Bilderkennung: Ich weiß, wer du bist

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Sie nennt sich Daisy, flirtet auf einer Datingplattform im Internet, aber wie heißt die Schöne im wahren Leben? Was mag sie, wer sind ihre Freunde? US-Forschern ist es gelungen, Hunderte Nutzer eines Flirtportals zu identifizieren - mit Standard-Software zur Gesichtserkennung.

Kunstprojekt: Stylingtipps gegen die Gesichtserkennung Fotos
Adam Harvey

Eine Geschichte aus einer möglichen Zukunft: Sie sitzen in der U-Bahn einem interessanten Menschen gegenüber. Wie heißt er? Wo arbeitet er? Wofür interessiert er sich? Sie halten kurz ihr Smartphone hoch, fotografieren unauffällig das Gesicht ihres Gegenübers und nach ein paar Sekunden erscheinen auf ihrem Handy all diese Details.

Ferne Zukunft? Im Prinzip wäre das technisch schon sehr bald möglich, sagen die Forscher Alessandro Acquisti, Ralph Gross und Fred Stutzman von der Carnegie Mellon University. Die Wissenschaftler haben in mehreren Experimenten Belege dafür gefunden, dass die Technik funktioniert. Es ist möglich, Menschen nahezu in Echtzeit per Software zu identifizieren - anhand von im Internet frei verfügbaren Fotos.

Acquisti und Gross stellen ihre vorläufigen Forschungsergebnisse in den kommenden Tagen vor, unter anderem auf der Black Hat Konferenz, einem der wichtigsten Treffen von IT-Sicherheitsforschern.

Klarnamen für pseudonyme Nutzer von Datingsites

In einem Experiment haben Acquisti, Gross und Stutzman versucht, die Nutzer einer Datingwebsite zu identifizieren, die dort nur unter Pseudonym agierten. Dabei beschränkten sich die Forscher auf Mitglieder aus einer Stadt in Nordamerika - um die für die Fotoanalyse nötige Rechenkraft zu reduzieren.

Ein Suchroboter entdeckte 275.540 passende Facebook-Profile und 5818 Flirtprofile auf der Datingsite. Im nächsten Schritt glich die Gesichtserkennungssoftware die von Facebook geladenen Porträtfotos mit denen von der Datingsite auf Übereinstimmungen ab. Zu 13,9 Prozent der Datingprofile fand die Software ein Facebook-Profil mit einem ähnlichen Porträtfoto.

Das Einwohnermeldeamt des Webs

Um die Qualität der Software einzuschätzen, wurden die Bilder anschließend von Menschen überprüft. Ergebnis: Die Menschen attestierten bei 10,5 Prozent der Datingprofile eine "sichere" oder "wahrscheinliche" Übereinstimmung. Sprich: Zu 610 Flirtprofilen mit Pseudonymen fanden die Forscher das passende Facebook-Konto - und damit in den meisten Fällen den wahren Namen.

Facebook schreibt den Nutzern in den Nutzungsbedingungen vor, ihren " tatsächlichen Namen" anzugeben, die Mehrheit der Nutzer hält sich wohl an diese Vorgabe. In einer Umfrage gaben fast 90 Prozent der von Acquisti und Gross befragten Nutzer an, mit ihren wahren Namen bei Facebook registriert zu sein.

Facebook ist so etwas wie das Einwohnermeldeamt des Webs geworden. Das Unternehmen behandelt Namen und Profilfoto der registrierten Nutzer als öffentlich zugängliche Informationen - es gibt für diese Details keine Privatsphäre-Einstellungen.

"Demokratisierung von Überwachungstechnik"

Die Veröffentlichung ihres Papers in einer wissenschaftlichen Fachzeitschriften steht noch bevor. Aber auf Basis der SPIEGEL ONLINE vorliegenden Vorabversion lässt sich sagen: Wenn die Ergebnisse der Forscher sich in größerem Maßstab reproduzieren lassen - und es spricht viel dafür, dass das bald möglich ist -, wirkt die deutsche Datenschutzdebatte über die Verpixelung von Häusern in Straßenpanoramen wie aus einem vergangenen Jahrhundert.

Die Forscher sagen eine "Demokratisierung von Überwachungstechnik" voraus - es soll in absehbarer Zeit jedem Smartphonebesitzer möglich sein, mit Standardsoftware Informationen über wildfremde Passanten abzurufen. Die Wissenschaftler haben bei ihren Experimenten handelsübliche Webcams und Smartphones benutzt, dazu Standard-Gesichtserkennungssoftware vom US-Unternehmen PittPatt, das Ende Juli von Google gekauft wurde.

Gesichtsabgleich in Echtzeit

In einem zweiten Experiment wollten die Forscher erproben, wie gut die De-Anonymisierung in Echtzeit funktioniert. Dazu luden die Forscher Studenten ein, an einer Online-Befragung teilzunehmen. Die 93 Probanden wurden zunächst mit einer Webcam fotografiert, dann füllten sie am Computer allgemeine Fragen zu ihrer Facebook-Nutzung aus. Im Hintergrund glich die Gesichtserkennungssoftware die eben aufgenommenen Porträts mit den öffentlich zugänglichen Fotos aus gut 25.000 Facebook-Profilen ab, die eine Verbindung zum College hatten. Die Software brauchte im Schnitt 2,89 Sekunden, um jedem Teilnehmer das mit hoher Wahrscheinlichkeit ähnliche Facebook-Foto zuzuordnen.

Am Ende der Online-Befragung zeigte der Computer den Probanden diese bei Facebook gefundenen Fotos mit der Frage, ob sie darauf zu sehen sind. In 42 Prozent der Fälle erkannten die Probanden sich auf dem Foto wieder.

Das ist eine erstaunlich hohe Zahl, bedenkt man, dass die Forscher ein Standardprogramm, eine 35-Dollar-Webcam und ausschließlich öffentlich zugängliche Informationen nutzten.

Mehrheit der Studenten hält ihr Facebook-Profilbild für nicht-öffentlich

Ein interessantes Detail dieser Studie: Gut 84 Prozent der befragten Studenten gaben an, bei Facebook als Hauptprofilfoto ein Porträt von sich selbst zu nutzen. Und mehr als die Hälfte der Studenten war überzeugt, dass dieses Foto nicht für jedermann im Netz zugänglich sei. Doch das ist ein Irrtum: Das Porträtfoto behandelt Facebook als öffentlich - jede App, jeder Nutzer kann es abrufen wie auch den dazugehörenden Namen. Das war nicht immer so. Facebook weitet seit Jahren seine Standardvorgaben aus, heute gilt viel mehr per Standard als öffentlich oder für "Alle" freigegeben als noch vor zwei Jahren.

Natürlich ist niemand gezwungen, bei Facebook ein Foto hochzuladen, schon gar nicht ein Porträt. Aber das wird mehr und mehr zur sozialen Norm - Profile ohne Gesichter wirken verdächtig.

Echtzeit-Identifizierung per Smartphone

Derzeit experimentieren Acquisti und Gross mit einer Smartphone-Anwendung, die zu aufgenommenen Fotos von Unbekannten in Echtzeit Online-Identitäten zuordnet und Namen, Interessen, Vorlieben und derlei mehr anzeigt.

Die Forscher gehen davon aus, dass so etwas in naher Zukunft funktionieren und wohl auch für jedermann verfügbar sein wird. Derzeit reicht die bei Cloud-Diensten schnell abrufbare Rechenkraft nicht aus, um ohne räumliche Eingrenzung Identitäten per Gesichtserkennung zu suchen. Die notwendige Rechenzeit für den Abgleich eines Fotos mit den Profilbildern aller in Deutschland registrierten Facebook-Nutzer ist noch zu groß. Aber das sind lösbare Probleme: Die Mehrheit der Menschen, die in Hamburg die U-Bahn benutzen, wohnt wahrscheinlich auch in der Hansestadt. Daher könnte ein Suchender seine Recherche also auf die Stadt beschränken.

Targeting im Offline-Handel?

Die Algorithmen zur Gesichtserkennung werden immer besser, die Preise für Rechenzeit sinken und das Reservoir an frei zugänglichen Profilfotos und verknüpften persönlichen Details wächst. In zehn Jahren könnte es Kontaktlinsen geben, die unauffällig Digitalfotos der Umgebung mit Datenbanken abgleichen und Zusatzinformationen anzeigen, zum Beispiel über das Gegenüber in der U-Bahn? Vielleicht werden dann die Schminktipps gegen Gesichtserkennung, wie sie der Künstler Adam Harvey gibt, in naher Zukunft in Ratgebern von Datenschützern auftauchen.

Wichtiger für die weitere Entwicklung werden aber die kommerziellen Möglichkeiten dieser Technik sein: Gesichtserkennung könnte das Werkzeug sein, um die Targeting-Möglichkeiten aus der Online-Werbung in die Offline-Welt zu übertragen. Wie wäre es zum Beispiel, wenn ein Design-Laden auf Basis der Gesichtserkennung dieselben Statistiken zur Laufkundschaft erhält wie sie heute jeder Seitenbetreiber auf Facebook hat: Wie viel Prozent der Besucher sind weiblich und zwischen 18 und 24 Jahre alt?

Die Entwicklung ist nicht mehr umzukehren, schreiben Acquisti und Gross in einer Rohfassung ihres Ausblicks - Namen und Porträtfotos von Millionen Webnutzern sind längst verknüpft im Web. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass wir mit der Analyse dieser Informationen mehr und mehr in der Offline-Welt konfrontiert werden.

Die Wissenschaftler schreiben: "Als Nutzer sozialer Netzwerke haben wir längst einer Datenbank mit De-facto-Real-Identitäten zugestimmt."

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insgesamt 38 Beiträge
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1. Horrorvision
Monty68 02.08.2011
....von verantwortunslosen Forschern. Und ein unkritischer Artikel. Den Forschern sei gesagt: Nicht alles was man machen kann, sollte man auch machen. Ich bewerfe sie auch nicht mit Atombomben.
2. Kein Face, kein book
jäätelötötterö 02.08.2011
Es hat seinen Grund, wenn ich nicht bei Facebook bin und soweit wie möglich darauf achte, keines meiner Bilder oder gar peinliche Informationen öffentlich zu machen.
3. Abwehrmaßnahmen
Meckermann 02.08.2011
---Zitat--- Natürlich ist niemand gezwungen, bei Facebook ein Foto hochzuladen, schon gar nicht ein Porträt. Aber das wird mehr und mehr zur sozialen Norm - Profile ohne Gesichter wirken verdächtig. ---Zitatende--- Eine effektive Schutzmaßnahme wäre es sicher, ein falsches Foto ins eigene Profil zu pappen, dabei sollte man aber aufpassen, dass es nicht undeingt das eines Kriminellen ist, sonst kriegt man vllt. des öfteren mal Hausbesuch von der Polizei. Andersherum könnte man auch das eigene Foto in ein falsches Profil einbetten, aber auch dann könnte es verwirrung geben, wenn im Ausweis plötzlich ein anderer Name steht als im Web. Am einfachsten und obendrein coolsten, wäre es wohl einfach einen Avatar zu nutzen, wie überall sonst auch. Das kann durchaus ein cartoonisiertes Selbstbildnis sein, wenn man seinen Narzissmus nicht ganz unbefriedigt lassen möchte.
4. -
roflem 02.08.2011
Mein Profil ist ein Zigarrette rauchender Schimpanse mit Brille! Und zu den anderen horror Visionen: gab es nicht einen Aufschrei der Empörung als rauskam, dass in Paris Werbeflächen mit eingebauter Kamera die Reaktion und Gesichter der Leute filmten, die vor dem Werbepanel stehenblieben? kalter Kaffee....
5. Großartig!
GanzSchlauer 02.08.2011
Zitat von Monty68....von verantwortunslosen Forschern. Und ein unkritischer Artikel. Den Forschern sei gesagt: Nicht alles was man machen kann, sollte man auch machen. Ich bewerfe sie auch nicht mit Atombomben.
Ein wahres Spitzenargument! Ihnen ist wahrscheinlich nur kurzzeitig entfallen, dass das mit dem Atombombenwerfen durchaus schon einmal probiert wurde, oder? Merke: Es wird immer jemanden geben, der zumindest versucht, all das zu tun was getan werden kann. So einfach ist das! Der Artikel beschreibt den Status Quo und ist noch nicht einmal besonders visionär ...
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Soziale Netzwerke
Facebook
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
Google+
Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
Twitter
Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
Xing
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
StudiVZ
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
Lokalisten
Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten nach eigenen Angaben (Stand Juli 2010) inzwischen 3,6 Millionen Nutzer. Mehr zu Lokalisten bei Wikipedia...
Spin.de
Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
Wer kennt wen
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
MySpace
MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...


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