Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Blamage für Ministerpräsidenten: NRW lässt Jugendschutz-Staatsvertrag scheitern

Der geplante Staatsvertrag für Jugendschutz in den Medien steht vor dem Aus. Nordrhein-Westfalen müsste, wie alle Bundesländer, zustimmen - doch eine ganz große Koalition stemmt sich dagegen: Neben CDU, FDP und Linken wollen jetzt auch die Regierungsparteien SPD und Grüne die Regelung ablehnen.

Kinder am Computer: Der Jugendschutz-Staatsvertrag steht vor dem Aus Zur Großansicht
Corbis

Kinder am Computer: Der Jugendschutz-Staatsvertrag steht vor dem Aus

Hamburg - Jahrelang wurde gefeilscht, die Ministerpräsidenten rangen sich mühsam zu einer Neuregelung des Jugendschutzes in den Medien durch - doch nun stellt sich das letzte Landesparlament, auf das es ankommt, quer: Der geplante Staatsvertrag kann nicht ratifiziert werden. Im nordrhein-westfälischen Landtag wollen neben CDU, FDP und Linken jetzt auch die Regierungsfraktionen von SPD und Grünen dem Jugendmedienschutzstaatsvertrag (JMStV) nicht mehr zustimmen. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und ihre Stellvertreterin Sylvia Löhrmann (Grüne) kündigten dies am Mittwoch an. Das Landesparlament in Mecklenburg-Vorpommern sollte den Vertrag am heutigen Mittwoch verabschieden, am Donnerstag ist Brandenburg dran, und eigentlich hätte dann auch der Landtag in Kiel abstimmen sollen. Doch dort wurde er nun, nach der Entscheidung in NRW, von der Tagesordnung genommen. CDU- und FDP-Fraktion seien in Schleswig-Holstein zu der Übereinkunft gekommen, die Abstimmung abzusetzen, wurde am Mittwochnachmittag mitgeteilt.

Die Verantwortung für das Scheitern wollen Kraft und Löhrmann jedoch auf CDU und FDP abwälzen. Diese hätten den Vertrag zwar ratifiziert, als sie noch die Regierung stellten, wollten nun aber dagegen stimmen. Die rot-grüne Minderheitsregierung werde für einen Vertrag, gegen den sie ohnehin Bedenken haben, nicht ihren Kopf hinhalten, sagte Kraft.

Bei Twitter ist die bevorstehende Ablehnung des höchst umstrittenen Gesetzeswerks bereits seit Mittwochvormittag großes Thema. Dabei zeigt sich, dass die Front derjenigen, die dem Vertrag inzwischen ablehnend gegenüberstehen, durchaus heterogen ist. Der aus Nordrhein-Westfalen stammende CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Jarzombek etwa twitterte vergnügt: "Hurra! Der JMStV ist tot." Zuvor war über den Twitter-Account der SPD-Landtagsfraktion Nordrhein-Westfalen verkündet worden: "JMStV wird von keiner Fraktion im Landtag NRW mehr getragen."

NRW ist das letzte Bundesland, das den Vertrag noch ratifizieren müsste, bislang hat kein Länderparlament ihn abgelehnt. Die Abstimmung im Landtag ist für diesen Donnerstag geplant. Fällt der Staatsvertrag durch, ist das eine Blamage für die Staatskanzleien, die ihn maßgeblich ausgehandelt haben, und für die Ministerpräsidenten der Länder. Denn mit deren Zustimmung galt der Vertrag eigentlich längst als verabschiedet, die Zustimmung der Länderparlamente ist bei solchen Gesetzeswerken in der Regel eine Formsache. Ärgerlich ist das voraussichtliche Scheitern wohl auch für diverse Branchenverbände, die sich zum Teil mit ihren Forderungen und Wünschen an die Neuregelung durchgesetzt hatten. Beispielsweise sieht die Neufassung erweiterte Kompetenzen für Selbstkontrolleinrichtungen wie die Freiwillige Selbstkontrolle der Multimedia-Diensteanbieter (FSM) vor.

Kritik an Praktikabilität und Wirksamkeit der geplanten Neuregelung

Der Staatsvertrag soll den Jugendschutz im Internet durch freiwillige Altersklassifizierungen stärken. Eltern sollen dann mit einer Jugendschutzsoftware die Angebote filtern können, die für ihre Kinder zugänglich sind. Angebote ohne Altersklassifizierung würden von dem Filter ausgeblendet, erläuterte eine Sprecherin des NRW-Medienministeriums.

Quer durch die Fraktionen gibt es Kritik an der Praktikabilität und Wirksamkeit der vorgesehenen Regelung, aber auch Bedenken gegen eine drohende Einschränkung der Meinungsvielfalt. Web-Seiten-Betreiber befürchten zusätzliche Belastung durch die Selbsteinstufungen und die für gewerbliche Angebote ab einer gewissen Reichweite verfügte Pflicht, einen Jugendschutzbeauftragten zu benennen. Manche Kritiker warnen vor einer Abmahnwelle ähnlich der nach der Einführung der Impressumspflicht für Web-Seiten. Betreiber von Internetangeboten, so die Befürchtung, könnten ihren Konkurrenten Probleme bereiten, indem sie ihnen kostenpflichtige Abmahnschreiben für nicht ordnungsgemäß gestaltete Seiten zustellen ließen.

Das Aus für den Staatsvertrag hatte sich schon am Dienstag abgezeichnet, nachdem auch die CDU-Fraktion einstimmig beschlossen hatte, nicht zuzustimmen. Zuvor hatte dies bereits die FDP erklärt. Der Vertrag war allerdings noch unter Beteiligung der schwarz-gelben Koalition verhandelt worden, die bis Juli regierte.

Trotz inhaltlicher Bedenken wären die rot-grünen Koalitionsfraktionen "aus staatspolitischer Verantwortung" bereit gewesen, dem Staatsvertrag zuzustimmen, hieß es aus der SPD-Fraktion. Nachdem sich nun aber selbst "die Verursacher" von dem Vertragswerk distanzierten, seien SPD und Grüne nicht bereit, allein zuzustimmen.

Angesichts des Ablehnungsblocks der anderen drei Fraktionen hätte die rot-grüne Minderheitsregierung am Donnerstag voraussichtlich ihre erste Abstimmungsniederlage im Landtag eingefahren. Die Regierung hatte Zustimmung beantragt.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels war zu lesen, die Ablehnung des Staatsvertrages sei über den Twitter-Account der SPD Nordrhein-Westfalen verkündet worden. Tatsächlich handelte es sich um den Twitter-Account der SPD-Landtagsfraktion Nordrhein-Westfalen. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

lis/cis/dpa

Diesen Artikel...
Forum - Jugendmedienschutzvertrag vor dem Aus - gut so?
insgesamt 196 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Abmahnland Deutschland
founder 15.12.2010
Zitat von sysopDer neue Jugendmedienschutzstaatsvertrag steht vor dem Aus. Ist das eine gute Nachricht - oder wären solche neuen nationalen Jugendschutzregelungen in Zeiten des Internet überfällig?
Ich wohne an der deutschen Grenze in Österreich. Manchmal überlege ich zu übersiedeln. Aber als ich auf Heise.de von dieser ganzen Jugendschutzsache hörte und den vermuteten Folgen, gigantische Abmahnwellen, dachte ich, Deutschland NEIN DANKE! Es war die Gefahr, daß betreiber von Foren oder kleiner Webseiten zum Freiwild für diverse Abmahnkanzleien werden. Es ist gut wenn dieser Irrsinn deutscher Überbürokratisierung noch fällt.
2. Ja, sehr gut
a.weishaupt 15.12.2010
Das Netz braucht keine solche Regulierung; die Verantwortung sollte bei den Eltern liegen und das wars.
3.
machorka-muff 15.12.2010
klar ich bin auch froh, dass der dreck erst mal weg ist, aber wer weiss, vielleicht wird das noch absurder. spon legt ja schon mit der bebilderung des artikels nahe dass die zarten kindlein vom internet schaden erleiden können, denkt aber nicht weiter, dass so ein 10-jähriger erst recht neugierig wird auf inhalte die mit "ab 16" oder "ab 18" getaggt sind. insofern ist es besser die eltern kümmern sich um ihre "kids" (=kinder) als dass die zur selben zeit auch vorm rechner hocken und kommunizieren mit den sprößlingen nur via facebook. die welt wird überreguliert weil keiner mehr zuwendung und verstand benutzt.
4. ..
blue0711 15.12.2010
Zitat von sysopDer neue Jugendmedienschutzstaatsvertrag steht vor dem Aus. Ist das eine gute Nachricht - oder wären solche neuen nationalen Jugendschutzregelungen in Zeiten des Internet überfällig?
Es ist immer eine gute Nachricht, wenn sich Vorvorgestrige ohne Sachverstand nicht an zentralen Kommunikationsplattformen des täglichen Lebens vergreifen können. In der Sache bringt der neue JMStV nichts außer Belastung. Man sollte besser mal Medienkompetenz früher im Lehrplan berücksichtigen.
5.
rumpel84 15.12.2010
Dass der Schwachsinn nicht erst wieder von einem Gericht gestoppt werden muss, ist gut. Dieser Absatz ist allerdings beängstigend: Fällt der Staatsvertrag durch, ist das eine Blamage für die Staatskanzleien, die ihn maßgeblich ausgehandelt haben, und für die Ministerpräsidenten der Länder. Denn mit deren Zustimmung galt der Vertrag eigentlich längst als verabschiedet, die Zustimmung der Länderparlamente gilt bei solchen Gesetzeswerken in der Regel als Formsache
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Der neue Jugendmedienschutz-Staatsvertrag
Muss jeder Alterseinstufungen vornehmen?
Nein. Die Angabe einer Altersstufe für die eigene Website ist freiwillig. Wer keine Einstufung vornimmt, riskiert allerdings, dass sein Angebot von (noch zu veröffentlichenden) Jugendschutzfiltern ausgesiebt wird. Schlimmstenfalls wären nicht eingestufte Angebote dann auf Heimrechnern mit aktiviertem Filterprogramm und der eigens vorgenommenen Einstellung "nicht gekennzeichnete Seiten nicht anzeigen", unter Umständen auch auf Rechnern in Bibliotheken, Jugendeinrichtungen und Schulen nicht verfügbar. Das befüchten zumindest die Kritiker.
Von den Jugendschutzregelungen ausgenommen sind im weiteren Sinne journalistische Angebote, nämlich "Nachrichtensendungen, Sendungen zum politischen Zeitgeschehen im Rundfunk und vergleichbare Angebote bei Telemedien" und zwar "soweit ein berechtigtes Interesse gerade an dieser Form der Darstellung oder Berichterstattung vorliegt".
Wer braucht eine Einstufung?
Jeder, der jugendschutzrelevante Inhalte vorhält. Was für die meisten Blogs und privaten Web-Seiten nicht gelten dürfte. Sich über den Jugendschutz Gedanken machen sollte jeder, der regelmäßig Inhalte anbietet, die eventuell erst "ab 16" oder "ab 18" sein könnten. Vorsicht ist auch für Betreiber von Seiten geboten, deren Angebote sich explizit an Kinder unter 12 Jahren wenden. Sind auf solchen Seiten auch Inhalte enthalten, die erst "ab 12" oder für ältere Jugendliche geeignet sind, müssen sie, so der Vertragstext, "getrennt" voneinander verfügbar gemacht werden. Im Klartext: Eine Vermischung von explizit kindgerechten und nicht kindgerechten Angeboten soll vermieden werden.
Wie findet man heraus, welche Altersteinstufung passt?
Die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM) will ab dem 1. Januar 2011 eine Website freischalten, auf der man mit einem Online-Fragebogen das eigene Angebot einstufen kann. Am Ende soll eine Art Zertifikat stehen, das dem Seitenbetreiber bescheinigt, dass er sich bemüht hat, sich dem Kodex der Selbstkontrolle gemäß zu verhalten, und eine Alterseinstufung für das geprüfte Angebot. Für Privatanbieter (also in der Regel Anbieter, deren Webangebote nicht Teil eines offiziell angemeldeten Unternehmens sind) soll diese Einstufung kostenlos sein.
Diese Selbsteinstufung ist vor allem Selbstschutz: Wer sie vorgenommen hat, dem gegenüber soll die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) zunächst kein Bußgeld verhängen, selbst, wenn sie die Einstufung für falsch halten sollte. Die KJM kann dann Nachbesserungen fordern, aber kein Geld.
Droht bei Fehlern gleich ein Bußgeld?
Nein. Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) ist gehalten, bei Fehleinstufungen zunächst zu verwarnen. Bußgelder sind nur für wiederholte oder offensichtlich absichtliche Fehleinstufungen vorgesehen. Laut FSM gilt folgende Regelung: "Ob ein Bußgeld zu verhängen ist oder nicht, entscheidet die zuständige Aufsichtsbehörde und berücksichtigt dabei die Umstände des Einzelfalls."
Wer braucht einen Jugendschutzbeauftragten?
Jeder, der als "geschäftsmäßiger Anbieter" gelten muss und "entwicklungsbeeinträchtigende oder jugendgefährdende Inhalte" anbietet, sowie Betreiber von Suchmaschinen. Für die meisten Privatblogs dürfte daher gelten: Ein Jugendschutzbeauftragter muss nicht benannt werden. Wer jedoch einen solchen Beauftragten braucht, der muss der Novelle zufolge "wesentliche Informationen über den Jugendschutzbeauftragten leicht erkennbar, unmittelbar erreichbar und ständig verfügbar" halten. Dazu gehören: "Namen, Anschrift und Daten, die eine schnelle elektronische Kontaktaufnahme und unmittelbare Kommunikation mit ihm ermöglichen".
Birgt der Vertrag ein Abmahnungsrisiko?
Abmahnungen sind ein wettbewerbsrechtliches Mittel, also unabhängig vom Vorgehen der Jugendschutzeinrichtungen wie der Kommission für Jugendmedienschutz. Theoretisch ist es möglich, dass echte oder vermeintliche, gewerblich agierende Konkurrenten einander künftig unter Verweis auf einen nicht sauber ausgewiesenen Jugendschutzbeauftragten abmahnen - ähnlich, wie das bislang im Zusammenhang mit der Impressumspflicht für Web-Seiten passieren konnte. Wie häufig solcher Fälle tatsächlich sein werden und wie Gerichte damit umgehen werden, wenn es zum Rechtsstreit kommt, muss die Praxis zeigen.
Welche Regelungen sind tatsächlich neu?
Schon seit 2003 gilt: Wer Jugendgefährdendes auf seiner Seite vorhält, muss dieses Material entweder durch eine Altersprüfung für Jugendliche unzugänglich machen (wie das beispielsweise Anbieter von Pornografie, die in Deutschland ansässig sind, längst tun) oder sich mit seinem Angebot an die "Sendezeiten" aus dem Staatsvertrag halten:
- Angebote "ab 16" dürfen nur zwischn 22.00 und 6.00 Uhr
und
- Angebote "ab 18" nur zwischen 23.00 Uhr und 6.00 Uhr
verfügbar sein.
- Weiterhin gilt: "Bei der Wahl der Zeit zur Verbreitung des Angebots und des Umfelds für Angebote der Altersstufe 'ab 12 Jahren' ist dem Wohl jüngerer Kinder Rechnung zu tragen."


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: