S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Die Macht des Boten

Eine Kolumne von Sascha Lobo

Im Internet ist längst alles da: Die schlimmsten Meinungen und schädlichsten Inhalte - sie müssen nur gefunden werden. Wer beim Finden hilft, ist nicht mehr unbedingt ein neutraler Vermittler. Es ist notwendig, über die Verantwortung der digitalen Botschafter zu diskutieren.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überschlug sich der technische Fortschritt und veränderte die Gesellschaft stärker als je zuvor. Elektrizität, Eisenbahnnetze, weltweite Telegrafie! Der Wandel ging auch an der Kunst nicht vorbei: Der Naturalismus kam auf, eine einflussreiche literarische Strömung, Dichtung als Dokumentation einer möglichen Wirklichkeit, die Darstellung des existierenden Elends der Welt.

Für die künstlerische Schöpfung gab es im Umfeld des Naturalismus eine schöne Metapher. Die Welt sei wie ein Steinblock, in dem bereits jede mögliche Form vorhanden sei - der Künstler schlage ein paar Stücke heraus und schaffe so sein Werk. Metaphern sind zwar in vielen Fällen so brauchbar wie Lametta aus Wurst, aber mit dieser Hilfsmetapher des Steinblocks lässt sich ein Problem der Internetdiskussion besser verstehen, das die Meinungsfreiheit betrifft.

Meinung ist das Gefühl, die Welt ein bisschen besser verstanden zu haben. Vor allem besser als andere Leute, und das kann man denen dann ja auch gleich mitteilen. Wirklichkeit, Wunsch und Willkür kollidieren, und mit diesen drei W ist man auch schon mitten im Netz. Das Internet ist bekanntlich vermeintes Gelände, nirgends zählt die Meinung mehr - like! - nirgends ist das gesamte Spektrum aller möglichen und unmöglichen Meinungen so willkommen wie im Netz. Meinung muss keinerlei Kriterien gehorchen - so lange, bis man sie der Welt mitteilt. Dann erst prallt das Gefühl Meinung auf die schnöden Gesetzmäßigkeiten von Moral bis Gesetz, von der Wirkung bis zur sozialen Funktion.

"Tötet ihn!" ist keine Meinung

Mit dem Internet ist die Mitteilung an die Welt für Einzelne sehr viel einfacher geworden, deshalb ist Meinungsfreiheit in der Praxis keine mediale Frage mehr wie noch vor zwanzig Jahren, sondern eine persönliche. Und ebenso verhält es sich mit den Grenzen der Meinungsfreiheit, denn nicht jede Äußerung, nicht jeder Inhalt ist eine geschützte Meinung. Selbst radikal freiheitsorientierten Netzultras fiele es vermutlich schwer, einen konkreten Mordaufruf als grundgesetzlich geschützte Meinung zu betrachten - die Grenze vom Standpunkt zum schädlichen Inhalt ist überschritten. "Tötet ihn!" ist keine Meinung.

Leider ist die Feststellung, dass es schädliche Inhalte gibt, ungleich einfacher als die Feststellung, wo genau sie anfangen. Dazu noch hat man sich in der westlichen Wertegemeinschaft darauf geeinigt, dass die Zensur von Inhalten zunächst ein grundsätzlich schädlicher Vorgang sein soll. Was wiederum heißt, dass bei jedem Inhalt eine Abwägung stattfinden muss: Was ist schädlicher - die Zensur des Inhalts oder der Inhalt selbst? Diese Abwägung ist für sich genommen kompliziert genug. Ein Mordaufruf ist eine recht eindeutige Sache, Rufmord schon nicht mehr.

Alle destruktiven Inhalte sitzen längst im Steinblock

Thilo Sarrazin zum Beispiel, so glaubt das Oberlandesgericht Frankfurt, muss sich von der Tageszeitung "taz" mit einer alten, billigen Hure vergleichen lassen dürfen. Unabhängig von berechtigten Beleidigungswünschen bezogen auf den Hobbyrassentheoretiker Sarrazin erscheint insbesondere das Wörtchen "billig" schwer nachvollziehbar. In einer anderen rufmörderischen Angelegenheit hat sich Heribert Prantl Mitte September 2012 in der "Süddeutschen Zeitung" geäußert. "Für das Internet gibt es kaum noch Regeln", schreibt er und beklagt, dass die EU-Kommission zwar "ein 'Recht auf Vergessenwerden' - aber keine vernünftigen Regeln zu dessen Durchsetzung" vorgestellt hat. Die Grenzen der Meinungsfreiheit müssen doch irgendwie zu kontrollieren sein!

Hier lacht die Netzgemeinde und erklärt, im Netz könne es kein Recht auf Vergessenwerden geben. Das stimmt zwar technisch. Aber der Sachverhalt ist komplexer: Die dezentrale Struktur, die Einfachheit der Dateneinspeisung, die unendliche Komplexität des Internets und seiner Geschwister wie Usenet oder Darknet - das alles bewirkt etwas, was schwer zu ertragen ist: Im Internet ist immer alles vorhanden. Die schlimmsten, schädlichsten, destruktivsten Meinungen und Inhalte, alles sitzt längst tief in diesem Steinblock. Das war gestern schon so und wird so lange gelten, wie das Internet besteht.

Ist Google Botschafter oder Bildhauer?

Weil aber im Netz unabänderbar alles vorhanden ist, kommt es zu einer verstörenden und folgenreichen Verschiebung: Das Problembewusstsein in der Öffentlichkeit beginnt nicht mit der Existenz schädlicher Inhalte, sondern mit deren Auffindung. Also zum Beispiel mit Google. Das oft geforderte Recht auf Vergessenwerden ist deshalb schlicht ein falscher Begriff. In Wahrheit wird nämlich gefordert: das Recht auf Erschwerung der Auffindbarkeit. Darüber zu reden ist legitim und notwendig.

Der Zorn, den Google auf sich zieht, wenn es Gerüchte über Gattinnen oder Meinungen über Mohammed verbreitet, entspricht einem bisher ungelösten moralischen Konflikt über die Auffindbarkeit: Ist der Überbringer einer Botschaft für den Inhalt verantwortlich? Eine grundsätzliche Diskussion wird notwendig; sie beginnt mit der schmerzhaften Feststellung, dass die Rolle des Botschafters in der digitalen Sphäre unklar geworden ist. Das liegt auch daran, dass die scheinbar neutrale Rolle des Überbringers, so selbstverständlich sie sich für Netzbewohner anfühlen mag, auch nur eine Hilfsmetapher ist. Und zwar eine, die dem Vermittler sämtlicher Inhalte eine grundsätzliche Neutralität zuschreibt.

Versteht man das Internet als Steinblock, in dem bereits jede denkbare Figur steckt, dann ist da kein neutraler Überbringer mehr, sondern ein handelnder Bildhauer. Wenn man diese Sichtweise gelten lässt und aus dem Block das steinerne Abbild eines Religionsstifters mit Riesenpenis herausschlägt, was für weltweiten Aufruhr sorgt - dann lässt sich eine Mitverantwortung kaum leugnen. Daraus speist sich die Empörung wie die von Prantl.

Der Naturalismus hat übrigens den Begriff "Moderne" hinterlassen, um sich mit Wissenschaft und Technologie vom Ideal der Antike abzugrenzen. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, was Digitale Moderne bedeutet.

tl;dr

Es muss diskutiert werden, welche Verantwortung der Vermittler einer Botschaft im Zeitalter des Internet trägt.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ja, man kann gern über den Boten...
sappelkopp 18.09.2012
Zitat von sysopIm Internet ist längst alles da: Die schlimmsten Meinungen und schädlichsten Inhalte - sie müssen nur gefunden werden. Wer beim Finden hilft, ist nicht mehr unbedingt ein neutraler Vermittler. Es ist notwendig, über die Verantwortung der digitalen Botschafter zu diskutieren. Bildhauer Google: Verantwortung der Botschafter im Internet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,856470,00.html)
...diskutieren, nur die Verantwortung für die Nachricht liegt wohl kaum beim Boten. Hingegen sind natürlich bei jeder Suchmaschinen andere Interessen im Vordergrund. Deshalb sind die Suchergebnisse natürlich unterschiedlich. Und darum, mehr als eine Suchmaschine nutzen, ist ganz einfach und man findet auch unterschiedliche Dinge.
2.
marthaimschnee 18.09.2012
Nee, da geh ich nicht mehr mit! Wenn ich jemanden nach dem Weg frage, ist es absurd, denjenigen dafür verantwortlich zu machen, was ich am Ziel finde. Das ist auch bei Google nichts anderes. Sie hauen nichts aus dem Steinblock "Internet" heraus, sie zeigen mir lediglich, wo das herausgehauene Stück liegt. Die Verantwortung liegt eher beim Gegenteil, nämlich beim Verschweigen des Weges. Dafür sind sie verantwortlich, aus welchen Gründen auch immer sie handeln!
3. Überbringer?
sandboxer 18.09.2012
Börsennotierte Unternehmen, die ein wirtschaftliches Interesse haben, können ja wohl kaum als neutrale Überbringer gelten. Waren sie nie, werden sie auch nie sein, auch wenn viele denken, Google wäre das Internet. Gut erkannt in dem Artikel, ber lieber Herr Lobo, Sie bringen sich einmal mehr um einen Beraterjob für Google. Aber das finde ich sehr ehrenwert.
4. Digitale Moderne
caecilia_metella 18.09.2012
Wir nehmen uns das Recht, uns in einen virtuellen Zustand zu versetzen. Wir werden zu Geistern, die mit Hilfe von Buchstaben mit anderen Geistern kommunizieren. Die klügsten Menschen der Welt haben das schon gern getan (Bücher, Bücher, Bücher), also wird es nicht ganz verkehrt sein. Einige Empörungen verstehe ich nicht, weil ich trotz aller Geistesgegenwart noch genug Bodenhaftung wahrnehmen kann. Ein Mensch mag also in dem Moment nicht daran denken, dass er ebenfalls über einen Körper verfügt, aber es wird ihm wieder einfallen. Wer gibt sich soviel Mühe, vor jedem Satz zu untersuchen, ob sich unter welchen Umständen jemand darüber aufregen könnte oder sich beleidigt fühlen. Selbst wenn das mitunter der Fall ist: Es gibt Leute auf der anderen Seite, die zustimmen, wenn die eine Seite "kritisiert" wird. Anführungszeichen deshalb, weil ich mir hier ein Lächeln nicht ganz verkneifen kann. Ich bemühe mich recht oft um eine möglichst positive Sicht der Dinge und um Konstruktivität, aber ganz einfach ist das erstens nicht, und noch sehr viel vollkommener will ich eigentlich nicht sein. SPON, Du bist eine Online-Zeitung, die ich täglich lese. Mach Dir nicht so viele Gedanken um Deine Aufgaben, die kennst Du doch. Du wirst schon merken, ob mich Leserin und Schwätzerin dieselben Themen interessieren wie Dich.
5. Ubrigens...
BettyB. 18.09.2012
stellt sich die Frage, ob Google Bote oder Botschafter ist. Während der Botschafter nämlich weiß, worum es bei der Botschaft geht, weiß der Bote es nicht. Und den Botschafter hängt man ggf. als Vertreter seines Herrn oder einer Meinung, den Boten vielleicht auch, de at mit dem Inhalt aber wirklich nichts zu tun (obwohl es oft geistig Gift ist).
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Netzpolitik
RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 22 Kommentare
  • Zur Startseite
Sascha Lobo
Fotostrecke
Suggestive Vorschläge: So greift Google in die Suche ein

Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".

Facebook


E-Book-Tipp
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher
    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    Kindle Edition: 1,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.