Bodycams an Polizisten Die Kamera-Cops

Konsequenzen aus dem Fall Michael Brown: Zehntausende US-Polizisten sollen in den nächsten Jahren mit Körperkameras ausgerüstet werden. In einigen Städten sind sie bereits im Einsatz. Eine Streifenfahrt mit Bodycam.

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Aus Maryland berichten und (Video)


Als der silberfarbene Chevrolet Cobalt das Stoppschild missachtet und die Haltelinie überfährt, drückt Carl Johnson auf den Auslöser. Es piept zweimal, die kleine Kamera an seiner Mütze läuft. Sie zeichnet nun alles auf, was in der Blickrichtung des Polizisten liegt. Aus dem Hintergrundspeicher werden zusätzlich die letzten 30 Sekunden gezogen: die Dokumentation des Verkehrsdelikts. Johnson hat den Beweis.

Er gibt Gas, klemmt sich hinter den Chevy, stoppt ihn an der nächsten Ecke. Am Steuer eine alte Frau. "Sie werden auf Video aufgezeichnet", sagt er, bittet um die Papiere. Letztlich gibt er der Frau eine Verwarnung. "Situation geklärt", funkt Johnson in die Zentrale. Dann stoppt er die Video- und Tonaufnahme. Auf seinem Smartphone kann er sich die Bilder bei Bedarf jetzt noch mal anschauen.

Solche Situationen sind Alltag für den Streifenpolizisten in Laurel, einer 20.000-Einwohner-Stadt auf halbem Weg zwischen Washington und Baltimore an der US-Ostküste. Die Körperkamera in der Größe eines Lippenstifts ist für den 24-Jährigen mittlerweile selbstverständlicher Teil der Ausrüstung, wie Handschellen und Waffe. Mehr noch: "Ich liebe diese Kamera", sagt Johnson. Sie gebe ihm mehr Selbstsicherheit, die Leute seien höflicher, er habe stets Belege für sein Handeln. Anders als in Deutschland sind Polizisten in Amerika meist allein im Auto unterwegs - und manche von ihnen würden sich mit Kamera besser verhalten als ohne.

Video: Warum US-Polizisten häufiger schießen

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Kameras an Cops - was in der Stadt Laurel mit ihren 45 Streifenpolizisten seit anderthalb Jahren Alltag ist, soll jetzt in möglichst vielen Kommunen Amerikas kopiert werden. Seitdem im August der weiße Polizist Darren Wilson den unbewaffneten schwarzen Teenager Michael Brown in Ferguson erschossen hat, diskutiert das Land über Polizeigewalt und latenten Rassismus. Was genau in Ferguson geschah, ist bis heute nicht geklärt - und heizt die Auseinandersetzung weiter an. Zeugen widersprechen sich. Wilson trug keine Körperkamera.

In Ferguson haben sie noch im September begonnen, die Polizisten mit Kameras auszurüsten; in Los Angeles, New York und Washington laufen Pilotversuche. In New Jersey verlangt ein neues Gesetz, dass Polizeibehörden entweder ihre Streifenwagen oder die Polizisten selbst mit Kameras ausrüsten.

Gewalteinsatz um ein Drittel zurückgegangen

Es sind ein gutes Dutzend Städte - und es werden mehr werden. US-Präsident Barack Obama will lokale Polizeibehörden in den kommenden drei Jahren mit 75 Millionen Dollar unterstützen, damit 50.000 Körperkameras angeschafft werden können - insgesamt gibt es rund 750.000 Polizisten in den USA. Obwohl Obamas Plan mehr Überwachung im öffentlichen Raum bedeutet, empfehlen ihn Bürgerrechtler. Die Debatte in Amerika läuft anders als in Europa.

Natürlich könne man nicht wissen, ob sich der Polizist Wilson und Michael Brown an jenem Sommertag in Ferguson anders verhalten hätten, wenn eine Bodycam im Spiel gewesen wäre, sagt Richard McLaughlin: "Aber der Vorfall wäre von Anfang bis Ende aufgezeichnet worden und jetzt wäre viel klarer, was passiert ist." McLaughlin ist der Polizeichef von Laurel. Er hatte die Idee mit den Kameras.

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Bodycams: Körperkameras für Polizisten
Seit ihrer Einführung gebe es in in seiner Stadt weniger Beschwerden der Bürger und weniger Gewalteinsatz seitens der Polizisten, sagt McLaughlin: "Durch die Kameras ist der Einsatz von Waffen, Tasern oder Pfefferspray um ein Drittel zurückgegangen." Ähnliche Zahlen melden andere Polizeibehörden im Land. Die Rechnung ist simpel: Mögliche Beschwerdeverfahren kosten letztlich mehr als die Anschaffung von Kameras. McLaughlin und seine Mitarbeiter haben derzeit 32 Kameras der Firma Taser, Stückkosten 2000 Dollar, Lebenserwartung fünf Jahre. Im Preis inbegriffen sind Software-Plattform und Cloud, in die Carl Johnson und seine Kollegen nach Schichtende die Daten hochladen.

Automatische Löschung nach 180 Tagen

Die Beamten könnten das Material dort weder bearbeiten noch löschen, nur markieren: etwa, um es vor Gericht oder für Trainingszwecke zu verwenden. Solchermaßen markierte Videos würden auf unbestimmte Zeit in der Cloud gespeichert, sagt Polizeichef McLaughlin. Das restliche Material werde nach 180 Tagen automatisch gelöscht. Nach dem Zufallsprinzip checkt McLaughlin die Videos auf Fehler seiner Beamten. Zugang zum Material habe man allein über die IP-Adresse seiner Polizeistation. Der Cloud-Speicherplatz wird bereitgestellt von Evidence.com, einer Taser-Tochter.

Ein Privatunternehmen, das Beweismittel verwahrt? McLaughlin sieht kein Problem: "Soweit ich weiß, schauen die sich unsere Videos nicht an." Er schätzt Taser, hat der Firma auf deren Anfrage hin sogar eine Polizeiaufnahme zu Werbezwecken zur Verfügung gestellt, die die Jagd auf eine betrunkene Autofahrerin zeigt.

Auf Streife sagt Carl Johnson, es störe ihn nicht, dass seine Vorgesetzten seine Arbeit auf den Videoaufnahmen nachvollziehen könnten. Er sei ein guter Polizist, und das könne jeder sehen, seinetwegen auch auf YouTube. Auf der Straße habe doch ohnehin jeder das Recht, ihn mit der Handykamera zu filmen. Und viele machten das auch.

"Ausschließlich für dokumentarische Zwecke"

McLaughlin sagt es so: "In der Öffentlichkeit gibt es keine Privatsphäre, da kann jeder jeden filmen." Deshalb brauchen Johnson und seine Kollegen auch nicht die Zustimmung der Bürger, wenn sie sie bei Verkehrskontrollen filmen. Nur in Privathäusern oder Hospitälern müssen sie sich zuerst deren Einverständnis holen. Augmented-Reality-Technik - also die Verschmelzung der digitalen Welt mit der nichtdigitalen - lehnt McLaughlin ab: Er sei gegen die Nutzung von Techniken wie Gesichtserkennung, denn die Bodycams seien "ausschließlich für dokumentarische Zwecke" gedacht, nicht für Ermittlungen.

Der Einsatz von Bodycams könne helfen, die Beziehungen zwischen Polizei und Bürgern zu verbessern oder überhaupt wieder aufzubauen und neues Vertrauen zu schaffen, sagt der Polizeichef mit Blick auf Ferguson. Ein Allheilmittel seien sie allerdings nicht: "Die Kameras ersetzen nicht die gute Polizeiarbeit."

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
famd 20.12.2014
1. Wäre für uns nicht verkehrt...
Ich würde die offizielle Videoaufzeichnung durch Polizeibeamte und Bürger hier in Deutschland sogar begrüßen - es wäre für beide Seiten in Bezug sachlicher Überprüfbarkeit, Aufklärung und Beweisaufnahme von Bedeutung, wenn Rechtsstreitigkeiten bevorstehen. Auch geeignet für Schulungszwecke der Polizei, Dokumentation oder öffentlicher Aufklärung über Tatorte, Straftaten, Ereignisse oder Verhaltensanalysen. Jedoch müsste die rechtliche Seite geklärt werden und es muss auch dem Bürger erlaubt sein, direkte Polizeiaktionen/Handlungen zu filmen um seine späteren Auseinandersetzungen mit Behörden oder Justiz im Widerspruchsfall/Klagen mit Beweisen unterlegen zu können.
raber 20.12.2014
2. Robocops im Aufmarsch
Selbst wenn die Diskussion in den USA anders als in Deutschalnd verläuft würde ich die Anwendung in Deutschland auch nicht als falsch ansehen. Der Bürger wird informiert, dass er gefilmt wird und es gibt keine unstimmigen Aussagen.Tatsächlich ist es so, dass in der Öffentlichkeit besonders mit den Smartphones sehr viel fotografiert und gefilmt wird ohne irgend ein Einverständnis zu bitten oder eine Warnung abzugeben. Die Zeiten ändern sich nun mal.
schlipsmuffel 20.12.2014
3. Wer's glaubt!
Wenn der Polizist dann irgendwann auch mal zu früh geschossen hat, ist GARANTIERT in dem Moment die Kamera kaputt gegangen! Wetten? Huch, vor Schreck ist die Kamera runtergefallen, ein Kollege kanns bezeugen!
udolf 20.12.2014
4.
Bei uns läuft das mit Polizei Kameras so: Batterie alle, Speicher voll oder in eine andere Richtung halten sowie aus versehen ausgeschaltet. Das tollst war wohl noch als man der Presse ein geschnittenes Video präsentierte...
vo2 20.12.2014
5. Überwachung dient nur dem Überwacher.
Ein weiterer Schritt in Richtung Unterdrückung der Massen.
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