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Razzien gegen illegales Forum: Was droht den Nutzern von boerse.bz?

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Millionen Deutsche haben das illegale Downloadportal boerse.bz genutzt. Nach Razzien gegen mutmaßliche Lieferanten der Seite herrscht nun helle Aufregung. Droht auch den Nutzern Strafverfolgung? Wir haben beim Staatsanwalt nachgefragt.

Internetforum boerse.bz: Angst bei Nutzern und Konkurrenten Zur Großansicht

Internetforum boerse.bz: Angst bei Nutzern und Konkurrenten

Hamburg/Köln - Eine gewaltige Zahl von Deutschen besorgt sich gelegentlich eine illegale Filmkopie, ein kopiertes E-Book oder ein vom Kopierschutz befreites Computerspiel. Allein das Forum boerse.bz hatte zuletzt 2,7 Millionen Nutzer, die Mehrheit davon Deutsche, "vom nicht strafmündigen Kind bis ins hohe Erwachsenenalter", sagt Daniel Vollmert, Sprecher der Staatsanwaltschaft Köln. Im Zusammenhang mit boerse.bz wurden am Dienstag in ganz Deutschland Wohnungen durchsucht, insgesamt mehr als 120. Etwa zehn Tage zuvor betraf eine weitere Durchsuchungswelle die mutmaßlichen Hintermänner des ebenfalls illegalen Filmportals kinox.to und weiterer Plattformen. Die mutmaßlichen Betreiber werden mit Fahndungsfotos und internationalem Haftbefehl gesucht. Nun geht in der deutschen Szene die Angst um.

Im Forum "MyGully" etwa, das nicht nur optisch sehr an boerse.bz erinnert, erklärte ein Moderator schon Ende Oktober in sichtlich genervtem Tonfall, man könne hier "keine Accounts löschen". Offenbar gehen bei den Moderatoren derartiger Foren, in denen sich Links zu illegal kopierten Inhalten finden lassen, derzeit vermehrt entsprechende Anfragen ein: Besorgte Nutzer möchten gerne ihre Accounts tilgen, weil sie sich vor Strafverfolgung fürchten. Ein weiteres einschlägiges Portal namens leecher.to, das zu den ältesten der Szene gehört, verschwand am Mittwoch einfach aus dem Netz.

Über 400 Beamte hatten an Dienstag Räumlichkeiten von Personen durchsucht, die bei boerse.bz selbst Links zu hochgeladenen Dateien eingestellt hatten. Das Prinzip diverser ähnlicher, konkurrierender Plattformen ist stets das gleiche: Bei sogenannten Share- oder Filehostern werden Kopien von Filmen, Büchern oder Musikdateien abgelegt. Die Links zu diesen Dateien werden dann andernorts, eben in Foren wie boerse.bz, eingestellt. So sind der Speicherort und der Verweis darauf getrennt. Wer illegale Kopien so verfügbar macht, macht sich dennoch strafbar. Das Gleiche gilt für all jene, die solche Dateien herunterladen. Beide verstoßen gegen das Urheberrechtsgesetz - was bei Downloads, anders als bei der Nutzung von Streaming-Plattformen, rechtlich unumstritten ist.

Tatkräftige Hilfe von privatwirtschaftlich finanzierten Ermittlern

Die Hinweise kamen in diesem Fall einmal mehr von der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU), einer von Film- und Spielebranche finanzierten Organisation, und von der Münchner Anwaltskanzlei Waldorf Frommer, deren Klienten etwa aus der Verlags- oder Musikbranche stammen. Beide beschäftigen spezialisiertes Personal, das Strafverfolger in solchen Fällen unterstützt. "Deren Erkenntnisse und Hinweise sind auch in diesem Verfahren von großer Bedeutung", sagt Daniel Vollmert von der Staatsanwaltschaft Köln.

Wie diese Hinweise an die Staatsanwälte zum Beispiel aussahen, erklärt Christine Ehlers von der GVU so: "Wir haben uns die Uploader angesehen und geprüft, wie viele Titel von bestimmten Nicknames hochgeladen wurden und wie oft diese anschließend abgerufen wurden." Die Profile der Uploader bei boerse.bz wurden so gewissermaßen zu Archiven strafbarer Handlungen - denn der Upload solcher Dateien, womöglich gegen eine Provision, gilt als gewerbsmäßige Urheberrechtsverletzung. Dafür kämen "Geld-, aber auch Freiheitsstrafen in Betracht", sagt Daniel Vollmert von der Staatsanwaltschaft Köln. Das Urheberrechtsgesetz sieht theoretisch ein maximales Strafmaß von bis zu fünf Jahren Haft vor - pro Datei.

Entsprechend flexibel zeigen sich offenbar zumindest einige der Betroffenen: "Eine Vielzahl der Beschuldigten kooperieren bereits, auch davon erhoffen wir uns weitere Erkenntnisse", sagt Vollmert. Was den Einzelnen tatsächlich droht, hängt von ihrer Kooperationsbereitschaft ab, von der Anzahl der hochgeladenen Dateien, den damit erzielten Einkünften, eventuellen Vorstrafen.

Woher kamen die IP-Adressen?

Zu der Frage, ob es nun auch denjenigen an den Kragen geht, die nur etwas heruntergeladen haben, sagt Vollmert, das hänge davon ab, was für Beweismittel die Durchsuchungen zutage fördern würden. Er verweist aber auf die gewaltige Nutzerzahl von boerse.bz: "Das sind sehr viele Menschen, die sich strafbar gemacht haben können." So viele Verfahren seien von einer einzelnen Staatsanwaltschaft kaum zu bewältigen.

Anwalt Björn Frommer formuliert es so: "Wir konzentrieren uns primär auf die Betreiber und die verantwortlichen Uploader." Ganz sicher können sich die Nutzer derartiger Plattformen aber nicht fühlen - in der Vergangenheit sind schon mehrmals Menschen zu teils empfindlichen Geldstrafen verurteilt worden, wenn auf ihren Festplatten illegale Kopien von Filmen oder Software entdeckt wurden - in der Regel bei aus ganz anderen Gründen durchgeführten Durchsuchungen.

Eine ungeklärte Frage ist, wie die Ermittler im vorliegenden Fall überhaupt an die Adressen der Uploader kamen, deren Wohnungen nun durchsucht wurden. Der Rückschluss muss über die IP-Adressen gelaufen sein, von denen aus Links bei boerse.bz eingestellt wurden. Mit deren Hilfe lässt sich beim jeweiligen Internetprovider der Anschlussinhaber erfragen - allerdings in der Regel nur bis zu sieben Tage lang, dann werden die entsprechenden Daten gelöscht. Doch woher hatten die Ermittler diese IP-Adressen?

Der Hamburger Rechtsanwalt Alexander Wachs, der einen der nun Beschuldigten vertritt, ist sich sicher, "dass die Strafverfolger Zugriff auf die Server von boerse.bz hatten, und zwar über einen Zeitraum von circa vier bis sechs Wochen". Haben die Ermittler also einen der Betreiber umgedreht? Die Staatsanwaltschaft Köln wollte sich zu dieser Frage nicht äußern, und auch die übrigen Beteiligten halten sich bei der Frage, woher die IP-Adressen kamen, bedeckt. Spätestens in einem Gerichtsverfahren aber dürfte offengelegt werden, wie hier vorgegangen wurde.

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insgesamt 107 Beiträge
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1. na dann wollen wir
felisconcolor 06.11.2014
mal hoffen das die Staatsanwaltschaft hier mit rechtstaatlichen Mitteln gearbeitet hat. Ansonsten wird es hoffentlich Anwälte geben die die Beweisketten in der Luft zerreissen. Illegal ist illegal und soll bestraft werden. Wenn die Bestrafung aber nur durch illegale Mittel zustande gekommen ist dann haben wir den Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung verlassen. Und die sollte über allem stehen. Auch wenn dabei illegale Filesharer mal straffrei davon kommen.
2.
Frank Zi. 06.11.2014
Börse.BZ ist doch schon seit Monaten tot, der Nachfolger boerse.to dagegen brummt.
3. Das Problem sind die User,
dbrown 06.11.2014
die einfach immer nur alles HABEN müssen, tonnenweise Filme, die eh niemand jemals schauen wird, Bücher, die keiner liest, und Spiele, die in der Ecke landen, zusammen mit dem ganzen anderen Müll. Statt sich mal auf's Wesentliche zu beschränken, nee, muss alles rein in die Bude. Ach ja, kosten darf der ganze unnütze Krempel natürlich gar nichts, wo kommen wir denn da hin? Die verdienen doch eh schon ein Schweinegeld, da kann ich ja für Noppes alles absaugen. So ist der User halt, alles nutzen, aber nicht dafür löhnen. Ihr armen Schweine.
4. Fud
thsherlok 06.11.2014
Eine typische FUD Kampagne, die auch schon bei den Ermittlungen zu kino.to versucht wurde. Aber auch dort wurden reine Nutzer weder zivil- noch strafrechtlich belangt. Ich kann mir auch nur sehr schwer vorstellen wie man eine Hausdurchsuchung für reine Streamingnutzer genehmigt bekommen will. Den Paranoideren empfehle ich, sich mal bei den VPN Anbietern umzusehen. Gibt durchaus brauchbare.
5. Mir geht es nicht um die Raubkopierer irgendwelcher Filme, ...
kumi-ori 06.11.2014
... aber wenn heute schon eine normale Rechtsanwaltskanzlei jede Menge Verbindungsdaten von IP-Addressen erhält, dann ist das bemerkenswert. Natürlich wird man sagen, wenn die NSA das darf, dann darf es jeder andere auch, aber ich werde michdoch nach einer Möglichkeit unsehen, dass nicht ständig Krethi und Plethi meinem Mailverkehr nachschnüffeln. Auch, wenn es Arbeitmacht.
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