Attentäter von Boston: Fahndungserfolg ohne Gesichtserkennung

Brüder Zarnajew auf Bildern einer Überwachungskamera: Software zur Gesichtserkennung spielte bei der Identifikation keine Rolle Zur Großansicht
REUTERS/ FBI

Brüder Zarnajew auf Bildern einer Überwachungskamera: Software zur Gesichtserkennung spielte bei der Identifikation keine Rolle

Hunderte Fotos, Stunden von Videomaterial, dazu Tipps von Augenzeugen: Die Polizei in Boston musste nach den Bombenanschlägen eine Unmenge an Material durchkämmen. Identifiziert wurden die Verdächtigen aber auf klassischem Wege.

In den Tagen nach den verheerenden Bombenanschlägen auf den Bostoner Marathon durchkämmte die Polizei tausende Teile von Foto- und Videomaterial. In einem Bankettsaal eines Bostoner Hotels und einem Lagerhaus breiteten sie Beweismaterial aus und überprüften Bilder, berichtet die "Washington Post". Dabei kam so viel Bildmaterial zustande, dass allein dessen Organisation ein Problem für die Beamten wurde, sagte der Bostoner Polizeichef Edward Davis der Zeitung.

Davis zufolge kamen die Polizisten in mühsamer Kleinarbeit auf die Verdächtigen. Immer wieder überprüften sie eingesandte Videos, suchten nach auffälligem Verhalten unter den Zuschauern. Ein Beamter habe sich den selben Videoschnipsel 400 Mal angesehen. Er selbst habe Hunderte Stunden Videomaterial geprüft, sagte Davis der "Post". "Ich habe gesehen, wie brutal die Attacke war." Dabei identifizierten die Polizisten schließlich die beiden Brüder Tamerlan und Dschochar Zarnajew als Verdächtige für den Anschlag, der drei Menschen tötete und mehr als 170 verletzte. Auch auf Bildern von Überwachungskameras eines Supermarktes und einer Tankstelle tauchten die beiden Donnerstagnacht auf.

Im Internet und in den Medien wurde zu dieser Zeit wild spekuliert. Eine US-Zeitung druckte ein Foto von zwei Männern mit Rucksäcken beim Marathon auf ihrer Titelseite - die beiden waren unbeteiligt, wie sich später herausstellte. Bei 4Chan und im Internetforum Reddit, das Millionen Nutzer im Monat anzieht, durchkämmten Hobbydetektive Fotos vom Zieleinlauf. Auch hier gerieten zunächst Unbeteiligte in den Fokus. Ein großer Rucksack auf dem Rücken eines Zuschauers reichte für wildeste Spekulationen. Die Hobbyermittler zeigten sich später bestürzt über ihre Hexenjagd.

Die Polizei habe auch deswegen die Bilder von Tamerlan und Dschochar veröffentlicht, um weiteren Spekulationen zuvorzukommen, berichtet die "Post". Bei der Identifikation habe Software zur Gesichtserkennung jedoch keine Rolle gespielt, erklärte Davis. Obwohl Bilder beider Brüder sich in offiziellen Datenbanken befinden (Dschochar hat einen Führerschein aus Massachusetts, beide sind legal in die USA eingewandert), hätte die Software keinen Hinweis produziert.

Stattdessen halfen der Polizei klassische Tipps weiter. Etwa von dem Schwerverletzten Jeff Baumann, der kurz nach seiner Beinamputation erklärte, er habe einen Verdächtigen gesehen. Oder von der Tante der tatverdächtigen Brüder. Sie habe die Polizei angerufen und ihre Neffen identifiziert, sagten Ermittler der "Post".

jnb

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1.
niska 22.04.2013
Zitat von sysopREUTERS/ FBIHunderte Fotos, Stunden von Videomaterial, dazu Tipps von Augenzeugen: Die Polizei in Boston musste nach den Bombenanschlägen eine Unmenge an Material durchkämmen. Identifiziert wurden die Verdächtigen aber auf klassischem Wege. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/boston-gesichtserkennung-spielte-bei-fahndung-keine-rolle-a-895732.html
So viele Kameras und doch ist es wieder die gute alte Polizeiarbeit, die zu Resultaten führt. Was lernen wir daraus? Polizeien nicht kaputtsparen. Gebt denen das Geld, das für Kameras verbraten werden sollte.
2.
InsaneInTheMembrane 22.04.2013
Zitat von niskaSo viele Kameras und doch ist es wieder die gute alte Polizeiarbeit, die zu Resultaten führt. Was lernen wir daraus? Polizeien nicht kaputtsparen. Gebt denen das Geld, das für Kameras verbraten werden sollte.
Haben Sie den Artikel auch gelesen? Ohne Kameras gäbe es keine Bilder. Ohne Bilder keine "Polizeiarbeit". Und Tantchen hätte die beiden wohl auch nicht erkannt. Bleibt der Verletzte, der ohne echte Bilder vermutlich auch nur ein vages Phantombild hingebracht hätte. Im Übrigen bin ich auch gegen flächendeckende Überwachung im öffentlichen Raum. Aber eher, weil die offensichtlich fehlende abschreckende Wirkung den massenhaften Eingriff in die Privatsphäre bei weitem nicht aufwiegen kann. ;)
3. Es bleibt immer noch die Frage offen, was genau
hdudeck 22.04.2013
den Verdacht gegen die Brueder erregt hat. Wurden Bilder gemacht, der sie bei der Bombenablage zeigt? Jemanden zu verdaechtigen, der sich in einer bestimmten Weise bewegt oder verhaelt ist doch bei der Menge an Leuten auf den Videos sehr gewagt. Oder ist es einfach so, das eine sogenannte kontrolierte FBI / Polizeiaction aus dem Ruder lief, spricht die Ueberwachten schneller waren als die Ueberwacher. Die meisten Attentaeter der vergangen Jahren waren doch mehr oder weniger vom FBI angeleitet worden, um sie dann Medienwirksamm verhaften und anklagen zu koennen. In diesem Falle trifft es sich gut, das zumindest einer der Taeter verstorben ist. Fragen ueber Fragen, die wohl nie beantwortet werden. Was bleibt, ist ein schaler Geschmack.
4. Spekulationen
tzzzzzz 22.04.2013
Es ist immer wieder erstaunlich das Menschen zu Spekulationen neigen, nur weil sie keine handfeste Erklärung haben. In diesem Fall sind die Fakten mehrfach in einschlägigen Pressemagazinen niedergeschrieben worden. Die Täterbeschreibung des Schwerverletzten Mannes, die er im Krankenhaus abgegeben hat, die ebenso die Ablage der Tasche mit der Bombe beinhaltete und die Auswertung der Videoaufnahmen führten zum schnellen Erfolg der Polizei. Ausreichende Informationen sind immer besser und sorgen für ein klares Bild. An dem Bild was die Spekulanten abgeben ist eher ein schaler Beigeschmack zu finden. Aber dadurch ist es auch dem uninformiertesten möglich mit zu reden.
5. Schon die Stasi ging daran zu Grunde.
prince62 22.04.2013
Zitat von niskaSo viele Kameras und doch ist es wieder die gute alte Polizeiarbeit, die zu Resultaten führt. Was lernen wir daraus? Polizeien nicht kaputtsparen. Gebt denen das Geld, das für Kameras verbraten werden sollte.
Das war doch schon bei der Stasi so, die hatten tonnenweise Material im Keller liegen, daß wegen Personal- und Speicher bzw. Ablangemangels nicht bearbeitet werden konnte, die sind schon ersoffen in Meldungen, Akten und Überwachungsvideos, da hat sich also nix geändert, aber die Herrn selbsternannten Sicherheitsexperten schreien natürlich nach noch mehr Kameras, noch mehr Datenspeicherung und überhaupt viel viel weniger Grund- und Bürgerrechte. Absolut unbelehrbar bis zum Zusammenbruch.
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Dschochar Zarnajew: Streit über die Rechte des Verdächtigen


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