione im Auto", die "uns bei jedem gefahrenen Meter über die Schulter schauen und dabei Datensammlungen anlegen" - ein konkreter Preisträger wurde aber nicht benannt.

juh/dpa

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1.
citizengun 11.04.2014
---Zitat--- Der Konzern arbeitet im Auftrag von zehn Bundesministerien an sicherheitsrelevanten Projekten wie dem elektronischen Personalausweis, der Kommunikation mit Behörden De-Mail und dem bundesweiten Waffenregister ---Zitatende--- Das ist der ja der Zweck der zentralen Verwaltung, Schnittstellen für Privilegierte zu schaffen. Daher auch die allgemeine Gesundheitskarte. Vor dem Meldeamt kann man sich noch verstecken, vor Krankheiten aber nicht. Redundanz erhöht die Wahrscheinlichkeit der Bürgerkontrolle. Gleichzeitig bekommt die UNO einen Komplettüberblick aller registrierten Waffen mit ihren Adressen und kann sie, wie im UN-ATT vorgesehen, bei Aufständen durch Vertragsländer (umliegende Staaten) gleich einsammeln. Zusätzlich wird mir als Bürger das durch die Politik noch als Sicherheit verkauft, weil ich mich durch eine zusätzliche zentrale Verwaltungsinstanz weniger darum sorgen muss, das Kriminelle sich direkt bei mir (oder anderen) bedienen. (Das Waffenregister gab es vorher natürlich auch schon nur eben unabhängig für jedes Bundesland. Also wo ist der Bürgergewinn?)
2. Warum geht dann der Preis nicht auch an die Bahn
Gretl7 11.04.2014
Wenn sich die Nutzer des Fernbusses ausweisen müssen, so ist das das gleiche wie bei der Bahn, wenn ich einen Monat im Voraus ein 29 €-Ticket von München nach Berlin kaufe. Das ist dann auch auf meinen Namen ausgestellt, wenn ich es im Internet buche. In der Bahn kontrolliert dann der Schaffner meine Kreditkartendaten, um festzustellen ob ich es auch persönlich bin. Und nicht das Ticket für 50 € weiterverkauft habe. Ähnliches macht MeinFernbus. Man kann eine Menge Tickets für 15 € buchen und anschließend, wenn die Preise steigen mit Gewinn verkaufen. Vorschlag - wie soll dies sonst geregelt werden?
3.
Joshua Philgarlic 11.04.2014
Mag ja sein, dass das bei MeinFernbus in den AGB steht, passiert ist mir das aber noch nie! Meist muss man nicht mal den Fahrschein zeigen, sondern nur den Namen sagen. In sofern also leicht übertrieben, der Preis!
4. MeinFernbus-Preis
tabemese 12.04.2014
Grotesk MeinFernbus dafür einen Negativ-Preis zu verleihen! nächstes Jahr soll übrigens das Auto den Preis bekommen, da sie beanstanden, dass man sich für das Autofahren über einen sogenannten Führerschein ausweisen muss. Das macht anonymes Autofahren unmöglich!
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