EU-Rechnungshof Deutsche Breitband-Ziele "wahrscheinlich nicht zu verwirklichen"

Die Einschätzung ist vernichtend: Die Rechnungsprüfer der EU zweifeln daran, dass die deutsche Politik ihr Versprechen vom schnellen Internet für alle halten kann. Die Experten sehen vor allem ein Problem.

Kabeltrommel mit Leitungen für Breitbandkabel
DPA

Kabeltrommel mit Leitungen für Breitbandkabel


Deutschland droht nach Ansicht der EU-Rechnungsprüfer beim Internetausbau in den kommenden Jahren den Anschluss zu verlieren. Das geht aus einem Bericht des Europäischen Rechnungshofs hervor, der am Dienstag in Brüssel vorgestellt wurde.

Das EU-weite Ziel, bis 2025 flächendeckend Geschwindigkeiten von bis zu einem Gigabit pro Sekunde zu ermöglichen, sei in Deutschland mit den aktuell genutzten Technologien "wahrscheinlich nicht zu verwirklichen", heißt es.

Schuld sei die sogenannte Vectoring-Technologie. Damit werden auch über die alten Telefonleitungen aus Kupfer mittlerweile Geschwindigkeiten bis 50 bis 100 Mbit pro Sekunde erreicht - deutlich kostengünstiger als mit neu verlegter Glasfaser, aber mit wenig Luft nach oben.

Telekom setzt auf Vectoring - entgegen allen Bedenken

Kritiker sagen daher, dass durch Vectoring die langfristig zukunftsträchtige Glasfaser-Technologie aktuell eher verhindert werde, während die durchs Vectoring erzielbaren Geschwindigkeiten bald nicht mehr ausreichten. In Deutschland ist es vorrangig die Telekom, die auf das umstrittene Vectoring setzt.

Streit ums Vectoring
1. Was ist Vectoring?
Das sogenannte VDSL2-Vectoring ist eine Technologie, die es erlaubt, den Datendurchsatz von Kupferleitungen zu erhöhen. Man kann also ein höheres Datentempo erreichen, ohne die bestehenden Kabel beispielsweise durch Glasfaser zu ersetzen. In der Regel sollen durch Vectoring Geschwindigkeiten von mindestens 50 Megabit und bis zu 100 Megabit pro Sekunde möglich sein.
"Vectoring ermöglicht durch den Ausgleich von elektromagnetischen Störungen zwischen den Leitungen eine Verdoppelung der Bandbreite", erklärt die Telekom. Das Unternehmen ist der in Deutschland mächtigste Befürworter der Technologie.
2. Was spricht fürs Vectoring?
Fürs Vectoring spricht, dass man dabei im Grunde bestehende Infrastruktur upgradet: Mehr aus den bestehenden Kabeln herauszuholen, ist einfacher und weniger aufwendig, als neue Kabel zu verlegen. Langfristig will die Telekom per "Super Vectoring" auch höhere Vectoring-Geschwindigkeiten als bislang anbieten können.
Die Telekom rechtfertigt ihre Vectoring-Vorstöße unter anderem damit, dass ein flächendeckender FTTH-Ausbau, wie er oft gefordert wird, schwer zu finanzieren sei. FTTH steht für "Fibre to the Home", also für Glasfaserkabel, die bis direkt in die Wohnung des Kunden führen.
3. Was wird am Vectoring kritisiert?
Kritiker glauben, dass die Vectoring-Technologie nicht wirklich zukunftsträchtig sei und dass ihr Einsatz den Glasfaser-Ausbau verzögere. Mit Glasfaser-Anschlüssen wären langfristig gedacht sehr viel höhere Datendurchsatzraten möglich als beim Vectoring. Gleichzeitig gibt es aber auch viele Bereiche Deutschlands, in denen es bislang gar kein schnelles Internet gibt.
Ein großer Streitpunkt ist, dass Vectoring an den Hauptverteilern prinzipiell nur von einem Anbieter durchgeführt werden kann. Das heißt: Bietet beispielsweise die Telekom an bestimmten Verteilern Vectoring, können andere Betreiber dort keine eigene Technik installieren. Konkurrenten fürchten daher einen massiven Wettbewerbsvorteil für die Telekom.

Bislang liegt Deutschland beim Breitband-Ausbau im EU-Mittelfeld. 84 Prozent der deutschen Haushalte hatten 2017 immerhin einen Internetzugang mit einer Geschwindigkeit von über 30 Mbit pro Sekunde, darunter etwa jeder zweite Haushalt auf dem Land. In anderen EU-Ländern sieht es aber besser aus, dort haben viele Bürger laut dem EU-Bericht längst Zugang zu schnelleren Internetanschlüssen.

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gru/dpa

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