Breitband im Sauerland Die Aussätzigen haben jetzt Internet

Über viele Jahre war das Sauerland praktisch vom Internet abgeschnitten. Die Bewohner fühlten sich "wie Wilde, die auf Bäumen leben". Denn für die Konzerne lohnte sich die Investition nicht. Also bauten sich die Menschen ihre eigene Breitbandversorgung.

Von , Meschede

TKG SWF

Wenn man ihn fragt, wie denn das Leben ohne Internet gewesen sei, entfährt Peter Schneider ein heftiger Seufzer. Dann sagt der Geschäftsmann aus dem Örtchen Halberbracht: "Wir haben uns gefühlt wie Aussätzige, wie Wilde, es war, als würden wir auf Bäumen leben und trommeln müssen."

Der Hochsauerlandkreis ist der größte Kreis Nordrhein-Westfalens, er misst fast so viele Quadratkilometer wie das Saarland, nur dass hier bloß 267.000 Menschen leben. Zu sagen, diese Gegend sei dünn besiedelt, ist ausgesprochen wohlwollend formuliert, verteilen sich doch in einer Stadt wie Schmallenberg gerade einmal 25.000 Einwohner auf 83 Orte. Der vorherrschende Eindruck ist: ganz schön grün.

Dennoch gehört die Region wirtschaftlich zu den leistungsfähigsten des Landes. Nicht nur große Brauereien sind hier beheimatet, sondern auch wichtige Zulieferer der Automobilindustrie. Der Anteil der gewerblichen Arbeitsplätze liegt bei 44 Prozent, in mancher Ruhrgebietsmetropole sind es keine 20. Insofern war es alles andere als ein Luxusproblem, dass auch das Sauerland endlich ankommen wollte im 21. Jahrhundert, was vor allem bedeutete: im Internet.

Die Kanzlerin im fernen Berlin betont gerne, wie wichtig schnelle Breitbandverbindungen für die deutsche Wirtschaft und für die Bürger seien. Im Februar 2010 sagte sie zum Beispiel: "Wir haben uns vorgenommen, bis zum Jahresende jedem Haushalt einen einfachen Internetzugang zu ermöglichen. Gleichzeitig werden wir in den nächsten Jahren zielbewusst das schnelle Internet ausbauen." Das klang nicht schlecht.

Fakt aber ist: Ungeachtet der vollmundigen Versprechungen sind weite Teile der Bundesrepublik noch immer digitales Niemandsland. Jeder vierte Haushalt verfügt nach wie vor nicht über einen Internetanschluss: Manche möchten keinen, viele aber bekommen ihn schlichtweg nicht, weil auf dem platten Land die Infrastruktur fehlt. Trotzdem hat sich Angela Merkel inzwischen wieder von ihren ehrgeizigen Plänen verabschiedet, eine DSL-Grundversorgungspflicht gesetzlich zu verankern. Der Widerstand der Telekommunikationsbranche war wohl zu groß.

Mit dem Auto ins Internet

Was es im Alltag bedeutet, ungewollt offline zu sein, weiß auch Bernhard Schulte. Der Wirtschaftsförderer des Hochsauerlandkreises, der in einem kleinen Ort in der Nähe von Meschede wohnt, erlebte viele Jahre lang die Leiden seiner studierenden Söhne. "Die fuhren immer kilometerweit zu ihren Freunden, um im Internet Daten für die Universität herunterzuladen oder sich ihre Noten anzusehen."

Irgendwann waren sie es leid, nicht nur die Söhne Schulte, sondern die Menschen des Hochsauerlandkreises überhaupt. 62.000 von ihnen kamen nicht ins Netz, also gründeten sie Bürgerinitiativen und wandten sich an die Lokalpresse. Der Unmut sei so groß gewesen, dass die Verwaltung habe handeln müssen, sagt Bernhard Schulte. Mit Blick auf eine Karte zur Breitbandversorgung in der Gegend verfügte der Landrat: "Die weißen Flecken müssen weg!"

Und weil man die großen Anbieter nicht dafür gewinnen konnte, ihre Netze für viel Geld bis in die letzten Winkel des zerklüfteten Sauerlandes auszudehnen, wagten die Beamten etwas, was es in Deutschland noch nicht gegeben hatte.

Sie machten es selbst.

Eine Telekommunikationsgesellschaft wurde gegründet, es gab eine öffentliche Ausschreibung und im August 2008 war die Dorfgemeinschaft Bestwig-Velmede als erste drin. Die große weite Welt schien plötzlich zum Greifen nah.

Flatrate für 35 Euro

Dabei setzen die Internetpioniere auf eine Technik, die deutlich kostengünstiger ist als die Glasfaserleitungen in den Ballungsgebieten. Für drei Millionen Euro ließ man ein DSL-Richtfunknetz bauen, mit dem die Datenströme selbst in das entlegenste Tal gepulst werden können. Voraussetzung allerdings ist, dass in jeder Ortschaft mindestens 20 Bürger Interesse an einem solchen Anschluss bekunden.

Bislang haben sich mehr als 2500 Unternehmen und Haushalte verbinden lassen, theoretisch können 98 Prozent der Hochsauerländer auf diese Weise versorgt werden. Der Kreis, der mit der Infrastruktur durchaus Geld verdienen will, erhält für jeden Kunden eine Gebühr vom Provider. Die Flatrate für Privatpersonen wiederum kostet derzeit knapp 35 Euro im Monat.

Ein Spediteur habe ihm berichtet, so Wirtschaftsförderer Schulte, dass sein Umsatz um 30 Prozent gestiegen sei, seitdem er nicht mehr über sein Modem surfe. Bei den Online-Auktionen, auf denen Fahrten vergeben werden, kam der Unternehmer demnach früher stets zu spät. Bis sich die Seite aufgebaut hatte, war der Auftrag schon an die Konkurrenz vergeben. Damit ist jetzt Schluss.

Rasant sind die Verbindungen im Sauerland dennoch nicht. Die Wimax-Technik erlaubt nur Bandbreiten von sechs Megabit pro Sekunde, in Köln etwa werden zum Vergleich in der Spitze mehr als 100 erreicht. "Da können wir nicht mithalten", sagt Schulte. Jedoch sei es ihnen auch nur um eine Angleichung der Lebensverhältnisse gegangen, nicht um vollständige Gleichheit. "Bei uns ist dafür die Luft besser."

Die Nachbarschaft scheint das Modell aus Meschede zu überzeugen. Mittlerweile haben sich die Landkreise Olpe, Soest und Siegen-Wittgenstein der Telekommunikationsgesellschaft Südwestfalen angeschlossen und wollen die Technik ebenfalls nutzen. Das Konsortium plant, in naher Zukunft auch Glasfaserleitungen zu verlegen. Die Vorarbeiten dazu haben bereits begonnen.

Einzelhändler Schneider jedenfalls, der früher nach Geschäftsschluss noch stundenlang im Büro blieb, etwa um E-Mails zu schreiben, kommt seit einem Jahr wieder pünktlich nach Hause zu seiner Familie. "Sie können sich gar nicht vorstellen", sagt er, "wie groß unsere Erleichterung war. Endlich nehmen wir wieder am modernen Leben teil."

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Seite 1
Waldesmeister 04.02.2012
1.
Zitat von sysopÜber viele Jahre*war das Sauerland*praktisch vom Internet abgeschnitten. Die Bewohner fühlten sich "wie Wilde, die auf Bäumen leben".*Denn für die*Konzerne lohnte sich die Investition nicht. Also bauten sich die*Menschen ihre eigene Breitbandversorgung. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,812563,00.html
Danke, SpOn. Dieser Sarakasmus hat mir gerade den Tag gerettet. :D
macos9 04.02.2012
2. Man sieht, wenn man es selber macht, klappt es
Zitat von sysopÜber viele Jahre*war das Sauerland*praktisch vom Internet abgeschnitten. Die Bewohner fühlten sich "wie Wilde, die auf Bäumen leben".*Denn für die*Konzerne lohnte sich die Investition nicht. Also bauten sich die*Menschen ihre eigene Breitbandversorgung. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,812563,00.html
Die Regierung bekommt ne Menge nicht gebacken. Gekaufte Politiker können halt nichts mehr bringen. Diese Aktion muß Schule machen. Nehmt euer Leben selber in die Hand. :-)
velociraptor 04.02.2012
3. reißerischer Artikel
Zitat von sysopÜber viele Jahre*war das Sauerland*praktisch vom Internet abgeschnitten. Die Bewohner fühlten sich "wie Wilde, die auf Bäumen leben".*Denn für die*Konzerne lohnte sich die Investition nicht. Also bauten sich die*Menschen ihre eigene Breitbandversorgung. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,812563,00.html
Der Artikel ist mal wieder reißerisch geschrieben. Per Modem werden die dort wohl immer schon zumindest grundsätzlich ins Internet gekommen sein, wenn auch spartanisch langsam. Das wird dann später im Artikel ja auch erwähnt. Aber zunächst liest man eben von "wilden auf den Bäumen", die anscheinend bisher überhaupt noch nie ins Internet gekommen seien.
ökos teuer 04.02.2012
4. die FDP war´s
Zitat von sysopÜber viele Jahre*war das Sauerland*praktisch vom Internet abgeschnitten. Die Bewohner fühlten sich "wie Wilde, die auf Bäumen leben".*Denn für die*Konzerne lohnte sich die Investition nicht. Also bauten sich die*Menschen ihre eigene Breitbandversorgung. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,812563,00.html
"Trotzdem hat sich Angela Merkel inzwischen wieder von ihren ehrgeizigen Plänen verabschiedet, eine DSL-Grundversorgungspflicht gesetzlich zu verankern. Der Widerstand der Telekommunikationsbranche war wohl zu groß." Das hat die FDP verhindert. Etwas was man nach der nächsten BT Wahl ganz sicher heilen könnte. The Incredible Herrengedeck - FDP (official video) - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=3DOE8b21NcA&feature=player_embedded) Ich habe ein Downgrade von einem 16000 auf einen 6000 DLS gemacht und stelle nur beim Upload einen Unterschied fest. Kann es sein, dass Gesichtspunkt der Anschlußbreite überschätzt wird.
Medman 04.02.2012
5. FDP ist Schuld...
Zitat von sysopÜber viele Jahre*war das Sauerland*praktisch vom Internet abgeschnitten. Die Bewohner fühlten sich "wie Wilde, die auf Bäumen leben".*Denn für die*Konzerne lohnte sich die Investition nicht. Also bauten sich die*Menschen ihre eigene Breitbandversorgung. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,812563,00.html
Nachweislich war es die FDP die "Internet auf dem Land" den "normalen Wettbewerbsbedingungen" unterworfen sehen wollte.... Was da wohl an Parteispenden von Bitkom und Co geflossen ist, mag man sich gar nicht vorstellen. im Gegenzug schenkte die FDP dafür der CDU die uneingeschränkte Aufbewahrung von abrechnungsfähigen Verbindungsdaten mit der Möglichkeit des erleichterten Zugriffsfür Strafverfolgungsbehörden auf diese Daten.... Merkwürdig wie billig die "einzige liberale" Partei mit den Bürgerrechen umgeht. Zumindest kann man der FDP eines nicht vorwerfen: der Lobbyismus wird nicht versteckt....
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