Von Ole Reißmann
Natürlich passieren im Netz ganz ungehörige Dinge unter falschen Namen. Für sein erstes Buch hat der US-Autor Cole Stryker sich ausführlich damit beschäftigt, was im Schutze der Anonymität alles angestellt wird. Darunter sind hässliche Dinge, manche davon illegal - und nicht immer gelingt es Strafverfolgern, in so einem Fall die Person hinter einem Netznamen aufzuspüren.
In "Epic Win for Anonymous" hat Stryker die Anfänge der Web-Guerilla Anonymous beschrieben, sich mit den Abgründen des Webforums 4chan und der dort beheimateten Trollkultur befasst. Nun, genau ein Jahr später, ist die Fortsetzung erschienen: In "Hacking the Future" schreibt er die Anonymous-Geschichte fort und erzählt außerdem vom "Nym War", dem erbitterten Streit um Pseudonyme und anonyme Internetnutzung.
Firmen wie Facebook oder Google wollen, dass sich ihre Nutzer mit ihrem bürgerlichen Namen in ihren Netzen bewegen - schließlich lässt sich so besser Geld verdienen. Und überhaupt, wer sich mehrere Identitäten zulegt, der ist doch wohl eher keine integre Person, so formulierte Facebook-Chef Mark Zuckerberg das einmal sinngemäß. Gegen den Zwang zu Klarnamen zogen Wissenschaftler und Aktivisten ins Feld. Schließlich füllen Menschen verschiedene Rollen aus, auch ohne das Internet, schreibt auch Stryker: Vater, Kollege, Ehemann, Freund, Kunde und so weiter. Und nicht jedem, dem man begegnet, möchte man sich namentlich vorstellen, das ist auch im Offline-Leben so.
Auch Cole Stryker hält die anonyme Internetnutzung aus vielen Gründen für notwendig. In "Hacking the Future" gibt er nicht nur praktische Tipps, wie man sich unerkannt im Netz bewegen kann, sondern zeigt, warum es auch in einer Demokratie möglich sein muss, sich ohne die Nennung des bürgerlichen Namens an Debatten zu beteiligen - und warum dies eine zentrale Frage ist, an der sich entscheidet, wie das Internet künftig funktioniert.
Schattenseiten werden nicht ausgeblendet
Dabei blendet er die Schattenseiten nicht aus, verschweigt nicht, dass etwa die weitgehend anonyme Internetwährung Bitcoin wohl zum großen Teil für illegale Geschäfte genutzt wird. Trotzdem müssen wir uns Anonymität im Web leisten, fordert Stryker. Im Gegensatz zu Julian Assange, der in seiner buchgewordenen Plauderrunde "Cypherpunks" das Ende jeglicher Freiheit heraufbeschwört, hält sich Stryker, ganz Journalist, an Fakten und Argumente.
So wie Assange und seine Mitstreiter greift auch Stryker die in den achtziger Jahren entstandene Cypherpunk-Bewegung auf: Gegen die Überwachung unserer Kommunikation durch Behörden und Unternehmen, so Stryker, hilft nur die Nutzung von Verschlüsselungstechnik.
Gleichzeitig warnt der Anonymous-Chronist, dass völlige Anonymität tatsächlich nur sehr, sehr schwer zu erreichen ist - und ein winziger Fehler alle aufwendingen Vorkehrungen binnen Sekunden zunichtemachen kann. Strafverfolger, schreibt er mit Blick auf Ermittlungen gegen Netzaktivisten, würden aber meist abwägen: Wie aufwendig ist das Aufspüren einer Person? Bei kleineren Vergehen könne das dazu führen, dass ein Anonymous-Aktivist mit einer Straftat davonkommt. Solange wir nicht in einem Überwachungsstaat leben wollen, ist das der Preis dafür.
Warum lesen? Weil Cole Stryker sich hervorragend auskennt und trotzdem kein Buch für Insider geschrieben hat. Weil der Kampf um Pseudonyme und Anonymität gerade erst angefangen hat. Erst kürzlich setzte der unabhängige Datenschützer von Schleswig-Holstein Facebook ein Ultimatum mit der Forderung, Pseudonyme zuzulassen. Der Konzern gibt sich unbeeindruckt und stellt die Zuständigkeit des Datenschützers in Frage.
Zweite Meinung: "Eine der derzeit am besten informierten Internetbetrachtungen", schreibt "Kirkus Reviews".
Zuletzt in den Bookmarks auf SPIEGEL ONLINE: "Kabelsalat" von Andrew Blum, "Cypherpunks" von Julian Assange, Kevin Mitnicks "Das Phantom im Netz" und "LG ;-)" von Nina Pauer.
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